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Siddhartha eine indische Dichtung






    ERSTER TEIL

    Romain Rolland dem verehrten Freunde gewidmet

    DER SOHN DES BRAHMANEN

    Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flu?ufers Booten, im Schatten des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf, der schone Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit seinem Freunde, dem Brahmanensohn. Sonne braunte seine lichten Schultern am Flu?ufer, beim Bade, bei den heiligen Waschungen, bei den heiligen Opfern. Schatten flo? in seine schwarzen Augen im Mangohain, bei den Knabenspielen, beim Gesang der Mutter, bei den heiligen Opfern, bei den Lehren seines Vaters, des Gelehrten, beim Gesprach der Weisen. Lange schon nahm Siddhartha am Gesprach der Weisen teil, ubte sich mit Govinda im Redekampf, ubte sich mit Govinda in der Kunst der Betrachtung, im Dienst der Versenkung. Schon verstand er, lautlos das Om zu sprechen, das Wort der Worte, es lautlos in sich hinein zu sprechen mit dem Einhauch, es lautlos aus sich heraus zu sprechen mit dem Aushauch, mit gesammelter Seele, die Stirn umgeben—vom Glanz des klardenkenden Geistes. Schon verstand er, im Innern seines Wesens Atman zu wissen, unzerstorbar, eins mit dem Weltall.

    Freude sprang in seines Vaters Herzen uber den Sohn, den Gelehrigen, den Wissensdurstigen, einen gro?en Weisen und Priester sah er in ihm heranwachsen, einen Fursten unter den Brahmanen.

    Wonne sprang in seiner Mutter Brust, wenn sie ihn sah, wenn sie ihn schreiten, wenn sie ihn niedersitzen und aufstehen sah, Siddhartha, den Starken, den Schonen, den auf schlanken Beinen Schreitenden, den mit vollkommenem Anstand sie Begru?enden.

    Liebe ruhrte sich in den Herzen der jungen Brahmanentochter, wenn Siddhartha durch die Gassen der Stadt ging, mit der leuchtenden Stirn, mit dem Konigsauge, mit den schmalen Huften.

    Mehr als sie alle aber liebte ihn Govinda, sein Freund, der Brahmanensohn. Er liebte Siddharthas Auge und holde Stimme, er liebte seinen Gang und den vollkommenen Anstand seiner Bewegungen, er liebte alles, was Siddhartha tat und sagte, und am meisten liebte er, seinen Geist, seine hohen, feurigen Gedanken, seinen gluhenden Willen, seine hohe Berufung. Govinda wu?te: dieser wird kein gemeiner Brahmane werden, kein fauler Opferbeamter, kein habgieriger Handler mit Zauberspruchen, kein eitler, leerer Redner, kein boser, hinterlistiger Priester, und auch kein gutes, dummes Schaf in der Herde der Vielen. Nein, und auch er, Govinda, wollte kein solcher werden, kein Brahmane, wie es zehntausend gibt. Er wollte Siddhartha folgen, dem Geliebten, dem Herrlichen. Und wenn Siddhartha einstmals ein Gott wurde, wenn er einstmals eingehen wurde zu den Strahlenden, dann wollte Govinda ihm folgen, als sein Freund, als sein Begleiter, als sein Diener, als sein Speertrager, sein Schatten.

    So liebten den Siddhartha alle. Allen schuf er Freude, allen war er zur Lust.

    Er aber, Siddhartha, schuf sich nicht Freude, er war sich nicht zur Lust. Wandelnd auf den rosigen Wegen des Feigengartens, sitzend im blaulichen Schatten des Hains der Betrachtung, waschend seine Glieder im taglichen Suhnebad, opfernd im tiefschattigen Mangowald, von vollkommenem Anstand der Gebarden, von allen geliebt, aller Freude, trug er doch keine Freude im Herzen. Traume kamen ihm und rastlose Gedanken aus dem Wasser des Flusses geflossen, aus den Sternen der Nacht gefunkelt, aus den Strahlen der Sonne geschmolzen, Traume kamen ihm und Ruhelosigkeit der Seele, aus den Opfern geraucht, aus den Versen der Rig-Veda gehaucht, aus den Lehren der alten Brahmanen getraufelt.

