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С. Шаховским - но тут Шаховского посадили (без возврата), а чаадаевские рукописи и по сегодня тайно хранятся в Пушкинском Доме - не разрешают их печатать из-за...
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Siddhartha eine indische Dichtung
ERSTER TEIL
Romain Rolland dem verehrten Freunde gewidmet
DER SOHN DES BRAHMANEN
Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flu?ufers Booten, im Schatten
des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf, der
schone Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit seinem Freunde, dem
Brahmanensohn. Sonne braunte seine lichten Schultern am Flu?ufer,
beim Bade, bei den heiligen Waschungen, bei den heiligen Opfern.
Schatten flo? in seine schwarzen Augen im Mangohain, bei den
Knabenspielen, beim Gesang der Mutter, bei den heiligen Opfern, bei
den Lehren seines Vaters, des Gelehrten, beim Gesprach der Weisen.
Lange schon nahm Siddhartha am Gesprach der Weisen teil, ubte sich mit
Govinda im Redekampf, ubte sich mit Govinda in der Kunst der
Betrachtung, im Dienst der Versenkung. Schon verstand er, lautlos das
Om zu sprechen, das Wort der Worte, es lautlos in sich hinein zu
sprechen mit dem Einhauch, es lautlos aus sich heraus zu sprechen mit
dem Aushauch, mit gesammelter Seele, die Stirn umgeben—vom Glanz des
klardenkenden Geistes. Schon verstand er, im Innern seines Wesens
Atman zu wissen, unzerstorbar, eins mit dem Weltall.
Freude sprang in seines Vaters Herzen uber den Sohn, den Gelehrigen,
den Wissensdurstigen, einen gro?en Weisen und Priester sah er in ihm
heranwachsen, einen Fursten unter den Brahmanen.
Wonne sprang in seiner Mutter Brust, wenn sie ihn sah, wenn sie ihn
schreiten, wenn sie ihn niedersitzen und aufstehen sah, Siddhartha,
den Starken, den Schonen, den auf schlanken Beinen Schreitenden, den
mit vollkommenem Anstand sie Begru?enden.
Liebe ruhrte sich in den Herzen der jungen Brahmanentochter, wenn
Siddhartha durch die Gassen der Stadt ging, mit der leuchtenden Stirn,
mit dem Konigsauge, mit den schmalen Huften.
Mehr als sie alle aber liebte ihn Govinda, sein Freund, der
Brahmanensohn. Er liebte Siddharthas Auge und holde Stimme, er liebte
seinen Gang und den vollkommenen Anstand seiner Bewegungen, er liebte
alles, was Siddhartha tat und sagte, und am meisten liebte er, seinen
Geist, seine hohen, feurigen Gedanken, seinen gluhenden Willen, seine
hohe Berufung. Govinda wu?te: dieser wird kein gemeiner Brahmane
werden, kein fauler Opferbeamter, kein habgieriger Handler mit
Zauberspruchen, kein eitler, leerer Redner, kein boser, hinterlistiger
Priester, und auch kein gutes, dummes Schaf in der Herde der Vielen.
Nein, und auch er, Govinda, wollte kein solcher werden, kein Brahmane,
wie es zehntausend gibt. Er wollte Siddhartha folgen, dem Geliebten,
dem Herrlichen. Und wenn Siddhartha einstmals ein Gott wurde, wenn er
einstmals eingehen wurde zu den Strahlenden, dann wollte Govinda ihm
folgen, als sein Freund, als sein Begleiter, als sein Diener, als sein
Speertrager, sein Schatten.
So liebten den Siddhartha alle. Allen schuf er Freude, allen war er
zur Lust.
Er aber, Siddhartha, schuf sich nicht Freude, er war sich nicht zur
Lust. Wandelnd auf den rosigen Wegen des Feigengartens, sitzend im
blaulichen Schatten des Hains der Betrachtung, waschend seine Glieder
im taglichen Suhnebad, opfernd im tiefschattigen Mangowald, von
vollkommenem Anstand der Gebarden, von allen geliebt, aller Freude,
trug er doch keine Freude im Herzen. Traume kamen ihm und rastlose
Gedanken aus dem Wasser des Flusses geflossen, aus den Sternen der
Nacht gefunkelt, aus den Strahlen der Sonne geschmolzen, Traume kamen
ihm und Ruhelosigkeit der Seele, aus den Opfern geraucht, aus den
Versen der Rig-Veda gehaucht, aus den Lehren der alten Brahmanen
getraufelt.
Siddhartha hatte begonnen, Unzufriedenheit in sich zu nahren, Er hatte
begonnen zu fuhlen, da? die Liebe seines Vaters, und die Liebe seiner
Mutter, und auch die Liebe seines Freundes, Govindas, nicht immer und
fur alle Zeit ihn beglucken, ihn stillen, ihn sattigen, ihm genugen
werde. Er hatte begonnen zu ahnen, da? sein ehrwurdiger Vater und
seine anderen Lehrer, da? die weisen Brahmanen ihm von ihrer Weisheit
das meiste und beste schon mitgeteilt, da? sie ihre Fulle schon in
sein wartendes Gefa? gegossen hatten, und das Gefa? war nicht voll,
der Geist war nicht begnugt, die Seele war nicht ruhig, das Herz nicht
gestillt. Die Waschungen waren gut, aber sie waren Wasser, sie
wuschen nicht Sunde ab, sie heilten nicht Geistesdurst, sie losten
nicht Herzensangst. Vortrefflich waren die Opfer und die Anrufung
der Gotter aber war dies alles? Gaben die Opfer Gluck? Und wie war
das mit den Gottern? War es wirklich Prajapati, der die Welt
erschaffen hat? War es nicht der Atman, Er, der Einzige, der Alleine?
Waren nicht die Gotter Gestaltungen, erschaffen wie ich und du, der
Zeit untertan, verganglich? War es also gut, war es richtig, war es
ein sinnvolles und hochstes Tun, den Gottern zu opfern? Wem anders
war zu opfern, wem anders war Verehrung darzubringen als Ihm, dem
Einzigen, dem Atman? Und wo war Atman zu finden, wo wohnte Er, wo
schlug Sein ewiges Herz, wo anders als im eigenen Ich, im Innersten,
im Unzerstorbaren, das ein jeder in sich trug? Aber wo, wo war dies
Ich, dies Innerste, dies Letzte? Es war nicht Fleisch und Bein, es
war nicht Denken noch Bewu?tsein, so lehrten die Weisesten. Wo, wo
also war es? Dorthin zu dringen, zum Ich, ZU mir, zum Atman, gab es
einen andern Weg, den zu suchen sich lohnte? Ach, und niemand zeigte
diesen Weg, niemand wu?te ihn, nicht der Vater, nicht die Lehrer und
Weisen, nicht die heiligen Opfergesange! Alles wu?ten sie, die
Brahmanen und ihre heiligen Bucher, alles wu?ten sie, um alles hatten
sie sich gekummert und um mehr als alles, die Erschaffung der Welt,
das Entstehen der Rede, der Speise, des Einatmens, des Ausatmens, die
Ordnungen der Sinne, die Taten der Gotter unendlich vieles wu?ten
sie—aber war es wertvoll, dies alles zu wissen, wenn man das Eine und
Einzige nicht wu?te, das Wichtigste, das allein Wichtige?
Gewi?, viele Verse der heiligen Bucher, zumal in den Upanishaden des
Samaveda, sprachen von diesem Innersten und Letzten, herrliche Verse.
"Deine Seele ist die ganze Welt", stand da geschrieben, und
geschrieben stand, da? der Mensch im Schlafe, im Tiefschlaf, zu seinem
Innersten eingehe und im Atman wohne. Wunderbare Weisheit stand in
diesen Versen, alles Wissen der Weisesten stand hier in magischen
Worten gesammelt, rein wie von Bienen gesammelter Honig. Nein, nicht
gering zu achten war das Ungeheure an Erkenntnis, das hier von
unzahlbaren Geschlechterfolgen weiser Brahmanen gesammelt und bewahrt
lag.—Aber wo waren die Brahmanen, wo die Priester, wo die Weisen oder
Bu?er, denen es gelungen war, dieses tiefste Wissen nicht blo? zu
wissen, sondern zu leben? Wo war der Kundige, der das Daheimsein im
Atman aus dem Schlafe heruberzauberte ins Wachsein, in das Leben, in
Schritt und Tritt, in Wort und Tat? Viele ehrwurdige Brahmanen kannte
Siddhartha, seinen Vater vor allen, den Reinen, den Gelehrten, den
hochst Ehrwurdigen. Zu bewundern war sein Vater, still und edel war
sein Gehaben, rein sein Leben, weise sein Wort, feine und adlige
Gedanken wohnten in seiner Stirn—aber auch er, der so viel Wissende,
lebte er denn in Seligkeit, hatte er Frieden, war er nicht auch nur
ein Suchender, ein Durstender? Mu?te er nicht immer und immer wieder
an heiligen Quellen, ein Durstender, trinken, am Opfer, an den Buchern,
an der Wechselrede der Brahmanen? Warum mu?te er, der Untadelige,
jeden Tag Sunde abwaschen, jeden Tag sich um Reinigung muhen, jeden
Tag von neuem? War denn nicht Atman in ihm, flo? denn nicht in seinem
eigenen Herzen der Urquell? Ihn mu?te man finden, den Urquell im
eigenen Ich, ihn mu?te man zu eigen haben! Alles andre war Suchen,
war Umweg, war Verirrung.
So waren Siddharthas Gedanken, dies war sein Durst, dies sein Leiden.
Oft sprach er aus einem Chandogya-Upanishad sich die Worte vor:
"Furwahr, der Name des Brahman ist satyam—wahrlich, wer solches wei?,
der geht taglich ein in die himmlische Welt." Oft schien sie nahe,
die himmlische Welt, aber niemals hatte er sie ganz erreicht, nie den
letzten Durst geloscht. Und von allen Weisen und Weisesten die er
kannte und deren Belehrung er geno?, von ihnen allen war keiner, der
sie ganz erreicht hatte, die himmlische Welt, der ihn ganz geloscht
hatte, den,ewigen Durst.
"Govinda," sprach Siddhartha zu seinem Freunde, "Govinda, Lieber, komm
mit mir unter den Banyanenbaum, wir wollen der Versenkung pflegen."
Sie gingen zum Banyanenbaum, sie setzten sich nieder, hier Siddhartha,
zwanzig Schritte weiter Govinda. Indem er sich niedersetzte, bereit,
das Om zu sprechen, wiederholte Siddhartha murmelnd den Vers:
Om ist Bogen, der Pfeil ist Seele,
Das Brahman ist des Pfeiles Ziel,
Das soll man unentwegt treffen.
Als die gewohnte Zeit der Versenkungsubung hingegangen war, erhob sich
Govinda. Der Abend war gekommen, Zeit war es, die Waschung der
Abendstunde vorzunehmen. Er rief Siddharthas Namen. Siddhartha gab
nicht Antwort. Siddhartha sa? versunken, seine Augen standen starr
auf ein sehr fernes Ziel gerichtet, seine Zungenspitze stand ein wenig
zwischen den Zahnen hervor, er schien nicht zu atmen. So sa? er, in
Versenkung gehullt, Om denkend, seine Seele als Pfeil nach dem Brahman
ausgesandt.
Einst waren Samanas durch Siddharthas Stadt gezogen, pilgernde Asketen,
drei durre, erloschene Manner, nicht alt noch jung, mit staubigen und
blutigen Schultern, nahezu nackt von der Sonne versengt, von
Einsamkeit umgeben, fremd und feind der Welt, Fremdlinge und hagere
Schakale im Reich der Menschen. Hinter ihnen her wehte hei? ein Duft
von stiller Leidenschaft, von zerstorendem Dienst, von mitleidloser
Entselbstung.
Am Abend, nach der Stunde der Betrachtung, sprach Siddhartha zu
Govinda: "Morgen in der Fruhe, mein Freund, wird Siddhartha zu den
Samanas gehen. Er wird ein Samana werden."
Govinda erbleichte, da er die Worte horte und im unbewegten Gesicht
seines Freundes den Entschlu? los, unablenkbar wie der vom Bogen
losgeschnellte Pfeil. Alsbald und beim ersten Blick erkannte Govinda:
Nun beginnt es, nun geht Siddhartha seinen Weg, nun beginnt sein
Schicksal zu sprossen, und mit seinem das meine. Und er wurde bleich
wie eine trockene Bananenschale.
"O Siddhartha," rief er, "wird das dein Vater dir erlauben?"
Siddhartha blickte heruber wie ein Erwachender. Pfeilschnell las er
in Govindas Seele, las die Angst, las die Ergebung.
"O Govinda," sprach er leise, "wir wollen nicht Worte verschwenden.
Morgen mit Tagesanbruch werde ich das Leben der Samanas beginnen.
Rede nicht mehr davon."
Siddhartha trat in die Kammer, wo sein Vater auf einer Matte aus Bast
sa?, und trat hinter seinen Vater und blieb da stehen, bis sein Vater
fuhlte, da? einer hinter ihm stehe. Sprach der Brahmane: "Bist du es,
Siddhartha? So sage, was zu sagen du gekommen bist."
Sprach Siddhartha: "Mit deiner Erlaubnis, mein Vater. Ich bin
gekommen, dir zu sagen, da? mich verlangt, morgen dein Haus zu
verlassen und zu den Asketen zu gehen. Ein Samana zu werden ist mein
Verlangen. Moge mein Vater dem nicht entgegen sein."
Der Brahmane schwieg, und schwieg so lange, da? im kleinen Fenster die
Sterne wanderten und ihre Figur veranderten, ehe das Schweigen in der
Kammer ein Ende fand. Stumm und regungslos stand mit gekreuzten Armen
der Sohn, stumm und regungslos sa? auf der Matte der Vater, und die
Sterne zogen am Himmel. Da sprach der Vater: "Nicht ziemt es dem
Brahmanen, heftige und zornige Worte zu reden. Aber Unwille bewegt
mein Herz. Nicht mochte ich diese Bitte zum zweiten Male aus deinem
Munde horen."
Langsam erhob sich der Brahmane, Siddhartha stand stumm mit gekreuzten
Armen.
"Worauf wartest du?" fragte der Vater.
Sprach Siddhartha: "Du wei?t es."
Unwillig ging der Vater aus der Kammer, unwillig suchte er sein Lager
auf und legte sich nieder.
Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der
Brahmane auf, tat Schritte hin und her, trat aus dem Hause. Durch das
kleine Fenster der Kammer blickte er hinein, da sah er Siddhartha
stehen, mit gekreuzten Armen, unverruckt. Bleich schimmerte sein
helles Obergewand. Unruhe im Herzen, kehrte der Vater zu seinem Lager
zuruck.
Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der
Brahmane von neuem auf, tat Schritte hin und her, trat vor das Haus,
sah den Mond aufgegangen. Durch das Fenster der Kammer blickte er
hinein, da stand Siddhartha, unverruckt, mit gekreuzten Armen, an
seinen blo?en Schienbeinen spiegelte das Mondlicht. Besorgnis im
Herzen, suchte der Vater sein Lager auf.
Und er kam wieder nach einer Stunde, und kam wieder nach zweien
Stunden, blickte durchs kleine Fenster, sah Siddhartha stehen, im Mond,
im Sternenschein, in der Finsternis. Und kam wieder von Stunde zu
Stunde, schweigend, blickte in die Kammer, sah den unverruckt
Stehenden, fullte sein Herz mit Zorn, fullte sein Herz mit Unruhe,
fullte sein Herz mit Zagen, fullte es mit Leid.
Und in der letzten Nachtstunde, ehe der Tag begann, kehrte er wieder,
trat in die Kammer, sah den Jungling stehen, der ihm gro? und wie
fremd erschien.
"Siddhartha," sprach er, "worauf wartest du?"
"Du wei?t es."
"Wirst du immer so stehen und warten, bis es Tag wird, Mittag wird,
Abend wird?"
"Ich werde stehen und warten."
"Du wirst mude werden, Siddhartha."
"Ich werde mude werden."
"Du wirst einschlafen, Siddhartha."
"Ich werde nicht einschlafen."
"Du wirst sterben, Siddhartha."
"Ich werde sterben."
"Und willst lieber sterben, als deinem Vater gehorchen?"
"Siddhartha hat immer seinem Vater gehorcht."
"So willst du dein Vorhaben aufgeben?"
"Siddhartha wird tun, was sein Vater ihm sagen wird."
Der erste Schein des Tages fiel in die Kammer. Der Brahmane sah, da?
Siddhartha in den Knien leise zitterte. In Siddharthas Gesicht sah er
kein Zittern, fernhin blickten die Augen. Da erkannte der Vater, da?
Siddhartha schon jetzt nicht mehr bei ihm und in der Heimat weile, da?
er ihn schon jetzt verlassen habe.
Der Vater beruhrte Siddharthas Schulter.
"Du wirst," sprach er, "in den Wald gehen und ein Samana sein. Hast
du Seligkeit gefunden im Walde, so komm und lehre mich Seligkeit.
Findest du Enttauschung, dann kehre wieder und la? uns wieder
gemeinsam den Gottern opfern. Nun gehe und kusse deine Mutter, sage
ihr, wohin du gehst. Fur mich aber ist es Zeit, an den Flu? zu gehen
und die erste Waschung vorzunehmen."
Er nahm die Hand von der Schulter seines Sohnes und ging hinaus.
Siddhartha schwankte zur Seite, als er zu gehen versuchte. Er bezwang
seine Glieder, verneigte sich vor seinem Vater und ging zur Mutter, um
zu tun, wie der Vater gesagt hatte.
Als er im ersten Tageslicht langsam auf erstarrten Beinen die noch
stille Stadt verlie?, erhob sich bei der letzten Hutte ein Schatten,
der dort gekauert war, und schlo? sich an den Pilgernden an—Govinda.
"Du bist gekommen", sagte Siddhartha und lachelte.
"Ich bin gekommen," sagte Govinda.
BEI DEN SAMANAS
Am Abend dieses Tages holten sie die Asketen ein, die durren Samanas,
und boten ihnen Begleitschaft und—Gehorsam an. Sie wurden angenommen.
Siddhartha schenkte sein Gewand einem armen Brahmanen auf der Stra?e.
Er trug nur noch die Schambinde und den erdfarbenen ungenahten
Uberwurf. Er a? nur einmal am Tage, und niemals Gekochtes. Er
fastete funfzehn Tage. Er fastete acht und zwanzig Tage. Das Fleisch
schwand ihm von Schenkeln und Wangen. Hei?e Traume flackerten aus
seinen vergro?erten Augen, an seinen dorrenden Fingern wuchsen lang
die Nagel und am Kinn der trockne, struppige Bart. Eisig wurde sein
Blick, wenn er Weibern begegnete; sein Mund zuckte Verachtung, wenn er
durch eine Stadt mit schon gekleideten Menschen ging. Er sah Handler
handeln, Fursten zur Jagd gehen, Leidtragende ihre Toten beweinen,
Huren sich anbieten, Arzte sich um Kranke muhen, Priester den Tag fur
die Aussaat bestimmen, Liebende lieben, Mutter ihre Kinder
stillen—und alles war nicht den Blick seines Auges wert, alles log,
alles stank, alles stank nach Luge, alles tauschte Sinn und Gluck und
Schonheit vor, und alles war uneingestandene Verwesung. Bitter
schmeckte die Welt. Qual war das Leben.
Ein Ziel stand vor Siddhartha, ein einziges: leer werden, leer von
Durst, leer von Wunsch, leer von Traum, leer von Freude und Leid. Von
sich selbst wegsterben, nicht mehr Ich sein, entleerten Herzens Ruhe
zu finden, im entselbsteten Denken dem Wunder offen zu stehen, das war
sein Ziel. Wenn alles Ich uberwunden und gestorben war, wenn jede
Sucht und jeder Trieb im Herzen schwieg, dann mu?te das Letzte
erwachen, das Innerste im Wesen, das nicht mehr Ich ist, das gro?e
Geheimnis.
Schweigend stand Siddhartha im senkrechten Sonnenbrand, gluhend vor
Schmerz, gluhend vor Durst, und stand, bis er nicht Schmerz noch Durst
mehr fuhlte. Schweigend stand er in der Regenzeit, aus seinem Haare
troff das Wasser uber frierende Schultern, uber frierende Huften und
Beine, und der Bu?er stand, bis Schultern und Beine nicht mehr froren,
bis sie schwiegen, bis sie still waren. Schweigend kauerte er im
Dorngerank, aus der brennenden Haut tropfte das Blut, aus Schwaren der
Eiter, und Siddhartha verweilte starr, verweilte regungslos, bis kein
Blut mehr flo?, bis nichts mehr stach, bis nichts mehr brannte.
Siddhartha sa? aufrecht und lernte den Atem sparen, lernte mit wenig
Atem auskommen, lernte den Atem abzustellen. Er lernte, mit dem Atem
beginnend, seinen Herzschlag beruhigen, lernte die Schlage seines
Herzens vermindern, bis es wenige und fast keine mehr waren.
Vom Altesten der Samanas belehrt, ubte Siddhartha Entselbstung, ubte
Versenkung, nach neuen Samanaregeln. Ein Reiher flog uberm
Bambuswald—und Siddhartha nahm den Reiher in seine Seele auf, flog
uber Wald und Gebirg, war Reiher, fra? Fische, hungerte Reiherhunger,
sprach Reihergekrachz, starb Reihertod. Ein toter Schakal lag am
Sandufer, und Siddharthas Seele schlupfte in den Leichnam hinein, war
toter Schakal, lag am Strande, blahte sich, stank, verweste, ward von
Hyanen zerstuckt, ward von Geiern enthautet, ward Gerippe, ward Staub,
wehte ins Gefild. Und Siddharthas Seele kehrte zuruck, war gestorben,
war verwest, war zerstaubt, hatte den truben Rausch des Kreislaufs
geschmeckt, harrte in neuem Durst wie ein Jager auf die Lucke, wo dem
Kreislauf zu entrinnen ware, wo das Ende der Ursachen, wo leidlose
Ewigkeit beganne. Er totete seine Sinne, er totete seine Erinnerung,
er schlupfte aus seinem Ich in tausend fremde Gestaltungen, war Tier,
war Aas, war Stein, war Holz, war Wasser, und fand sich jedesmal
erwachend wieder, Sonne schien oder Mond, war wieder Ich, schwang im
Kreislauf, fuhlte Durst, uberwand den Durst, fuhlte neuen Durst.
Vieles lernte Siddhartha bei den Samanas, viele Wege vom Ich hinweg
lernte er gehen. Er ging den Weg der Entselbstung durch den Schmerz,
durch das freiwillige Erleiden und Uberwinden des Schmerzes, des
Hungers, des Dursts, der Mudigkeit. Er ging den Weg der Entselbstung
durch Meditation, durch das Leerdenken des Sinnes von allen
Vorstellungen. Diese und andere Wege lernte er gehen, tausendmal
verlie? er sein Ich, stundenlang und tagelang verharrte er im
Nicht-Ich. Aber ob auch die Wege vom Ich hinwegfuhrten, ihr Ende
fuhrte doch immer zum Ich zuruck. Ob Siddhartha tausendmal dem Ich
entfloh, im Nichts verweilte, im Tier, im Stein verweilte,
unvermeidlich war die Ruckkehr, unentrinnbar die Stunde, da er sich
wiederfand, im Sonnenschein oder im Mondschein, im Schatten oder im
Regen, und wieder Ich und Siddhartha war, und wieder die Qual des auf
erlegten Kreislaufes empfand.
Neben ihm lebte Govinda, sein Schatten, ging dieselben Wege, unterzog
sich denselben Bemuhungen. Selten sprachen sie anderes miteinander,
als der Dienst und die Ubungen erforderten. Zuweilen gingen sie zu
zweien durch die Dorfer, um Nahrung fur sich und ihre Lehrer zu
betteln.
"Wie denkst du, Govinda," sprach einst auf diesem Bettelgang
Siddhartha, "wie denkst du, sind wir weiter gekommen? Haben wir Ziele
erreicht?"
Antwortete Govinda: "Wir haben gelernt, und wir lernen weiter. Du
wirst ein gro?er Samana sein, Siddhartha. Schnell hast du jede Ubung
gelernt, oft haben die alten Samanas dich bewundert. Du wirst einst
ein Heiliger sein, o Siddhartha."
Sprach Siddhartha: "Mir will es nicht so erscheinen, mein Freund. Was
ich bis zu diesem Tage bei den Samanas gelernt habe, das, o Govinda,
hatte ich schneller und einfacher lernen konnen. In jeder Kneipe
eines Hurenviertels, mein Freund, unter den Fuhrleuten und
Wurfelspielern hatte ich es lernen konnen."
Sprach Govinda: "Siddhartha macht sich einen Scherz mit mir. Wie
hattest du Versenkung, wie hattest du Anhalten des Atems, wie hattest
du Unempfindsamkeit gegen Hunger und Schmerz dort bei jenen Elenden
lernen sollen?"
Und Siddhartha sagte leise, als sprache er zu sich selber: "Was ist
Versenkung? Was ist Verlassen des Korpers? Was ist Fasten? Was ist
Anhaltendes Atems? Es ist Flucht vor dem Ich, es ist ein kurzes
Entrinnen aus der Qual des Ichseins, es ist eine kurze Betaubung gegen
den Schmerz und die Unsinnigkeit des Lebens. Dieselbe Flucht,
dieselbe kurze Betaubung findet der Ochsentreiber in der Herberge,
wenn er einige Schalen Reiswein trinkt oder gegorene Kokosmilch. Dann
fuhlt er sein Selbst nicht mehr, dann fuhlt er die Schmerzen des
Lebens nicht mehr, dann findet er kurze Betaubung. Er findet, uber
seiner Schale mit Reiswein eingeschlummert, dasselbe, was Siddhartha
und Govinda finden, wenn sie in langen Ubungen aus ihrem Korper
entweichen, im Nicht-Ich verweilen. So ist es, o Govinda."
Sprach Govinda: "So sagst du, o Freund, und wei?t doch, da? Siddhartha
kein Ochsentreiber ist und ein Samana kein Trunkenbold. Wohl findet
der Trinker Betaubung, wohl findet er kurze Flucht und Rast, aber er
kehrt zuruck aus dem Wahn und, findet alles beim alten, ist nicht
weiser geworden, hat nicht Erkenntnis gesammelt, ist nicht um Stufen
hoher gestiegen."
Und Siddhartha sprach mit Lacheln: "Ich wei? es nicht, ich bin nie ein
Trinker gewesen. Aber da? ich, Siddhartha, in meinen Ubungen und
Versenkungen nur kurze Betaubung finde und ebenso weit von der
Weisheit, von der Erlosung entfernt bin wie als Kind im Mutterleibe,
das wei? ich, o Govinda, das wei? ich."
Und wieder ein anderes Mal, da Siddhartha mit Govinda den Wald verlie?,
um im Dorfe etwas Nahrung fur ihre Bruder und Lehrer zu betteln,
begann Siddhartha zu sprechen—und sagte: "Wie nun, o Govinda, sind
wir wohl auf dem rechten Wege? Nahern wir uns wohl der Erkenntnis?
Nahern wir uns wohl der Erlosung? Oder eben wir nicht vielleicht im
Kreise—wir, die wir doch dem Kreislauf zu entrinnen dachten?"
Sprach Govinda: "Viel haben wir gelernt, Siddhartha, viel bleibt noch
zu lernen. Wir gehen nicht im Kreise, wir gehen nach oben, der Kreis
ist eine Spirale, manche Stufe sind wir schon gestiegen."
Antwortete Siddhartha: "Wie alt wohl, meinst du, ist unser altester
Samana, unser ehrwurdiger Lehrer?"
Sprach Govinda: "Vielleicht sechzig Jahre mag unser Altester zahlen."
Und Siddhartha: "Sechzig Jahre ist er alt geworden und hat Nirwana
nicht erreicht. Er wird siebzig werden und achtzig, und du und ich,
wir werden ebenso alt werden und werden uns uben, und werden fasten,
und werden meditieren. Aber Nirwana werden wir nicht erreichen, er
nicht, wir nicht. O Govinda, ich glaube, von allen Samanas, die es
gibt, wird vielleicht nicht einer, nicht einer Nirwana erreichen. Wir
finden Trostungen, wir finden Betaubungen, wir lernen
Kunstfertigkeiten, mit denen wir uns tauschen. Das Wesentliche aber,
den Weg der Wege finden wir nicht."
"Mogest du doch," sprach Govinda, "nicht so erschreckende Worte
aussprechen, Siddhartha! Wie sollte denn unter so vielen gelehrten
Mannern, unter so viel Brahmanen, unter so vielen strengen und
ehrwurdigen Samanas, unter so viel suchenden, so viel innig
beflissenen, so viel heiligen Mannern keiner den Weg der Wege finden?"
Siddhartha aber sagte mit einer Stimme, welche so viel Trauer wie
Spott enthielt, mit einer leisen, einer etwas traurigen, einer etwas
spottischen Stimme: "Bald, Govinda, wird dein Freund diesen Pfad der
Samanas verlassen, den er so lang mit dir gegangen ist. Ich leide
Durst, o Govinda, und auf diesem langen Samanawege ist mein Durst um
nichts kleiner geworden. Immer habe ich nach Erkenntnis gedurstet,
immer bin ich voll von Fragen gewesen. Ich habe die Brahmanen befragt,
Jahr um Jahr, und habe die heiligen Vedas befragt, Jahr um Jahr, und
habe die frommen Samanas befragt, Jahr um Jahr. Vielleicht, o Govinda,
ware es ebenso gut, ware es ebenso klug und ebenso heilsam gewesen,
wenn ich den Nashornvogel oder den Schimpansen befragt hatte. Lange
Zeit habe ich gebraucht und bin noch nicht damit zu Ende, um dies zu
lernen, o Govinda: da? man nichts lernen kann! Es gibt, so glaube ich,
in der Tat jenes Ding nicht, das wir 'Lernen' nennen. Es gibt, o mein
Freund, nur ein Wissen, das ist uberall, das ist Atman, das ist in mir
und in dir und in jedem Wesen. Und so beginne ich zu glauben dies
Wissen hat keinen argeren Feind als das Wissenwollen, als das Lernen."
Da blieb Govinda auf dem Wege stehen, erhob die Hande und sprach:
"Mogest du, Siddhartha, deinen Freund doch nicht mit solchen Reden
beangstigen! Wahrlich, Angst erwecken deine Worte in meinem Herzen.
Und denke doch nur: wo bliebe die Heiligkeit der Gebete, wo bliebe die
Ehrwurdigkeit des Brahmanenstandes, wo die Heiligkeit der Samanas,
wenn es so ware wie du sagst, wenn es kein Lernen gabe?! Was, o
Siddhartha, was wurde dann aus alledem werden, was auf Erden heilig,
was wertvoll, was ehrwurdig ist?!"
Und Govinda murmelte einen Vers vor sich hin, einen Vers aus einer
Upanishad:
Wer nachsinnend, gelauterten Geistes, in Atman sich versenkt,
Unaussprechlich durch Worte ist seines Herzens Seligkeit.
Siddhartha aber schwieg. Er dachte der Worte, welche Govinda zu ihm
gesagt hatte, und dachte die Worte bis an ihr Ende.
Ja, dachte er, gesenkten Hauptes stehend, was bliebe noch ubrig von
allem, was uns heilig schien? Was bleibt? Was bewahrt sich? Und er
schuttelte den Kopf.
Einstmals, als die beiden Junglinge gegen drei Jahre bei den Samanas
gelebt und ihre Ubungen geteilt hatten, da erreichte sie auf
mancherlei Wegen und Umwegen eine Kunde, ein Gerucht, eine Sage: Einer
sei erschienen, Gotama genannt, der Erhabene, der Buddha, der habe in
sich das Leid der Welt uberwunden und das Rad der Wiedergeburten zum
Stehen gebracht. Lehrend ziehe er, von Jungern umgeben, durch das
Land, besitzlos, heimatlos, weiblos, im gelben Mantel eines Asketen,
aber mit heiterer Stirn, ein Seliger, und Brahmanen und Fursten
beugten sich vor ihm und wurden seine Schuler.