    Siddhartha hatte begonnen, Unzufriedenheit in sich zu nahren, Er hatte begonnen zu fuhlen, da? die Liebe seines Vaters, und die Liebe seiner Mutter, und auch die Liebe seines Freundes, Govindas, nicht immer und fur alle Zeit ihn beglucken, ihn stillen, ihn sattigen, ihm genugen werde. Er hatte begonnen zu ahnen, da? sein ehrwurdiger Vater und seine anderen Lehrer, da? die weisen Brahmanen ihm von ihrer Weisheit das meiste und beste schon mitgeteilt, da? sie ihre Fulle schon in sein wartendes Gefa? gegossen hatten, und das Gefa? war nicht voll, der Geist war nicht begnugt, die Seele war nicht ruhig, das Herz nicht gestillt. Die Waschungen waren gut, aber sie waren Wasser, sie wuschen nicht Sunde ab, sie heilten nicht Geistesdurst, sie losten nicht Herzensangst. Vortrefflich waren die Opfer und die Anrufung der Gotter aber war dies alles? Gaben die Opfer Gluck? Und wie war das mit den Gottern? War es wirklich Prajapati, der die Welt erschaffen hat? War es nicht der Atman, Er, der Einzige, der Alleine? Waren nicht die Gotter Gestaltungen, erschaffen wie ich und du, der Zeit untertan, verganglich? War es also gut, war es richtig, war es ein sinnvolles und hochstes Tun, den Gottern zu opfern? Wem anders war zu opfern, wem anders war Verehrung darzubringen als Ihm, dem Einzigen, dem Atman? Und wo war Atman zu finden, wo wohnte Er, wo schlug Sein ewiges Herz, wo anders als im eigenen Ich, im Innersten, im Unzerstorbaren, das ein jeder in sich trug? Aber wo, wo war dies Ich, dies Innerste, dies Letzte? Es war nicht Fleisch und Bein, es war nicht Denken noch Bewu?tsein, so lehrten die Weisesten. Wo, wo also war es? Dorthin zu dringen, zum Ich, ZU mir, zum Atman, gab es einen andern Weg, den zu suchen sich lohnte? Ach, und niemand zeigte diesen Weg, niemand wu?te ihn, nicht der Vater, nicht die Lehrer und Weisen, nicht die heiligen Opfergesange! Alles wu?ten sie, die Brahmanen und ihre heiligen Bucher, alles wu?ten sie, um alles hatten sie sich gekummert und um mehr als alles, die Erschaffung der Welt, das Entstehen der Rede, der Speise, des Einatmens, des Ausatmens, die Ordnungen der Sinne, die Taten der Gotter unendlich vieles wu?ten sie—aber war es wertvoll, dies alles zu wissen, wenn man das Eine und Einzige nicht wu?te, das Wichtigste, das allein Wichtige?

    Gewi?, viele Verse der heiligen Bucher, zumal in den Upanishaden des Samaveda, sprachen von diesem Innersten und Letzten, herrliche Verse. "Deine Seele ist die ganze Welt", stand da geschrieben, und geschrieben stand, da? der Mensch im Schlafe, im Tiefschlaf, zu seinem Innersten eingehe und im Atman wohne. Wunderbare Weisheit stand in diesen Versen, alles Wissen der Weisesten stand hier in magischen Worten gesammelt, rein wie von Bienen gesammelter Honig. Nein, nicht gering zu achten war das Ungeheure an Erkenntnis, das hier von unzahlbaren Geschlechterfolgen weiser Brahmanen gesammelt und bewahrt lag.—Aber wo waren die Brahmanen, wo die Priester, wo die Weisen oder Bu?er, denen es gelungen war, dieses tiefste Wissen nicht blo? zu wissen, sondern zu leben? Wo war der Kundige, der das Daheimsein im Atman aus dem Schlafe heruberzauberte ins Wachsein, in das Leben, in Schritt und Tritt, in Wort und Tat? Viele ehrwurdige Brahmanen kannte Siddhartha, seinen Vater vor allen, den Reinen, den Gelehrten, den hochst Ehrwurdigen. Zu bewundern war sein Vater, still und edel war sein Gehaben, rein sein Leben, weise sein Wort, feine und adlige Gedanken wohnten in seiner Stirn—aber auch er, der so viel Wissende, lebte er denn in Seligkeit, hatte er Frieden, war er nicht auch nur ein Suchender, ein Durstender? Mu?te er nicht immer und immer wieder an heiligen Quellen, ein Durstender, trinken, am Opfer, an den Buchern, an der Wechselrede der Brahmanen? Warum mu?te er, der Untadelige, jeden Tag Sunde abwaschen, jeden Tag sich um Reinigung muhen, jeden Tag von neuem? War denn nicht Atman in ihm, flo? denn nicht in seinem eigenen Herzen der Urquell? Ihn mu?te man finden, den Urquell im eigenen Ich, ihn mu?te man zu eigen haben! Alles andre war Suchen, war Umweg, war Verirrung.

    So waren Siddharthas Gedanken, dies war sein Durst, dies sein Leiden.

    Oft sprach er aus einem Chandogya-Upanishad sich die Worte vor: "Furwahr, der Name des Brahman ist satyam—wahrlich, wer solches wei?, der geht taglich ein in die himmlische Welt." Oft schien sie nahe, die himmlische Welt, aber niemals hatte er sie ganz erreicht, nie den letzten Durst geloscht. Und von allen Weisen und Weisesten die er kannte und deren Belehrung er geno?, von ihnen allen war keiner, der sie ganz erreicht hatte, die himmlische Welt, der ihn ganz geloscht hatte, den,ewigen Durst.

    "Govinda," sprach Siddhartha zu seinem Freunde, "Govinda, Lieber, komm mit mir unter den Banyanenbaum, wir wollen der Versenkung pflegen."

    Sie gingen zum Banyanenbaum, sie setzten sich nieder, hier Siddhartha, zwanzig Schritte weiter Govinda. Indem er sich niedersetzte, bereit, das Om zu sprechen, wiederholte Siddhartha murmelnd den Vers:

    Om ist Bogen, der Pfeil ist Seele, Das Brahman ist des Pfeiles Ziel, Das soll man unentwegt treffen.


    Als die gewohnte Zeit der Versenkungsubung hingegangen war, erhob sich Govinda. Der Abend war gekommen, Zeit war es, die Waschung der Abendstunde vorzunehmen. Er rief Siddharthas Namen. Siddhartha gab nicht Antwort. Siddhartha sa? versunken, seine Augen standen starr auf ein sehr fernes Ziel gerichtet, seine Zungenspitze stand ein wenig zwischen den Zahnen hervor, er schien nicht zu atmen. So sa? er, in Versenkung gehullt, Om denkend, seine Seele als Pfeil nach dem Brahman ausgesandt.

    Einst waren Samanas durch Siddharthas Stadt gezogen, pilgernde Asketen, drei durre, erloschene Manner, nicht alt noch jung, mit staubigen und blutigen Schultern, nahezu nackt von der Sonne versengt, von Einsamkeit umgeben, fremd und feind der Welt, Fremdlinge und hagere Schakale im Reich der Menschen. Hinter ihnen her wehte hei? ein Duft von stiller Leidenschaft, von zerstorendem Dienst, von mitleidloser Entselbstung.

    Am Abend, nach der Stunde der Betrachtung, sprach Siddhartha zu Govinda: "Morgen in der Fruhe, mein Freund, wird Siddhartha zu den Samanas gehen. Er wird ein Samana werden."

    Govinda erbleichte, da er die Worte horte und im unbewegten Gesicht seines Freundes den Entschlu? los, unablenkbar wie der vom Bogen losgeschnellte Pfeil. Alsbald und beim ersten Blick erkannte Govinda: Nun beginnt es, nun geht Siddhartha seinen Weg, nun beginnt sein Schicksal zu sprossen, und mit seinem das meine. Und er wurde bleich wie eine trockene Bananenschale.

    "O Siddhartha," rief er, "wird das dein Vater dir erlauben?"

    Siddhartha blickte heruber wie ein Erwachender. Pfeilschnell las er in Govindas Seele, las die Angst, las die Ergebung.

    "O Govinda," sprach er leise, "wir wollen nicht Worte verschwenden. Morgen mit Tagesanbruch werde ich das Leben der Samanas beginnen. Rede nicht mehr davon."