Diese Sage, dies Gerucht, dies Marchen klang auf, duftete empor, hier
und dort, in den Stadten sprachen die Brahmanen davon, im Wald die
Samanas, immer wieder drang der Name Gotamas, des Buddha, zu den Ohren
der Junglinge, im Guten und im Bosen, in Lobpreisung und in Schmahung.
Wie wenn in einem Lande die Pest herrscht, und es erliebt sich die
Kunde, da und dort sei ein Mann, ein Weiser, ein Kundiger, dessen Wort
und Anhauch genuge, um jeden von der Seuche Befallenen zu heilen, und
wie dann diese Kunde das Land durchlauft und jedermann davon spricht,
viele glauben, viele zweifeln, viele aber sich alsbald auf den Weg
machen, um den Weisen, den Helfer aufzusuchen, so durchlief das Land
jene Sage, jene duftende Sage von Gotama, dem Buddha, dem Weisen aus
dem Geschlecht der Sakya. Ihm war, so sprachen die Glaubigen, hochste
Erkenntnis zu eigen, er erinnerte sich seiner vormaligen Leben, er
hatte Nirwana erreicht und kehrte nie mehr in den Kreislauf zuruck,
tauchte nie mehr in den truben Strom der Gestaltungen unter. Vieles
Herrliche und Unglaubliche wurde von ihm berichtet, er hatte Wunder
getan, hatte den Teufel uberwunden, hatte mit den Gottern gesprochen.
Seine Feinde und Unglaubigen aber sagten, dieser Gotama sei ein eitler
Verfuhrer, er bringe seine Tage in Wohlleben hin, verachte die Opfer,
sei ohne Gelehrsamkeit und kenne weder Ubung noch Kasteiung.
Su? klang die Sage von Buddha, Zauber duftete aus diesen Berichten.
Krank war ja die Welt, schwer zu ertragen war das Leben—und siehe,
hier schien eine Quelle zu springen, hier schien ein Botenruf zu tonen,
trostvoll, mild, edler Versprechungen voll. Uberall, wohin das
Gerucht vom Buddha erscholl, uberall in den Landern Indiens horchten
die Junglinge auf, fuhlten Sehnsucht, fuhlten Hoffnung, und unter den
Brahmanensohnen der Stadte und Dorfer war jeder Pilger und Fremdling
willkommen, wenn er Kunde von ihm, dem Erhabenen, dem Sakyamuni,
brachte.
Auch zu den Samanas im Walde, auch zu Siddhartha, auch zu Govinda war
die Sage gedrungen, langsam, in Tropfen, jeder Tropfen schwer von
Hoffnung, jeder Tropfen schwer von Zweifel. Sie sprachen wenig davon,
denn der Alteste der Samanas war kein Freund dieser Sage. Er hatte
vernommen, da? jener angebliche Buddha vormals Asket gewesen und im
Walde gelebt, sich dann aber zu Wohlleben und Weltlust zuruckgewendet
habe, und er hielt nichts von diesem Gotama.
"O Siddhartha", sprach einst Govinda zu seinem Freunde. "Heute war
ich im Dorf, und ein Brahmane lud mich ein, in sein Haus zu treten,
und in seinem Hause war ein Brahmanensohn aus Magadha, dieser hat mit
seinen eigenen Augen den Buddha gesehen und hat ihn lehren horen.
Wahrlich, da schmerzte mich der Atem in der Brust, und ich dachte bei
mir: Mochte doch auch ich, mochten doch auch wir beide, Siddhartha und
ich, die Stunde erleben, da wir die Lehre aus dem Munde jenes
Vollendeten vernehmen! Sprich, Freund, wollen wir nicht auch dorthin
gehen und die Lehre aus dem Munde des Buddha anhoren?"
Sprach Siddhartha: "Immer, o Govinda, hatte ich gedacht, Govinda wurde
bei den Samanas bleiben, immer hatte ich geglaubt, es ware sein Ziel,
sechzig und siebzig Jahre alt zu worden und immer weiter die Kunste
und Ubungen zu treiben, welche den Samana zieren. Aber sieh, ich
hatte Govinda zu wenig gekannt, wenig wu?te ich von seinem Herzen.
Nun also willst du, Teuerster, einen neuen Pfad einschlagen und
dorthin gehen, wo der Buddha seine Lehre verkundet."
Sprach Govinda: "Dir beliebt es zu spotten. Mogest du immerhin
spotten, Siddhartha! Ist aber nicht auch in dir ein Verlangen, eine
Lust erwacht, diese Lehre zu horen? Und hast du nicht einst zu mir
gesagt, nicht lange mehr werdest du den Weg der Samanas gehen?"
Da lachte Siddhartha, auf seine Weise, wobei der Ton seiner Stimme
einen Schatten von Trauer und einen Schatten von Spott annahm, und
sagte: "Wohl, Govinda, wohl ha?t du gesprochen, richtig hast du dich
erinnert. Mogest du doch auch des andern dich erinnern, das du von
mir gehort hast, da? ich namlich mi?trauisch und mude gegen Lehre und
Lernen geworden bin, und da? mein Glaube klein ist an Worte, die von
Lehrern zu uns kommen. Aber wohlan, Lieber, ich bin bereit, jene
Lehre zu horen—obschon ich im Herzen glaube, da? wir die beste Frucht
jener Lehre schon gekostet haben."
Sprach Govinda: "Deine Bereitschaft erfreut mein Herz. Aber sage, wie
sollte das moglich sein? Wie sollte die Lehre des Gotama, noch ehe
wir sie vernommen, uns schon ihre beste Frucht erschlossen haben?"
Sprach Siddhartha: "La? diese Frucht uns genie?en und das weitere
abwarten, o Govinda! Diese Frucht aber, die wir schon jetzt dem
Gotama verdanken, besteht darin, da? er uns von den Samanas hinwegruft!
Ob er uns noch anderes und Besseres zu geben hat, o Freund, darauf
la? uns ruhigen Herzens warten."
An diesem selben Tage gab Siddhartha dem Altesten der Samanas seinen
Entschlu? zu wissen, da? er ihn verlassen wollte. Er gab ihn dem
Altesten zu wissen mit der Hoflichkeit und Bescheidenheit, welche dem
Jungeren und Schuler ziemt. Der Samana aber geriet in Zorn, da? die
beiden Junglinge ihn verlassen wollten, und redete laut und brauchte
grobe Schimpfworte.
Govinda erschrak und kam in Verlegenheit, Siddhartha aber neigte den
Mund zu Govindas Ohr und flusterte ihm zu: "Nun will ich dem Alten
zeigen, da? ich etwas bei ihm gelernt habe."
Indem er sich nahe vor dem Samana aufstellte, mit gesammelter Seele,
fing er den Blick des Alten mit seinen Blicken ein, bannte ihn, machte
ihn stumm, machte ihn willenlos, unterwarf ihn seinem Willen, befahl
ihm, lautlos zu tun, was er von ihm verlangte. Der alte Mann wurde
stumm, sein Auge wurde starr, sein Wille gelahmt, seine Arme hingen
herab, machtlos war er Siddharthas Bezauberung erlegen. Siddharthas
Gedanken aber bemachtigten sich des Samana, er mu?te vollfuhren, was
sie befahlen. Und so verneigte sich der Alte mehrmals, vollzog
segnende Gebarden, sprach stammelnd einen frommen Reisewunsch. Und
die Junglinge erwiderten dankend die Verneigungen, erwiderten den
Wunsch, zogen gru?end von dannen.
Unterwegs sagte Govinda: "O Siddhartha, du hast bei den Samanas mehr
gelernt, als ich wu?te. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen
alten Samana zu bezaubern. Wahrlich, warest du dort geblieben, du
hattest bald gelernt, auf dem Wasser zu gehen."
"Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen", sagte Siddhartha.
"Mogen alte Samanas mit solchen Kunsten sich zufrieden geben!"
GOTAMA
In der Stadt Savathi kannte jedes Kind den Namen des Erhabenen Buddha,
und jedes Haus war gerustet, den Jungern Gotamas, den schweigend
Bittenden, die Almosenschale zu fullen. Nahe bei der Stadt lag
Gotamas liebster Aufenthalt, der Hain Jetavana, welchen der reiche
Kaufherr Anathapindika, ein ergebener Verehrer des Erhabenen, ihm und
den Seinen zum Geschenk gemacht hatte.
Nach dieser Gegend hatten alle Erzahlungen und Antworten hingewiesen,
welche den beiden jungen Asketen auf der Suche nach Gotamas Aufenthalt
zuteil wurden. Und da sie in Savathi ankamen, ward ihnen gleich im
ersten Hause, vor dessen Tur sie bittend stehen blieben, Speise
angeboten, und sie nahmen Speise an, und Siddhartha fragte die Frau,
welche ihnen die Speise reichte:
"Gerne, du Mildtatige, gerne mochten wir erfahren, wo der Buddha
weilt, der Ehrwurdigste, denn wir sind zwei Samanas aus dem Walde, und
sind gekommen, um ihn, den Vollendeten, zu sehen und die Lehre aus
seinem Munde zu vernehmen."
Sprach die Frau: "Am richtigen Orte wahrlich seid Ihr hier abgestiegen,
Ihr Samanas aus dem Walde. Wisset, in Jetavana, im Garten
Anathapindikas, weilt der Erhabene. Dort moget Ihr, Pilger, die Nacht
verbringen, denn genug Raum ist daselbst fur die Unzahligen, die
herbeistromen, um aus seinem Munde die Lehre zu horen."
Da freute sich Govinda, und voll Freude rief er: "Wohl denn, so ist
unser Ziel erreicht und unser Weg zu Ende! Aber sage uns, du Mutter
der Pilgernden, kennst du ihn, den Buddha, hast du ihn mit deinen
Augen gesehen?"
Sprach die Frau: "Viele Male habe ich ihn gesehen, den Erhabenen. An
vielen Tagen habe ich ihn gesehen, wie er durch die Gassen geht,
schweigend, im gelben Mantel, wie er schweigend an den Hausturen seine
Almosenschale darreicht, wie er die gefullte Schale von dannen tragt."
Entzuckt lauschte Govinda und wollte noch vieles fragen und horen.
Aber Siddhartha mahnte zum Weitergehen. Sie sagten Dank und gingen
und brauchten kaum nach dem Wege zu fragen, denn nicht wenige Pilger
und auch Monche aus Gotamas Gemeinschaft waren nach dem Jetavana
unterwegs. Und da sie in der Nacht dort anlangten, war daselbst ein
bestandiges Ankommen, Rufen und Reden von solchen, welche Herberge
heischten und bekamen. Die beiden Samanas, des Lebens im Walde
gewohnt, fanden schnell und gerauschlos einen Unterschlupf und ruhten
da bis zum Morgen.
Beim Aufgang der Sonne sahen sie mit Erstaunen, welch gro?e Schar,
Glaubige und Neugierige, hier genachtigt hatte. In allen Wegen des
herrlichen Haines wandelten Monche im gelben Gewand, unter den Baumen
sa?en sie hier und dort, in Betrachtung versenkt—oder im geistlichen
Gesprach, wie eine Stadt waren die schattigen Garten zu sehen, voll
von Menschen, wimmelnd wie Bienen. Die Mehrzahl der Monche zog mit
der Almosenschale aus, um in der Stadt Nahrung fur die Mittagsmahlzeit,
die einzige des Tages, zu sammeln. Auch der Buddha selbst, der
Erleuchtete, pflegte am Morgen den Bettelgang zu tun.
Siddhartha sah ihn, und er erkannte ihn alsbald, als hatte ihm ein
Gott ihn gezeigt. Er sah ihn, einen schlichten Mann in gelber Kutte,
die Almosenschale in der Hand tragend, still dahin gehen.
"Sieh hier!" sagte Siddhartha leise zu Govinda. "Dieser hier ist der
Buddha."
Aufmerksam blickte Govinda den Monch in der gelben Kutte, an der sich
in nichts von -den Hunderten der Monche zu unterscheiden schien. Und
bald erkannte auch Govinda: Dieser ist es. Und sie folgten ihm nach
und betrachteten ihn.
Der Buddha ging seines Weges bescheiden und in Gedanken versunken,
sein stilles Gesicht war weder frohlich noch traurig, es schien leise
nach innen zu lacheln. Mit einem verborgenen Lacheln, still, ruhig,
einem gesunden Kinde nicht unahnlich, wandelte der Buddha, trug das
Gewand und setzte den Fu? gleich wie alle seine Monche, nach genauer
Vorschrift. Aber sein Gesicht und sein Schritt, sein still gesenkter
Blick, seine still herabhangende Hand, und noch jeder Finger an seiner
still herabhangenden Hand sprach Friede, sprach Vollkommenheit, suchte
nicht, ahmte nicht nach, atmete sanft in einer unverwelklichen Ruhe,
in einem unverwelklichen Licht, einem unantastbaren Frieden.
So wandelte Gotama, der Stadt entgegen, um Almosen zu sammeln, und die
beiden Samanas erkannten ihn einzig an der Vollkommenheit seiner Ruhe,
an der Stille seiner Gestalt, in welcher kein Suchen, kein Wollen,
kein Nachahmen, kein Bemuhen zu erkennen war, nur Licht und Frieden.
"Heute werden wir die Lehre aus seinem Munde vernehmen," sagte Govinda.
Siddhartha gab nicht Antwort. Er war wenig neugierig auf die Lehre,
er glaubte nicht, da? sie ihn Neues lehren werde, hatte er doch,
ebenso wie Govinda, wieder und wieder den Inhalt dieser Buddhalehre
vernommen, wenn schon aus Berichten von zweiter und dritter Hand.
Aber er blickte aufmerksam auf Gotamas Haupt, auf seine Schultern,
auf seine Fu?e, auf seine still herabhangende Hand, und ihm schien,
jedes Glied an jedem Finger dieser Hand war Lehre, sprach, atmete,
duftete, glanzte Wahrheit. Dieser Mann, dieser Buddha, war wahrhaftig
bis in die Gebarde seines letzten Fingers. Dieser Mann war heilig.
Nie hatte Siddhartha einen Menschen so verehrt, nie hatte er einen
Menschen so geliebt wie diesen.
Die beiden folgten dem Buddha bis zur Stadt und kehrten schweigend
zuruck, denn sie selbst gedachten diesen Tag sich der Speise zu
enthalten. Sie sahen Gotama wiederkehren, sahen ihn im Kreise seiner
Junger die Mahlzeit einnehmen—was er a?, hatte keinen Vogel satt
gemacht und sahen ihn sich zuruckziehen in den Schatten der Mangobaume.
Am Abend aber, als die Hitze sich legte und alles im Lager lebendig
ward und sich versammelte, horten sie den Buddha lehren. Sie horten
seine Stimme, und auch sie war vollkommen, war von vollkommener Ruhe,
war voll von Frieden. Gotama lehrte die Lehre vom Leiden, von der
Herkunft des Leidens, vom Weg zur Aufhebung des Leidens. Ruhig flo?
und klar seine stille Rede. Leiden war das Leben, voll Leid war die
Welt, aber Erlosung vom Leid war gefunden: Erlosung fand, wer den Weg
des Buddha ging. Mit sanfter, doch fester Stimme sprach der Erhabene,
lehrte die vier Hauptsatze, lehrte den achtfachen Pfad, geduldig ging
er den gewohnten Weg der Lehre, der Beispiele, der Wiederholungen,
hell und still schwebte seine Stimme uber den Horenden, wie ein Licht,
wie ein Sternhimmel.
Als der Buddha—es war schon Nacht geworden—seine Rede schlo?, traten
manche Pilger hervor und baten um Aufnahme in die Gemeinschaft, nahmen
ihre Zuflucht zur Lehre. Und Gotama nahm sie auf, indem er sprach:
"Wohl habt ihr die Lehre vernommen, wohl ist sie verkundigt. Tretet
denn herzu und wandelt in Heiligkeit, allem Leid ein Ende zu bereiten."
Siehe, da trat auch Govinda hervor, der Schuchterne, und sprach: "Auch
ich nehme meine Zuflucht zum Erhabenen und zu seiner Lehre," und bat
um Aufnahme in die Jungerschaft, und ward aufgenommen.
Gleich darauf, da sich der Buddha zur Nachtruhe zuruckgezogen hatte,
wendete sich Govinda zu Siddhartha und sprach eifrig: "Siddhartha,
nicht steht es mir zu, dir einen Vorwurf zu machen. Beide haben wir
den Erhabenen gehort, beide haben wir die Lehre vernommen. Govinda
hat die Lehre gehort, er hat seine Zuflucht zu ihr genommen. Du aber,
Verehrter, willst denn nicht auch du den Pfad der Erlosung gehen?
Willst du zogern, willst du noch warten?"
Siddhartha erwachte wie aus einem Schlafe, als er Govindas Worte
vernahm. Lange blickte er in Govindas Gesicht. Dann sprach er leise,
mit einer Stimme ohne Spott: "Govinda, mein Freund, nun hast du den
Schritt getan, nun hast du den Weg erwahlt. Immer, o Govinda, bist du
mein Freund gewesen, immer bist du einen Schritt hinter mir gegangen.
Oft habe ich gedacht: Wird Govinda nicht auch einmal einen Schritt
allein tun, ohne mich, aus der eigenen Seele? Siehe, nun bist du ein
Mann geworden und wahlst selber deinen Weg. Mogest du ihn zu Ende
gehen, o mein Freund! Mogest du Erlosung finden!"
Govinda, welcher noch nicht vollig verstand, wiederholte mit einem Ton
von Ungeduld seine Frage: "Sprich doch, ich bitte dich, mein Lieber!
Sage mir, wie es ja nicht anders sein kann, da? auch du, mein
gelehrter Freund, deine Zuflucht zum erhabenen Buddha nehmen wirst!"
Siddhartha legte seine Hand auf die Schulter Govindas: "Du hast meinen
Segenswunsch uberhort, o Govinda. Ich wiederhole ihn: Mogest du
diesen Weg zu Ende gehen! Mogest du Erlosung finden!"
In diesem Augenblick erkannte Govinda, da? sein Freund ihn, verlassen
habe, und er begann zu weinen.
"Siddhartha!" rief er klagend.
Siddhartha sprach freundlich zu ihm: "Vergi? nicht, Govinda, da? du
nun zu den Samanas des Buddha gehorst! Abgesagt hast du Heimat und
Eltern, abgesagt Herkunft und Eigentum, abgesagt deinem eigenen Willen,
abgesagt der Freundschaft. So will es die Lehre, so will es der
Erhabene. So hast du selbst es gewollt. Morgen, o Govinda, werde ich
dich verlassen."
Lange noch wandelten die Freunde im Geholz, lange lagen sie und fanden
nicht den Schlaf. Und immer von neuem drang Govinda in seinen Freund,
er moge ihm sagen, warum er nicht seine Zuflucht zu Gotamas Lehre
nehmen wolle, welchen Fehler denn er in dieser Lehre finde.
Siddhartha aber wies ihn jedesmal zuruck und sagte: "Gib dich
zufrieden, Govinda! Sehr gut ist des Erhabenen Lehre, wie sollte ich
einen Fehler an ihr finden?"
Am fruhesten Morgen ging ein Nachfolger Buddhas, einer seiner altesten
Monche, durch den Garten und rief alle jene zu sich, welche als
Neulinge ihre Zuflucht zur Lehre genommen hatten, um ihnen das gelbe
Gewand anzulegen und sie in den ersten Lehren und Pflichten ihres
Standes zu unterweisen. Da ri? Govinda sich los, umarmte noch einmal
den Freund seiner Jugend und schlo? sich dem Zuge der Novizen an.
Siddhartha aber wandelte in Gedanken durch den Hain.
Da begegnete ihm Gotama, der Erhabene, und als er ihn mit Ehrfurcht
begru?te und der Blick des Buddha so voll Gute und Stille war, fa?te
der Jungling Mut und bat den Ehrwurdigen um Erlaubnis, zu ihm zu
sprechen. Schweigend nickte der Erhabene Gewahrung.
Sprach Siddhartha: "Gestern, o Erhabener, war es mir vergonnt, deine
wundersame Lehre zu horen. Zusammen mit meinem Freunde kam ich aus
der Ferne her, um die Lehre zu horen. Und nun wird mein Freund bei
den Deinen bleiben, zu dir hat er seine Zuflucht genommen. Ich aber
trete meine Pilgerschaft aufs neue an."
"Wie es dir beliebt", sprach der Ehrwurdige hoflich.
"Allzu kuhn ist meine Rede," fuhr Siddhartha fort, "aber ich mochte
den Erhabenen nicht verlassen, ohne ihm meine Gedanken in
Aufrichtigkeit mitgeteilt zu haben. Will mir der Ehrwurdige noch
einen Augenblick Gehor schenken?"
Schweigend nickte der Buddha Gewahrung.
Sprach Siddhartha: "Eines, o Ehrwurdigster, habe ich an deiner Lehre
vor allem bewundert. Alles in deiner Lehre ist vollkommen klar, ist
bewiesen; als eine vollkommene, als eine nie und nirgends
unterbrochene Kette zeigst du die Welt als eine ewige Kette, gefugt
aus Ursachen und Wirkungen. Niemals ist dies so klar gesehen, nie so
unwiderleglich dargestellt worden; hoher wahrlich mu? jedem Brahmanen
das Herz im Leibe schlagen, wenn er, durch deine Lehre hindurch, die
Welt erblickt als vollkommenen Zusammenhang, luckenlos, klar wie ein
Kristall, nicht vom Zufall abhangig, nicht von Gottern abhangig. Ob
sie gut oder bose, ob das Leben in ihr Leid oder Freude sei, moge
dahingestellt bleiben, es mag vielleicht sein, da? dies nicht
wesentlich ist—aber die Einheit der Welt, der Zusammenhang alles
Geschehens, das Umschlossensein alles Gro?en und Kleinen vom selben
Strome, vom selben Gesetz der Ursachen, des Werdens und des Sterbens,
dies leuchtet hell aus deiner erhabenen Lehre, o Vollendeter. Nun
aber ist, deiner selben Lehre nach, diese Einheit und Folgerichtigkeit
aller Dinge dennoch an einer Stelle unterbrochen, durch eine kleine
Lucke stromt in diese Welt der Einheit etwas Fremdes, etwas Neues,
etwas, das vorher nicht war, und das nicht gezeigt und nicht bewiesen
werden kann: das ist deine Lehre von der Uberwindung der Welt, von der
Erlosung. Mit dieser kleinen Lucke, mit dieser kleinen Durchbrechung
aber ist das ganze ewige und einheitliche Weltgesetz wieder zerbrochen
und aufgehoben. Mogest du mir verzeihen, wenn ich diesen Einwand
ausspreche."
Still hatte Gotama ihm zugehort, unbewegt. Mit seiner gutigen, mit
seiner hoflichen und klaren Stimme sprach er nun, der Vollendete: "Du
hast die Lehre gehort, o Brahmanensohn, und wohl dir, da? du uber sie
so tief nachgedacht hast. Du hast eine Lucke in ihr gefunden, einen
Fehler. Mogest du weiter daruber nachdenken. La? dich aber warnen,
du Wi?begieriger, vor dem Dickicht der Meinungen und vor dem Streit um
Worte. Es ist an Meinungen nichts gelegen, sie mogen schon oder
ha?lich, klug oder toricht sein, jeder kann ihnen anhangen oder sie
verwerfen. Die Lehre aber, die du von mir gehort hast, ist nicht eine
Meinung, und ihr Ziel ist nicht, die Welt fur Wi?begierige zu erklaren.
Ihr Ziel ist ein anderes; ihr Ziel ist Erlosung vom Leiden. Diese
ist es, welche Gotama lehrt, nichts anderes."
"Mogest du mir, o Erhabener, nicht zurnen", sagte der Jungling.
"Nicht um Streit mit dir zu suchen, Streit um Worte, habe ich so zu
dir gesprochen. Du hast wahrlich recht, wenig ist an Meinungen
gelegen. Aber la? mich dies eine noch sagen: Nicht einen Augenblick
habe ich an dir gezweifelt. Ich habe nicht einen Augenblick
gezweifelt, da? du Buddha bist, da? du das Ziel erreicht hast, das
hochste, nach welchem so viel tausend Brahmanen und Brahmanensohne
unterwegs sind. Du hast die Erlosung,vom Tode gefunden. Sie ist dir
geworden aus deinem eigenen Suchen, auf deinem eigenen Wege, durch
Gedanken, durch Versenkung, durch Erkenntnis, durch Erleuchtung.
Nicht ist sie dir geworden durch Lehre! Und—so ist mein Gedanke, o
Erhabener—keinem wird Erlosung zu teil durch Lehre! Keinem, o
Ehrwurdiger, wirst du in Worten und durch Lehre mitteilen und sagen
konnen, was dir geschehen ist in der Stunde deiner Erleuchtungt Vieles
enthalt die Lehre des erleuchteten Buddha, viele lehrt sie,
rechtschaffen zu leben, Boses zu meiden. Eines aber enthalt die so
klare, die so ehrwurdige Lehre nicht: sie enthalt nicht das Geheimnis
dessen, was der Erhabene selbst erlebt hat, er allein unter den
Hunderttausenden. Dies ist es, was ich gedacht und erkannt habe, als
ich die Lehre horte. Dies ist es, weswegen ich meine Wanderschaft
fortsetze—nicht um eine andere, eine bessere Lehre zu suchen, denn
ich wei?, es gibt keine, sondern um alle Lehren und alle Lehrer zu
verlassen und allein mein Ziel zu erreichen oder zu sterben. Oftmals
aber werde ich dieses Tages denken, o Erhabener, und dieser Stunde, da
meine Augen einen Heiligen sahen."
Die Augen des Buddha blickten still zu Boden, still in vollkommenem
Gleichmut strahlte sein unerforschliches Gesicht.
"Mogen deine Gedanken," sprach der Ehrwurdige langsam, "keine Irrtumer
sein! Mogest du ans Ziel kommen! Aber sage mir: Hast du die Schar
meiner Samanas gesehen, meiner vielen Bruder, welche ihre Zuflucht zur
Lehre genommen haben? Und glaubst du, fremder Samana, glaubst du, da?
es diesen allen besser ware, die Lehre zu verlassen und in das Leben
der Welt und der Luste zuruckzukehren?"
"Fern ist ein solcher Gedanke von mir", rief Siddhartha. "Mogen sie
alle bei der Lehre bleiben, mogen sie ihr Ziel erreichen! Nicht steht
mir zu, uber eines andern Leben zu urteilen. Einzig fur mich, fur
mich allein mu? ich urteilen, mu? ich wahlen, mu? ich ablehnen.
Erlosung vom Ich suchen wir Samanas, o Erhabener. Ware ich nun einer
deiner Junger, o Ehrwurdiger, so furchte ich, es mochte mir geschehen,
da? nur scheinbar, nur trugerisch mein Ich zur Ruhe kame und erlost
wurde, da? es aber in Wahrheit weiterlebte und gro? wurde, denn ich
hatte dann die Lehre, hatte meine Nachfolge, hatte meine Liebe zu dir,
hatte die Gemeinschaft der Monche zu meinem Ich gemacht!"
Mit halbem Lacheln, mit einer unerschutterten Helle und Freundlichkeit
sah Gotama dem Fremdling ins Auge und verabschiedete ihn mit einer
kaum sichtbaren Gebarde.
"Klug bist du, o Samana", sprach der Ehrwurdige.
"Klug wei?t du zu reden, mein Freund. Hute dich vor allzu gro?er
Klugheit!"
Hinweg wandelte der Buddha, und sein Blick und halbes Lacheln blieb
fur immer in Siddharthas Gedachtnis eingegraben.
So habe ich noch keinen Menschen blicken und lacheln, sitzen und
schreiten sehen, dachte er, so wahrlich wunsche auch ich blicken und
lacheln, sitzen und schreiten zu konnen, so frei, so ehrwurdig, so
verborgen, so offen, so kindlich und geheimnisvoll. So wahrlich
blickt und schreitet nur der Mensch, der ins Innerste seines Selbst
gedrungen ist. Wohl, auch ich werde ins Innerste meines Selbst zu
dringen suchen.
Einen Menschen sah ich, dachte Siddhartha, einen einzigen, vor dem ich
meine Augen niederschlagen mu?te. Vor keinem andern mehr will ich
meine Augen niederschlagen, vor keinem mehr. Keine Lehre mehr wird
mich verlocken, da dieses Menschen Lehre mich nicht verlockt hat.
Beraubt hat mich der Buddha, dachte Siddhartha, beraubt hat er mich,
und mehr noch hat er mich beschenkt. Beraubt hat er mich meines
Freundes, dessen, der an mich glaubte und der nun an ihn glaubt, der
mein Schatten war und nun Gotamas Schatten ist, Geschenkt aber hat er
mir Siddhartha, mich selbst.
ERWACHEN
Als Siddhartha den Hain verlie?, in welchem der Buddha, der Vollendete,
zuruckblieb, in welchem Govinda zuruckblieb, da fuhlte er, da? in
diesem Hain auch sein bisheriges Leben hinter ihm zuruckblieb und sich
von ihm trennte. Dieser Empfindung, die ihn ganz erfullte, sann er im
langsamen Dahingehen nach. Tief sann er nach, wie durch ein tiefes
Wasser lie? er sich bis auf den Boden dieser Empfindung hinab, bis
dahin, wo die Ursachen ruhen, denn Ursachen erkennen, so schien ihm,
das eben ist Denken, und dadurch allein werden Empfindungen zu
Erkenntnissen und gehen nicht verloren, sondern werden wesenhaft und
beginnen auszustrahlen, was in ihnen ist.
Im langsamen Dahingehen dachte Siddhartha nach. Er stellte fest, da?
er kein Jungling mehr, sondern ein Mann geworden sei. Er stellte fest,
da? eines ihn verlassen hatte, wie die Schlange von ihrer alten Haut
verlassen wird, da? eines nicht mehr in ihm vorhanden war, das durch
seine ganze Jugend ihn begleitet und zu ihm gehort hatte: der Wunsch,
Lehrer zu haben und Lehren zu horen. Den letzten Lehrer, der an
seinem Wege ihm erschienen war, auch ihn, den hochsten und weisesten
Lehrer, den Heiligsten, Buddha, hatte er verlassen, hatte sich von ihm
trennen mussen, hatte seine Lehre nicht annehmen konnen.
Langsamer ging der Denkende dahin und fragte sich selbst: "Was nun ist
es aber, das du aus Lehren und von Lehrern hattest lernen wollen, und
was sie, die dich viel gelehrt haben, dich doch nicht lehren konnten?"
Und er fand: "Das Ich war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte.
Das Ich war es, von dem ich loskommen, das ich uberwinden wollte.
Ich konnte es aber nicht uberwinden, konnte es nur tauschen, konnte
nur vor ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding
in der Welt hat so viel meine Gedanken beschaftigt wie dieses mein Ich,
dies Ratsel, da? ich lebe, da? ich einer und von allen andern
getrennt und abgesondert bin, da? ich Siddhartha bin! Und uber kein
Ding in der Welt wei? ich weniger als uber mich, uber Siddhartha!"
Der im langsamen Dahingehen Denkende blieb stehen, von diesem Gedanken
erfa?t, und alsbald sprang aus diesem Gedanken ein anderer hervor, ein
neuer Gedanke, der lautete: "Da? ich nichts von mir wei?, da?
Siddhartha mir so fremd und unbekannt geblieben ist, das kommt aus
einer Ursache, einer einzigen: Ich hatte Angst vor mir, ich war auf
der Flucht vor mir! Atman suchte, ich, Brahman suchte ich, ich war
gewillt, mein Ich zu zerstucken und auseinander zu schalen, um in
seinem unbekannten Innersten den Kern aller Schalen zu finden, den
Atman, das Leben, das Gottliche, das Letzte. Ich selbst aber ging mir
dabei verloren."
Siddhartha schlug die Augen auf und sah um sich, ein Lacheln erfullte
sein Gesicht, und ein tiefes Gefuhl von Erwachen aus langen Traumen
durchstromte ihn bis in die Zehen. Und alsbald lief er wieder, lief
rasch, wie ein Mann, welcher wei?, was er zu tun hat.
"O," dachte er aufatmend mit tiefem Atemzug, "nun will ich mir den
Siddhartha nicht mehr entschlupfen lassen! Nicht mehr will ich mein
Denken und mein Leben beginnen mit Atman und mit dem Leid der Welt.