    Siddhartha trat in die Kammer, wo sein Vater auf einer Matte aus Bast sa?, und trat hinter seinen Vater und blieb da stehen, bis sein Vater fuhlte, da? einer hinter ihm stehe. Sprach der Brahmane: "Bist du es, Siddhartha? So sage, was zu sagen du gekommen bist."

    Sprach Siddhartha: "Mit deiner Erlaubnis, mein Vater. Ich bin gekommen, dir zu sagen, da? mich verlangt, morgen dein Haus zu verlassen und zu den Asketen zu gehen. Ein Samana zu werden ist mein Verlangen. Moge mein Vater dem nicht entgegen sein."

    Der Brahmane schwieg, und schwieg so lange, da? im kleinen Fenster die Sterne wanderten und ihre Figur veranderten, ehe das Schweigen in der Kammer ein Ende fand. Stumm und regungslos stand mit gekreuzten Armen der Sohn, stumm und regungslos sa? auf der Matte der Vater, und die Sterne zogen am Himmel. Da sprach der Vater: "Nicht ziemt es dem Brahmanen, heftige und zornige Worte zu reden. Aber Unwille bewegt mein Herz. Nicht mochte ich diese Bitte zum zweiten Male aus deinem Munde horen."

    Langsam erhob sich der Brahmane, Siddhartha stand stumm mit gekreuzten Armen.

    "Worauf wartest du?" fragte der Vater.

    Sprach Siddhartha: "Du wei?t es."

    Unwillig ging der Vater aus der Kammer, unwillig suchte er sein Lager auf und legte sich nieder.

    Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der Brahmane auf, tat Schritte hin und her, trat aus dem Hause. Durch das kleine Fenster der Kammer blickte er hinein, da sah er Siddhartha stehen, mit gekreuzten Armen, unverruckt. Bleich schimmerte sein helles Obergewand. Unruhe im Herzen, kehrte der Vater zu seinem Lager zuruck.

    Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der Brahmane von neuem auf, tat Schritte hin und her, trat vor das Haus, sah den Mond aufgegangen. Durch das Fenster der Kammer blickte er hinein, da stand Siddhartha, unverruckt, mit gekreuzten Armen, an seinen blo?en Schienbeinen spiegelte das Mondlicht. Besorgnis im Herzen, suchte der Vater sein Lager auf.

    Und er kam wieder nach einer Stunde, und kam wieder nach zweien Stunden, blickte durchs kleine Fenster, sah Siddhartha stehen, im Mond, im Sternenschein, in der Finsternis. Und kam wieder von Stunde zu Stunde, schweigend, blickte in die Kammer, sah den unverruckt Stehenden, fullte sein Herz mit Zorn, fullte sein Herz mit Unruhe, fullte sein Herz mit Zagen, fullte es mit Leid.

    Und in der letzten Nachtstunde, ehe der Tag begann, kehrte er wieder, trat in die Kammer, sah den Jungling stehen, der ihm gro? und wie fremd erschien.

    "Siddhartha," sprach er, "worauf wartest du?"

    "Du wei?t es."

    "Wirst du immer so stehen und warten, bis es Tag wird, Mittag wird, Abend wird?"

    "Ich werde stehen und warten."

    "Du wirst mude werden, Siddhartha."

    "Ich werde mude werden."

    "Du wirst einschlafen, Siddhartha."

    "Ich werde nicht einschlafen."

    "Du wirst sterben, Siddhartha."

    "Ich werde sterben."

    "Und willst lieber sterben, als deinem Vater gehorchen?"

    "Siddhartha hat immer seinem Vater gehorcht."

    "So willst du dein Vorhaben aufgeben?"

    "Siddhartha wird tun, was sein Vater ihm sagen wird."

    Der erste Schein des Tages fiel in die Kammer. Der Brahmane sah, da? Siddhartha in den Knien leise zitterte. In Siddharthas Gesicht sah er kein Zittern, fernhin blickten die Augen. Da erkannte der Vater, da? Siddhartha schon jetzt nicht mehr bei ihm und in der Heimat weile, da? er ihn schon jetzt verlassen habe.

    Der Vater beruhrte Siddharthas Schulter.

    "Du wirst," sprach er, "in den Wald gehen und ein Samana sein. Hast du Seligkeit gefunden im Walde, so komm und lehre mich Seligkeit. Findest du Enttauschung, dann kehre wieder und la? uns wieder gemeinsam den Gottern opfern. Nun gehe und kusse deine Mutter, sage ihr, wohin du gehst. Fur mich aber ist es Zeit, an den Flu? zu gehen und die erste Waschung vorzunehmen."