Ich will mich nicht mehr toten und zerstucken, um hinter den Trummern
ein Geheimnis zu finden. Nicht Yoga-Veda mehr soll mich lehren, noch
Atharva-Veda, noch die Asketen, noch irgendwelche Lehre. Bei mir
selbst will ich lernen, will ich Schuler sein, will ich mich kennen
lernen, das Geheimnis Siddhartha."
Er blickte um sich, als sahe er zum ersten Male die Welt. Schon war
die Welt, bunt war die Welt, seltsam und ratselhaft war die Welt!
Hier war Blau, hier war Gelb, hier war Grun, Himmel flo? und Flu?,
Wald starrte und Gebirg, alles schon, alles ratselvoll und magisch,
und inmitten er, Siddhartha, der Erwachende, auf dem Wege zu sich
selbst. All dieses, all dies Gelb und Blau, Flu? und Wald, ging zum
erstenmal durchs Auge in Siddhartha ein, war nicht mehr Zauber Maras,
war nicht mehr der Schleier der Maya, war nicht mehr sinnlose und
zufallige Vielfalt der Erscheinungswelt, verachtlich dem tief
denkenden Brahmanen, der die Vielfalt verschmaht, der die Einheit
sucht. Blau war Blau, Flu? war Flu?, und wenn auch im Blau und Flu?
in Siddhartha das Eine und Gottliche verborgen lebte, so war es doch
eben des Gottlichen Art und Sinn, hier Gelb, hier Blau, dort Himmel,
dort Wald und hier Siddhartha zu sein. Sinn und Wesen war nicht
irgendwo hinter den Dingen, sie waren in ihnen, in allem.
"Wie bin ich taub und stumpf gewesen!" dachte der rasch dahin
Wandelnde. "Wenn einer eine Schrift liest, deren Sinn er suchen will,
so verachtet er nicht die Zeichen und Buchstaben und nennt sie
Tauschung, Zufall und wertlose Schale, sondern er liest sie, er
studiert und liebt sie, Buchstabe um Buchstabe. Ich aber, der ich das
Buch der Welt und das Buch meines eigenen Wesens lesen wollte, ich
habe, einem im voraus vermuteten Sinn zuliebe, die Zeichen und
Buchstaben verachtet, ich nannte die Welt der Erscheinungen Tauschung,
nannte mein Auge und meine Zunge zufallige und wertlose Erscheinungen.
Nein, dies ist voruber, ich bin erwacht, ich bin in der Tat erwacht
und heute erst geboren."
Indem Siddhartha diesen Gedanken dachte, blieb er abermals stehen,
plotzlich, als lage eine Schlange vor ihm auf dem Weg.
Denn plotzlich war auch dies ihm klar geworden: Er, der in der Tat wie
ein Erwachter oder Neugeborener war, er mu?te sein Leben neu und
vollig von vorn beginnen. Als er an diesem selben Morgen den Hain
Jetavana, den Hain jenes Erhabenen, verlassen hatte, schon erwachend,
schon auf dem Wege zu sich selbst, da war es seine Absicht gewesen und
war ihm naturlich und selbstverstandlich erschienen, da? er, nach den
Jahren seines Asketentums, in seine Heimat und zu seinem Vater
zuruckkehre. Jetzt aber, erst in diesem Augenblick, da er stehen
blieb, als lage eine Schlange auf seinem Wege, erwachte er auch zu
dieser Einsicht: "Ich bin ja nicht mehr, der ich war, ich bin nicht
mehr Asket, ich bin nicht mehr Priester, ich bin nicht mehr Brahmane.
Was denn soll ich zu Hause und bei meinem Vater tun? Studieren?
Opfern? Die Versenkung pflegen? Dies alles ist ja voruber, dies
alles liegt nicht mehr an meinem Wege."
Regungslos blieb Siddhartha stehen, und einen Augenblick und Atemzug
lang fror sein Herz, er fuhlte es in der Brust innen frieren wie ein
kleines Tier, einen Vogel oder einen Hasen, als er sah, wie allein er
sei. Jahrelang war er heimatlos gewesen und hatte es nicht gefuhlt.
Nun fuhlte er es. Immer noch, auch in der fernsten Versenkung, war er
seines Vaters Sohn gewesen, war Brahmane gewesen, hohen Standes, ein
Geistiger. Jetzt war er nur noch Siddhartha, der Erwachte, sonst
nichts mehr. Tief sog er den Atem ein, und einen Augenblick fror er
und schauderte. Niemand war so allein wie er. Kein Adliger, der
nicht zu den Adligen, kein Handwerker, der nicht zu den Handwerkern
gehorte und Zuflucht bei ihnen fand, ihr Leben teilte, ihre Sprache
sprach. Kein Brahmane, der nicht zu den Brahmanen zahlte und mit
ihnen lebte, kein Asket, der nicht im Stande der Samanas seine
Zuflucht fand, und auch der verlorenste Einsiedler im Walde war nicht
einer und allein, auch ihn umgab Zugehorigkeit, auch er gehorte einem
Stande an, der ihm Heimat war. Govinda war Monch geworden, und
tausend Monche waren seine Bruder, trugen sein Kleid, glaubten seinen
Glauben, sprachen seine Sprache. Er aber, Siddhartha, wo War er
zugehorig? Wessen Leben wurde er teilen? Wessen Sprache wurde er
sprechen?
Aus diesem Augenblick, wo die Welt rings von ihm wegschmolz, wo er
allein stand wie ein Stern am Himmel, aus diesem Augenblick einer
Kalte und Verzagtheit tauchte Siddhartha empor, mehr Ich als zuvor,
fester geballt. Er fuhlte: Dies war der letzte Schauder des Erwachens
gewesen, der letzte Krampf der Geburt. Und alsbald schritt er wieder
aus, begann rasch und ungeduldig zu gehen, nicht mehr nach Hause,
nicht mehr zum Vater, nicht mehr zuruck.
ZWEITER TEIL—Wilhelm Gundert
meinem Vetter in Japan gewidmet
KAMALA
Siddhartha lernte Neues auf jedem Schritt seines Weges, denn die Welt
war verwandelt, und sein Herz war bezaubert. Er sah die Sonne uberm
Waldgebirge aufgehen und uberm fernen Palmenstrande untergehen. Er
sah nachts am Himmel die Sterne geordnet, und den Sichelmond wie ein
Boot im Blauen schwimmend. Er sah Baume, Sterne, Tiere, Wolken,
Regenbogen, Felsen, Krauter, Blumen, Bach und Flu?, Taublitz im
morgendlichen Gestrauch, ferne hohe Berge blau und bleich, Vogel
sangen und Bienen, Wind wehte silbern im Reisfelde. Dies alles,
tausendfalt und bunt, war immer dagewesen, immer hatten Sonne und Mond
geschienen, immer Flusse gerauscht und Bienen gesummt, aber es war in
den fruheren Zeiten fur Siddhartha dies alles nichts gewesen als ein
fluchtiger und trugerischer Schleier vor seinem Auge, mit Mi?trauen
betrachtet, dazu bestimmt, vom Gedanken durchdrungen und vernichtet zu
werden, da es nicht Wesen war, da das Wesen jenseits der Sichtbarkeit
lag. Nun aber weilte sein befreites Auge diesseits, es sah und
erkannte die Sichtbarkeit, suchte Heimat in dieser Welt, suchte nicht
das Wesen, zielte in kein Jenseits. Schon war die Welt, wenn man sie
so betrachtete, so ohne Suchen, so einfach, so kinderhaft. Schon war
Mond und Gestirn, schon war Bach und Ufer, Wald und Fels, Ziege und
Goldkafer, Blume und Schmetterling. Schon und lieblich war es, so
durch die Welt zu gehen, so kindlich, so erwacht, so dem Nahen
aufgetan, so ohne Mi?trauen. Anders brannte die Sonne aufs Haupt,
anders kuhlte der Waldschatten, anders schmeckte Bach und Zisterne,
anders Kurbis und Banane. Kurz waren die Tage, kurz die Nachte, jede
Stunde floh schnell hinweg wie ein Segel auf dem Meere, unterm Segel
ein Schiff voll von Schatzen, voll von Freuden. Siddhartha sah ein
Affenvolk im hohen Waldgewolbe wandern, hoch im Geast, und horte
seinen wilden, gierigen Gesang. Siddhartha sah einen Schafbock ein
Schaf verfolgen und begatten. Er sah in einem Schilfsee den Hecht im
Abendhunger jagen, vor ihm her schnellten angstvoll, flatternd und
blitzend die jungen Fische in Scharen aus dem Wasser, Kraft und
Leidenschaft duftete dringlich aus den hastigen Wasserwirbeln, die der
ungestum Jagende zog.
All dieses war immer gewesen, und er hatte es nicht gesehen; er war
nicht dabei gewesen. Jetzt war er dabei, er gehorte dazu. Durch sein
Auge lief Licht und Schatten, durch sein Herz lief Stern und Mond.
Siddhartha erinnerte sich unterwegs auch alles dessen, was er im
Garten Jetavana erlebt hatte, der Lehre, die er dort gehort, des
gottlichen Buddha, des Abschiedes von Govinda, des Gespraches mit dem
Erhabenen. Seiner eigenen Worte, die er zum Erhabenen gesprochen
hatte, erinnerte er sich wieder, jedes Wortes, und mit Erstaunen wurde
er dessen inne, da? er da Dinge gesagt hatte, die er damals noch gar
nicht eigentlich wu?te. Was er zu Gotama gesagt hatte: sein, des
Buddha, Schatz und Geheimnis sei nicht die Lehre, sondern das
Unaussprechliche und nicht Lehrbare, das er einst zur Stunde seiner
Erleuchtung erlebt habe—dies war es ja eben, was zu erleben er jetzt
auszog, was zu erleben er jetzt begann. Sich selbst mu?te er jetzt
erleben. Wohl hatte er schon lange gewu?t, da? sein Selbst Atman sei,
vom selben ewigen Wesen wie Brahman. Aber nie hatte er dies Selbst
wirklich gefunden, weil er es mit dem Netz des Gedankens hatte fangen
wollen. War auch gewi? der Korper nicht das Selbst, und nicht das
Spiel der Sinne, so war es doch auch das Denken nicht, nicht der
Verstand, nicht die erlernte Weisheit, nicht die erlernte Kunst,
Schlusse zu ziehen und aus schon Gedachtem neue Gedanken zu spinnen.
Nein, auch diese Gedankenwelt war noch diesseits, und es fuhrte zu
keinem Ziele, wenn man das zufallige Ich der Sinne totete, dafur aber
das zufallige Ich der Gedanken und Gelehrsamkeiten mastete. Beide,
die Gedanken wie die Sinne, waren hubsche Dinge, hinter beiden lag der
letzte Sinn verborgen, beide galt es zu horen, mit beiden zu spielen,
beide weder zu verachten noch zu uberschatzen, aus beiden die geheimen
Stimmen des Innersten zu erlauschen. Nach nichts wollte er trachten,
als wonach die Stimme ihm zu trachten befohle, bei nichts verweilen,
als wo die Stimme es riete. Warum war Gotama einst, in der Stunde der
Stunden, unter dem Bo-Baume niedergesessen, wo die Erleuchtung ihn
traf? Er hatte eine Stimme gehort, eine Stimme im eigenen Herzen, die
ihm befahl, unter diesem Baume Rast zu suchen, und er hatte nicht
Kasteiung, Opfer, Bad oder Gebet, nicht Essen noch Trinken, nicht
Schlaf noch Traum vorgezogen, er hatte der Stimme gehorcht. So zu
gehorchen, nicht au?erm Befehl, nur der Stimme, so bereit zu sein, das
war gut, das war notwendig, nichts anderes war notwendig.
In der Nacht, da er in der strohernen Hutte eines Fahrmanns am Flusse
schlief, hatte Siddhartha einen Traum: Govinda stand vor ihm, in einem
gelben Asketengewand. Traurig sah Govinda aus, traurig fragte er:
Warum hast du mich verlassen? Da umarmte er Govinda, schlang seine
Arme um ihn, und indem er ihn an seine Brust zog und ku?te, war es
nicht Govinda mehr, sondern ein Weib, und aus des Weibes Gewand quoll
eine volle Brust, an der lag Siddhartha und trank, su? und stark
schmeckte die Milch dieser Brust. Sie schmeckte nach Weib und Mann,
nach Sonne und Wald, nach Tier und Blume, nach jeder Frucht, nach
jeder Lust. Sie machte trunken und bewu?tlos.—Als Siddhartha
erwachte, schimmerte der bleiche Flu? durch die Tur der Hutte, und im
Walde klang tief und wohllaut ein dunkler Eulenruf.
Als der Tag begann, bat Siddhartha seinen Gastgeber, den Fahrmann, ihn
uber den Flu? zu setzen. Der Fahrmann setzte ihn auf seinem
Bambusflo? uber den Flu?, rotlich schimmerte im Morgenschein das
breite Wasser.
"Das ist ein schoner Flu?," sagte er zu seinem Begleiter.
"Ja," sagte der Fahrmann, "ein sehr schoner Flu?, ich liebe ihn uber
alles. Oft habe ich ihm zugehort, oft in seine Augen gesehen, und
immer habe ich von ihm gelernt. Man kann viel von einem Flusse lernen."
"Ich danke dir, mein Wohltater," sprach Siddhartha, da er ans andere
Ufer stieg. "Kein Gastgeschenk habe ich dir zu geben, Lieber, und
keinen Lohn zu geben. Ein Heimatloser bin ich, ein Brahmanensohn und
Samana."
"Ich sah es wohl," sprach der Fahrmann, "und ich habe keinen Lohn vor
dir erwartet, und kein Gastgeschenk. Du wirst mir das Geschenk ein
anderes Mal geben."
"Glaubst du?" sagte Siddhartha lustig.
"Gewi?. Auch das habe ich vom Flusse gelernt: alles kommt wieder!
Auch du, Samana, wirst wieder kommen. Nun lebe wohl! Moge deine
Freundschaft mein Lohn sein. Mogest du meiner gedenken, wenn du den
Gottern opferst."
Lachelnd schieden sie voneinander. Lachelnd freute sich Siddhartha
uber die Freundschaft und Freundlichkeit des Fahrmanns. "Wie Govinda
ist er," dachte er lachelnd, "alle, die ich auf meinem Wege antreffe,
sind wie Govinda. Alle sind dankbar, obwohl sie selbst Anspruch auf
Dank hatten. Alle sind unterwurfig, alle mogen gern Freund sein, gern
gehorchen, wenig denken. Kinder sind die Menschen."
Um die Mittagszeit kam er durch ein Dorf. Vor den Lehmhutten walzten
sich Kinder auf der Gasse, spielten mit Kurbiskernen und Muscheln,
schrien und balgten sich, flohen aber alle scheu vor dem fremden
Samana. Am Ende des Dorfes fuhrte der Weg durch einen Bach, und am
Rande des Baches kniete ein junges Weib und wusch Kleider. Als
Siddhartha sie gru?te, hob sie den Kopf, und blickte mit Lacheln zu
ihm auf, da? er das Wei?e in ihrem Auge blitzen sah. Er rief einen
Segensspruch hinuber, wie er unter Reisenden ublich ist, und fragte,
wie weit der Weg bis zur gro?en Stadt noch sei. Da stand, sie auf und
trat zu ihm her, schon schimmerte ihr feuchter Mund im jungen Gesicht.
Sie tauschte Scherzreden mit ihm, fragte, ob er schon gegessen habe,
und ob es wahr sei, da? die Samanas nachts allein im Walde schliefen
und keine Frauen bei sich haben durfen. Dabei setzte sie ihren linken
Fu? auf seinen rechten und machte eine Bewegung, wie die Frau sie
macht, wenn sie den Mann zu jener Art des Liebesgenusses auffordert,
welchen die Lehrbucher "das Baumbesteigen" nennen. Siddhartha fuhlte
sein Blut erwarmen, und da sein Traum ihm in diesem Augenblick wieder
einfiel, buckte er sich ein wenig zu dem Weibe herab und ku?te mit den
Lippen die braune Spitze ihrer Brust. Aufschauend sah er ihr Gesicht
voll Verlangen lacheln und die verkleinerten Augen in Sehnsucht flehen.
Auch Siddhartha fuhlte Sehnsucht und den Quell des Geschlechts sich
bewegen; da er aber noch nie ein Weib beruhrt hatte, zogerte er einen
Augenblick, wahrend seine Hande schon bereit waren, nach ihr zu
greifen. Und in diesem Augenblick horte er, erschauernd, die Stimme
seines Innern, und die Stimme sagte Nein. Da wich vom lachelnden
Gesicht der jungen Frau aller Zauber, er sah nichts mehr als den
feuchten Blick eines brunstigen Tierweibchens. Freundlich streichelte
er ihre Wange, wandte sich von ihr und verschwand vor der Enttauschten
leichtfu?ig in das Bambusgeholze.
An diesem Tage erreichte er vor Abend eine gro?e Stadt, und freute
sich, denn er begehrte nach Menschen. Lange hatte er in den Waldern
gelebt, und die stroherne Hutte des Fahrmanns, in welcher er diese
Nacht geschlafen hatte, war seit langer Zeit das erste Dach, das er
uber sich gehabt hatte.
Vor der Stadt, bei einem schonen umzaunten Haine, begegnete dem
Wandernden ein kleiner Tro? von Dienern und Dienerinnen, mit Korben
beladen. Inmitten in einer geschmuckten Sanfte, von Vieren getragen,
sa? auf roten Kissen unter einem bunten Sonnendach eine Frau, die
Herrin. Siddhartha blieb beim Eingang des Lusthaines stehen und sah
dem Aufzuge zu, sah die Diener, die Magde, die Korbe, sah die Sanfte,
und sah in der Sanfte die Dame. Unter hochgeturmten schwarzen Haaren
sah er ein sehr helles, sehr zartes, sehr kluges Gesicht, hellroten
Mund wie eine frisch aufgebrochene Feige, Augenbrauen gepflegt und
gemalt in hohen Bogen, dunkle Augen klug und wachsam, lichten hohen
Hals aus grun und goldenem Oberkleide steigend, ruhende helle Hande
lang und schmal mit breiten Goldreifen uber den Gelenken.
Siddhartha sah, wie schon sie war, und sein Herz lachte. Tief
verneigte er sich, als die Sanfte nahe kam, und sich wieder
aufrichtend blickte er in das helle holde Gesicht, las einen
Augenblick in den klugen hochuberwolbten Augen, atmete einen Hauch von
Duft, den er nicht kannte. Lachelnd nickte die schone Frau, einen
Augenblick, und verschwand im Hain, und hinter ihr die Diener.
So betrete ich diese Stadt, dachte Siddhartha, unter einem holden
Zeichen. Es zog ihn, sogleich in den Hain zu treten, doch bedachte er
sich, und nun erst ward ihm bewu?t, wie ihn die Diener und Magde am
Eingang betrachtet hatten, wie verachtlich, wie mi?trauisch, wie
abweisend.
Noch bin ich ein Samana, dachte er, noch immer, ein Asket und Bettler.
Nicht so werde ich bleiben durfen, nicht so in den Hain treten. Und
er lachte.
Den nachsten Menschen, der des Weges kam, fragte er nach dem Hain und
nach dem Namen dieser Frau, und erfuhr, da? dies der Hain der Kamala
war, der beruhmten Kurtisane, und da? sie au?er dem Haine ein Haus in
der Stadt besa?.
Dann betrat er die Stadt. Er hatte nun ein Ziel.
Sein Ziel verfolgend, lie? er sich von der Stadt einschlurfen, trieb
im Strom der Gassen, stand auf Platzen still, ruhte auf Steintreppen
am Flusse aus. Gegen den Abend befreundete er sich mit einem
Barbiergehilfen, den er im Schatten eines Gewolbes hatte arbeiten
sehen, den er betend in einem Tempel Vishnus wiederfand, dem er von
den Geschichten Vishnu's und der Lakschmi erzahlte. Bei den Booten am
Flusse schlief er die Nacht, und fruh am Morgen, ehe die ersten Kunden
in seinen Laden kamen, lie? er sich von dem Barbiergehilfen den Bart
rasieren und das Haar beschneiden, das Haar kammen und mit feinem Ole
salben. Dann ging er im Flusse baden.
Als am Spatnachmittag die schone Kamala in der Sanfte sich ihrem Haine
naherte, stand am Eingang Siddhartha, verbeugte sich und empfing den
Gru? der Kurtisane. Demjenigen Diener aber, der zuletzt im Zuge ging,
winkte er und bat ihn, der Herrin zu melden, da? ein junger Brahmane
mit ihr zu sprechen begehre. Nach einer Weile kam der Diener zuruck,
forderte den Wartenden auf, ihm zu folgen, fuhrte den ihm Folgenden
schweigend in einen Pavillon, wo Kamala auf einem Ruhebette lag, und
lie? ihn bei ihr allein.
"Bist du nicht gestern schon da drau?en gestanden und hast mich
begru?t?" fragte Kamala.
"Wohl habe ich gestern schon dich gesehen und begru?t."
"Aber trugst du nicht gestern einen Bart, und lange Haare, und Staub
in den Haaren?"
"Wohl hast du beobachtet, alles hast du gesehen. Du hast Siddhartha
gesehen, den Brahmanensohn, welcher seine Heimat verlassen hat, um ein
Samana zu werden, und drei Jahre lang ein Samana gewesen ist. Nun
aber habe ich jenen Pfad verlassen, und kam in diese Stadt, und die
erste, die mir noch vor dem Betreten der Stadt begegnete, warst du.
Dies zu sagen, bin ich zu dir gekommen, o Kamala! Du bist die erste
Frau, zu welcher Siddhartha anders als mit niedergeschlagenen Augen
redet. Nie mehr will ich meine Augen niederschlagen, wenn eine schone
Frau mir begegnet."
Kamala lachelte und spielte mit ihrem Facher aus Pfauenfedern. Und
fragte: "Und nur um mir dies zu sagen, ist Siddhartha zu mir
gekommen?"
"Um dir dies zu sagen, und um dir zu danken, da? du so schon bist.
Und wenn es dir nicht mi?fallt, Kamala, mochte ich dich bitten, meine
Freundin und Lehrerin zu sein, denn ich wei? noch nichts von der Kunst,
in welcher du Meisterin bist."
Da lachte Kamala laut.
"Nie ist mir das geschehen, Freund, da? ein Samana aus dem Walde zu
mir kam und von mir lernen wollte! Nie ist mir das geschehen, da? ein
Samana mit langen Haaren und in einem alten zerrissenen Schamtuche zu
mir kam! Viele Junglinge kommen zu mir, und auch Brahmanensohne sind
darunter, aber sie kommen in schonen Kleidern, sie kommen in feinen
Schuhen, sie haben Wohlgeruch im Haar und Geld in den Beuteln. So,
du Samana, sind die Junglinge beschaffen, welche zu mir kommen."
Sprach Siddhartha: "Schon fange ich an, von dir zu lernen. Auch
gestern schon habe ich gelernt. Schon habe ich den Bart abgelegt,
habe das Haar gekammt, habe Ol im Haare. Weniges ist, das mir noch
fehlt, du Vortreffliche: feine Kleider, feine Schuhe, Geld im Beutel.
Wisse, Schwereres hat Siddhartha sich vorgenommen, als solche
Kleinigkeiten sind, und hat es erreicht. Wie sollte ich nicht
erreichen, was ich gestern mir vorgenommen habe: dein Freund zu sein
und die Freuden der Liebe von dir zu lernen! Du wirst mich gelehrig
sehen, Kamala, Schwereres habe ich gelernt, als was du mich lehren
sollst. Und nun also: Siddhartha genugt dir nicht, so wie er ist, mit
Ol im Haar, aber ohne Kleider, ohne Schuhe, ohne Geld?"
Lachend rief Kamala: "Nein, Werter, er genugt noch nicht. Kleider mu?
er haben, hubsche Kleider, und Schuhe, hubsche Schuhe, und viel Geld
im Beutel, und Geschenke fur Kamala. Wei?t du es nun, Samana aus dem
Walde? Hast du es dir gemerkt?"
"Wohl habe ich es mir gemerkt," rief Siddhartha. "Wie sollte ich mir
nicht merken, was aus einem solchen Munde kommt! Dein Mund ist wie
eine frisch aufgebrochene Feige, Kamala. Auch mein Mund ist rot und
frisch, er wird zu deinem passen, du wirst sehen.—Aber sage, schone
Kamala, hast du gar keine Furcht vor dem Samana aus dem Walde, der
gekommen ist, um Liebe zu lernen?"
"Warum sollte ich denn Furcht vor einem Samana haben, einem dummen
Samana aus dem Walde, der von den Schakalen kommt und noch gar nicht
wei?, was Frauen sind?"
"O, er ist stark, der Samana, und er furchtet nichts. Er konnte dich
zwingen, schones Madchen. Er konnte dich rauben. Er konnte dir weh
tun."
"Nein, Samana, das furchte ich nicht. Hat je ein Samana oder ein
Brahmane gefurchtet, Einer konnte kommen und ihn packen und ihm seine
Gelehrsamkeit, und seine Frommigkeit, und seinen Tiefsinn rauben?
Nein, denn die gehoren ihm zu eigen und er gibt davon nur, was er
geben will und wem er geben will. So ist es, genau ebenso ist es auch
mit Kamala, und mit den Freuden der Liebe. Schon und rot ist Kamalas
Mund, aber versuche, ihn gegen Kamalas Willen zu kussen, und nicht
einen Tropfen Su?igkeit wirst du von ihm haben, der so viel Su?es zu
geben versteht! Du bist gelehrig, Siddhartha, so lerne auch dies:
Liebe kann man erbetteln, erkaufen, geschenkt bekommen, auf der Gasse
finden, aber rauben kann man sie nicht. Da hast du dir einen falschen
Weg ausgedacht. Nein, schade ware es, wenn ein hubscher Jungling wie
du es so falsch angreifen wollte."
Siddhartha verneigte sich lachelnd. "Schade ware es, Kamala, wie
sehr hast du recht! Uberaus schade ware es. Nein, von deinem Munde
soll mir kein Tropfen Su?igkeit verloren gehen, noch dir von dem
meinen! Es bleibt also dabei: Siddhartha wird wiederkommen, wenn er
hat, was ihm noch fehlt: Kleider, Schuhe, Geld. Aber sprich, holde
Kamala, kannst du mir nicht noch einen kleinen Rat geben?"
"Einen Rat? Warum nicht? Wer wollte nicht gerne einem armen,
unwissenden Samana, der von den Schakalen aus dem Walde kommt, einen
Rat geben?"
"Liebe Kamala, so rate mir wohin soll ich gehen, da? ich am raschesten
jene drei Dinge finde?"
"Freund, das mochten viele wissen. Du mu?t tun, was du gelernt hast,
und dir dafur Geld geben lassen, und Kleider, und Schuhe. Anders
kommt ein Armer nicht zu Geld. Was kannst du denn?"
"Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten."
"Nichts sonst?"
"Nichts. Doch, ich kann auch dichten. Willst du mir fur ein Gedicht
einen Ku? geben?"
"Das will ich tun, wenn dein Gedicht mir gefallt. Wie hei?t es denn?"
Siddhartha sprach, nachdem er sich einen Augenblick besonnen hatte,
diese Verse:
In ihren schattigen Hain trat die schone Kamala,
An Haines Eingang stand der braune Samana.
Tief, da er die Lotusblute erblickte,
Beugte sich jener, lachelnd dankte Kamala.
Lieblicher, dachte der Jungling, als Gottern zu opfern,
Lieblicher ist es zu opfern der schonen Kamala.
Laut klatschte Kamala in die Hande, da? die goldenen Armringe klangen.
"Schon sind deine Verse, brauner Samana, und wahrlich, ich verliere
nichts, wenn ich dir einen Ku? fur sie gebe."
Sie zog ihn mit den Augen zu sich, er beugte sein Gesicht auf ihres,
und legte seinen Mund auf den Mund, der wie eine frisch aufgebrochene
Feige war. Lange ku?te ihn Kamala, und mit tiefem Erstaunen fuhlte
Siddhartha, wie sie ihn lehrte, wie sie weise war, wie sie ihn
beherrschte, ihn zuruckwies, ihn lockte, und wie hinter diesem ersten
eine lange, eine wohlgeordnete, wohlerprobte Reihe von Kussen stand,
jeder vom andern verschieden, die ihn noch erwarteten. Tief atmend
blieb er stehen, und war in diesem Augenblick wie ein Kind erstaunt
uber die Fulle des Wissens und Lernenswerten, die sich vor seinen
Augen erschlo?.
"Sehr schon sind deine Verse," rief Kamala, "wenn ich reich ware, gabe
ich dir Goldstucke dafur. Aber schwer wird es dir werden, mit Versen
so viel Geld zu erwerben, wie du brauchst. Denn du brauchst viel Geld,
wenn du Kamalas Freund sein willst."
"Wie kannst du kussen, Kamala!" stammelte Siddhartha.
"Ja, das kann ich schon, darum fehlt es mir auch nicht an Kleidern,
Schuhen, Armbandern und allen schonen Dingen. Aber was wird aus dir
werden? Kannst du nichts als denken, fasten, dichten?"
"Ich kann auch die Opferlieder," sagte Siddhartha, "aber ich will sie
nicht mehr singen. Ich kann auch Zauberspruche, aber ich will sie
nicht mehr sprechen. Ich habe die Schriften gelesen—"
"Halt," unterbrach ihn Kamala. "Du kannst lesen? Und schreiben?"
"Gewi? kann ich das. Manche konnen das."
"Die meisten konnen es nicht. Auch ich kann es nicht. Es ist sehr
gut, da? du lesen und schreiben kannst, sehr gut. Auch die
Zauberspruche wirst du noch brauchen konnen."
In diesem Augenblick kam eine Dienerin gelaufen und flusterte der
Herrin eine Nachricht ins Ohr.
"Ich bekomme Besuch," rief Kamala. "Eile und verschwinde, Siddhartha,
niemand darf dich hier sehen, das merke dir! Morgen sehe ich dich
wieder."
Der Magd aber befahl sie, dem frommen Brahmanen ein wei?es Obergewand
zu geben. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, sah sich Siddhartha von
der Magd hinweggezogen, auf Umwegen in ein Gartenhaus gebracht, mit
einem Oberkleid beschenkt, ins Gebusch gefuhrt und dringlich ermahnt,
sich alsbald ungesehen aus dem Hain zu verlieren.
Zufrieden tat er, wie ihm gehei?en war. Des Waldes gewohnt, brachte
er sich lautlos aus dem Hain und uber die Hecke. Zufrieden kehrte er
in die Stadt zuruck, das zusammengerollte Kleid unterm Arme tragend.
In einer Herberge, wo Reisende einkehrten, stellte er sich an die Tur,
bat schweigend um Essen, nahm schweigend ein Stuck Reiskuchen an.
Vielleicht schon morgen, dachte er, werde ich niemand mehr um Essen
bitten.
Stolz flammte plotzlich in ihm auf. Er war kein Samana mehr, nicht
mehr stand es ihm an, zu betteln. Er gab den Reiskuchen einem Hunde
und blieb ohne Speise.
"Einfach ist das Leben, das man in der Welt hier fuhrt," dachte
Siddhartha. "Es hat keine Schwierigkeiten. Schwer war alles, muhsam
und am Ende hoffnungslos, als ich noch Samana war. Nun ist alles
leicht, leicht wie der Unterricht im Kussen, den mir Kamala gibt. Ich
brauche Kleider und Geld, sonst nichts, das sind kleine nahe Ziele,
sie storen einem nicht den Schlaf."
Langst hatte er das Stadthaus Kamalas erkundet, dort fand er sich am
andern Tage ein.
"Es geht gut," rief sie ihm entgegen. "Du wirst bei Kamaswami
erwartet, er ist der reichste Kaufmann dieser Stadt. Wenn du ihm
gefallst, wird er dich in Dienst nehmen. Sei klug, brauner Samana.
Ich habe ihm durch andre von dir erzahlen lassen. Sei freundlich
gegen ihn, er ist sehr machtig. Aber sei nicht zu bescheiden! Ich
will nicht, da? du sein Diener wirst, du sollst seinesgleichen werden,
sonst bin ich nicht mit dir zufrieden. Kamaswami fangt an, alt und
bequem zu werden. Gefallst du ihm, so wird er dir viel anvertrauen."