    Er nahm die Hand von der Schulter seines Sohnes und ging hinaus. Siddhartha schwankte zur Seite, als er zu gehen versuchte. Er bezwang seine Glieder, verneigte sich vor seinem Vater und ging zur Mutter, um zu tun, wie der Vater gesagt hatte.

    Als er im ersten Tageslicht langsam auf erstarrten Beinen die noch stille Stadt verlie?, erhob sich bei der letzten Hutte ein Schatten, der dort gekauert war, und schlo? sich an den Pilgernden an—Govinda.

    "Du bist gekommen", sagte Siddhartha und lachelte.

    "Ich bin gekommen," sagte Govinda.




    BEI DEN SAMANAS

    Am Abend dieses Tages holten sie die Asketen ein, die durren Samanas, und boten ihnen Begleitschaft und—Gehorsam an. Sie wurden angenommen.

    Siddhartha schenkte sein Gewand einem armen Brahmanen auf der Stra?e. Er trug nur noch die Schambinde und den erdfarbenen ungenahten Uberwurf. Er a? nur einmal am Tage, und niemals Gekochtes. Er fastete funfzehn Tage. Er fastete acht und zwanzig Tage. Das Fleisch schwand ihm von Schenkeln und Wangen. Hei?e Traume flackerten aus seinen vergro?erten Augen, an seinen dorrenden Fingern wuchsen lang die Nagel und am Kinn der trockne, struppige Bart. Eisig wurde sein Blick, wenn er Weibern begegnete; sein Mund zuckte Verachtung, wenn er durch eine Stadt mit schon gekleideten Menschen ging. Er sah Handler handeln, Fursten zur Jagd gehen, Leidtragende ihre Toten beweinen, Huren sich anbieten, Arzte sich um Kranke muhen, Priester den Tag fur die Aussaat bestimmen, Liebende lieben, Mutter ihre Kinder stillen—und alles war nicht den Blick seines Auges wert, alles log, alles stank, alles stank nach Luge, alles tauschte Sinn und Gluck und Schonheit vor, und alles war uneingestandene Verwesung. Bitter schmeckte die Welt. Qual war das Leben.

    Ein Ziel stand vor Siddhartha, ein einziges: leer werden, leer von Durst, leer von Wunsch, leer von Traum, leer von Freude und Leid. Von sich selbst wegsterben, nicht mehr Ich sein, entleerten Herzens Ruhe zu finden, im entselbsteten Denken dem Wunder offen zu stehen, das war sein Ziel. Wenn alles Ich uberwunden und gestorben war, wenn jede Sucht und jeder Trieb im Herzen schwieg, dann mu?te das Letzte erwachen, das Innerste im Wesen, das nicht mehr Ich ist, das gro?e Geheimnis.

    Schweigend stand Siddhartha im senkrechten Sonnenbrand, gluhend vor Schmerz, gluhend vor Durst, und stand, bis er nicht Schmerz noch Durst mehr fuhlte. Schweigend stand er in der Regenzeit, aus seinem Haare troff das Wasser uber frierende Schultern, uber frierende Huften und Beine, und der Bu?er stand, bis Schultern und Beine nicht mehr froren, bis sie schwiegen, bis sie still waren. Schweigend kauerte er im Dorngerank, aus der brennenden Haut tropfte das Blut, aus Schwaren der Eiter, und Siddhartha verweilte starr, verweilte regungslos, bis kein Blut mehr flo?, bis nichts mehr stach, bis nichts mehr brannte.

    Siddhartha sa? aufrecht und lernte den Atem sparen, lernte mit wenig Atem auskommen, lernte den Atem abzustellen. Er lernte, mit dem Atem beginnend, seinen Herzschlag beruhigen, lernte die Schlage seines Herzens vermindern, bis es wenige und fast keine mehr waren.