Siddhartha dankte ihr und lachte, und da sie erfuhr, er habe gestern
und heute nichts gegessen, lie? sie Brot und Fruchte bringen und
bewirtete ihn.
"Du hast Gluck gehabt," sagte sie beim Abschied, "eine Tur um die
andre tut sich dir auf. Wie kommt das wohl? Hast du einen Zauber?"
Siddhartha sagte: "Gestern erzahlte ich dir, ich verstunde zu denken,
zu warten und zu fasten, du aber fandest, das sei zu nichts nutze. Es
ist aber zu vielem nutze, Kamala, du wirst es sehen. Du wirst sehen,
da? die dummen Samanas im Walde viel Hubsches lernen und konnen, das
Ihr nicht konnet. Vorgestern war ich noch ein struppiger Bettler,
gestern habe ich schon Kamala geku?t, und bald werde ich ein Kaufmann
sein und Geld haben und all diese Dinge, auf die du Wert legst."
"Nun ja," gab sie zu. "Aber wie stunde es mit dir ohne mich? Was
warest du, wenn Kamala dir nicht hulfe?"
"Liebe Kamala," sagte Siddhartha und richtete sich hoch auf, "als ich
zu dir in deinen Hain kam, tat ich den ersten Schritt. Es war mein
Vorsatz, bei dieser schonsten Frau die Liebe zu lernen. Von jenem
Augenblick an, da ich den Vorsatz fa?te, wu?te ich auch, da? ich ihn
ausfuhren werde. Ich wu?te, da? du mir helfen wurdest, bei deinem
ersten Blick am Eingang des Haines wu?te ich es schon."
"Wenn ich aber nicht gewollt hatte?"
"Du hast gewollt. Sieh, Kamala: Wenn du einen Stein ins Wasser wirfst,
so eilt er auf dem schnellsten Wege zum Grunde des Wassers. So ist
es, wenn Siddhartha ein Ziel, einen Vorsatz hat. Siddhartha tut
nichts, er wartet, er denkt, er fastet, aber er geht durch die Dinge
der Welt hindurch wie der Stein durchs Wasser, ohne etwas zu tun, ohne
sich zu ruhren; er wird gezogen, er la?t sich fallen. Sein Ziel zieht
ihn an sich, denn er la?t nichts in seine Seele ein, was dem Ziel
widerstreben konnte. Das ist es, was Siddhartha bei den Samanas
gelernt hat. Es ist das, was die Toren Zauber nennen und wovon sie
meinen, es werde durch die Damonen bewirkt. Nichts wird von Damonen
bewirkt, es gibt keine Damonen. Jeder kann zaubern, jeder kann seine
Ziele erreichen, wenn er denken kann, wenn er warten kann, wenn er
fasten kann."
Kamala horte ihm zu. Sie liebte seine Stimme, sie liebte den Blick
seiner Augen.
"Vielleicht ist es so," sagte sie leise, "wie du spriehst, Freund.
Vielleicht ist es aber auch so, da? Siddhartha ein hubscher Mann ist,
da? sein Blick den Frauen gefallt, da? darum das Gluck ihm
entgegenkommt."
Mit einem Ku? nahm Siddhartha Abschied. "Moge es so sein, meine
Lehrerin. Moge immer mein Blick dir gefallen, moge immer von dir mir
Gluck entgegenkommen!"
BEI DEN KINDERMENSCHEN
Siddhartha ging zum Kaufmann Kamaswami, in ein reiches Haus ward er
gewiesen, Diener fuhrten ihn zwischen kostbaren Teppichen in ein
Gemach, wo er den Hausherrn erwartete.
Kamaswami trat ein, ein rascher, geschmeidiger Mann mit stark
ergrauendem Haar, mit sehr klugen, vorsichtigen Augen, mit einem
begehrlichen Mund. Freundlich begru?ten sich Herr und Gast.
"Man hat mir gesagt," begann der Kaufmann, "da? du ein Brahmane bist,
ein Gelehrter, da? du aber Dienste bei einem Kaufmann suchst. Bist du
denn in Not geraten, Brahmane, da? du Dienste suchst?"
"Nein," sagte Siddhartha, "ich bin nicht in Not geraten und bin nie in
Not gewesen. Wisse, da? ich von den Samanas komme, bei welchen ich
lange Zeit gelebt habe."
"Wenn du von den Samanas kommst, wie solltest du da nicht in Not sein?
Sind nicht die Samanas vollig besitzlos?",
"Besitzlos bin ich," sagte Siddhartha, "wenn es das ist, was du meinst.
Gewi? bin ich besitzlos. Doch bin ich es freiwillig, bin also nicht
in Not."
"Wovon aber willst du leben, wenn du besitzlos bist?"
"Ich habe daran noch nie gedacht, Herr. Ich bin mehr als drei Jahre
besitzlos gewesen, und habe niemals daran gedacht, wovon ich leben
solle."
"So hast du vom Besitz anderer gelebt."
"Vermutlich ist es so. Auch der Kaufmann lebt ja von der Habe anderer."
"Wohl gesprochen. Doch nimmt er von den andern das ihre nicht umsonst;
er gibt ihnen seine Waren dafur."
"So scheint es sich in der Tat zu verhalten. Jeder nimmt, jeder gibt,
so ist das Leben."
"Aber erlaube: wenn du besitzlos bist, was willst du da geben?"
"Jeder gibt, was er hat. Der Krieger gibt Kraft, der Kaufmann gibt
Ware, der Lehrer Lehre, der Bauer Reis, der Fischer Fische."
"Sehr wohl. Und was ist es nun, was du zu geben hast? Was ist es,
das du gelernt hast, das du kannst?"
"Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten."
"Das ist alles?"
"Ich glaube, es ist alles!"
"Und wozu nutzt es? Zum Beispiel das Fasten—wozu ist es gut?"
"Es ist sehr gut, Herr. Wenn ein Mensch nichts zu essen hat, so ist
Fasten das Allerklugste, was er tun kann. Wenn, zum Beispiel,
Siddhartha nicht fasten gelernt hatte, so mu?te er heute noch
irgendeinen Dienst annehmen, sei es bei dir oder wo immer, denn der
Hunger wurde ihn dazu zwingen. So aber kann Siddhartha ruhig warten,
er kennt keine Ungeduld, er kennt keine Notlage, lange kann er sich
vom Hunger belagern lassen und kann dazu lachen. Dazu, Herr, ist
Fasten gut."
"Du hast Recht, Samana. Warte einen Augenblick."
Kamaswami ging hinaus und kehrte mit einer Rolle wieder, die er seinem
Gaste hinreichte, indem er fragte: "Kannst du dies lesen?"
Siddhartha betrachtete die Rolle, in welcher ein Kaufvertrag
niedergeschrieben war, und begann ihren Inhalt vorzulesen.
"Vortrefflich", sagte Kamaswami. "Und willst du mir etwas auf dieses
Blatt schreiben?"
Er gab ihm ein Blatt und einen Griffel, und Siddhartha schrieb und gab
das Blatt zuruck.
Kamaswami las: "Schreiben ist gut, Denken ist besser. Klugheit ist
gut, Geduld ist besser."
"Vorzuglich verstehst du zu schreiben," lobte der Kaufmann. "Manches
werden wir noch miteinander zu sprechen haben. Fur heute bitte ich
dich, sei mein Gast und nimm in diesem Hause Wohnung."
Siddhartha dankte und nahm an, und wohnte nun im Hause des Handlers.
Kleider wurden ihm gebracht, und Schuhe, und ein Diener bereitete ihm
taglich das Bad. Zweimal am Tage wurde eine reichliche Mahlzeit
aufgetragen, Siddhartha aber a? nur einmal am Tage, und a? weder
Fleisch noch trank er Wein. Kamaswami erzahlte ihm von seinem Handel,
zeigte ihm Waren und Magazine, zeigte ihm Berechnungen. Vieles Neue
lernte Siddhartha kennen, er horte viel und sprach wenig. Und der
Worte Kamalas eingedenk, ordnete er sich niemals dem Kaufmanne unter,
zwang ihn, da? er ihn als seinesgleichen, ja als mehr denn
seinesgleichen behandle. Kamaswami betrieb seine Geschafte mit
Sorglichkeit und oft mit Leidenschaft, Siddhartha aber betrachtete
dies alles wie ein Spiel, dessen Regeln genau zu lernen er bemuht war,
dessen Inhalt aber sein Herz nicht beruhrte.
Nicht lange war er in Kamaswamis Hause, da nahm er schon an seines
Hausherrn Handel teil. Taglich aber zu der Stunde, die sie ihm nannte,
besuchte er die schone Kamala, in hubschen Kleidern, in feinen
Schuhen, und bald brachte er ihr auch Geschenke mit. Vieles lehrte
ihn ihr roter, kluger Mund. Vieles lehrte ihn ihre zarte,
geschmeidige Hand. Ihm, der in der Liebe noch ein Knabe war und dazu
neigte, sich blindlings und unersattlich in die Lust zu sturzen wie
ins Bodenlose, lehrte sie von Grund auf die Lehre, da? man Lust nicht
nehmen kann, ohne Lust zu geben, und da? jede Gebarde, jedes
Streicheln, jede Beruhrung, jeder Anblick, jede kleinste Stelle des
Korpers ihr Geheimnis hat, das zu wecken dem Wissenden Gluck bereitet.
Sie lehrte ihn, da? Liebende nach einer Liebesfeier nicht voneinander
gehen durfen, ohne eins das andere zu bewundern, ohne ebenso besiegt
zu sein, wie gesiegt zu haben, so da? bei keinem von beiden
Ubersattigung und Ode entstehe und das bose Gefuhl, mi?braucht zu
haben oder mi?braucht worden zu sein. Wunderbare Stunden brachte er
bei der schonen und klugen Kunstlerin zu, wurde ihr Schuler, ihr
Liebhaber, ihr Freund. Hier bei Kamala lag der Wert und Sinn seines
jetzigen Lebens, nicht im Handel des Kamaswami.
Der Kaufmann ubertrug ihm das Schreiben wichtiger Briefe und Vertrage,
und gewohnte sich daran, alle wichtigen Angelegenheiten mit ihm zu
beraten. Er sah bald, da? Siddhartha von Reis und Wolle, von
Schiffahrt und Handel wenig verstand, da? aber seine Hand eine
gluckliche war, und da? Siddhartha ihn, den Kaufmann, ubertraf an Ruhe
und Gleichmut, und in der Kunst des Zuhorenkonnens und Eindringens in
fremde Menschen. "Dieser Brahmane," sagte er zu einem Freunde, "ist
kein richtiger Kaufmann und wird nie einer werden, nie ist seine Seele
mit Leidenschaft bei den Geschaften. Aber er hat das Geheimnis jener
Menschen, zu welchen der Erfolg von selber kommt, sei das nun ein
angeborener guter Stern, sei es Zauber, sei es etwas, das er bei den
Samanas gelernt hat. Immer scheint er mit den Geschaften nur
zu spielen, nie gehen sie ganz in ihn ein, nie beherrschen sie ihn, nie
furchtet er Mi?erfolg, nie bekummert ihn ein Verlust."
Der Freund riet dem Handler: "Gib ihm von den Geschaften, die er fur
dich treibt, einen Drittel vom Gewinn, la? ihn aber auch denselben
Anteil des Verlustes treffen, wenn Verlust entsteht. So wird er
eifriger werden."
Kamaswami folgte dem Rat. Siddhartha aber kummerte sich wenig darum.
Traf ihn Gewinn, so nahm er ihn gleichmutig hin; traf ihn Verlust, so
lachte er und sagte: "Ei sieh, dies ist also schlecht gegangen!"
Es schien in der Tat, als seien die Geschafte ihm gleichgultig.
Einmal reiste er in ein Dorf, um dort eine gro?e Reisernte aufzukaufen.
Als er ankam, war aber der Reis schon an einen andern Handler
verkauft. Dennoch blieb Siddhartha manche Tage in jenem Dorf,
bewirtete die Bauern, schenkte ihren Kindern Kupfermunzen, feierte
eine Hochzeit mit und kam uberaus zufrieden von der Reise zuruck.
Kamaswami machte ihm Vorwurfe, da? er nicht sogleich umgekehrt sei,
da? er Zeit und Geld vergeudet habe. Siddhartha antwortete: "La? das
Schelten, lieber Freund! Noch nie ist mit Schelten etwas erreicht
worden. Ist Verlust entstanden, so la? mich den Verlust tragen. Ich
bin sehr zufrieden mit dieser Reise. Ich habe vielerlei Menschen
kennengelernt, ein Brahmane ist mein Freund geworden, Kinder sind auf
meinen Knien geritten, Bauern haben mir ihre Felder gezeigt, niemand
hat mich fur einen Handler gehalten."
"Sehr hubsch ist dies alles," rief Kamaswami unwillig, "aber
tatsachlich bist du doch ein Handler, sollte ich meinen! Oder bist du
denn nur zu deinem Vergnugen gereist?"
"Gewi?," lachte Siddhartha, "gewi? bin ich zu meinem Vergnugen gereist.
Wozu denn sonst? Ich habe Menschen und Gegenden kennen gelernt, ich
habe, Freundlichkeit und Vertrauen genossen, ich habe Freundschaft
gefunden. Sieh, Lieber, wenn ich Kamaswami gewesen ware, so ware ich
sofort, als ich meinen Kauf vereitelt sah, voll Arger und in Eile
wieder zuruckgereist, und Zeit und Geld ware in der Tat verloren
gewesen. So aber habe ich gute Tage gehabt, habe gelernt, habe Freude
genossen, habe weder mich noch andre durch Arger und durch
Eilfertigkeit geschadigt. Und wenn ich jemals wieder dorthin komme,
vielleicht um eine spatere Ernte zu kaufen, oder zu welchem Zwecke es
sei, so werden freundliche Menschen mich freundlich und heiter
empfangen, und ich werde mich dafur loben, da? ich damals nicht Eile
und Unmut gezeigt habe. Also la? gut sein, Freund, und schade dir
nicht durch Schelten! Wenn der Tag kommt, an dem du sehen wirst:
Schaden bringt mir dieser Siddhartha, dann sprich ein Wort, und
Siddhartha wird seiner Wege gehen. Bis dahin aber la? uns einer mit
dem andern zufrieden sein."
Vergeblich waren auch die Versuche des Kaufmanns, Siddhartha zu
uberzeugen, da? er sein, Kamaswamis, Brot esse. Siddhartha a? sein
eignes Brot, vielmehr sie beide a?en das Brot anderer, das Brot aller.
Niemals hatte Siddhartha ein Ohr fur Kamaswamis Sorgen, und Kamaswami
machte sich viele Sorgen. War ein Geschaft im Gange, welchem
Mi?erfolg drohte, schien eine Warensendung verloren, schien ein
Schuldner nicht zahlen zu konnen, nie konnte Kamaswami seinen
Mitarbeiter uberzeugen, da? es nutzlich sei, Worte des Kummers oder
des Zornes zu verlieren, Falten auf der Stirn zu haben, schlecht zu
schlafen. Als ihm Kamaswami einstmals vorhielt, er habe alles, was er
verstehe, von ihm gelernt, gab er zur Antwort: "Wolle mich doch nicht
mit solchen Spa?en zum Besten haben! Von dir habe ich gelernt,
wieviel ein Korb voll Fische kostet, und wieviel Zins man fur
geliehenes Geld fordern kann. Das sind deine Wissenschaften. Denken
habe ich nicht bei dir gelernt, teurer Kamaswami, suche lieber du es
von mir zu lernen."
In der Tat war seine Seele nicht beim Handel. Die Geschafte waren gut,
um ihm Geld fur Kamala einzubringen, und sie brachten weit mehr ein,
als er brauchte. Im ubrigen war Siddharthas Teilnahme und Neugierde
nur bei den Menschen, deren Geschafte, Handwerke, Sorgen,
Lustbarkeiten und Torheiten ihm fruher fremd und fern gewesen waren
wie der Mond. So leicht es ihm gelang, mit allen zu sprechen, mit
allen zu leben, von allen zu lernen, so sehr ward ihm dennoch bewu?t,
da? etwas sei, was ihn von ihnen trenne, und dies Trennende war sein
Samanatum. Er sah die Menschen auf eine kindliche oder tierhafte Art
dahinleben, welche er zugleich liebte und auch verachtete. Er sah sie
sich muhen, sah sie leiden und grau werden um Dinge, die ihm dieses
Preises ganz unwert schienen, um Geld, um kleine Lust, um kleine Ehren,
er sah sie einander schelten und beleidigen, er sah sie um Schmerzen
wehklagen, uber die der Samana lachelt, und unter Entbehrungen leiden,
die ein Samana nicht fuhlt.
Allem stand er offen, was diese Menschen ihm zubrachten. Willkommen
war ihm der Handler, der ihm Leinwand zum Kauf anbot, willkommen der
Verschuldete, der ein Darlehen suchte, willkommen der Bettler, der ihm
eine Stunde lang die Geschichte seiner Armut erzahlte, und welcher
nicht halb so arm war als ein jeder Samana. Den reichen auslandischen
Handler behandelte er nicht anders als den Diener, der ihn rasierte,
und den Stra?enverkaufer, von dem er sich beim Bananenkauf um kleine
Munze betrugen lie?. Wenn Kamaswami zu ihm kam, um uber seine Sorgen
zu klagen oder ihm wegen eines Geschaftes Vorwurfe zu machen, so horte
er neugierig und heiter zu, wunderte sich uber ihn, suchte ihn zu
verstehen, lie? ihn ein wenig Recht haben, eben soviel als ihm
unentbehrlich schien, und wandte sich von ihm ab, dem Nachsten zu, der
ihn begehrte. Und es kamen viele zu ihm, viele um mit ihm zu handeln,
viele um ihn zu betrugen, viele um ihn auszuhorchen, viele um sein
Mitleid anzurufen, viele um seinen Rat zu horen. Er gab Rat, er
bemitleidete, er schenkte, er lie? sich ein wenig betrugen, und dieses
ganze Spiel und die Leidenschaft, mit welcher alle Menschen dies Spiel
betrieben, beschaftigte seine Gedanken ebensosehr, wie einst die
Gotter und das Brahman sie beschaftigt hatten.
Zuzeiten spurte er, tief in der Brust, eine sterbende, leise Stimme,
die mahnte leise, klagte leise, kaum da? er sie vernahm. Alsdann kam
ihm fur eine Stunde zum Bewu?tsein, da? er ein seltsames Leben fuhre,
da? er da lauter Dinge tue, die blo? ein Spiel waren, da? er wohl
heiter sei und zuweilen Freude fuhle, da? aber das eigentliche Leben
dennoch an ihm vorbeiflie?e und ihn nicht beruhre. Wie ein
Ballspieler mit seinen Ballen spielt, so spielte er mit seinen
Geschaften, mit den Menschen seiner Umgebung, sah ihnen zu, fand
seinen Spa? an ihnen; mit dem Herzen, mit der Quelle seines Wesens war
er nicht dabei. Die Quelle lief irgendwo, wie fern von ihm, lief und
lief unsichtbar, hatte nichts mehr mit seinem Leben zu tun. Und
einigemal erschrak er ob solchen Gedanken und wunschte sich, es moge
doch auch ihm gegeben sein, bei all dem kindlichen Tun des Tages mit
Leidenschaft und mit dem Herzen beteiligt zu sein, wirklich zu leben,
wirklich zu tun, wirklich zu genie?en und zu leben, statt nur so als
ein Zuschauer daneben zu stehen. Immer aber kam er wieder zur schonen
Kamala, lernte Liebeskunst, ubte den Kult der Lust, bei welchem mehr
als irgendwo geben und nehmen zu einem wird, plauderte mit ihr, lernte
von ihr, gab ihr Rat, empfing Rat. Sie verstand ihn besser, als
Govinda ihn einst verstanden hatte, sie war ihm ahnlicher.
Einmal sagte er zu ihr: "Du bist wie ich, du bist anders als die
meisten Menschen. Du bist Kamala, nichts andres, und in dir innen ist
eine Stille und Zuflucht, in welche du zu jeder Stunde eingehen und
bei dir daheim sein kannst, so wie auch ich es kann. Wenige Menschen
haben das, und doch konnten alle es haben."
"Nicht alle Menschen sind klug," sagte Kamala.
"Nein," sagte Siddhartha, "nicht daran liegt es. Kamaswami ist ebenso
klug wie ich, und hat doch keine Zu flucht in sich. Andre haben sie,
die an Verstand kleine Kinder sind. Die meisten Menschen, Kamala,
sind wie ein fallendes Blatt, das weht und dreht sich durch die Luft,
und schwankt, und taumelt zu Boden. Andre aber, wenige, sind wie
Sterne, die gehen eine feste Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich
selber haben sie ihr Gesetz und ihre Bahn. Unter allen Gelehrten und
Samanas, deren ich viele kannte, war einer von dieser Art, ein
Vollkommener, nie kann ich ihn vergessen. Es ist jener Gotama, der
Erhabene, der Verkundiger jener Lehre. Tausend Junger horen jeden Tag
seine. Lehre, folgen jede Stunde seiner Vorschrift, aber sie alle
sind fallendes Laub, nicht in sich selbst haben sie Lehre und Gesetz."
Kamala betrachtete ihn mit Lacheln. "Wieder redest du von ihm," sagte
sie, "wieder hast du Samana-Gedanken."
Siddhartha schwieg, und sie spielten das Spiel der Liebe, eines von
den drei?ig oder vierzig verschiedenen Spielen, welche Kamala wu?te.
Ihr Leib war biegsam wie der eines Jaguars, und wie der Bogen eines
Jagers; wer von ihr die Liebe gelernt hatte, war vieler Luste, vieler
Geheimnisse kundig. Lange spielte sie mit Siddhartha, lockte ihn, wies
ihn zuruck, zwang ihn, umspannte ihn: freute sich seiner Meisterschaft,
bis er besiegt war und erschopft an ihrer Seite ruhte.
Die Hetare beugte sich uber ihn, sah lang in sein Gesicht, in seine
mudgewordenen Augen.
"Du bist der beste Liebende," sagte sie nachdenklich, "den ich gesehen
habe. Du bist starker als andre, biegsamer, williger. Gut hast du
meine Kunst gelernt, Siddhartha. Einst, wenn ich alter bin, will ich
von dir ein Kind haben. Und dennoch, Lieber, bist du ein Samana
geblieben, dennoch liebst du mich nicht, du liebst keinen Menschen.
Ist es nicht so?"
"Es mag wohl so sein", sagte Siddhartha mude. "Ich bin wie du. Auch
du liebst nicht—wie konntest du sonst die Liebe als eine Kunst
betreiben? Die Menschen von unserer Art konnen vielleicht nicht
lieben. Die Kindermenschen konnen es; das ist ihr Geheimnis."
SANSARA
Lange Zeit hatte Siddhartha das Leben der Welt und der Luste gelebt,
ohne ihm doch anzugehoren. Seine Sinne, die er in hei?en
Samana-Jahren ertotet hatte, waren wieder erwacht, er hatte Reichtum
gekostet, hatte Wollust gekostet, hatte Macht gekostet; dennoch war er
lange Zeit im Herzen noch ein Samana geblieben, dies hatte Kamala, die
Kluge, richtig erkannt. Immer noch war es die Kunst des Denkens, des
Wartens, des Fastens, von welcher sein Leben gelenkt wurde, immer noch
waren die Menschen der Welt, die Kindermenschen, ihm fremd geblieben,
wie er ihnen fremd war.
Die Jahre liefen dahin, in Wohlergehen eingehullt fuhlte Siddhartha
ihr Schwinden kaum. Er war reich geworden, er besa? langst ein
eigenes Haus und eigene Dienerschaft, und einen Garten vor der Stadt
am Flusse. Die Menschen hatten ihn gerne, sie kamen zu ihm, wenn sie
Geld oder Rat brauchten, niemand aber stand ihm nahe, au?er Kamala.
Jenes hohe, helle Wachsein, welches er einst, auf der Hohe seiner
Jugend, erlebt hatte, in den Tagen nach Gotamas Predigt, nach der
Trennung von Govinda, jene gespannte Erwartung, jenes stolze
Alleinstehen ohne Lehren und ohne Lehrer, jene geschmeidige
Bereitschaft, die gottliche Stimme im eigenen Herzen zu horen, war
allmahlich Erinnerung geworden, war verganglich gewesen; fern und
leise rauschte die heilige Quelle, die einst nahe gewesen war, die
einst in ihm selber gerauscht hatte. Vieles zwar, das er von den
Samanas gelernt, das er von Gotama gelernt, das er von seinem Vater,
dem Brahmanen, gelernt hatte, war noch lange Zeit in ihm geblieben:
ma?iges Leben, Freude am Denken, Stunden der Versenkung, heimliches
Wissen vom Selbst, vom ewigen Ich, das nicht Korper noch Bewu?tsein
ist. Manches davon war in ihm geblieben, eines ums andre aber war
untergesunken und hatte sich mit Staub bedeckt. Wie die Scheibe des
Topfers, einmal angetrieben, sich noch lange dreht und nur langsam
ermudet und ausschwingt, so hatte in Siddharthas Seele das Rad der
Askese, das Rad des Denkens, das Rad der Unterscheidung lange weiter
geschwungen, schwang immer noch, aber es schwang langsam und zogernd
und war dem Stillstand nahe. Langsam, wie Feuchtigkeit in den
absterbenden Baumstrunk dringt, ihn langsam fullt und faulen macht,
war Welt und Tragheit in Siddharthas Seele gedrungen, langsam fullte
sie seine Seele, machte sie schwer, machte sie mude, schlaferte sie
ein. Dafur waren seine Sinne lebendig geworden, viel hatten sie
gelernt, viel erfahren.
Siddhartha hatte gelernt, Handel zu treiben, Macht uber Menschen
auszuuben, sich mit dem Weibe zu vergnugen, er hatte gelernt, schone
Kleider zu tragen, Dienern zu befehlen, sich in wohlriechenden Wassern
zu baden. Er hatte gelernt, zart und sorgfaltig bereitete Speisen zu
essen, auch den Fisch, auch Fleisch und Vogel, Gewurze und Su?igkeiten,
und den Wein zu trinken, der trage und vergessen macht. Er hatte
gelernt, mit Wurfeln und auf dem Schachbrette zu spielen, Tanzerinnen
zuzusehen, sich in der Sanfte tragen zu lassen, auf einem weichen Bett
zu schlafen. Aber immer noch hatte er sich von den andern verschieden
und ihnen uberlegen gefuhlt, immer hatte er ihnen mit ein wenig Spott
zugesehen, mit ein wenig spottischer Verachtung, mit eben jener
Verachtung, wie sie ein Samana stets fur Weltleute fuhlt. Wenn
Kamaswami kranklich war, wenn er argerlich war, wenn er sich beleidigt
fuhlte, wenn er von seinen Kaufmannssorgen geplagt wurde, immer hatte
Siddhartha es mit Spott angesehen. Langsam und unmerklich nur, mit
den dahingehenden Erntezeiten und Regenzeiten, war sein Spott muder
geworden, war seine Uberlegenheit stiller geworden. Langsam nur,
zwischen seinen wachsenden Reichtumern, hatte Siddhartha selbst etwas
von der Art der Kindermenschen angenommen, etwas von ihrer
Kindlichkeit und von ihrer Angstlichkeit. Und doch beneidete er sie,
beneidete sie desto mehr, je ahnlicher er ihnen wurde. Er beneidete
sie um das Eine, was ihm fehlte und was sie hatten, um die Wichtigkeit,
welche sie ihrem Leben beizulegen vermochten, um die
Leidenschaftlichkeit ihrer Freuden und Angste, um das bange aber su?e
Gluck ihrer ewigen Verliebtheit. In sich selbst, in Frauen, in ihre
Kinder, in Ehre oder Geld, in Plane oder Hoffnungen verliebt waren
diese Menschen immerzu. Er aber lernte dies nicht von ihnen, gerade
dies nicht, diese Kinderfreude und Kindertorheit; er lernte von ihnen
gerade das Unangenehme, was er selbst verachtete. Es geschah immer
ofter, da? er am Morgen nach einem geselligen Abend lange liegen blieb
und sich dumpf und mude fuhlte. Es geschah, da? er argerlich und
ungeduldig wurde, wenn Kamaswami ihn mit seinen Sorgen lang weilte.
Es geschah, da? er allzu laut lachte, wenn er im Wurfelspiel verlor.
Sein Gesicht war noch immer kluger und geistiger als andre, aber es
lachte selten, und nahm einen um den andern jene Zuge an, die man im
Gesicht reicher Leute so haufig findet, jene Zuge der Unzufriedenheit,
der Kranklichkeit, des Mi?mutes, der Trag heit, der Lieblosigkeit.
Langsam ergriff ihn die Seelen krankheit der Reichen.
Wie ein Schleier, wie ein dunner Nebel senkte sich Mudigkeit uber
Siddhartha, langsam, jeden Tag ein wenig dichter, jeden Monat ein
wenig truber, jedes Jahr ein wenig schwerer. Wie ein neues Kleid mit
der Zeit alt wird, mit der Zeit seine schone Farbe verliert, Flecken
bekommt, Falten bekommt, an den Saumen abgesto?en wird und hier und
dort blode, fadige Stellen zu zeigen beginnt, so war Siddharthas neues
Leben, das er nach seiner Trennung von Govinda begonnen hatte, alt
geworden, so verlor es mit den hinrinnenden Jahren Farbe und Glanz, so
sammelten sich Falten und Flecken auf ihm, und im Grunde verborgen,
hier und dort schon ha?lich hervorblickend, wartete Enttauschung und
Ekel. Siddhartha merkte es nicht. Er merkte nur, das jene helle und
sichere Stimme seines Innern, die einst in ihm erwacht war und ihn in
seinen glanzenden. Zeiten je und je geleitet hatte, schweigsam
geworden war.
Die Welt hatte ihn eingefangen, die Lust, die Begehrlichkeit, die
Tragheit, und zuletzt auch noch jenes Laster, das er als das
torichteste stets am meisten verachtet und gehohnt hatte: die Habgier.
Auch das Eigentum, der Besitz und Reichtum hatte ihn schlie?lich
eingefangen, war ihm kein Spiel und Tand mehr, war Kette und Last
geworden. Auf einem seltsamen und listigen Wege war Siddhartha in
diese letzte und schnodeste Abhangigkeit geraten, durch das
Wurfelspiel. Seit der Zeit namlich, da er im Herzen aufgehort hatte,
ein Samana zu sein, begann Siddhartha das Spiel um Geld und
Kostbarkeiten, das er sonst lachelnd und lassig als eine Sitte der
Kindermenschen mitgemacht hatte, mit einer zunehmenden Wut und
Leidenschaft zu treiben. Er war ein gefurchteter Spieler, wenige
wagten es mit ihm, so hoch und frech waren seine Einsatze. Er trieb
das Spiel aus der Not seines Herzens, das Verspielen und Verschleudern
des elenden Geldes schuf ihm eine zornige Freude, auf keine andre
Weise konnte er seine Verachtung des Reichtums, des Gotzen der
Kaufleute, deutlicher und hohnischer zeigen. So spielte er hoch und
schonungslos, sich selbst hassend, sich selbst verhohnend, strich
Tausende ein, warf Tausende weg, verspielte Geld, verspielte Schmuck,
verspielte ein Landhaus, gewann wieder, verspielte wieder. Jene Angst,
jene furchtbare und beklemmende Angst, welche er wahrend des Wurfelns,
wahrend des Bangens um hohe Einsatze empfand, jene Angst liebte er
und suchte sie immer zu erneuern, immer zu steigern, immer hoher zu
kitzeln, denn in diesem Gefuhl allein noch fuhlte er etwas wie Gluck,
etwas wie Rausch, etwas wie erhohtes Leben inmitten seines gesattigten,
lauen, faden Lebens.