    Vom Altesten der Samanas belehrt, ubte Siddhartha Entselbstung, ubte Versenkung, nach neuen Samanaregeln. Ein Reiher flog uberm Bambuswald—und Siddhartha nahm den Reiher in seine Seele auf, flog uber Wald und Gebirg, war Reiher, fra? Fische, hungerte Reiherhunger, sprach Reihergekrachz, starb Reihertod. Ein toter Schakal lag am Sandufer, und Siddharthas Seele schlupfte in den Leichnam hinein, war toter Schakal, lag am Strande, blahte sich, stank, verweste, ward von Hyanen zerstuckt, ward von Geiern enthautet, ward Gerippe, ward Staub, wehte ins Gefild. Und Siddharthas Seele kehrte zuruck, war gestorben, war verwest, war zerstaubt, hatte den truben Rausch des Kreislaufs geschmeckt, harrte in neuem Durst wie ein Jager auf die Lucke, wo dem Kreislauf zu entrinnen ware, wo das Ende der Ursachen, wo leidlose Ewigkeit beganne. Er totete seine Sinne, er totete seine Erinnerung, er schlupfte aus seinem Ich in tausend fremde Gestaltungen, war Tier, war Aas, war Stein, war Holz, war Wasser, und fand sich jedesmal erwachend wieder, Sonne schien oder Mond, war wieder Ich, schwang im Kreislauf, fuhlte Durst, uberwand den Durst, fuhlte neuen Durst.

    Vieles lernte Siddhartha bei den Samanas, viele Wege vom Ich hinweg lernte er gehen. Er ging den Weg der Entselbstung durch den Schmerz, durch das freiwillige Erleiden und Uberwinden des Schmerzes, des Hungers, des Dursts, der Mudigkeit. Er ging den Weg der Entselbstung durch Meditation, durch das Leerdenken des Sinnes von allen Vorstellungen. Diese und andere Wege lernte er gehen, tausendmal verlie? er sein Ich, stundenlang und tagelang verharrte er im Nicht-Ich. Aber ob auch die Wege vom Ich hinwegfuhrten, ihr Ende fuhrte doch immer zum Ich zuruck. Ob Siddhartha tausendmal dem Ich entfloh, im Nichts verweilte, im Tier, im Stein verweilte, unvermeidlich war die Ruckkehr, unentrinnbar die Stunde, da er sich wiederfand, im Sonnenschein oder im Mondschein, im Schatten oder im Regen, und wieder Ich und Siddhartha war, und wieder die Qual des auf erlegten Kreislaufes empfand.

    Neben ihm lebte Govinda, sein Schatten, ging dieselben Wege, unterzog sich denselben Bemuhungen. Selten sprachen sie anderes miteinander, als der Dienst und die Ubungen erforderten. Zuweilen gingen sie zu zweien durch die Dorfer, um Nahrung fur sich und ihre Lehrer zu betteln.

    "Wie denkst du, Govinda," sprach einst auf diesem Bettelgang Siddhartha, "wie denkst du, sind wir weiter gekommen? Haben wir Ziele erreicht?"

    Antwortete Govinda: "Wir haben gelernt, und wir lernen weiter. Du wirst ein gro?er Samana sein, Siddhartha. Schnell hast du jede Ubung gelernt, oft haben die alten Samanas dich bewundert. Du wirst einst ein Heiliger sein, o Siddhartha."

    Sprach Siddhartha: "Mir will es nicht so erscheinen, mein Freund. Was ich bis zu diesem Tage bei den Samanas gelernt habe, das, o Govinda, hatte ich schneller und einfacher lernen konnen. In jeder Kneipe eines Hurenviertels, mein Freund, unter den Fuhrleuten und Wurfelspielern hatte ich es lernen konnen."

    Sprach Govinda: "Siddhartha macht sich einen Scherz mit mir. Wie hattest du Versenkung, wie hattest du Anhalten des Atems, wie hattest du Unempfindsamkeit gegen Hunger und Schmerz dort bei jenen Elenden lernen sollen?"

    Und Siddhartha sagte leise, als sprache er zu sich selber: "Was ist Versenkung? Was ist Verlassen des Korpers? Was ist Fasten? Was ist Anhaltendes Atems? Es ist Flucht vor dem Ich, es ist ein kurzes Entrinnen aus der Qual des Ichseins, es ist eine kurze Betaubung gegen den Schmerz und die Unsinnigkeit des Lebens. Dieselbe Flucht, dieselbe kurze Betaubung findet der Ochsentreiber in der Herberge, wenn er einige Schalen Reiswein trinkt oder gegorene Kokosmilch. Dann fuhlt er sein Selbst nicht mehr, dann fuhlt er die Schmerzen des Lebens nicht mehr, dann findet er kurze Betaubung. Er findet, uber seiner Schale mit Reiswein eingeschlummert, dasselbe, was Siddhartha und Govinda finden, wenn sie in langen Ubungen aus ihrem Korper entweichen, im Nicht-Ich verweilen. So ist es, o Govinda."