Und nach jedem gro?en Verluste sann er auf neuen Reichtum, ging
eifriger dem Handel nach, zwang strenger seine Schuldner zum Zahlen,
denn er wollte weiter spielen, er wollte weiter vergeuden, weiter dem
Reichtum seine Verachtung zeigen. Siddhartha verlor die Gelassenheit
bei Verlusten, er verlor die Geduld gegen saumige Zahler, verlor die
Gutmutigkeit gegen Bettler, verlor die Lust am Verschenken und
Wegleihen des Geldes an Bittende. Er, der zehntausend auf einen Wurf
verspielte und dazu lachte, wurde im Handel strenger und kleinlicher,
traumte nachts zuweilen von Geld! Und so oft er aus dieser ha?lichen
Bezauberung erwachte, so oft er sein Gesicht im Spiegel an der
Schlafzimmerwand gealtert und ha?licher geworden sah, so oft Scham und
Ekel ihn uberfiel, floh er weiter, floh in neues Glucksspiel, floh in
Betaubungen der Wollust, des Weines, und von da zuruck in den Trieb
des Haufens und Erwerbens. In diesem sinnlosen Kreislauf lief er sich
mude, lief er sich alt, lief sich krank.
Da mahnte ihn einst ein Traum. Er war die Abendstunden bei Kamala
gewesen, in ihrem schonen Lustgarten. Sie waren unter den Baumen
gesessen, im Gesprach, und Kamala hatte nachdenkliche Worte gesagt,
Worte, hinter welchen sich eine Trauer und Mudigkeit verbarg. Von
Gotama hatte sie ihn gebeten zu erzahlen, und konnte nicht genug von
ihm horen, wie rein sein Auge, wie still und schon sein Mund, wie
gutig sein Lacheln, wie friedevoll sein Gang gewesen. Lange hatte er
ihr vom erhabenen Buddha erzahlen mussen, und Kamala hatte geseufzt,
und hatte gesagt: "Jinst, vielleicht bald, werde auch ich diesem Buddha
folgen. Ich werde ihm meinen Lustgarten schenken, und werde meine
Zuflucht zu seiner Lehre nehmen." Darauf aber hatte sie ihn gereizt,
und ihn im Liebesspiel mit schmerzlicher Inbrunst an sich gefesselt,
unter Bissen und unter Tranen, als wolle sie noch einmal aus dieser
eiteln, verganglichen Lust den letzten su?en Tropfen pressen. Nie war
es Siddhartha so seltsam klar geworden, wie nahe die Wollust dem Tode
verwandt ist. Dann war er an ihrer Seite gelegen, und Kamalas Antlitz
war ihm nahe gewesen, und unter ihren Augen und neben ihren
Mundwinkeln hatte er, deutlich wie noch niemals, eine bange Schrift
gelesen, eine Schrift von feinen Linien, von leisen Furchen, eine
Schrift, die an den Herbst und an das Alter erinnerte, wie denn auch
Siddhartha selbst, der erst in den Vierzigen stand, schon hier und
dort ergraute Haare zwischen seinen schwarzen bemerkt hatte.
Mudigkeit stand auf Kamalas schonem Gesicht geschrieben, Mudigkeit vom
Gehen eines langen Weges, der kein frohes Ziel hat, Mudigkeit und
beginnende Welke, und verheimlichte, noch nicht gesagte, vielleicht
noch nicht einmal gewu?te Bangigkeit: Furcht vor dem Alter, Furcht vor
dem Herbste, Furcht vor dem Sterbenmussen. Seufzend hatte er von ihr
Abschied genommen, die Seele voll Unlust, und voll verheimlichter
Bangigkeit.
Dann hatte Siddhartha die Nacht in seinem Hause mit Tanzerinnen beim
Weine zugebracht, hatte gegen seine Standesgenossen den uberlegenen
gespielt, welcher er nicht mehr war, hatte viel Wein getrunken und
spat nach Mitternacht sein Lager aufgesucht, mude und dennoch erregt,
dem Weinen und der Verzweiflung nahe, und hatte lang vergeblich den
Schlaf gesucht, das Herz voll eines Elendes, das er nicht mehr
ertragen zu konnen meinte, voll eines Ekels, von dem er sich
durchdrungen fuhlte wie vom lauen, widerlichen Geschmack des Weines,
der allzu su?en, oden Musik, dem allzu weichen Lacheln der Tanzerinnen,
dem allzu su?en Duft ihrer Haare und Bruste. Mehr aber als vor allem
anderen ekelte ihm vor sich selbst, vor seinen duftenden Haaren, vor
dem Weingeruch seines Mundes, vor der schlaffen Mudigkeit und Unlust
seiner Haut. Wie wenn einer, der allzuviel gegessen oder getrunken
hat, es unter Qualen wieder erbricht und doch der Erleichterung froh
ist, so wunschte sich der Schlaflose, in einem ungeheuren Schwall von
Ekel sich dieser Genusse, dieser Gewohnheiten, dieses ganzen sinnlosen
Lebens und seiner selbst zu entledigen. Erst beim Schein des Morgens
und dem Erwachen der ersten Geschaftigkeit auf der Stra?e vor seinem
Stadthause war er eingeschlummert, hatte fur wenige Augenblicke eine
halbe Betaubung, eine Ahnung von Schlaf gefunden. In diesen
Augenblicken hatte er einen Traum:
Kamala besa? in einem goldenen Kafig einen kleinen seltenen Singvogel.
Von diesem Vogel traumte er. Er traumte: dieser Vogel war stumm
geworden, der sonst stets in der Morgenstunde sang, und da dies ihm
auffiel, trat er vor den Kafig und blickte hinein, da war der kleine
Vogel tot und lag steif am Boden. Er nahm ihn heraus, wog ihn einen
Augenblick in der Hand und warf ihn dann weg, auf die Gasse hinaus,
und im gleichen Augenblick erschrak er furchtbar, und das Herz tat ihm
weh, so, als habe er mit diesem toten Vogel allen Wert und alles Gute
von sich geworfen.
Aus diesem Traum auffahrend, fuhlte er sich von tiefer Traurigkeit
umfangen. Wertlos, so schien ihm, wertlos und sinnlos hatte er sein
Leben dahingefuhrt; nichts Lebendiges, nichts irgendwie Kostliches
oder Behaltenswertes war ihm in Handen geblieben. Allein stand er
und leer, wie ein Schiffbruchiger am Ufer.
Finster begab sich Siddhartha in einen Lustgarten, der ihm gehorte,
verschlo? die Pforte, setzte sich unter einem Mangobaum nieder, fuhlte
den Tod im Herzen und das Grauen in der Brust, sa? und spurte, wie es
in ihm starb, in ihm welkte, in ihm zu Ende ging. Allmahlich sammelte
er seine Gedanken, und ging im Geiste nochmals den ganzen Weg seines
Lebens, von den ersten Tagen an, auf welche er sich besinnen konnte.
Wann denn hatte er ein Gluck erlebt, eine wahre Wonne gefuhlt? O ja,
mehrere Male hatte er solches erlebt. In den Knabenjahren hatte er es
gekostet, wenn er von den Brahmanen Lob errungen hatte er es in seinem
Herzen gefuhlt: "Ein Weg liegt vor dem Hersagen der heiligen Verse, im
Disput mit den Gelehrten, als Gehilfe beim Opfer ausgezeichnet hatte."
Da hatte er es in seinem Herzen gefuhlt: "Ein Weg liegt vor dir, zu
dem du berufen bist, auf dich warten die Gotter." Und wieder als
Jungling, da ihn das immer hoher emporfliehende Ziel alles Nachdenkens
aus der Schar Gleichstrebender heraus- und hinangerissen hatte, da er
in Schmerzen um den Sinn des Brahman rang, da jedes erreichte Wissen
nur neuen Durst in ihm entfachte, da wieder hatte er, mitten im Durst,
mitten im Schmerze dieses selbe gefuhlt: "Weiter! Weiter! Du bist
berufen!" Diese Stimme hatte er vernommen, als er seine Heimat
verlassen und das Leben des Samana gewahlt hatte, und wieder, als er
von den Samanas hinweg zu jenem Vollendeten, und auch von ihm hinweg
ins Ungewisse gegangen war. Wie lange hatte er diese Stimme nicht
mehr gehort, wie lange keine Hohe mehr erreicht, wie eben und ode war
sein Weg dahingegangen, viele lange Jahre, ohne hohes Ziel, ohne Durst,
ohne Erhebung, mit kleinen Lusten zufrieden und dennoch nie begnugt!
Alle diese Jahre hatte er, ohne es selbst zu wissen, sich bemuht und
danach gesehnt, ein Mensch wie diese vielen zu werden, wie diese
Kinder, und dabei war sein Leben viel elender und armer gewesen als
das ihre, denn ihre Ziele waren nicht die seinen, noch ihre Sorgen,
diese ganze Welt der Kamaswami-Menschen war ihm ja nur ein Spiel
gewesen, ein Tanz, dem man zusieht, eine Komodie. Einzig Kamala war
ihm lieb, war ihm wertvoll gewesen—aber war sie es noch? Brauchte er
sie noch, oder sie ihn? Spielten sie nicht ein Spiel ohne Ende? War
es notwendig, dafur zu leben? Nein, es war nicht notwendig! Dieses
Spiel hie? Sansara, ein Spiel fur Kinder, ein Spiel, vielleicht hold
zu spielen, einmal, zweimal, zehnmal—aber immer und immer wieder?
Da wu?te Siddhartha, da? das Spiel zu Ende war, da? er es nicht mehr
spielen konne. Ein Schauder lief ihm uber den Leib, in seinem Innern,
so fuhlte er, war etwas gestorben.
Jenen ganzen Tag sa? er unter dem Mangobaume, seines Vaters gedenkend,
Govindas gedenkend, Gotamas gedenkend. Hatte er diese verlassen
mussen, um ein Kamaswami zu werden? Er sa? noch, als die Nacht
angebrochen war. Als er aufschauend die Sterne erblickte, dachte er:
"Hier sitze ich unter meinem Mangobaume, in meinem Lustgarten." Er
lachelte ein wenig—war es denn notwendig, war es richtig, war es
nicht ein torichtes Spiel, da? er einen Mangobaum, da? er einen Garten
besa??
Auch damit schlo? er ab, auch das starb in ihm. Er erhob sich, nahm
Abschied vom Mangobaum, Abschied vom Lustgarten. Da er den Tag ohne
Speise geblieben war, fuhlte er heftigen Hunger, und gedachte an sein
Haus in der Stadt, an sein Gemach und Bett, an den Tisch mit den
Speisen. Er lachelte mude, schuttelte sich und nahm Abschied von
diesen Dingen.
In derselben Nachtstunde verlie? Siddhartha seinen Garten, verlie? die
Stadt und kam niemals wieder. Lange lie? Kamaswami nach ihm suchen,
der ihn in Rauberhand gefallen glaubte. Kamala lie? nicht nach ihm
suchen. Als sie erfuhr, da? Siddhartha verschwunden sei, wunderte sie
sich nicht. Hatte sie es nicht immer erwartet? War er nicht ein
Samana, ein Heimloser, ein Pilger? Und am meisten hatte sie dies beim
letzten Zusammensein gefuhlt, und sie freute sich mitten im Schmerz
des Verlustes, da? sie ihn dieses letzte Mal noch so innig an ihr Herz
gezogen, sich noch einmal so ganz von ihm, besessen und durchdrungen
gefuhlt hatte.
Als sie die erste Nachricht von Siddharthas Verschwinden bekam, trat
sie ans Fenster, wo sie in einem goldenen Kafig einen seltenen
Singvogel gefangen hielt. Sie offnete die Tur des Kafigs, nahm den
Vogel heraus und lie? ihn fliegen. Lange sah sie ihm nach, dem
fliegenden Vogel. Sie empfing von diesem Tage an keine Besucher mehr,
und hielt ihr Haus verschlossen. Nach einiger Zeit aber ward sie inne,
da? sie von dem letzten Zusammensein mit Siddhartha schwanger sei.
AM FLUSSE
Siddhartha wanderte im Walde, schon fern von der Stadt, und wu?te
nichts als das eine, da? er nicht mehr zuruck konnte, da? dies Leben,
wie er es nun viele Jahre lang gefuhrt, voruber und dahin und bis zum
Ekel ausgekostet und ausgesogen war. Tot war der Singvogel, von dem
er getraumt. Tot war der Vogel in seinem Herzen. Tief war er in
Sansara verstrickt, Ekel und Tod hatte er von allen Seiten in sich
eingesogen, wie ein Schwamm Wasser einsaugt, bis er voll ist. Voll
war er von Uberdru?, voll von Elend, voll von Tod, nichts mehr gab es
in der Welt, das ihn locken, das ihn freuen, das ihn trosten konnte.
Sehnlich wunschte er, nichts mehr von sich zu wissen, Ruhe zu haben,
tot zu sein. Kame doch ein Blitz und erschluge ihn! Kame doch ein
Tiger und fra?e ihn! Gabe es doch einen Wein, ein Gift, das ihm
Betaubung brachte, Vergessen und Schlaf, und kein Erwachen mehr! Gab
es denn noch irgendeinen Schmutz, mit dem er sich nicht beschmutzt
hatte, eine Sunde und Torheit, die er nicht begangen, eine Seelenode,
die er nicht auf sich geladen hatte? War es denn noch moglich, zu
leben? War es moglich, nochmals und nochmals wieder Atem zu ziehen,
Atem auszusto?en, Hunger zu fuhlen, wieder zu essen, wieder zu
schlafen, wieder beim Weibe zu liegen? War dieser Kreislauf nicht fur
ihn erschopft und abgeschlossen?
Siddhartha gelangte an den gro?en Flu? im Walde, an denselben Flu?,
uber welchen ihn einst, als er noch ein junger Mann war und von der
Stadt des Gotama kam, ein Fahrmann gefuhrt hatte. An diesem Flusse
machte er Halt, blieb zogernd beim Ufer stehen. Mudigkeit und Hunger
hatten ihn geschwacht, und wozu auch sollte er weitergehen, wohin denn,
zu welchem Ziel? Nein, es gab keine Ziele mehr, es gab nichts mehr
als die tiefe, leidvolle Sehnsucht, diesen ganzen wusten Traum von
sich zu schutteln, diesen schalen Wein von sich zu speien, diesem
jammerlichen und schmachvollen Leben ein Ende zu machen.
Uber das Flu?ufer hing ein Baum gebeugt, ein Kokosbaum, an dessen
Stamm lehnte sich Siddhartha mit der Schulter, legte den Arm um den
Stamm und blickte in das grune Wasser hinab, das unter ihm zog und zog,
blickte hinab und fand sich ganz und gar von dem Wunsche erfullt,
sich loszulassen und in diesem Wasser unterzugehen. Eine schauerliche
Leere spiegelte ihm aus dem Wasser entgegen, welcher die furchtbare
Leere in seiner Seele Antwort gab. Ja, er war am Ende. Nichts mehr
gab es fur ihn, als sich auszuloschen, als das mi?lungene Gebilde
seines Lebens zu zerschlagen, es wegzuwerfen, hohnlachenden Gottern
vor die Fu?e. Dies war das gro?e Erbrechen, nach dem er sich gesehnt
hatte: der Tod, das Zerschlagen der Form, die er ha?te! Mochten ihn
die Fische fressen, diesen Hund von Siddhartha, diesen Irrsinnigen,
diesen verdorbenen und verfaulten Leib, diese erschlaffte und
mi?brauchte Seelel Mochten die Fische und Krokodile ihn fressen,
mochten die Damonen ihn zerstucken!
Mit verzerrtem Gesichte starrte er ins Wasser, sah sein Gesicht
gespiegelt und spie danach. In tiefer Mudigkeit loste er den Arm vom
Baumstamme und drehte sich ein wenig, um sich senkrecht hinabfallen zu
lassen, um endlich unterzugehen. Er sank, mit geschlossenen Augen,
dem Tod entgegen.
Da zuckte aus entlegenen Bezirken seiner Seele, aus Vergangenheiten
seines ermudeten Lebens her ein Klang. Es war ein Wort, eine Silbe,
die er ohne Gedanken mit lallender Stimme vor sich hinsprach, das alte
Anfangswort und Schlu?wort aller brahmanischen Gebete, das heilige
"OM", das so viel bedeutet wie "das Vollkommene" oder "die Vollendung".
Und im Augenblick, da der Klang "Om" Siddharthas Ohr beruhrte,
erwachte sein entschlummerter Geist plotzlich, und erkannte die
Torheit seines Tuns.
Siddhartha erschrak tief. So also stand es um ihn, so verloren war er,
so verirrt und von allem Wissen verlassen, da? er den Tod hatte
suchen konnen, da? dieser Wunsch, dieser Kinderwunsch in ihm hatte
gro? werden konnen: Ruhe zu finden, indem er seinen Leib ausloschte!
Was alle Qual dieser letzten Zeiten, alle Ernuchterung, alle
Verzweiflung nicht bewirkt hatte, das bewirkte dieser Augenblick, da
das Om in sein Bewu?tsein drang: da? er sich in seinem Elend und in
seiner Irrsal erkannte.
Om! sprach er vor sich hin: Om! Und wu?te um Brahman, wu?te um die
Unzerstorbarkeit des Lebens, wu?te um alles Gottliche wieder, das er
vergessen hatte.
Doch war dies nur ein Augenblick, ein Blitz. Am Fu? des Kokosbaumes
sank Siddhartha nieder, von der Ermudung—hingestreckt, Om murmelnd,
legte sein Haupt auf die Wurzel des Baumes und sank in tiefen Schlaf.
Tief war sein Schlaf und frei von Traumen, seit langer Zeit hatte er
einen solchen Schlaf nicht mehr gekannt. Als er nach manchen Stunden
erwachte, war ihm, als seien zehn Jahre vergangen, er horte das leise
Stromen des Wassers, wu?te nicht, wo er sei und wer ihn hierher
gebracht habe, schlug die Augen auf, sah mit Verwunderung Baume und
Himmel uber sich, und erinnerte sich, wo er ware und wie er hierher
gekommen sei. Doch bedurfte er hierzu einer langen Weile, und das
Vergangene erschien ihm wie von einem Schleier uberzogen, unendlich
fern, unendlich weit weg gelegen, unendlich gleichgultig. Er wu?te
nur, da? er sein fruheres Leben (im ersten Augenblick der Besinnung
erschien ihm dies fruhere Leben wie eine weit zuruckliegende, einstige
Verkorperung, wie eine fruhe Vorgeburt seines jetzigen Ich)—da? er
sein fruheres Leben verlassen habe, da? er voll Ekel und Elend sogar
sein Leben habe wegwerfen wollen, da? er aber an einem Flusse, unter
einem Kokosbaume, zu sich gekommen sei, das heilige Wort Om auf den
Lippen, dann entschlummert sei, und nun erwacht als ein neuer Mensch
in die Welt blicke. Leise sprach er das Wort Om vor sich hin, uber
welchem er eingeschlafen war, und ihm schien sein ganzer langer Schlaf
sei nichts als ein langes, versunkenes Om-Sprechen gewesen, ein
Om-Denken, ein Untertauchen und volliges Eingehen in Om, in das
Namenlose, Vollendete.
Was fur ein wunderbarer Schlaf war dies doch gewesen! Niemals hatte
ein Schlaf ihn so erfrischt, so erneut, so verjungt! Vielleicht war
er wirklich gestorben, war untergegangen und in einer neuen Gestalt
wiedergeboren? Aber nein, er kannte sich, er kannte seine Hand und
seine Fu?e, kannte den Ort, an dem er lag, kannte dies Ich in seiner
Brust, diesen Siddhartha, den Eigenwilligen, den Seltsamen, aber
dieser Siddhartha war dennoch verwandelt, war erneut, war merkwurdig
ausgeschlafen, merkwurdig wach, freudig und neugierig.
Siddhartha richtete sich empor, da sah er sich gegenuber einen
Menschen sitzen, einen fremden Mann, einen Monch in gelbem Gewande mit
rasiertem Kopfe, in der Stellung des Nachdenkens. Er betrachtete den
Mann, der weder Haupthaar noch Bart an sich hatte, und nicht lange
hatte er ihn betrachtet, da erkannte er in diesem Monche Govinda, den
Freund seiner Jugend, Govinda, der seine Zuflucht zum erhabenen Buddha
genommen hatte. Govinda war gealtert, auch er, aber noch immer trug
sein Gesicht die alten Zuge, sprach von Eifer, von Treue, von Suchen,
von Angstlichkeit. Als nun aber Govinda, seinen Blick fuhlend, das
Auge aufschlug und ihn anschaute, sah Siddhartha, da? Govinda ihn
nicht erkenne. Govinda freute sich, ihn wach zu finden, offenbar
hatte er lange hier gesessen und auf sein Erwachen gewartet, obwohl er
ihn nicht kannte.
"Ich habe geschlafen," sagte Siddhartha. "Wie bi?t denn du hierher
gekommen?"
"Du hast geschlafen," antwortete Govinda. "Es ist nicht gut, an
solchen Orten zu schlafen, wo haufig Schlangen sind und die Tiere des
Waldes ihre Wege haben. Ich, o Herr, bin ein Junger des erhabenen
Gotama, des Buddha, des Sakyamuni, und bin mit einer Zahl der Unsrigen
diesen Weg gepilgert, da sah ich dich liegen und schlafen an einem
Orte, wo es gefahrlich ist zu schlafen. Darum suchte ich dich zu
wecken, o Herr, und da ich sah, da? dein Schlaf sehr tief war, blieb
ich hinter den Meinigen zuruck und sa? bei dir. Und dann, so scheint
es, bin ich selbst eingeschlafen, der ich deinen Schlaf bewachen
wollte. Schlecht habe ich meinen Dienst versehen, Mudigkeit hat mich
ubermannt. Aber nun, da du ja wach bist, la? mich gehen, damit ich
meine Bruder einhole."
"Ich danke dir, Samana, da? du meinen Schlaf behutet hast," sprach
Siddhartha. "Freundlich seid Ihr Junger des Erhabenen. Nun magst du
denn gehen."
"Ich gehe, Herr. Moge der Herr sich immer wohl befinden."
"Ich danke dir, Samana."
Govinda machte das Zeichen des Gru?es und sagte: "Lebe wohl."
"Lebe wohl, Govinda," sagte Siddhartha.
Der Monch blieb stehen.
"Erlaube, Herr, woher kennst du meinen Namen?"
Da lachelte Siddhartha.
"Ich kenne dich, o Govinda, aus der Hutte deines Vaters, und aus der
Brahmanenschule, und von den Opfern, und von unsrem Gang zu den
Samanas, und von jener Stunde, da du im Hain Jetavdna deine Zuflucht
zum Erhabenen nahmest."
"Du bist Siddhartha!" rief Govinda laut. "Jetzt erkenne ich dich, und
begreife nicht mehr, wie ich dich nicht sogleich erkennen konnte. Sei
willkommen, Siddhartha, gro? ist meine Freude, dich wiederzusehen."
"Auch mich erfreut es, dich wiederzusehen. Du bist der Wachter meines
Schlafes gewesen, nochmals danke ich dir dafur, obwohl ich keines
Wachters bedurft hatte. Wohin gehst du, o Freund?"
"Nirgendshin gehe ich. Immer sind wir Monche unterwegs, solange nicht
Regenzeit ist, immer ziehen wir von Ort zu Ort, leben nach der Regel,
verkundigen die Lehre, nehmen Almosen, ziehen weiter. Immer ist es so.
Du aber, Siddhartha, wo gehst du hin?"
Sprach Siddhartha: "Auch mit mir steht es so, Freund, wie mit dir.
Ich gehe nirgendhin. Ich bin nur unterwegs. Ich pilgere."
Govinda sprach: "Du sagst: du pilgerst, und ich glaube dir. Doch
verzeih, o Siddhartha, nicht wie ein Pilger siehst du aus. Du tragst
das Kleid eines Reichen, du tragst die Schuhe eines Vornehmen, und
dein Haar, das nach wohlriechendem Wasser duftet, ist nicht das Haar
eines Pilgers, nicht das Haar eines Samanas."
"Wohl, Lieber, gut hast du beobachtet, alles sieht dein scharfes Auge.
Doch habe ich nicht zu dir gesagt, da? ich ein Samana sei. Ich sagte:
ich pilgere. Und so ist es: ich pilgere."
"Du pilgerst," sagte Govinda. "Aber wenige pilgern in solchem Kleide,
wenige in solchen Schuhen, wenige mit solchen Haaren. Nie habe ich,
der ich schon viele Jahre pilgere, solch einen Pilger angetroffen."
"Ich glaube es dir, mein Govinda. Aber nun, heute, hast du eben einen
solchen Pilger angetroffen, in solchen Schuhen, mit solchem Gewande.
Erinnere dich, Lieber: Verganglich ist die Welt der Gestaltungen,
verganglich, hochst verganglich sind unsere Gewander, und die Tracht
unserer Haare, und unsere Haare und Korper selbst. Ich trage die
Kleider eines Reichen, da hast du recht gesehen. Ich trage sie, denn
ich bin ein Reicher gewesen, und trage das Haar wie die Weltleute und
Lustlinge, denn einer von ihnen bin ich gewesen."
"Und jetzt, Siddhartha, was bist du jetzt?"
"Ich wei? es nicht, ich wei? es so wenig wie du. Ich bin unterwegs.
Ich war ein Reicher, und bin es nicht mehr; und was ich morgen sein
werde, wei? ich nicht."
"Du hast deinen Reichtum verloren?"
"Ich habe ihn verloren, oder er mich. Er ist mir abhanden gekommen.
Schnell dreht sich das Rad der Gestaltungen, Govinda. Wo ist der
Brahmane Siddhartha? Wo ist der Samana Siddhartha? Wo ist der Reiche
Siddhartha? Schnell wechselt das Vergangliche, Govinda, du wei?t es."
Govinda blickte den Freund seiner Jugend lange an, Zweifel im Auge.
Darauf gru?te er ihn, wie man Vornehme gru?t, und ging seines Weges.
Mit lachelndem Gesicht schaute Siddhartha ihm nach, er liebte ihn noch
immer, diesen Treuen, diesen Angstlichen. Und wie hatte er, in diesem
Augenblick, in dieser herrlichen Stunde nach seinem wunderbaren
Schlafe, durchdrungen von Om, irgend jemand und irgend etwas nicht
lieben sollen! Eben darin bestand die Verzauberung, welche im Schlafe
und durch das Om in ihm geschehen war, da? er alles liebte, da? er
voll froher Liebe war zu allem, was er sah. Und eben daran, so schien
es ihm jetzt, war er vorher so sehr krank gewesen, da? er nichts und
niemand hatte lieben konnen.
Mit lachelndem Gesichte schaute Siddhartha dem hinweggehenden Monche
nach. Der Schlaf hatte ihn sehr gestarkt, sehr aber qualte ihn der
Hunger, denn er hatte nun zwei Tage nichts gegessen, und lange war die
Zeit voruber, da er hart gegen den Hunger gewesen war. Mit Kummer,
und doch auch mit Lachen, gedachte er jener Zeit. Damals, so
erinnerte er sich, hatte er sich vor Kamala dreier Dinge geruhmt,
hatte drei edle und unuberwindliche Kunste gekonnt:
Fasten—Warten—Denken. Dies war sein Besitz gewesen, seine Macht und
Kraft, sein fester Stab, in den flei?igen, muhseligen Jahren seiner
Jugend hatte er diese drei Kunste gelernt, nichts anderes. Und nun
hatten sie ihn verlassen, keine von ihnen war mehr sein, nicht Fasten,
nicht Warten, nicht Denken. Um das Elendeste hatte er sie hingegeben,
um das Verganglichste, um Sinnenlust, um Wohlleben, um Reichtum!
Seltsam war es ihm in der Tat ergangen. Und jetzt, so schien es,
jetzt war er wirklich ein Kindermensch geworden.
Siddhartha dachte uber seine Lage nach. Schwer fiel ihm das Denken,
er hatte im Grunde keine Lust dazu, doch zwang er sich.
Nun, dachte er, da alle diese verganglichsten Dinge mir wieder
entglitten sind, nun stehe ich wieder unter der Sonne, wie ich einst
als kleines Kind gestanden bin, nichts ist mein, nichts kann ich,
nichts vermag ich, nichts habe ich gelernt. Wie ist dies wunderlich!
Jetzt, wo ich nicht mehr jung bin, wo meine Haare schon halb grau sind,
wo die Krafte nachlassen, jetzt fange ich wieder von vorn und beim
Kinde an! Wieder mu?te er lacheln. Ja, seltsam war sein Geschick!
Es ging abwarts mit ihm, und nun stand er wieder leer und nackt und
dumm in der Welt. Aber Kummer daruber konnte er nicht empfinden, nein,
er fuhlte sogar gro?en Anreiz zum Lachen, zum Lachen uber sich, zum
Lachen uber diese seltsame, torichte Welt.
"Abwarts geht es mit dir!" sagte er zu sich selber, und lachte dazu,
und wie er es sagte, fiel sein Blick auf den Flu?, und auch den Flu?
sah er abwarts gehen, immer abwarts wandern, und dabei singen und
frohlich sein. Das gefiel ihm wohl, freundlich lachelte er dem Flusse
zu. War dies nicht der Flu?, in welchem er sich hatte ertranken
wollen, einst, vor hundert Jahren, oder hatte er das getraumt?
Wunderlich in der Tat war mein Leben, so dachte er, wunderliche Umwege
hat es genommen. Als Knabe habe ich nur mit Gottern und Opfern zu tun
gehabt. Als Jungling habe ich nur mit Askese, mit Denken und
Versenkung zu tun gehabt, war auf der Suche nach Brahman, verehrte das
Ewige im Atman. Als junger Mann aber zog ich den Bu?ern nach, lebte
im Walde, litt Hitze und Frost, lernte hungern, lehrte meinen Leib
absterben. Wunderbar kam mir alsdann in der Lehre des gro?en Buddha
Erkenntnis entgegen, ich fuhlte Wissen um die Einheit der Welt in mir
kreisen wie mein eigenes Blut. Aber auch von Buddha und von dem
gro?en Wissen mu?te ich wieder fort. Ich ging und lernte bei Kamala
die Liebeslust, lernte bei Kamaswami den Handel, haufte Geld, vertat
Geld, lernte meinen Magen lieben, lernte meinen Sinnen schmeicheln.
Viele Jahre mu?te ich damit hinbringen, den Geist zu verlieren, das
Denken wieder zu verlernen, die Einheit zu vergessen. Ist es nicht so,
als sei ich langsam und auf gro?en Umwegen aus einem Mann ein Kind
geworden, aus einem Denker ein Kindermensch? Und doch ist dieser Weg
sehr, gut gewesen, und doch ist der Vogel in meiner Brust nicht
gestorben. Aber welch ein Weg war das! Ich habe durch so viel
Dummheit, durch so viel Laster, durch so viel Irrtum, durch so viel
Ekel und Enttauschung und Jammer hindurchgehen mussen, blo? um wieder
ein Kind zu werden und neu anfangen zu konnen. Aber es war richtig so,
mein Herz sagt Ja dazu, meine Augen lachen dazu. Ich habe
Verzweiflung erleben mussen, ich habe hinabsinken mussen bis zum
torichtesten aller Gedanken, zum Gedanken des Selbstmordes, um Gnade
erleben zu konnen, um wieder Om zu vernehmen, um wieder richtig
schlafen und richtig erwachen zu konnen. Ich habe ein Tor werden
mussen, um Atman wieder in mir zu finden. Ich habe sundigen mussen,
um wieder leben zu konnen. Wohin noch mag mein Weg mich fuhren?
Narrisch ist er, dieser Weg, er geht in Schleifen, er geht vielleicht
im Kreise. Mag er gehen, wie er will, ich will ihn gehen.
Wunderbar fuhlte er in seiner Brust die Freude wallen.
Woher denn, fragte er sein Herz, woher hast du diese Frohlichkeit?
Kommt sie wohl aus diesem langen, guten Schlafe her, der mir so sehr
wohlgetan hat? Oder von dem Worte Om, das ich aussprach? Oder davon,
da? ich entronnen bin, da? meine Flucht vollzogen ist, da? ich endlich
wieder frei bin und wie ein Kind unter dem Himmel stehe? O wie gut
ist dies Geflohensein, dies Freigewordensein! Wie rein und schon ist
hier die Luft, wie gut zu atmen! Dort, von wo ich entlief, dort roch
alles nach Salbe, nach Gewurzen, nach Wein, nach Uberflu?, nach
Tragheit. Wie ha?te ich diese Welt der Reichen, der Schlemmer, der
Spieler! Wie habe ich mich selbst geha?t, da? ich so lang in dieser
schrecklichen Welt geblieben bin! Wie habe ich mich geha?t, habe mich
beraubt, vergiftet, gepeinigt, habe mich alt und bose gemacht! Nein,
nie mehr werde ich, wie ich es einst so gerne tat, mir einbilden, da?
Siddhartha weise sei! Dies aber habe ich gut gemacht, dies gefallt mir,
dies mu? ich loben, da? es nun ein Ende hat mit jenem Ha? gegen mich
selber, mit jenem torichten und oden Leben! Ich lobe dich, Siddharta,
nach soviel Jahren der Torheit hast du wieder einmal einen Einfall
gehabt, hast etwas getan, hast den Vogel in deiner Brust singen horen
und bist ihm gefolgt!
So lobte er sich, hatte Freude an sich, horte neugierig seinem Magen
zu, der vor Hunger knurrte. Ein Stuck Leid, ein Stuck Elend hatte er
nun, so fuhlte er, in diesen letzten Zeiten und Tagen ganz und gar
durchgekostet und ausgespien, bis zur Verzweiflung und bis zum Tode
ausgefressen. So war es gut. Lange noch hatte er bei Kamaswami
bleiben konnen, Geld erwerben, Geld vergeuden, seinen Bauch masten und
seine Seele verdursten lassen, lange noch hatte er in dieser sanften,
wohlgepolsterten Holle wohnen konnen, ware dies nicht gekommen: der
Augenblick der vollkommenen Trostlosigkeit und Verzweiflung, jener
au?erste Augenblick, da er uber dem stromenden Wasser hing und bereit
war, sich zu vernichten. Da? er diese Verzweiflung, diesen tiefsten
Ekel gefuhlt hatte, und da? er ihm nicht erlegen war, da? der Vogel,
die frohe Quelle und Stimme in ihm doch noch lebendig war, daruber
fuhlte er diese Freude, daruber lachte er, daruber strahlte sein
Gesicht unter den ergrauten Haaren.
"Es ist gut," dachte er, "alles selber zu kosten, was man zu wissen
notig hat. Da? Weltlust und Reichtum nicht vom Guten sind, habe ich
schon als Kind gelernt. Gewu?t habe ich es lange, erlebt habe ich es
erst jetzt. Und nun wei? ich es, wei? es nicht nur mit dem Gedachtnis,
sondern mit meinen Augen, mit meinem Herzen, mit meinem Magen. Wohl
mir, da? ich es wei?!"
Lange sann er nach uber seine Verwandlung, lauschte dem Vogel, wie er
vor Freude sang. War nicht dieser Vogel in ihm gestorben, hatte er
nicht seinen Tod gefuhlt? Nein, etwas anderes in ihm war gestorben,
etwas, das schon, lange sich nach Sterben gesehnt hatte. War es nicht
das, was er einst in seinen gluhenden Bu?erjahren hatte abtoten
wollen? War es nicht sein Ich, sein kleines, banges und stolzes Ich,
mit dem er so viele Jahre gekampft hatte, das ihn immer wieder besiegt
hatte, das nach jeder Abtotung wieder da war, Freude verbot, Furcht
empfand? War es nicht dies, was heute endlich seinen Tod gefunden
hatte, hier im Walde an diesem lieblichen Flusse? War es nicht dieses
Todes wegen, da? er jetzt wie ein Kind war, so voll Vertrauen, so ohne
Furcht, so voll Freude?
Nun auch ahnte Siddhartha, warum er als Brahmane, als Bu?er vergeblich
mit diesem Ich gekampft hatte. Zu viel Wissen hatte ihn gehindert, zu
viel heilige Verse, zu viel Opferregeln, zu viel Kasteiung, zu viel
Tun und Streben! Voll Hochmut war er gewesen, immer der Klugste,
immer der Eifrigste, immer allen um einen Schritt voran, immer der
Wissende und Geistige, immer der Priester oder Weise. In dies
Priestertum, in diesen Hochmut, in diese Geistigkeit hinein hatte sein
Ich sich verkrochen, dort sa? es fest und wuchs, wahrend er es mit
Fasten und Bu?e zu toten meinte. Nun sah er es, und sah, da? die
heimliche Stimme Recht gehabt hatte, da? kein Lehrer ihn je hatte
erlosen konnen. Darum hatte er in die Welt gehen mussen, sich an Lust
und Macht, an Weib und Geld verlieren mussen, hatte ein Handler, ein
Wurfelspieler, Trinker und Habgieriger werden mussen, bis der Priester
und Samana in ihm tot war. Darum hatte er weiter diese ha?lichen
Jahre ertragen mussen, den Ekel ertragen, die Leere, die Sinnlosigkeit
eines oden und verlorenen Lebens, bis zum Ende, bis zur bittern
Verzweiflung, bis auch der Lustling Siddhartha, der Habgierige
Siddhartha sterben konnte. Er war gestorben, ein neuer Siddhartha war
aus dem Schlaf erwacht. Auch er wurde alt werden, auch er wurde einst
sterben mussen, verganglich war Siddhartha, verganglich war jede
Gestaltung. Heute aber war er jung, war ein Kind, der neue Siddhartha,
und war voll Freude.
Diese Gedanken dachte er, lauschte lachelnd auf seinen Magen, horte
dankbar einer summenden Biene zu. Heiter blickte er in den stromenden
Flu?, nie hatte ihm ein Wasser so wohl gefallen wie dieses, nie hatte
er Stimme und Gleichnis des ziehenden Wassers so stark und schon
vernommen. Ihm schien, es habe der Flu? ihm etwas Besonderes zu sagen,
etwas, das er noch nicht wisse, das noch auf ihn warte. In diesem
Flu? hatte sich Siddhartha ertranken wollen, in ihm war der alte, mude,
verzweifelte Siddhartha heute ertrunken. Der neue Siddhartha aber
fuhlte eine tiefe Liebe zu diesem stromenden Wasser, und beschlo? bei
sich, es nicht so bald wieder zu verlassen.
DER FAHRMANN
An diesem Flu? will ich bleiben, dachte Siddhartha, es ist der selbe,
uber den ich einstmals auf dem Wege zu den Kindermenschen gekommen bin,
ein freundlicher Fahrmann hat mich damals gefuhrt, zu ihm will ich
gehen, von seiner Hutte aus fuhrte mich einst mein Wegin ein neues
Leben, das nun alt geworden und tot ist—moge auch mein jetziger Weg,
mein jetziges neues Leben dort seinen Ausgang nehmen!
Zartlich blickte er in das stromende Wasser, in das durchsichtige Grun,
in die kristallenen Linien seiner geheimnisreichen Zeichnung. Lichte
Perlen sah er aus der Tiefe steigen, stille Luftblasen auf dem Spiegel
schwimmen, Himmelsblaue darin abgebildet. Mit tausend Augen blickte
der Flu? ihn an, mit grunen, mit wei?en, mit kristallnen, mit
himmelblauen. Wie liebte er dies Wasser, wie entzuckte es ihn, wie
war er ihm dankbar! Im Herzen horte er die Stimme sprechen, die neu
erwachte, und sie sagte ihm: Liebe dies Wasser! Bleibe bei ihm!
Lerne von ihm! O ja, er wollte von ihm lernen, er wollte ihm zuhoren.
Wer dies Wasser und seine Geheimnisse verstunde, so schien ihm, der
wurde auch viel anderes verstehen, viele Geheimnisse, alle Geheimnisse.
Von den Geheimnissen des Flusses aber sah er heute nur eines, das
ergriff seine Seele. Er sah: dies Wasser lief und lief, immerzu lief
es, und war doch immer da, war immer und allezeit dasselbe und doch
jeden Augenblick neu! O wer dies fa?te, dies verstunde! Er verstand
und fa?te es nicht, fuhlte nur Ahnung sich regen, ferne Erinnerung,
gottliche Stimmen.
Siddhartha erhob sich, unertraglich wurde das Treiben des Hungers in
seinem Leibe. Hingenommen wanderte er weiter, den Uferpfad hinan, dem
Strom entgegen, lauschte auf die Stromung, lauschte auf den knurrenden
Hunger in seinem Leibe.
Als er die Fahre erreichte, lag eben das Boot bereit, und derselbe
Fahrmann, welcher einst den jungen Samana uber den Flu? gesetzt hatte,
stand im Boot, Siddhartha erkannte ihn wieder, auch er war stark
gealtert.
"Willst du mich ubersetzen?" fragte er.
Der Fahrmann, erstaunt, einen so vornehmen Mann allein und zu Fu?e
wandern zu sehen, nahm ihn ins Boot und stie? ab.
"Ein schones Leben hast du dir erwahlt," sprach der Gast. "Schon mu?
es sein, jeden Tag an diesem Wasser zu leben und auf ihm zu fahren."
Lachelnd wiegte sich der Ruderer: "Es ist schon, Herr, es ist, wie du
sagst. Aber ist nicht jedes Leben, ist nicht jede Arbeit schon?"
"Es mag wohl sein. Dich aber beneide ich um die Deine."
"Ach, du mochtest bald die Lust an ihr verlieren. Das ist nichts fur
Leute in feinen Kleidern."
Siddhartha lachte. "Schon einmal bin ich heute um meiner Kleider
willen betrachtet worden, mit Mi?trauen betrachtet. Willst du nicht,
Fahrmann, diese Kleider, die mir lastig sind, von mir annehmen? Denn
du mu?t wissen, ich habe kein Geld, dir einen Fahrlohn zu zahlen."
"Der Herr scherzt," lachte der Fahrmann.
"Ich scherze nicht, Freund. Sieh, schon einmal hast du mich in deinem
Boot uber dies Wasser gefahren, um Gotteslohn. So tue es auch heute,
und nimm meine Kleider dafur an."
"Und will der Herr ohne Kleider weiterreisen?"
"Ach, am liebsten wollte ich gar nicht weiterreisen. Am liebsten ware
es mir, Fahrmann, wenn du mir eine alte Schurze gabest und behieltest
mich als deinen Gehilfen bei dir, vielmehr als deinen Lehrling, denn
erst mu? ich lernen, mit dem Boot umzugehen."
Lange blickte der Fahrmann den Fremden an, suchend.
"Jetzt erkenne ich dich," sagte er endlich. "Einst hast du in meiner
Hutte geschlafen, lange ist es her, wohl mehr als zwanzig Jahre mag
das her sein, und bist von mir uber den Flu? gebracht worden, und wir
nahmen Abschied voneinander wie gute Freunde. Warst du nicht ein
Samana? Deines Namens kann ich mich nicht mehr entsinnen."
"Ich hei?e Siddhartha, und ich war ein Samana, als du mich zuletzt
gesehen hast."
"So sei willkommen, Siddhartha. Ich hei?e Vasudeva. Du wirst, so
hoffe ich, auch heute mein Gast sein und in meiner Hutte schlafen, und
mir erzahlen, woher du kommst, und warum deine schonen Kleider dir so
lastig sind."
Sie waren in die Mitte des Flusses gelangt, und Vasudeva legte sich
starker ins Ruder. um gegen die Stromung anzukommen. Ruhig arbeitete
er, den Blick auf der Bootspitze, mit kraftigen Armen. Siddhartha sa?
und und sah ihm zu, und erinnerte sich, wie schon einstmals, an jenem
letzten Tage seiner Samana-Zeit, Liebe zu diesem Manne sich in seinem
Herzen geregt hatte. Dankbar nahm er Vasudevas Einladung an. Als sie
am Ufer anlegten, half er ihm das Boot an den Pflocken festbinden,
darauf bat ihn der Fahrmann, in die Hutte zu treten, bot ihm Brot und
Wasser, und Siddhartha a? mit Lust, und a? mit Lust auch von den
Mangofruchten, die ihm Vasudeva anbot.
Danach setzten sie sich, es ging gegen Sonnenuntergang, auf einem
Baumstamm am Ufer, und Siddhartha erzahlte dem Fahrmann seine Herkunft
und sein Leben, wie er es heute, in jener Stunde der Verzweiflung, vor
seinen Augen gesehen hatte. Bis tief in die Nacht wahrte sein
Erzahlen.
Vasudeva horte mit gro?er Aufmerksamkeit zu. Alles nahm er lauschend
in sich auf, Herkunft und Kindheit, all das Lernen, all das Suchen,
alle Freude, alle Not. Dies war unter des Fahrmanns Tugenden eine der
gro?ten: er verstand wie wenige das Zuhoren. Ohne da? er ein Wort
gesprochen hatte, empfand der Sprechende, wie Vasudeva seine Worte in
sich einlie?, still, offen, wartend, wie er keines verlor, keines mit
Ungeduld erwartete, nicht Lob noch Tadel daneben stellte, nur zuhorte.
Siddhartha empfand, welches Gluck es ist, einem solchen Zuhorer sich
zu bekennen, in sein Herz das eigene Leben zu versenken, das eigene
Suchen, das eigene Leiden.
Gegen das Ende von Siddharthas Erzahlung aber, als er von dem Baum am
Flusse sprach, und von seinem tiefen Fall, vom heiligen Om, und wie er
nach seinem Schlummer eine solche Liebe zu dem Flusse gefuhlt hatte,
da lauschte der Fahrmann mit verdoppelter Aufmerksamkeit, ganz und
vollig hingegeben, mit geschlo?nem Auge.
Als aber Siddhartha schwieg, und eine lange Stille gewesen war, da
sagte Vasudeva: "Es ist so, wie ich dachte. Der Flu? hat zu dir
gesprochen. Auch dir ist er Freund, auch zu dir spricht er. Das ist
gut, das ist sehr gut. Bleibe bei mir, Siddhartha, mein Freund. Ich
hatte einst eine Frau, ihr Lager war neben dem meinen, doch ist sie
schon lange gestorben, lange habe ich allein gelebt. Lebe nun du mit
mir, es ist Raum und Essen fur beide vorhanden."
"Ich danke dir," sagte Siddhartha, "ich danke dir und nehme an. Und
auch dafur danke ich dir, Vasudeva, da? du mir so gut zugehort hast!
Selten sind die Menschen, welche das Zuhoren verstehen. Und keinen
traf ich, der es verstand wie du. Auch hierin werde ich von dir
lernen."
"Du wirst es lernen," sprach Vasudeva, "aber nicht von mir. Das
Zuhoren hat mich der Flu? gelehrt, von ihm wirst auch du es lernen.
Er wei? alles, der Flu?, alles kann man von ihm lernen. Sieh, auch
das hast du, schon vom Wasser gelernt, da? es gut ist, nach unten zu
streben, zu sinken, die Tiefe zu suchen. Der reiche und vornehme
Siddhartha wird ein Ruderknecht, der gelehrte Brahmane Siddhartha wird
ein Fahrmann: auch dies ist dir vom Flu? gesagt worden. Du wirst auch
das andere von ihm lernen."
Sprach Siddhartha, nach einer langen Pause: "Welches andere,
Vasudeva?"
Vasudeva erhob sich. "Spat ist es geworden," sagte er, "la? uns
schlafen gehen. Ich kann dir das andere nicht sagen, o Freund. Du
wirst es lernen, vielleicht auch wei?t du es schon. Sieh, ich bin
kein Gelehrter, ich verstehe nicht zu sprechen, ich verstehe auch
nicht zu denken. Ich verstehe nur zuzuhoren und fromm zu sein, sonst
habe ich nichts gelernt. Konnte ich es sagen und lehren, so ware ich
vielleicht ein Weiser, so aber bin ich nur ein Fahrmann, und meine
Aufgabe ist es, Menschen uber diesen Flu? zu setzen. Viele habe ich
ubergesetzt, Tausende, und ihnen allen ist mein Flu? nichts anderes
gewesen als ein Hindernis auf ihren Reisen. Sie reisten nach Geld und
Geschaften, und zu Hochzeiten, und zu Wallfahrten, und der Flu? war
ihnen im Wege, und der Fahrmann war dazu da, sie schnell uber das
Hindernis hinweg zubringen. Einige unter den Tausenden aber, einige
wenige, vier oder funf, denen hat der Flu? aufgehort, ein Hindernis zu
sein, sie haben seine Stimme gehort, sie haben ihm zugehort, und der
Flu? ist ihnen heilig geworden, wie er es mir geworden ist. La? uns
nun zur Ruhe gehen, Siddhartha."
Siddhartha blieb bei dem Fahrmann und lernte das Boot bedienen, und
wenn nichts an der Fahre zu tun war, arbeitete er mit Vasudeva im
Reisfelde, sammelte Holz, pfluckte die Fruchte der Pisangbaume. Er
lernte ein Ruder zimmern, und lernte das Boot ausbessern, und Korbe
flechten, und war frohlich uber alles, was er lernte, und die Tage und
Monate liefen schnell hinweg. Mehr aber, als Vasudeva ihn lehren
konnte, lehrte ihn der Flu?. Von ihm lernte er unaufhorlich. Vor
allem lernte er von ihm das Zuhoren, das Lauschen mit stillem Herzen,
mit wartender, geoffneter Seele, ohne Leidenschaft, ohne,Wunsch, ohne
Urteil, ohne Meinung.
Freundlich lebte er neben Vasudeva, und zuweilen tauschten sie Worte
miteinander, wenige und lang bedachte Worte. Vasudeva war kein Freund
der Worte, selten gelang es Siddhartha, ihn zum Sprechen zu bewegen.
"Hast du," so fragte er ihn einst, "hast auch du vom Flusse jenes
Geheime gelernt: da? es keine Zeit gibt?"
Vasudevas Gesicht uberzog sich mit hellem Lacheln.
"Ja, Siddhartha," sprach er. "Es ist doch dieses, was du meinst: da?
der Flu? uberall zugleich ist, am Ursprung und an der Mundung, am
Wasserfall, an der Fahre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge,
uberall, zugleich, und da? es fur ihn nur Gegenwart gibt, nicht den
Schatten Vergangenheit, nicht den Schatten Zukunft?"
"Dies ist es," sagte Siddhartha. "Und als ich es gelernt hatte, da
sah ich mein Leben an, und es war auch ein Flu?, und es war der Knabe
Siddhartha vom Manne Siddhartha und vom Greis Siddhartha nur durch
Schatten getrennt, nicht durch Wirkliches. Es waren auch Siddharthas
fruhere Geburten keine Vergangenheit, und sein Tod und seine Ruckkehr
zu Brahma keine Zukunft. Nichts war, nichts wird sein; alles ist,
alles hat Wesen und Gegenwart."
Siddhartha sprach mit Entzucken, tief hatte diese Erleuchtung ihn
begluckt. O, war denn nicht alles Leiden Zeit, war nicht alles
Sichqualen und Sichfurchten Zeit, war nicht alles Schwere, alles
Feindliche in der Welt weg und uberwunden, sobald man die Zeit
uberwunden hatte, sobald man die Zeit wegdenken konnte? Entzuckt
hatte er gesprochen, Vasudeva aber lachelte ihn strahlend an und
nickte Bestatigung, schweigend nickte er, strich mit der Hand uber
Siddharthas Schulter, wandte sich zu seiner Arbeit zuruck.
Und wieder einmal, als eben der Flu? in der Regenzeit geschwollen war
und machtig rauschte, da sagte Siddhartha: "Nicht wahr, o Freund, der
Flu? hat viele Stimmen, sehr viele Stimmen? Hat er nicht die Stimme
eines Konigs, und eines Kriegers, und eines Stieres, und eines
Nachtvogels, und einer Gebarenden, und eines Seufzenden, und noch
tausend andere Stimmen?"
"Es ist so," nickte Vasudeva, "alle Stimmen der Geschopfe sind in
seiner Stimme."
"Und wei?t du," fuhr Siddhartha fort, "welches Wort er spricht, wenn
es dir gelingt, alle seine zehntausend Stimmen zugleich zu horen?"
Glucklich lachte Vasudevas Gesicht, er neigte sich gegen Siddhartha
und sprach ihm das heilige Om ins Ohr. Und eben dies war es, was auch
Siddhartha gehort hatte.
Und von Mal zu Mal ward sein Lacheln dem des Fahrmanns ahnlicher, ward
beinahe ebenso strahlend, beinahe ebenso von Gluck durchglanzt, ebenso
aus tausend kleinen Falten leuchtend, ebenso kindlich, ebenso
greisenhaft. Viele Reisende, wenn sie die beiden Fahrmanner sahen,
hielten sie fur Bruder. Oft sa?en sie am Abend gemeinsam beim Ufer
auf dem Baumstamm, schwiegen und horten beide dem Wasser zu, welches
fur sie kein Wasser war, sondern die Stimme des Lebens, die Stimme des
Seienden, des ewig Werdenden. Und es geschah zuweilen, da? beide beim
Anhoren des Flusses an dieselben Dinge dachten, an ein Gesprach von
vorgestern, an einen ihrer Reisenden, dessen Gesicht und Schicksal sie
beschaftigte, an den Tod, an ihre Kindheit, und da? sie beide im
selben Augenblick, wenn der Flu? ihnen etwas Gutes gesagt hatte,
einander anblickten, beide genau dasselbe denkend, beide begluckt uber
dieselbe Antwort auf dieselbe Frage.
Es ging von der Fahre und von den beiden Fahrleuten etwas aus, das
manche von den Reisenden spurten. Es geschah zuweilen, da? ein
Reisender, nachdem er in das Gesicht eines der Fahrmanner geblickt
hatte, sein Leben zu erzahlen begann, Leid erzahlte, Boses bekannte,
Trost und Rat erbat. Es geschah zuweilen, da? einer um Erlaubnis bat,
einen Abend bei ihnen zu verweilen, um dem Flusse zuzuhoren. Es
geschah auch, da? Neugierige kamen, welchen erzahlt worden war, an
dieser Fahre lebten zwei Weise, oder Zauberer, oder Heilige. Die
Neugierigen stellten viele Fragen, aber sie bekamen keine Antworten,
und sie fanden weder Zauberer noch Weise, sie fanden nur zwei alte
freundliche Mannlein, welche stumm zu sein und etwas sonderbar und
verblodet' schienen. Und die Neugierigen lachten, und unterhielten
sich daruber, wie toricht und leichtglaubig doch das Volk solche leere
Geruchte verbreite.
Die Jahre gingen hin und keiner zahlte sie. Da kamen einst Monche
gepilgert, Anhanger des Gotama, des Buddha, welche baten, sie uber den
Flu? zu setzen, und von ihnen erfuhren die Fahrmanner, da? sie eiligst
zu ihrem gro?en Lehrer zuruck wanderten, denn es habe sich die
Nachricht verbreitet, der Erhabene sei todkrank und werde bald seinen
letzten Menschentod sterben, um zur Erlosung einzugehen. Nicht lange,
so kam eine neue Schar Monche gepilgert, und wieder eine, und sowohl
die Monche wie die meisten der ubrigen Reisenden und Wanderer sprachen
von nichts anderem als von Gotama und seinem nahen Tode. Und wie zu
einem Kriegszug oder zur Kronung eines Konigs von uberall und allen
Seiten her die Menschen stromen und sich gleich Ameisen in Scharen
sammeln, so stromten sie, wie von einem Zauber gezogen, dahin, wo der
gro?e Buddha seinen Tod erwartete, wo das Ungeheure geschehen und der
gro?e Vollendete eines Weltalters zur Herrlichkeit eingehen sollte.
Viel gedachte Siddhartha in dieser Zeit des sterbenden Weisen, des
gro?en Lehrers, dessen Stimme Volker ermahnt und Hunderttausende
erweckt hatte, dessen Stimme auch er einst vernommen, dessen heiliges
Antlitz auch er einst mit Ehrfurcht geschaut hatte. Freundlich
gedachte er seiner, sah seinen Weg der Vollendung vor Augen, und
erinnerte sich mit Lacheln der Worte, welche er einst als junger Mann
an ihn, den Erhabenen, gerichtet hatte. Es waren, so schien ihm,
stolze und altkluge Worte gewesen, lachelnd erinnerte er sich ihrer.
Langst wu?te er sich nicht mehr von Gotama getrennt, dessen Lehre er
doch nicht hatte annehmen konnen. Nein, keine Lehre konnte ein
wahrhaft Suchender annehmen, einer, der wahrhaft finden wollte. Der
aber, der gefunden hat, der konnte jede, jede Lehre guthei?en, jeden
Weg, jedes Ziel, ihn trennte nichts mehr von all den tausend anderen,
welche im Ewigen lebten, welche das Gottliche atmeten.
An einem dieser Tage, da so viele zum sterbenden Buddha pilgerten,
pilgerte zu ihm auch Kamala, einst die schonste der Kurtisanen.
Langst hatte sie sich aus ihrem vorigen Leben zuruckgezogen, hatte
ihren Garten den Monchen Gotamas geschenkt, hatte ihre Zuflucht zur
Lehre genommen, gehorte zu den Freundinnen und Wohltaterinnen der
Pilgernden. Zusammen mit dem Knaben Siddhartha, ihrem Sohne, hatte
sie auf die Nachricht vom nahen Tode Gotamas hin sich auf den Weg
gemacht, in einfachem Kleide, zu Fu?. Mit ihrem Sohnlein war sie am
Flusse unterwegs; der Knabe aber war bald ermudet, begehrte nach Hause
zuruck, begehrte zu rasten, begehrte zu essen, wurde trotzig und
weinerlich.
Kamala mu?te haufig mit ihm rasten, er war gewohnt, seinen Willen
gegen sie zu behaupten, sie mu?te ihn futtern, mu?te ihn trosten,
mu?te ihn schelten. Er begriff nicht, warum er mit seiner Mutter
diese muhsame und traurige Pilgerschaft habe antreten mussen, an einen
unbekannten Ort, zu einem fremden Manne, welcher heilig war und
welcher im Sterben lag. Mochte er sterben, was ging dies den Knaben
an?
Die Pilgernden waren nicht mehr ferne von Vasudevas Fahre, als der
kleine Siddhartha abermals seine Mutter zu einer Rast notigte. Auch
sie selbst, Kamala, war ermudet, und wahrend der Knabe an einer Banane
kaute, kauerte sie sich am Boden nieder, schlo? ein wenig die Augen
und ruhte. Plotzlich aber stie? sie einen klagenden Schrei aus, der
Knabe sah sie erschrocken an und sah ihr Gesicht von Entsetzen
gebleicht, und unter ihrem Kleide hervor entwich eine kleine schwarze
Schlange, von welcher Kamala gebissen war.
Eilig liefen sie nun beide des Weges, um zu Menschen zu kommen, und
kamen bis in die Nahe der Fahre, dort sank Kamala zusammen, und
vermochte nicht weiter zu gehen. Der Knabe aber erhob ein klagliches
Geschrei, dazwischen ku?te und umhalste er seine Mutter, und auch sie
stimmte in seine lauten Hilferufe ein, bis die Tone Vasudevas Ohr
erreichten, der bei der Fahre stand. Schnell kam er gegangen, nahm
die Frau auf die Arme, trug sie ins Boot, der Knabe lief mit, und bald
kamen sie alle in der Hutte an, wo Siddhartha am Herde stand und eben
Feuer machte. Er blickte auf und sah zuerst das Gesicht des Knaben,
das ihn wunderlich erinnerte, an Vergessenes mahnte. Dann sah er
Kamala, die er alsbald erkannte, obwohl sie besinnungslos im Arm des
Fahrmanns lag, und nun wu?te er, da? es sein eigner Sohn sei, dessen
Gesicht ihn so sehr gemahnt hatte, und das Herz bewegte sich in seiner
Brust.
Kamalas Wunde wurde gewaschen, war aber schon schwarz und ihr Leib
angeschwollen, ein Heiltrank wurde ihr eingeflo?t. Ihr Bewu?tsein
kehrte zuruck, sie lag auf Siddharthas Lager in der Hutte, Und uber
sie gebeugt stand Siddhartha, der sie einst so sehr geliebt hatte. Es
schien ihr ein Traum zu sein, lachelnd blickte sie in ihres Freundes
Gesicht, nur langsam erkannte sie ihre Lage, erinnerte sich des Bisses,
rief angstlich nach dem Knaben.
"Er ist bei dir, sei ohne Sorge," sagte Siddhartha.
Kamala blickte in seine Augen. Sie sprach mit schwerer Zunge, vom
Gift gelahmt. "Du bist alt geworden, Lieber," sagte sie, "grau bist
du geworden. Aber du gleichst dem jungen Samana, der einst ohne
Kleider mit staubigen Fu?en zu mir in den Garten kam. Du gleichst ihm
viel mehr, als du ihm damals glichest, da du mich und Kamaswami
verlassen hast. In den Augen gleichst du ihm, Siddhartha. Ach, auch
ich bin alt geworden, alt—kanntest du mich denn noch?"
Siddhartha lachelte: "Sogleich kannte ich dich, Kamala, Liebe."
Kamala deutete auf ihren Knaben und sagte: "Kanntest du auch ihn? Er
ist dein Sohn."
Ihre Augen wurden irr und fielen zu. Der Knabe weinte, Siddhartha
nahm ihn auf seine Knie, lie? ihn weinen, streichelte sein Haar, und
beim Anblick des Kindergesichtes fiel ein brahmanisches Gebet ihm ein,
das er einst gelernt hatte, als er selbst ein kleiner Knabe war.
Langsam, mit singender Stimme, begann er es zu sprechen, aus der
Vergangenheit und Kindheit her kamen ihm die Worte geflossen. Und
unter seinem Singsang wurde der Knabe ruhig, schluchzte noch hin und
wieder auf und schlief ein. Siddhartha legte ihn auf Vasudevas Lager.
Vasudeva stand am Herd und kochte Reis. Siddhartha warf ihm einen
Blick zu, den er lachelnd erwiderte.
"Sie wird sterben," sagte Siddhartha leise.
Vasudeva nickte, uber sein freundliches Gesicht lief der Feuerschein
vom Herde.
Nochmals erwachte Kamala zum Bewu?tsein. Schmerz verzog ihr Gesicht,
Siddharthas Auge las das Leiden auf ihrem Munde, auf ihren erbla?ten
Wangen. Stille las er es, aufmerksam, wartend, in ihr Leiden versenkt.
Kamala fuhlte es, ihr Blick suchte sein Auge.
Ihn anblickend, sagte sie: "Nun sehe ich, da? auch deine Augen sich
verandert haben. Ganz anders sind sie geworden. Woran doch erkenne
ich noch, da? du Siddhartha bist? Du bist es, und bist es nicht."
Siddhartha sprach nicht, still blickten seine Augen in die ihren.
"Du hast es erreicht?" fragte sie. "Du hast Friede gefunden?"
Er lachelte, und legte seine Hand auf ihre.
"Ich sehe es," sagte sie, "ich sehe es. Auch ich werde Friede finden."
"Du hast ihn gefunden," sprach Siddhartha flusternd.
Kamala blickte ihm unverwandt in die Augen. Sie dachte daran, da? sie
zu Gotama hatte pilgern wollen, um das Gesicht eines Vollendeten zu
sehen, um seinen Frieden zu atmen, und da? sie statt seiner nun ihn
gefunden, und da? es gut war, ebenso gut, als wenn sie jenen gesehen
hatte. Sie wollte es ihm sagen, aber die Zunge gehorchte ihrem Willen
nicht mehr. Schweigend sah sie ihn an, und er sah in ihren Augen das
Leben erloschen. Als der letzte Schmerz ihr Auge erfullte und brach,
als der letzte Schauder uber ihre Glieder lief, schlo? sein Finger
ihre Lider.
Lange sa? er und blickte auf ihr entschlafnes Gesicht. Lange
betrachtete er ihren Mund, ihren alten, muden Mund mit den schmal
gewordenen Lippen, und erinnerte sich, da? er einst, im Fruhling
seiner Jahre, diesen Mund einer frisch aufgebrochenen Feige verglichen
hatte. Lange sa? er, las in dem bleichen Gesicht, in den muden Falten,
fullte sich mit dem Anblick, sah sein eigenes Gesicht ebenso liegen,
ebenso wei?, ebenso erloschen, und sah zugleich sein Gesicht und das
ihre jung, mit den roten Lippen, mit dem brennenden Auge, und das
Gefuhl der Gegenwart und Gleichzeitigkeit durchdrang ihn vollig, das
Gefuhl der Ewigkeit. Tief empfand er, tiefer als jemals, in dieser
Stunde die Unzerstorbarkeit jedes Lebens, die Ewigkeit jedes
Augenblicks.
Da er sich erhob, hatte Vasudeva Reis fur ihn bereitet. Doch a?
Siddhartha nicht. Im Stall, wo ihre Ziege stand, machten sich die
beiden Alten eine Streu zurecht, und Vasudeva legte sich schlafen.
Siddhartha aber ging hinaus und sa? die Nacht vor der Hutte, dem
Flusse lauschend, von Vergangenheit umspult, von allen Zeiten seines
Lebens zugleich beruhrt und umfangen. Zuweilen aber erhob er sich,
trat an die Huttentur und lauschte, ob der Knabe schlafe.
Fruh am Morgen, noch ehe die Sonne sichtbar ward, kam Vasudeva aus dem
Stalle und trat zu seinem Freunde.
"Du hast nicht geschlafen, " sagte er.
"Nein, Vasudeva. Ich sa? hier, ich horte dem Flusse zu. Viel hat er
mir gesagt, tief hat er mich mit dem heilsamen Gedanken erfullt, mit
dem Gedanken der Einheit."
"Du hast Leid erfahren, Siddhartha, doch ich sehe, es ist keine
Traurigkeit in dein Herz gekommen."
"Nein, Lieber, wie sollte ich denn traurig sein? Ich, der ich reich
und glucklich war, bin jetzt noch reicher und glucklicher geworden.
Mein Sohn ist mir geschenkt worden."
"Willkommen sei dein Sohn auch mir. Nun aber, Siddhartha, la? uns an
die Arbeit gehen, viel ist zu tun. Auf demselben Lager ist Kamala
gestorben, auf welchem einst mein Weib gestorben ist. Auf demselben
Hugel auch wollen wir Kamalas Scheiterhaufen bauen, auf welchem ich
einst meines Weibes Scheiterhaufen gebaut habe."
Wahrend der Knabe noch schlief, bauten sie den Scheiterhaufen.
DER SOHN
Scheu und weinend hatte der Knabe der Bestattung seiner Muttter
beigewohnt, finster und scheu hatte er Siddhartha angehort, der ihn
als seinen Sohn begru?te und ihn bei sich in Vasudevas Hutte
willkommen hie?. Bleich sa? er tagelang am Hugel der Toten, mochte
nicht essen, verschlo? seinen Blick, verschlo? sein Herz, wehrte und
straubte sich gegen das Schicksal.
Siddhartha schonte ihn und lie? ihn gewahren, er ehrte seine Trauer.
Siddhartha verstand, da? sein Sohn ihn nicht kenne, da? er ihn nicht
lieben konne wie einen Vater. Langsam sah und verstand er auch, da?
der Elfjahrige ein verwohnter Knabe war, ein Mutterkind, und in
Gewohnheiten des Reichtums aufgewachsen, gewohnt an feinere Speisen,
an ein weiches Bett, gewohnt, Dienern zu befehlen. Siddhartha
verstand, da? der Trauernde und Verwohnte nicht plotzlich und
gutwillig in der Fremde und Armut sich zufrieden geben konne. Er
zwang ihn nicht, er tat manche Arbeit fur ihn, suchte stets den besten
Bissen fur ihn aus. Langsam hoffte er ihn zu gewinnen, durch
freundliche Geduld.
Reich und glucklich hatte er sich genannt, als der Knabe zu ihm
gekommen war. Da indessen die Zeit hinflo?, und der Knabe fremd und
finster blieb, da er ein stolzes und trotziges Herz zeigte, keine
Arbeit tun wollte, den Alten keine Ehrfurcht erwies, Vasudevas
Fruchtbaume beraubte, da begann Siddhartha zu verstehen, da? mit
seinem Sohne nicht Gluck und Friede zu ihm gekommen war, sondern Leid
und Sorge. Aber er liebte ihn, und lieber war ihm Leid und Sorge der
Liebe, als ihm Gluck und Freude ohne den Knaben gewesen war. Seit der
junge Siddhartha in der Hutte war, hatten die Alten sich in die Arbeit
geteilt. Vasudeva hatte das Amt des Fahrmanns wieder allein
ubernommen, und Siddhartha, um bei dem Sohne zu sein, die Arbeit in
Hutte und Feld.
Lange Zeit, lange Monate wartete Siddhartha darauf, da? sein Sohn ihn
verstehe, da? er seine Liebe annehme, da? er sie vielleicht erwidere.
Lange Monate wartete Vasudeva, zusehend, wartete und schwieg. Eines
Tages, als Siddhartha der Junge seinen Vater wieder sehr mit Trotz und
Launen gequalt und ihm beide Reisschusseln zerbrochen hatte, nahm
Vasudeva seinen Freund am Abend beiseite und sprach mit ihm.
"Entschuldige mich," sagte er, "aus freundlichem Herzen rede ich zu
dir. Ich sehe, da? du dich qualst, ich sehe, da? du Kummer hast.
Dein Sohn, Lieber, macht dir Sorge, und auch mir macht er Sorge. An
ein anderes Leben, an ein anderes Nest ist der junge Vogel gewohnt.
Nicht wie du ist er dem Reichtum und der Stadt entlaufen aus Ekel und
Uberdru?, er hat wider seinen Willen dies alles dahinten lassen mussen.
Ich fragte den Flu?, o Freund, vielemale habe ich ihn gefragt. Der
Flu? aber lacht, er lacht mich aus, mich und dich lacht er aus, und
schuttelt sich uber unsre Torheit. Wasser will zu Wasser, Jugend will
zu Jugend, dein Sohn ist nicht an dem Orte, wo er gedeihen kann.
Frage auch du den Flu?, hore auch du auf ihn!"
Bekummert blickte Siddhartha ihm in das freundliche Gesicht, in dessen
vielen Runzeln bestandige Heiterkeit wohnte.
"Kann ich mich denn von ihm trennen?" sagte er leise, beschamt. "La?
mir noch Zeit, Lieber! Sieh, ich kampfe um ihn, ich werbe um sein
Herz, mit Liebe und mit freundlicher Geduld will ich es fangen. Auch
zu ihm soll einst der Flu? reden, auch er ist berufen."
Vasudevas Lacheln bluhte warmer. "O ja, auch er ist berufen, auch er
ist vom ewigen Leben. Aber wissen wir denn, du und ich, wozu er
berufen ist, zu welchem Wege, zu welchen Taten, zu welchen Leiden?
Nicht klein wird sein Leiden sein, stolz und hart ist ja sein Herz,
viel mussen solche leiden, viel irren, viel Unrecht tun, sich viel
Sunde aufladen. Sage mir, mein Lieber: du erziehst deinen Sohn nicht?
Du zwingst ihn nicht? Schlagst ihn nicht? Strafst ihn nicht?"
"Nein, Vasudeva, das tue ich alles nicht."
"Ich wu?te es. Du zwingst ihn nicht, schlagst ihn nicht, befiehlst
ihm nicht, weil du wei?t, da? Weich starker ist als Hart, Wasser
starker als Fels, Liebe starker als Gewalt. Sehr gut, ich lobe dich.
Aber ist es nicht ein Irrtum von dir, zu meinen, da? du ihn nicht
zwingest, nicht strafest? Bindest du ihn nicht in Bande mit deiner
Liebe? Beschamst du ihn nicht taglich, und machst es ihm noch
schwerer, mit deiner Gute und Geduld? Zwingst du ihn nicht, den
hochmutigen und verwohnten Knaben, in einer Hutte bei zwei alten
Bananenessern zu leben, welchen schon Reis ein Leckerbissen ist, deren
Gedanken nicht seine sein konnen, deren Herz alt und still ist und
anderen Gang hat als das seine? Ist er mit alledem nicht gezwungen,
nicht gestraft?"
Betroffen blickte Siddhartha zur Erde. Leise fragte er: "Was, meinst
du, soll ich tun?"
Sprach Vasudeva: "Bring ihn zur Stadt, bringe ihn in seiner Mutter
Haus, es werden noch Diener dort sein, denen gib ihn. Und wenn keine
mehr da sind, so bringe ihn einem Lehrer, nicht der Lehre wegen, aber
da? er zu anderen Knaben komme, und zu Madchen, und in die Welt,
welche die seine ist. Hast du daran nie gedacht?"
"Du siehst in mein Herz," sprach Siddhartha traurig. "Oft habe ich
daran gedacht. Aber sieh, wie soll ich ihn, der ohnehin kein sanftes
Herz hat, in diese Welt geben? Wird er nicht uppig werden, wird er
nicht sich an Lust und Macht verlieren, wird er nicht alle Irrtumer
seines Vaters wiederholen, wird er nicht vielleicht ganz und gar in
Sansara verloren gehen?"
Hell strahlte des Fahrmanns Lacheln auf; er beruhrte zart Siddharthas
Arm und sagte: "Frage den Flu? daruber, Freund! Hore ihn daruber
lachen! Glaubst du denn wirklich, da? du deine Torheiten begangen
habest, um sie dem Sohn zu ersparen? Und kannst du denn deinen Sohn
vor Sansara schutzen? Wie denn? Durch Lehre, durch Gebet, durch
Ermahnung? Lieber, hast du jene Geschichte denn ganz vergessen, jene
lehrreiche Geschichte vom Brahmanensohn Siddhartha, die du mir einst
hier an dieser Stelle erzahlt hast? Wer hat den Samana Siddhartha vor
Sansara bewahrt, vor Sunde, vor Habsucht, vor Torheit? Hat seines
Vaters Frommigkeit, seiner Lehrer Ermahnung, hat sein eigenes Wissen,
sein eigenes Suchen ihn bewahren konnen? Welcher Vater, welcher Lehrer
hat ihn davor schutzen konnen, selbst das Leben zu leben, selbst
sich mit dem Leben zu beschmutzen, selbst Schuld auf sich zu laden,
selbst den bitteren Trank zu trinken, selber seinen Weg zu finden?
Glaubst du denn, Lieber, dieser Weg bleibe irgend jemandem vielleicht
erspart? Vielleicht deinem Sohnchen, weil du es liebst, weil du ihm
gern Leid und Schmerz und Enttauschung ersparen mochtest? Aber auch
wenn du zehnmal fur ihn sturbest, wurdest du ihm nicht den kleinsten
Teil seines Schicksals damit abnehmen konnen."
Noch niemals hatte Vasudeva so viele Worte gesprochen. Freundlich
dankte ihm Siddhartha, ging bekummert in die Hutte, fand lange keinen
Schlaf. Vasudeva hatte ihm nichts gesagt, das er nicht selbst schon
gedacht und gewu?t hatte. Aber es war ein Wissen, das er nicht tun
konnte, starker als das Wissen war seine Liebe zu dem Knaben, starker
seine Zartlichkeit, seine Angst, ihn zu verlieren. Hatte er denn
jemals an irgend etwas so sehr sein Herz verloren, hatte er je
irgendeinen Menschen so geliebt, so blind, so leidend, so erfolglos,
und doch so glucklich?
Siddhartha konnte seines Freundes Rat nicht befolgen, er konnte den
Sohn nicht hergeben. Er lie? sich von dem Knaben befehlen, er lie?
sich von ihm mi?achten. Er schwieg und wartete, begann taglich den
stummen Kampf der Freundlichkeit, den lautlosen Krieg der Geduld.
Auch Vasudeva schwieg und wartete, freundlich, wissend, langmutig. In
der Geduld waren sie beide Meister.
Einst, als des Knaben Gesicht ihn sehr an Kamala erinnerte, mu?te
Siddhartha plotzlich eines Wortes gedenken, das Kamala vor Zeiten, in
den Tagen der Jugend, einmal zu ihm gesagt hatte. "Du kannst nicht
lieben," hatte sie ihm gesagt, und er hatte ihr Recht gegeben und
hatte sich mit einem Stern, die Kindermenschen aber mit fallendem Laub
verglichen, und dennoch hatte er in jenem Wort auch einen Vorwurf
gespurt. In der Tat hatte er niemals sich an einen anderen Menschen
ganz verlieren und hingeben konnen, sich selbst vergessen, Torheiten
der Liebe eines anderen wegen begehen; nie hatte er das gekonnt, und
dies war, wie ihm damals schien, der gro?e Unterschied gewesen, der
ihn von den Kindermenschen trennte. Nun aber, seit sein Sohn da war,
nun war auch er, Siddhartha, vollends ein Kindermensch geworden, eines
Menschen wegen leidend, einen Menschen liebend, an eine Liebe verloren,
einer Liebe wegen ein Tor geworden. Nun fuhlte auch er, spat, einmal
im Leben diese starkste und seltsamste Leidenschaft, litt an ihr, litt
klaglich, und war doch beseligt, war doch um etwas erneuert, um etwas
reicher.
Wohl spurte er, da? diese Liebe, diese blinde Liebe zu seinem Sohn
eine Leidenschaft, etwas sehr Menschliches, da? sie Sansara sei, eine
trube Quelle, ein dunkles Wasser. Dennoch, so fuhlte er gleichzeitig,
war sie nicht wertlos, war sie notwendig, kam aus seinem eigenen Wesen.
Auch diese Lust wollte gebu?t, auch diese Schmerzen wollten gekostet
sein, auch diese Torheiten begangen.
Der Sohn indessen lie? ihn seine Torheiten begehen, lie? ihn werben,
lie? ihn taglich sich vor seinen Launen demutigen. Dieser Vater hatte
nichts, was ihn entzuckt, und nichts, was er gefurchtet hatte. Er war
ein guter Mann, dieser Vater, ein guter, gutiger, sanfter Mann,
vielleicht ein sehr frommer Mann, vielleicht ein Heiliger dies alles
waren nicht Eigenschaften, welche den Knaben gewinnen konnten.
Langweilig war ihm dieser Vater, der ihn da in seiner elenden Hatte
gefangen hielt, langweilig war er ihm, und da? er jede Unart mit
Lacheln, jeden Schimpf mit Freundlichkeit, jede Bosheit mit Gute
beantwortete, das eben war die verha?teste List dieses alten
Schleichers. Viel lieber ware der Knabe von ihm bedroht, von ihm
mi?handelt worden.
Es kam ein Tag, an welchem des jungen Siddhartha Sinn zum Ausbruch kam
und sich offen gegen seinen Vater wandte. Der hatte ihm einen Auftrag
erteilt, er hatte ihn Reisig sammeln gehei?en. Der Knabe ging aber
nicht aus der Hutte, er blieb trotzig und wutend stehen, stampfte den
Boden, ballte die Fauste, und schrie in gewaltigem Ausbruch seinem
Vater Ha? und Verachtung ins Gesicht.
"Hole du selber dein Reisig!" rief er schaumend, "ich bin nicht dein
Knecht. Ich wei? ja, da? du mich nicht schlagst, du wagst es ja nicht;
ich wei? ja, da? du mich mit deiner Frommigkeit und deiner Nachsicht
bestandig strafen und klein machen willst. Du willst, da? ich werden
soll wie du, auch so fromm, auch so sanft, auch so weise! Ich aber,
hore, ich will, dir zu Leide, lieber ein Stra?enrauber und Morder
werden und zur Holle fahren, als so werden wie du! Ich hasse dich, du
bist nicht mein Vater, und wenn du zehnmal meiner Mutter Buhle gewesen
bist!"
Zorn und Gram liefen in ihm uber, schaumten in hundert wusten und
bosen Worten dem Vater entgegen. Dann lief der Knabe davon und kam
erst spat am Abend wieder.
Am andern Morgen aber war er verschwunden. Verschwunden war auch ein
kleiner, aus zweifarbigem Bast geflochtener Korb, in welchem die
Fahrleute jene Kupfer- und Silbermunzen aufbewahrten, welche sie als
Fahrlohn erhielten. Verschwunden war auch das Boot, Siddhartha sah es
am jenseitigen Ufer liegen. Der Knabe war entlaufen.
"Ich mu? ihm folgen," sagte Siddhartha, der seit jenen gestrigen
Schimpfreden des Knaben vor Jammer zitterte. "Ein Kind kann nicht
allein durch den Wald gehen. Er wird umkommen. Wir mussen ein Flo?
bauen, Vasudeva, um ubers Wasser zu kommen."
"Wir werden ein Flo? bauen," sagte Vasudeva, "um unser Boot wieder zu
holen, das der Junge entfuhrt hat. Ihn aber solltest du laufen lassen,
Freund, er ist kein Kind mehr, er wei? sich zu helfen. Er sucht den
Weg nach der Stadt, und er hat Recht, vergi? das nicht. Er tut das,
was du selbst zu tun versaumt hast. Er sorgt fur sich, er geht seine
Bahn. Ach, Siddhartha, ich sehe dich leiden, aber du leidest
Schmerzen, uber die man lachen mochte, uber die du selbst bald lachen
wirst."
Siddhartha antwortete nicht. Er hielt schon das Beil in Handen, und
begann ein Flo? aus Bambus zu machen, und Vasudeva half ihm, die
Stamme mit Grasseilen zuzammen zu binden. Dann fuhren sie hinuber,
wurden weit abgetrieben, zogen das Flo? am jenseitigen Ufer flu?auf.
"Warum hast du das Beil mitgenommen?" fragte Siddhartha.
Vasudeva sagte: "Es konnte sein, da? das Ruder unsres Bootes verloren
gegangen ware."
Siddhartha aber wu?te, was sein Freund dachte. Er dachte, der Knabe
werde das Ruder weggeworfen oder zerbrochen haben, um sich zu rachen
und um sie an der Verfolgung zu hindern. Und wirklich war kein Ruder
mehr im Boote. Vasudeva wies auf den Boden des Bootes, und sah den
Freund mit Lacheln an, als wollte er sagen; "Siehst du nicht, was dein
Sohn dir sagen will? Siehst du nicht, da? er nicht verfolgt Sein
will?" Doch sagte er dies nicht mit Worten. Er machte sich daran,
ein neues Ruder zu zimmern. Siddhartha aber nahm Abschied, um nach
dem Entflohenen zu suchen. Vasudeva hinderte ihn nicht.
Als Siddhartha schon lange im Walde unterwegs war, kam ihm der Gedanke,
da? sein Suchen nutzlos sei. Entweder, so dachte er, war der Knabe
langst voraus und schon in der Stadt angelangt, oder, wenn er noch
unterwegs sein sollte, wurde er vor ihm, dem Verfolgenden, sich
verborgen halten. Da er weiter dachte, fand er auch, da? er selbst
nicht in Sorge um seinen Sohn war, da? er im Innersten wu?te, er sei
weder umgekommen, noch drohe ihm im Walde Gefahr. Dennoch lief er
ohne Rast, nicht mehr, um ihn zu retten, nur aus Verlangen, nur um ihn
vielleicht nochmals zu sehen. Und er lief bis vor die Stadt.
Als er nahe bei der Stadt auf die breite Stra?e gelangte, blieb er
stehen, am Eingang des schonen Lustgartens, der einst Kamala gehort
hatte, wo er sie einst, in der Sanfte, zum erstenmal gesehen hatte.
Das Damalige stand in seiner Seele auf, wieder sah er sich dort stehen,
jung, ein bartiger nackter Samana, das Haar voll Staub. Lange stand
Siddhartha und blickte durch das offne Tor in den Garten, Monche in
gelben Kutten sah er unter den schonen Baumen gehen.
Lange stand er, nachdenkend, Bilder sehend, der Geschichte seines
Lebens lauschend. Lange stand er, blickte nach den Monchen, sah statt
ihrer den jungen Siddhartha, sah die junge Kamala unter den hohen
Baumen gehen. Deutlich sah er sich, wie er von Kamala bewirtet ward,
wie er ihren ersten Ku? empfing, wie er stolz und verachtlich auf sein
Brahmanentum zuruckblickte, stolz und verlangend sein Weltleben begann.
Er sah Kamaswami, sah die Diener, die Gelage, die Wurfelspieler, die
Musikanten, sah Kamalas Singvogel im Kafig, lebte dies alles nochmals,
atmete Sansara, war nochmals alt und mude, fuhlte nochmals den Ekel,
fuhlte nochmals den Wunsch, sich auszuloschen, genas nochmals am
heiligen Om.
Nachdem er lange beim Tor des Gartens gestanden war, sah Siddhartha
ein, da? das Verlangen toricht war, das ihn bis zu dieser Statte
getrieben hatte, da? er seinem Sohne nicht helfen konnte, da? er sich
nicht an ihn hangen durfte. Tief fuhlte er die Liebe zu dem
Entflohenen im Herzen, wie eine Wunde, und fuhlte zugleich, da? ihm
die Wunde nicht gegeben war, um in ihr zu wuhlen, da? sie zur Blute
werden und strahlen musse.
Da? die Wunde zu dieser Stunde noch nicht bluhte, noch nicht strahlte,
machte ihn traurig. An der Stelle des Wunschzieles, das ihn hierher
und dem entflohenen Sohne nachgezogen hatte, stand nun Leere. Traurig
setzte er sich nieder, fuhlte etwas in seinem Herzen sterben, empfand
Leere, sah keine Freude mehr, kein Ziel. Er sa? versunken, und
wartete. Dies hatte er am Flusse gelernt, dies eine: warten, Geduld
haben, lauschen. Und er sa? und lauschte, im Staub der Stra?e,
lauschte seinem Herzen, wie es mud und traurig ging, wartete auf eine
Stimme. Manche Stunde kauerte er lauschend, sah keine Bilder mehr,
sank in die Leere, lie? sich sinken, ohne einen Weg zu sehen. Und
wenn er die Wunde brennen fuhlte, sprach er lautlos das Om, fullte
sich mit Om. Die Monche im Garten sahen ihn, und da er viele Stunden
kauerte, und auf seinen grauen Haaren der Staub sich sammelte, kam
einer gegangen und legte zwei Pisangfruchte vor ihm nieder. Der Alte
sah ihn nicht.
Aus dieser Erstarrung weckte ihn eine Hand, welche seine Schulter
beruhrte. Alsbald erkannte er diese Beruhrung, die zarte, schamhafte,
und kam zu sich. Er erhob sich und begru?te Vasudeva, welcher ihm
nachgegangen war. Und da er in Vasudevas freundliches Gesicht schaute,
in die kleinen, wie mit lauter Lacheln ausgefullten Falten, in die
heiteren Augen, da lachelte auch er. Er sah nun die Pisangfruchte vor
sich liegen, hob sie au, gab eine dem Fahrmann, a? selbst die andere.
Darauf ging er schweigend mit Vasudeva in den Wald zuruck, kehrte zur
Fahre heim. Keiner sprach von dem, was heute geschehen war, keiner
nannte den Namen des Knaben, keiner sprach von seiner Flucht, keiner
sprach von der Wunde. In der Hutte legte sich Siddhartha auf sein
Lager, und da nach einer Weile Vasudeva zu Ihm trat, um ihm eine
Schale Kokosmilch anzubieten, fand er ihn schon schlafend.
Om
Lange noch brannte die Wunde. Manchen Reisenden mu?te Siddhartha uber
den Flu? setzen, der einen Sohn oder eine Tochter bei sich hatte, und
keinen von ihnen sah er, ohne da? er ihn beneidete, ohne da? er dachte:
"So viele, so viel Tausende besitzen dies holdeste Gluck—warum ich
nicht? Auch bose Menschen, auch Diebe, und Rauber haben Kinder, und
lieben sie, und werden von ihnen geliebt, nur ich nicht." So einfach,
so ohne Verstand dachte er nun, so ahnlich war er den Kindermenschen
geworden.
Anders sah er jetzt die Menschen an als fruher, weniger klug, weniger
stolz, dafur warmer, dafur neugieriger, beteiligter. Wenn er Reisende
der gewohnlichen Art ubersetzte, Kindermenschen, Geschaftsleute,
Krieger, Weibervolk, so erschienen diese Leute ihm nicht fremd wie
einst: er verstand sie, er verstand und teilte ihr nicht von Gedanken
und Einsichten, sondern einzig von Trieben und Wunschen geleitetes
Leben, er fuhlte sich wie sie. Obwohl er nahe der Vollendung war, und
an seiner letzten Wunde trug, schien ihm doch, diese Kindermenschen
seien seine Bruder, ihre Eitelkeiten, Begehrlichkeiten und
Lacherlichkeiten verloren das Lacherliche fur ihn, wurden begreiflich,
wurden liebenswert, wurden ihm sogar verehrungswurdig. Die blinde
Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, den dummen, blinden Stolz eines
eingebildeten Vaters auf sein einziges Sohnlein, das blinde, wilde
Streben nach Schmuck und nach bewundernden Manneraugen bei einem
jungen, eitlen Weibe, alle diese Triebe, alle diese Kindereien, alle
diese einfachen, torichten, aber ungeheuer starken, stark lebenden,
stark sich durchsetzenden Triebe und Begehrlichkeiten waren fur
Siddhartha jetzt keine Kindereien mehr, er sah um ihretwillen die
Menschen leben, sah sie um ihretwillen Unendliches leisten, Reisen tun,
Kriege fuhren, Unendliches leiden, Unendliches ertragen, und er
konnte sie dafur lieben, er sah das Leben, das Lebendige, das
Unzerstorbare, das Brahman in jeder ihrer Leidenschaften, jeder ihrer
Taten. Liebenswert und bewundernswert waren diese Menschen in ihrer
blinden Treue, ihrer blinden Starke und Zahigkeit. Nichts fehlte
ihnen, nichts hatte der Wissende und Denker vor ihnen voraus als eine
einzige Kleinigkeit, eine einzige winzig kleine Sache: das Bewu?tsein,
den bewu?ten Gedanken der Einheit alles Lebens. Und Siddhartha
zweifelte sogar zu mancher Stunde, ob dies Wissen, dieser Gedanke so
sehr hoch zu werten, ob nicht auch er vielleicht eine Kinderei der
Denkmenschen, der Denk-Kindermenschen sein mochte. In allem andern
waren die Weltmenschen dem Weisen ebenburtig, waren ihm oft weit
uberlegen, wie ja auch Tiere in ihrem zahen, unbeirrten Tun des
Notwendigen in manchen Augenblicken den Menschen uberlegen scheinen
konnen.
Langsam bluhte, langsam reifte in Siddhartha die Erkenntnis, das
Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was seines langen Suchens
Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine
Fahigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den
Gedanken der Einheit denken, die Einheit fuhlen und einatmen zu konnen.
Langsam bluhte dies in ihm auf, strahlte ihm aus Vasudevas altem
Kindergesicht wider: Harmonie, Wissen um die ewige Vollkommenheit der
Welt, Lacheln, Einheit.
Die Wunde aber brannte noch, sehnlich und bitter gedachte Siddhartha
seines Sohnes, pflegte seine Liebe und Zartlichkeit im Herzen, lie?
den Schmerz an sich fressen, beging alle Torheiten der Liebe. Nicht
von selbst erlosch diese Flamme.
Und eines Tages, als die Wunde heftig brannte, fuhr Siddhartha uber
den Flu?, gejagt von Sehnsucht, stieg aus und war Willens, nach der
Stadt zu gehen und seinen Sohn zu suchen. Der Flu? flo? sanft und
leise, es war in der trockenen Jahreszeit, aber seine Stimme klang
sonderbar: sie lachte! Sie lachte deutlich. Der Flu? lachte, er
lachte hell und klar den alten Fahrmann aus. Siddhartha blieb stehen,
er beugte sich ubers Wasser, um noch besser zu horen, und im still
ziehenden Wasser sah er sein Gesicht gespiegelt, und in diesem
gespiegelten Gesicht war etwas, das ihn erinnerte, etwas Vergessenes,,
und da er sich besann, fand er es: dies Gesicht glich einem andern,
das er einst gekannt und geliebt und auch gefurchtet hatte. Es glich
dem Gesicht seines Vaters, des Brahmanen. Und er erinnerte sich, wie
er vor Zeiten, ein Jungling, seinen Vater gezwungen hatte, ihn zu den
Bu?ern gehen zu lassen, wie er Abschied von ihm genommen hatte, wie er
gegangen und nie mehr wiedergekommen war. Hatte nicht auch sein Vater
um ihn dasselbe Leid gelitten, wie er es nun um seinen Sohn litt? War
nicht sein Vater langst gestorben, allein, ohne seinen Sohn
wiedergesehen zu haben? Mu?te er selbst nicht dies selbe Schicksal
erwarten? War es nicht eine Komodie, eine seltsame und dumme Sache,
diese Wiederholung, dieses Laufen in einem verhangnisvollen Kreise?
Der Flu? lachte. Ja, es war so, es kam alles wieder, was nicht bis zu
Ende gelitten und gelost ward, es wurden immer wieder dieselben Leiden
gelitten. Siddhartha aber stieg wieder in das Boot und fuhr zu der
Hutte zuruck, seines Vaters gedenkend, seines Sohnes gedenkend, vom
Flusse verlacht, mit sich selbst im Streit, geneigt zur Verzweiflung,
und nicht minder geneigt, uber sich und die ganze Welt laut
mitzulachen. Ach, noch bluhte die Wunde nicht, noch wehrte sein Herz
sich wider das Schicksal, noch strahlte nicht Heiterkeit und Sieg aus
seinem Leide. Doch fuhlte er Hoffnung, und da er zur Hutte
zuruckgekehrt war, spurte er ein unbesiegbares Verlangen, sich vor
Vasudeva zu offnen, ihm alles zu zeigen, ihm, dem Meister des Zuhorens,
alles zu sagen.
Vasudeva sa? in der Hutte und flocht an einem Korbe. Er fuhr nicht
mehr mit dem Fahrboot, seine Augen begannen schwach zu werden, und
nicht nur seine Augen; auch seine Arme und Hande. Unverandert und
bluhend war nur die Freude und das heitere Wohlwollen seines Gesichtes.
Siddhartha setzte sich zu dem Greise, langsam begann er zu sprechen.
Woruber sie niemals gesprochen hatten, davon erzahlte er jetzt, von
seinem Gange zur Stadt, damals, von der brennenden Wunde, von seinem
Neid beim Anblick glucklicher Vater, von seinem Wissen um die Torheit
solcher Wunsche, von seinem vergeblichen Kampf wider sie. Alles
berichtete er, alles konnte er sagen, auch das Peinlichste, alles lie?
sich sagen, alles sich zeigen, alles konnte er erzahlen. Er zeigte
seine Wunde dar, erzahlte auch seine heutige Flucht, wie er ubers
Wasser gefahren sei, kindischer Fluchtling, willens nach der Stadt zu
wandern, wie der Flu? gelacht habe.
Wahrend er sprach, lange sprach, wahrend Vasudeva mit stillem Gesicht
lauschte, empfand Siddhartha dies Zuhoren Vasudevas starker, als er es
jemals gefuhlt hatte, er spurte, wie seine Schmerzen, seine
Beangstigungen hinuberflossen, wie seine heimliche Hoffnung
hinuberflo?, ihm von druben wieder entgegen-kam. Diesem Zuhorer seine
Wunde zu zeigen, war dasselbe, wie sie im Flusse baden, bis sie kuhl
und mit dem Flusse eins wurde. Wahrend er immer noch sprach, immer
noch bekannte und beichtete, fuhlte Siddhartha mehr und mehr, da? dies
nicht mehr Vasudeva, nicht mehr ein Mensch war, der ihm zuhorte, da?
dieser regungslos Lauschende seine Beichte in sich einsog wie ein Baum
den Regen, da? dieser Regungslose der Flu? selbst, da? er Gott selbst,
da? er das Ewige selbst war. Und wahrend Siddhartha aufhorte, an sich
und an seine Wunde zu denken, nahm diese Erkenntnis vom veranderten
Wesen des Vasudeva von ihm Besitz, und je mehr er es empfand und
darein eindrang, desto weniger wunderlich wurde es, desto mehr sah er
ein, da? alles in Ordnung und naturlich war, da? Vasudeva schon lange,
beinahe schon immer so gewesen sei, da? nur er selbst es nicht ganz
erkannt hatte, ja da? er selbst von jenem kaum noch verschieden sei.
Er empfand, da? er den alten Vasudeva nun so sehe, wie das Volk die
Gotter sieht, und da? dies nicht von Dauer sein konne; er begann im
Herzen von Vasudeva Abschied zu nehmen. Dabei sprach er immer fort.
Als er zu Ende gesprochen hatte, richtete Vasudeva seinen freundlichen,
etwas schwach gewordenen Blick auf ihn, sprach nicht, strahlte ihm
schweigend Liebe und Heiterkeit entgegen, Verstandnis und Wissen. Er
nahm Siddharthas Hand, fuhrte ihn zum Sitz am Ufer, setzte sich mit
ihm nieder, lachelte dem Flusse zu.
"Du hast ihn lachen horen," sagte er. "Aber du hast nicht alles
gehort. La? uns lauschen, du wirst mehr horen."
Sie lauschten. Sanft klang der vielstimmige Gesang des Flusses.
Siddhartha schaute ins Wasser, und im ziehenden Wasser erschienen ihm
Bilder: sein Vater erschien, einsam, um den Sohn trauernd; er selbst
erschien, einsam, auch er mit den Banden der Sehnsucht an den fernen
Sohn gebunden; es erschien sein Sohn, einsam auch er, der Knabe,
begehrlich auf der brennenden Bahn seiner jungen Wunsche sturmend,
jeder auf sein Ziel gerichtet, jeder vom Ziel besessen, jeder leidend.
Der Flu? sang mit einer Stimme des Leidens, sehnlich sang er,
sehnlich flo? er seinem Ziele zu, klagend klang seine Stimme.
Siddhartha bemuhte sich, besser zu horen. Das Bild des Vaters, sein
eigenes Bild, das Bild des Sohnes flossen ineinander, auch Kamalas
Bild erschien und zerflo?, und das Bild Govindas, und andre Bilder,
und flossen ineinander uber, wurden alle zum Flu?, strebten alle als
Flu? dem Ziele zu, sehnlich, begehrend, leidend, und des Flusses
Stimme klang voll Sehnsucht, voll von brennendem Weh, voll von
unstillbarem Verlangen. Zum Ziele strebte der Flu?, Siddhartha sah
ihn eilen, den Flu?, der aus ihm und den Seinen und aus allen Menschen
bestand, die er je gesehen hatte, alle die Wellen und Wasser eilten,
leidend, Zielen zu, vielen Zielen, dem Wasserfall, dem See, der
Stromschnelle, dem Meere, und alle Ziele wurden erreicht, und jedem
folgte ein neues, und aus dem Wasser ward Dampf und stieg in den
Himmel, ward Regen und sturzte aus dem Himmel herab, ward Quelle, ward
Bach, ward Flu?, strebte aufs Neue, flo? aufs Neue. Aber die
sehnliche Stimme hatte sich verandert. Noch tonte sie, leidvoll,
suchend, aber andre Stimmen gesellten sich zu ihr, Stimmen der Freude
und des Leides, gute und bose Stimmen, lachende und trauernde, hundert
Stimmen, tausend Stimmen.
Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhoren
vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fuhlte, da? er nun das
Lauschen zu Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all dies gehort,
diese vielen Stimmen im Flu?, heute klang es neu. Schon konnte er die
vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden,
nicht kindliche von mannlichen, sie gehorten alle zusammen, Klage der
Sehnsucht und Lachen des Wissenden, Schrei des Zorns und Stohnen der
Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und
Yerknupft, tausendfach verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen,
alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Bose,
alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Flu? des
Geschehens, war die Musik des Lebens. Und wenn Siddhartha aufmerksam
diesem Flu?, diesem tausendstimmigen Liede lauschte, wenn er nicht auf
das Leid noch auf das Lachen horte, wenn er seine Seele nicht an
irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alle
horte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das gro?e Lied der
tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hie? OM : die Vollendung.
"Horst du," fragte wieder Vasudevas Blick.
Hell glanzte Vasudevas Lacheln, uber all den Runzeln seines alten
Antlitzes schwebte es leuchtend, wie uber all den Stimmen des Flusses
das Om schwebte. Hell glanzte sein Lacheln, als er den Freund
anblickte, und hell glanzte nun auch auf Siddharthas Gesicht dasselbe
Lacheln auf. Seine Wunde bluhte, sein Leid strahlte, sein Ich war in
die Einheit geflossen.
In dieser Stunde horte Siddhartha auf, mit dem Schicksal zu kampfen,
horte auf zu leiden. Auf seinem Gesicht bluhte die Heiterkeit des
Wissens, dem kein Wille mehr entgegensteht, das die Vollendung kennt,
das einverstanden ist mit dem Flu? des Geschehens, mit dem Strom des
Lebens, voll Mitleid, voll Mitlust, dem Stromen hingegeben, der
Einheit zugehorig.
Als Vasudeva sich von dem Sitz am Ufer erhob, als er in Siddharthas
Augen blickte und die Heiterkeit des Wissens darin strahlen sah,
beruhrte er dessen Schulter leise mit der Hand, in seiner behutsamen
und zarten Weise, und sagte: "Ich habe auf diese Stunde gewartet,
Lieber. Nun sie gekommen ist, la? mich gehen. Lange habe ich, auf
diese Stunde gewartet, lange bin ich der Fahrmann Vasudeva gewesen.
Nun ist es genug. Lebe wohl, Hutte, lebe wohl, Flu?, lebe wohl,
Siddhartha!"
Siddhartha verneigte sich tief vor dem Abschiednehmenden.
"Ich habe es gewu?t," sagte er leise. "Du wirst in die Walder gehen?"
"Ich gehe in die Walder, ich gehe in die Einheit," sprach Vasudeva
strahlend.
Strahlend ging er hinweg; Siddhartha blickte ihm nach. Mit tiefer
Freude, mit tiefem Ernst blickte er ihm nach, sah seine Schritte voll
Frieden, sah sein Haupt voll Glanz, sah seine Gestalt voll Licht.
GOVINDA
Mit anderen Monchen weilte Govinda einst wahrend einer Rastzeit in dem
Lusthain, welchen die Kurtisane Kamala den Jungern des Gotama
geschenkt hatte. Er horte von einem alten Fahrmanne sprechen, welcher
eine Tagereise entfernt vom Hain am Flusse wohne, und der von vielen fur
einen Weisen gehalten werde. Als Govinda des Weges weiterzog, wahlte er
den Weg zur Fahre, begierig diesen Fahrmann zu sehen. Denn ob er wohl
sein Leben lang nach der Regel gelebt hatte, auch von den Jungeren
Monchen seines Alters und seiner Bescheidenheit wegen mit Ehrfurcht
angesehen wurde, war doch in seinem Herzen die Unruhe und das Suchen
nicht erloschen.
Er kam zum Flusse, er bat den Alten um uberfahrt, und da sie druben
aus dem Boot stiegen, sagte er zum Alten: "Viel Gutes erweisest du uns
Monchen und Pilgern, viele von uns hast du schon ubergesetzt. Bist
nicht auch du, Fahrmann, ein Sucher nach dem rechten Pfade?"
Sprach Siddhartha, aus den alten Augen lachelnd: "Nennst du dich einen
Sucher, o Ehrwurdiger, und bist doch schon hoch in den, Jahren, und
tragst das Gewand der Monche Gotamas?"
"Wohl bin ich alt," sprach Govinda, "zu suchen aber habe ich nicht
aufgehort. Nie werde ich aufhoren zu suchen, dies scheint meine
Bestimmung. Auch du, so scheint es mir, hast gesucht. Willst du mir
ein Wort sagen, Verehrter?"
Sprach Siddhartha: "Was sollte ich dir, Ehrwurdiger, wohl zu sagen
haben? Vielleicht das, da? du allzu viel suchst? Da? du vor Suchen
nicht zum Finden kommst?"
"Wie denn?" fragte Govinda.
"Wenn jemand sucht," sagte Siddhartha, "dann geschieht es leicht, da?
sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, da? er nichts zu
finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das
Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist.
Suchen hei?t: ein Ziel haben. Finden aber hei?t: frei sein, offen
stehen, kein Ziel haben. Du, Ehrwurdiger, bist vielleicht in der Tat
ein Sucher, denn, deinem Ziel nachstrebend, siehst du manches nicht,
was nah vor deinen Augen steht."
"Noch verstehe ich nicht ganz," bat Govinda, "wie meinst du das?"
Sprach Siddhartha: "Einst, o Ehrwurdiger, vor manchen Jahren, bist du
schon einmal an diesem Flusse gewesen, und hast am Flu? einen
Schlafenden gefunden, und hast dich zu ihm gesetzt, um seinen Schlaf
zu behuten. Erkannt aber, o Govinda, hast du den Schlafenden nicht."
Staunend, wie ein Bezauberter, blickte der Monch in des Fahrmanns
Augen.
"Bist du Siddhartha?" fragte er mit scheuer Stimme. "Ich hatte dich
auch diesesmal nicht erkannt! Herzlich gru?e ich dich, Siddhartha,
herzlich freue ich mich, dich nochmals zu sehen! Du hast dich sehr
verandert, Freund.—Und nun bist du also ein Fahrmann geworden?"
Freundlich lachte Siddhartha. "Ein Fahrmann, ja. Manche, Govinda,
mussen sich viel verandern, mussen allerlei Gewand tragen, ihrer einer
bin ich, Lieber. Sei willkommen, Govinda, und bleibe die Nacht in
meiner Hutte."
Govinda blieb die Nacht in der Hutte und schlief auf dem Lager, das
einst Vasudevas Lager gewesen war. Viele Fragen richtete er an den
Freund seiner Jugend, vieles mu?te ihm Siddhartha aus seinem Leben
erzahlen.
Als es am andern Morgen Zeit war, die Tageswanderung anzutreten, da
sagte Govinda, nicht ohne Zogern, die Worte: "Ehe ich meinen Weg
fortsetze, Siddhartha, erlaube mir noch eine Frage. Hast du eine
Lehre? Hast du einen Glauben, oder ein Wissen, dem du folgst, das dir
leben und rechttun hilft?"
Sprach Siddhartha: "Du wei?t, Lieber, da? ich schon als junger Mann,
damals, als wir bei den Bu?ern im Walde lebten, dazu kam, den Lehren
und Lehrern zu mi?trauen und ihnen den Rucken zu wenden. Ich bin
dabei geblieben. Dennoch habe ich seither viele Lehrer gehabt. Eine
schone Kurtisane ist lange Zeit meine Lehrerin gewesen, und ein
reicher Kaufmann war mein Lehrer, und einige Wurfelspieler. Einmal
ist auch ein wandernder Junger Buddhas mein Lehrer gewesen; er sa? bei
mir, als ich im Walde eingeschlafen war, auf der Pilgerschaft. Auch
von ihm habe ich gelernt, auch ihm bin ich dankbar, sehr dankbar. Am
meisten aber habe ich hier von diesem Flusse gelernt, und von meinem
Vorganger, dem Fahrmann Vasudeva. Es war ein sehr einfacher Mensch,
Vasudeva, er war kein Denker, aber er wu?te das Notwendige so gut wie
Gotama, er war ein Vollkommener, ein Heiliger."
Govinda sagte: "Noch immer, o Siddhartha, liebst du ein wenig den
Spott, wie mir scheint. Ich glaube dir und wei? es, da? du nicht
einem Lehrer gefolgt bist. Aber hast nicht du selbst, wenn auch nicht
eine Lehre, so doch gewisse Gedanken, gewisse Erkenntnisse gefunden,
welche dein eigen sind und die dir leben helfen? Wenn du mir von
diesen etwas sagen mochtest, wurdest du mir das Herz erfreuen."
Sprach Siddhartha: "Ich habe Gedanken gehabt, ja, und Erkenntnisse, je
und je. Ich habe manchmal, fur eine Stunde oder fur einen Tag, Wissen
in mir gefuhlt, so wie man Leben in seinem Herzen fuhlt. Manche
Gedanken waren es, aber schwer ware es fur mich, sie dir mitzuteilen.
Sieh, mein Govinda, dies ist einer meiner Gedanken, die ich gefunden
habe: Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser
mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit."
"Scherzest du?" fragte Govinda.
"Ich scherze nicht. Ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man
mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie
leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun,
aber sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon
als Jungfing manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben
hat. Ich habe einen Gedanken gefunden, Govinda, den du wieder fur
Scherz oder fur Narrheit halten wirst, der aber mein, bester Gedanke
ist. Er hei?t: Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr!
Namhch so: eine Wahrheit la?t sich immer nur aussprechen und in Worte
hullen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken
gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb,
alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit. Wenn der
erhabene Gotama lehrend von der Welt sprach, so mu?te er sie teilen in
Sansara und Nirvana, in Tauschung und Wahrheit, in Leid und Erlosung.
Man kann nicht anders, es gibt keinen andern Weg fur den, der lehren
will. Die Welt selbst aber, das Seiende um uns her und in uns innen,
ist nie einseitig. Nie ist ein Mensch, oder eine Tat, ganz Sansara
oder ganz Nirvana, nie ist ein Mensch ganz heilig oder ganz sundig.
Es scheint ja so, weil wir der Tauschung unterworfen sind, da? Zeit
etwas Wirkliches sei. Zeit ist nicht wirklich, Govinda, ich habe dies
oft und oft erfahren. Und wenn Zeit nicht wirklich ist, so ist die
Spanne, die zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Leid und Seligkeit,
zwischen Bose und Gut zu liegen scheint, auch eine Tauschung."
"Wie das?" fragte Govinda angstlich.
"Hore gut, Lieber, hore gut! Der Sunder, der ich bin und der du bist,
der ist Sunder, aber er wird einst wieder Brahma sein, er wird einst
Nirvana erreichen, wird Buddha sein—und nun siehe: dies 'Einst' ist
Tauschung, ist nur Gleichnis! Der Sunder ist nicht auf dem Weg zur
Buddhaschaft unterwegs, er ist nicht in einer Entwickelung begriffen,
obwohl unser Denken sich die Dinge nicht anders vorzustellen wei?.
Nein, in dem Sunder ist, ist jetzt und heute schon der kunftige Buddha,
seine Zukunft ist alle schon da, du hast in ihm, in dir, in jedem den
werdenden, den moglichen, den verborgenen Buddha zu verehren. Die
Welt, Freund Govinda, ist nicht unvollkommen, oder auf einem langsamen
Wege zur Vollkommenheit begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick
vollkommen, alle Sunde tragt schon die Gnade in sich, alle kleinen
Kinder haben schon den Greis in sich, alle Sauglinge den Tod, alle
Sterbenden das ewige Leben. Es ist keinem Menschen moglich, vom
anderen zu sehen, wie weit er auf seinem Wege sei, im Rauber und
Wurfelspieler wartet Buddha, im Brahmanenwartet der Rauber. Es gibt,
in der tiefen Meditation, die Moglichkeit, die Zeit aufzuheben, alles
gewesene, seiende und sein werdende Leben als gleichzeitig zu sehen,
und da ist alles gut, alles vollkommen, alles ist Brahm an. Darum
scheint mir das, was ist, gut, es scheint mir Tod wie Leben, Sunde wie
Heiligkeit, Klugheit wie Torheit, alles mu? so sein, alles bedarf nur
meiner Zustimmung, nur meiner Willigkeit, meines liebenden
Einverstandnisses, so ist es fur mich gut, kann mich nur fordern, kann
mir nie schaden. Ich habe an meinem Leibe und an meiner Seele
erfahren, da? ich der Sunde sehr bedurfte, ich bedurfte der Wollust,
des Strebens nach Gutern, der Eitelkeit, und bedurfte der
schmahlichsten Verzweiflung, um das Widerstreben aufgeben zu lernen,
um die Welt lieben zu lernen, um sie nicht mehr mit irgendeiner von
mir gewunschten, von mir eingebildeten Welt zu vergleichen, einer von
mir ausgedachten Art der VollkommenhReit, sondern sie zu lassen, wie
sie ist, und sie zu lieben, und ihr gerne anzugehoren.—Dies, o
Govinda, sind einige,von den Gedanken, die mir in den Sinn gekommen
sind."
Siddhartha buckte sich, hob einen Stein vom Erdbodene auf und wog ihn
in der Hand.
"Dies hier," sagte er spielend, "ist ein Stein, und er wird in einer
bestimmten Zeit vielleicht Erde sein, und wird aus Erde Pflanze werden,
oder Tier oder Mensch. Fruher nun hatte ich gesagt: Dieser Stein ist
blo? ein Stein, er ist wertlos, er gehort der Welt der Maja an; aber
weil er vielleicht im Kreislauf der Verwandlungen auch Mensch und
Geist werden kann, darum schenke ich auch ihm Geltung. So hatte ich
fruher vielleicht gedacht. Heute aber denke ich: dieser Stein ist
Stein, er ist auch Tier, er ist auch Gott, er ist auch Buddha, ich
verehre und liebe ihn nicht, weil er einstmals dies oder jenes werden
konnte, sondern weil er alles langst und immer ist—und gerade dies,
da? er Stein ist, da? er mir jetzt und heute als Stein erscheint,
gerade darum liebe ich ihn, und sehe Wert und Sinn in jeder von seinen
Adern und Hohlungen, in dem Gelb, in dem Grau, in der Harte, im Klang,
den er von sich gibt, wenn ich ihn beklopfe, in der Trockenheit oder
Feuchtigkeit seiner Oberflache. Es gibt Steine, die fuhlen sich wie
Ol oder wie Seife an, und andre wie Blatter, andre wie Sand, und jeder
ist besonders und betet das Om auf seine Weise, jeder ist Brahman,
zugleich aber und ebensosehr ist er Stein, ist olig oder saftig, und
gerade das gefallt mir und scheint mir wunderbar und der Anbetung,
wurdig.—Aber mehr la? mich davon nicht sagen. Die Worte tun dem
geheimen Sinn nicht gut, es wird immer alles gleich ein wenig anders,
wenn man es ausspricht, ein wenig verfalscht, ein wenig narrisch—ja,
und auch das ist sehr gut und gefallt mir sehr, auch damit bin ich
sehr einverstanden, da? das, was eines Menschen Schatz und Weisheit
ist, dem andern immer wie Narrheit klingt."
Schweigend lauschte Govinda.
"Warum hast du mir das von dem Steine gesagt?" fragte er nach einer
Pause zogernd.
"Es geschah ohne Absicht. Oder vielleicht war es so gemeint, da? ich
eben den Stein, und den Flu?, und alle diese Dinge, die wir betrachten
und von denen wir lernen konnen, liebe. Einen Stein kann ich lieben,
Govinda, und auch einen Baum oder ein Stuck Rinde. Das sind Dinge,
und Dinge kann man lieben. Worte aber kann ich nicht lieben. Darum
sind Lehren nichts fur mich, sie haben keine Harte, keine Weiche,
keine Farben, keine Kanten, keinen Geruch, keinen Geschmack, sie haben
nichts als Worte. Vielleicht ist es dies, was dich hindert, den
Frieden zu finden, vielleicht sind es die vielen Worte. Denn auch
Erlosung und Tugend, auch Sansara und Nirvana sind blo?e Worte,
Govinda. Es gibt kein Ding, das Nirvana ware; es gibt nur das Wort
Nirvana."
Sprach Govinda: "Nicht nur ein Wort, Freund, ist Nirvana. Es ist ein
Gedanke."
Siddhartha fuhr fort: "Ein Gedanke, es mag so sein. Ich mu? dir
gestehen, Lieber: ich unterscheide zwischen Gedanken und Worten nicht
sehr. Offen gesagt, halte ich auch von Gedanken nicht viel. Ich
halte von Dingen mehr. Hier auf diesem Fahrboot zum Beispiel war ein
Mann mein Vorganger und Lehrer, ein heiliger Mann, der hat manche
Jahre lang einfach an den Flu? geglaubt, sonst an nichts. Er hatte
gemerkt, da? des Flusses Stimme zu ihm sprach, von ihr lernte er, sie
erzog und lehrte ihn, der Flu? schien ihm ein Gott, viele Jahre lang
wu?te er nicht, da? jeder Wind, jede Wolke, jeder Vogel, jeder Kafer
genau so gottlich ist und ebensoviel wei? und lehren kann wie der
verehrte Flu?. Als dieser Heilige aber in die Walder ging, da wu?te
er alles, wu?te mehr als du und ich, ohne Lehrer, ohne Bucher, nur
weil er an den Flu? geglaubt hatte."
Govinda sagte: "Aber ist das, was du Dinge' nennst, denn etwas
Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht nur Trug der Maja, nur
Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Flu?—sind sie denn
Wirklichkeiten?"
"Auch dies," sprach Siddhartha, "bekummert mich nicht sehr. Mogen die
Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so
sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und
verehrenswert macht: sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie
lieben. Und dies ist nun eine Lehre, uber welche du lachen wirst: die
Liebe, o Govinda, scheint mir von allem die Hauptsache zu sein. Die
Welt zu durchschauen, sie zu erklaren, sie zu verachten, mag gro?er
Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu
konnen, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und
mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten
zu konnen."
"Dies verstehe ich," sprach Govinda. "Aber eben dies hat er, der
Erhabene, als Trug erkannt. Er gebietet Wohlwollen, Schonung, Mitleid,
Duldung, nicht aber Liebe; er verbot uns, unser Herz in Liebe an
Irdisches zu fesseln."
"Ich wei? es", sagte Siddhartha; sein Lacheln strahlte golden. "Ich
wei? es, Govinda. Und siehe, da sind wir mitten im Dickicht der
Meinungen drin, im Streit um Worte. Denn ich kann nicht leugnen,
meine Worte von der Liebe stehen im Widerspruch, im scheinbaren
Widerspruch zu Gotamas Worten. Eben darum mi?traue ich den Worten so
sehr, denn ich wei?, dieser Widerspruch ist Tauschung. Ich wei?, da?
ich mit Gotama einig bin. Wie sollte denn auch Er die Liebe nicht
kennen, Er, der alles Menschensein in seiner Verganglichkeit, in seiner
Nichtigkeit erkannt hat, und dennoch die Menschen so sehr liebte, da?
er ein langes, muhevolles Leben einzig darauf verwendet hat, ihnen zu
helfen, sie zu lehren! Auch bei ihm, auch bei deinem gro?en Lehrer,
ist mir das Ding lieber als die Worte, sein Tun und Leben wichtiger
als sein Reden, die Gebarde seiner Hand wichtiger als seine Meinungen.
Nicht im Reden, nicht im Denken sehe ich seine Gro?e, nur im Tun, im
Leben."
Lange schwiegen die beiden alten Manner. Dann sprach Govinda, indem
er sich zum Abschied verneigte: "Ich danke dir, Siddhartha, da? du mir
etwas von deinen Gedanken gesagt hast. Es sind zum Teil seltsame
Gedanken, nicht alle sind mir sofort verstandlich geworden. Dies moge
sein, wie es wolle, ich danke dir, und ich wunsche dir ruhige Tage."
(Heimlich bei sich aber dachte er: Dieser Siddhartha ist ein
wunderlicher Mensch, wunderliche Gedanken spricht er aus, narrisch
klingt seine Lehre. Anders klingt des Erhabenen reine Lehre, klarer,
reiner, verstandlicher, nichts Seltsames, Narrisches oder Lacherliches
ist in ihr enthalten. Aber anders als seine Gedanken scheinen mir
Siddharthas Hande und Fu?e, seine Augen, seine Stirn, sein Atmen, sein
Lacheln, sein Gru?, sein Gang. Nie mehr, seit unser erhabener Gotama
in Nirvana einging, nie mehr habe ich einen Menschen angetroffen, von
dem ich fuhlte: dies ist ein Heiligert Einzig ihn, diesen Siddhartha,
habe ich so gefunden. Mag seine Lehre seltsam sein, mogen seine Worte
narrisch klingen, sein Blick und; seine Hand, seine Haut und sein Haar,
alles an ihm strahlt eine Reinheit, strahlt eine Ruhe, strahlt eine
Heiterkeit und Milde und Heiligkeit aus, welche ich an keinem anderen
Menschen seit dem letzten Tode unseres erhabenen Lehrers gesehen habe.)
Indem Govinda also dachte, und ein Widerstreit in seinem Herzen war,
neigte er sich nochmals zu Siddhartha, von Liebe gezogen. Tief
verneigte er sich vor dem ruhig Sitzenden.
"Siddhartha", sprach er, "wir sind alte Manner geworden. Schwerlich
wird einer von uns den andern in dieser Gestalt wiedersehen. Ich sehe,
Geliebter, da? du den Frieden gefunden hast. Ich bekenne, ihn nicht
gefunden zu haben. Sage mir, Verehrter, noch ein Wort, gib mir etwas
mit, das ich fassen, das ich verstehen kann! Gib mir etwas mit auf
meinen Weg. Er ist oft beschwerlich, mein Weg, oft finster, Siddhartha."
Siddhartha schwieg und blickte ihn mit dem immer gleichen, stillen
Lacheln an. Starr blickte ihm Govinda ins Gesicht, mit Angst, mit
Sehnsucht, Leid und ewiges Suchen stand in seinem Blick geschrieben,
ewiges Nichtfinden.
Siddhartha sah es, und lachelte.
"Neige dich zu mir!" flusterte er leise in Govindas Ohr. "Neige dich
zu mir her! So, noch naher! Ganz nahe! Kusse mich auf die Stirn,
Govinda!"
Wahrend aber Govinda verwundert, und dennoch von gro?er Liebe und
Ahnung gezogen, seinen Worten gehorchte, sich nahe zu ihm neigte und
seine Stirn mit den Lippen beruhrte, geschah ihm etwas Wunderbares.
Wahrend seine Gedanken noch bei Siddharthas wunderlichen Worten
verweilten, wahrend er sich noch vergeblich und mit Widerstreben
bemuhte, sich die Zeit hinwegzudenken, sich Nirvana und Sansara als
Eines vorzustellen, wahrend sogar eine gewisse Verachtung fur die
Worte des Freundes in ihm mit einer ungeheuren Liebe und Ehrfurcht
stritt, geschah ihm dieses:
Er sah seines Freundes Siddhartha Gesicht nicht mehr, er sah statt
dessen andre Gesichter, viele, eine lange Reihe, einen stromenden Flu?
von Gesichtern, von hunderten, von tausenden, welche alle kamen und
vergingen, und doch alle zugleich dazusein schien-en, welche alle sich
bestandig veranderten und erneuerten, und welche doch alle Siddhartha
waren. Er sah das Gesicht eines Fisches, eines Karpfens, mit
unendlich schmerzvoll geoffnetem Maule, eines sterbenden Fisches, mit
brechenden Augen—er sah das Gesicht eines neugeborenen Kindes, rot
und voll Falten, zum Weinen verzogen—er sah das Gesicht eines Morders,
sah ihn ein Messer in den Leib eines.Menschen stechen—er sah, zur
selben Sekunde, diesen Verbrecher gefesselt knien und sein Haupt vom
Henker mit einem Schwertschlag abgeschlagen werden—er sah die Korper
von Mannern und Frauen nackt in Stellungen und Kampfen rasender
Liebe—er sah Leichen ausgestreckt, still, kalt, leer—er sah
Tierkopfe, von Ebern, von Krokodilen, von Elefanten, von Stieren, von
Vogeln—er sah Gotter, sah Krischna, sah Agni—er sah alle diese
Gestalten und Gesichter in tausend Beziehungen zueinander, jede der
andern helfend, sie liebend, sie hassend, sie vernichtend, sie neu
gebarend, jede war ein Sterbenwollen, ein leidenschaftlich
schmerzliches Bekenntnis der Verganglichkeit, und keine starb doch,
jede verwandelte sich nur, wurde stets neu geboren, bekam stets ein
neues Gesicht, ohne da? doch zwischen einem und dem anderen Gesicht
Zeit gelegen ware—und alle diese Gestalten und Gesichter ruhten,
flossen, erzeugten sich, schwammen dahin und stromten ineinander, und
uber alle war bestandig etwas Dunnes, Wesenloses, dennoch Seiendes,
wie ein dunnes Glas oder Eis gezogen, wie eine durchsichtige Haut,
eine Schale oder Form oder Maske von Wasser, und diese Maske lachelte,
und diese Maske war Siddharthas lachelndes Gesicht, das er, Govinda,
in eben diesem selben Augenblick mit den Lippen beruhrte. Und, so sah
Govinda, dies Lacheln der Maske, dies Lacheln der Einheit uber den
stromenden Gestaltungen, dies Lacheln der Gleichzeitigkeit uber den
tausend Geburten und Toten, dies Lacheln Siddharthas war genau
dasselbe, war genau das gleiche, stille, feine, undurchdringliche,
vielleicht gutige, vielleicht spottische, weise, tausendfaltige
Lacheln Gotamas, des Buddha, wie er selbst es hundertmal mit Ehrfurcht
gesehen hatte. So, das wu?te Govinda, lachelten die Vollendeten.
Nicht mehr wissend ob es Zeit gebe, ob diese Schauung eine Sekunde
oder hundert Jahre gewahrt habe, nicht mehr wissend, ob es einen
Siddhartha, ob es einen Gotama, ob es Ich und Du gebe, im Innersten
wie von einem gottlichen Pfeile verwundet, dessen Verwundung su?
schmeckt, im Innersten verzaubert und aufgelost, stand Govinda noch
eine kleine Weile, uber Siddharthas stilles Gesicht gebeugt, das er
soeben geku?t hatte, das soeben Schauplatz aller Gestaltungen, alles
Werdens, alles Seins gewesen war. Das Antlitz war unverandert,
nachdem unter seiner Oberflache die Tiefe der Tausendfaltigkeit sich
wieder geschlossen hatte, er lachelte still, lachelte leise und sanft,
vielleicht sehr gutig, vielleicht sehr spottisch, genau, wie er
gelachelt hatte, der Erhabene.
Tief verneigte sich Govinda, Tranen liefen, von welchen er nichts
wu?te, uber sein altes Gesicht, wie ein Feuer brannte das Gefuhl der
innigsten Liebe, der demutigsten Verehrung in seinem Herzen. Tief
verneigte er sich, bis zur Erde, vor dem regungslos Sitzenden, dessen
Lacheln ihn an alles erinnerte, was er in seinem Leben jemals geliebt
hatte, was jemals in seinem Leben ihm wert und heilig gewesen war.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Siddhartha", von Hermann Hesse.
End of The Project Gutenberg Etext of "Siddhartha", by Hermann Hesse.
The Project Gutenberg Etext of Siddhartha, by Hermann Hesse
#1 in our series by Hermann Hesse
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Title: Siddhartha
Author: Hermann Hesse
Release Date: February, 2001 [Etext #2499]
Edition: 12
This edition was first posted on 05/15/01
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Language: German
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... Он сам, как мы уже сказали, отлич- но знал весь словарь старика, и если он так редко с ним беседовал, то это происходило лишь от полного равнодушия. Поэтому он предоставил Ва- лентине спуститься в сад, отослал Барруа и уселся по правую руку от сво- его отца, между тем как г-жа де Вильфор села слева. - Не удивляйтесь, сударь, - сказал он, - что Валентина не пришла с нами и что я отослал Барруа; предстоящая нам беседа не могла бы вестись в присутствии дочери или лакея. Госпожа де Вильфор и я намерены сообщить вам нечто важное. Во время этого вступления лицо Нуартье оставалось безучастным, тогда как взгляд Вильфора, казалось, хотел проникнуть в самое сердце старика. - Мы уверены, госпожа, де Вильфор и я, - продолжал королевский проку- рор своим обычным ледяным тоном, не допускающим каких-либо возражений, - что вы сочувственно встретите это сообщение. Взгляд старика был по-прежнему неподвижен; он просто слушал. - Мы выдаем Валентину замуж, - продолжал Вильфор. Восковая маска не могла бы остаться при этом известии более холодной, чем лицо старика. - Свадьба состоится через три месяца, - продолжал Вильфор. Глаза старика были все так же безжизненны. Тут заговорила г-жа де Вильфор. - Нам казалось, - поспешила она добавить, - что это известие должно вас заинтересовать; к тому же вы, по-видимому, всегда были привязаны к Валентине; нам остается только назвать вам имя молодого человека, кото- рый ей предназначен. Это одна из лучших партий, на которые Валентина могла бы рассчитывать; тот, кого мы ей предназначаем и чье имя вам, ве- роятно, знакомо, хорошего рода и богат, а его образ жизни и вкусы служат для нее порукой счастья. Речь идет о Франце де Кенель, бароне д'Эпине. Пока его жена произносила эту маленькую речь, Вильфор буквально впил- ся взглядом в лицо старика. Едва г-жа де Вильфор произнесла имя Франца, как в глазах Нуартье, так хорошо знакомых его сыну, что-то дрогнуло, и между его век, раскрывшихся, словно губы, собирающиеся что-то сказать, сверкнула молния...