    Sprach Govinda: "So sagst du, o Freund, und wei?t doch, da? Siddhartha kein Ochsentreiber ist und ein Samana kein Trunkenbold. Wohl findet der Trinker Betaubung, wohl findet er kurze Flucht und Rast, aber er kehrt zuruck aus dem Wahn und, findet alles beim alten, ist nicht weiser geworden, hat nicht Erkenntnis gesammelt, ist nicht um Stufen hoher gestiegen."

    Und Siddhartha sprach mit Lacheln: "Ich wei? es nicht, ich bin nie ein Trinker gewesen. Aber da? ich, Siddhartha, in meinen Ubungen und Versenkungen nur kurze Betaubung finde und ebenso weit von der Weisheit, von der Erlosung entfernt bin wie als Kind im Mutterleibe, das wei? ich, o Govinda, das wei? ich."

    Und wieder ein anderes Mal, da Siddhartha mit Govinda den Wald verlie?, um im Dorfe etwas Nahrung fur ihre Bruder und Lehrer zu betteln, begann Siddhartha zu sprechen—und sagte: "Wie nun, o Govinda, sind wir wohl auf dem rechten Wege? Nahern wir uns wohl der Erkenntnis? Nahern wir uns wohl der Erlosung? Oder eben wir nicht vielleicht im Kreise—wir, die wir doch dem Kreislauf zu entrinnen dachten?"

    Sprach Govinda: "Viel haben wir gelernt, Siddhartha, viel bleibt noch zu lernen. Wir gehen nicht im Kreise, wir gehen nach oben, der Kreis ist eine Spirale, manche Stufe sind wir schon gestiegen."

    Antwortete Siddhartha: "Wie alt wohl, meinst du, ist unser altester Samana, unser ehrwurdiger Lehrer?"

    Sprach Govinda: "Vielleicht sechzig Jahre mag unser Altester zahlen."

    Und Siddhartha: "Sechzig Jahre ist er alt geworden und hat Nirwana nicht erreicht. Er wird siebzig werden und achtzig, und du und ich, wir werden ebenso alt werden und werden uns uben, und werden fasten, und werden meditieren. Aber Nirwana werden wir nicht erreichen, er nicht, wir nicht. O Govinda, ich glaube, von allen Samanas, die es gibt, wird vielleicht nicht einer, nicht einer Nirwana erreichen. Wir finden Trostungen, wir finden Betaubungen, wir lernen Kunstfertigkeiten, mit denen wir uns tauschen. Das Wesentliche aber, den Weg der Wege finden wir nicht."

    "Mogest du doch," sprach Govinda, "nicht so erschreckende Worte aussprechen, Siddhartha! Wie sollte denn unter so vielen gelehrten Mannern, unter so viel Brahmanen, unter so vielen strengen und ehrwurdigen Samanas, unter so viel suchenden, so viel innig beflissenen, so viel heiligen Mannern keiner den Weg der Wege finden?"

    Siddhartha aber sagte mit einer Stimme, welche so viel Trauer wie Spott enthielt, mit einer leisen, einer etwas traurigen, einer etwas spottischen Stimme: "Bald, Govinda, wird dein Freund diesen Pfad der Samanas verlassen, den er so lang mit dir gegangen ist. Ich leide Durst, o Govinda, und auf diesem langen Samanawege ist mein Durst um nichts kleiner geworden. Immer habe ich nach Erkenntnis gedurstet, immer bin ich voll von Fragen gewesen. Ich habe die Brahmanen befragt, Jahr um Jahr, und habe die heiligen Vedas befragt, Jahr um Jahr, und habe die frommen Samanas befragt, Jahr um Jahr. Vielleicht, o Govinda, ware es ebenso gut, ware es ebenso klug und ebenso heilsam gewesen, wenn ich den Nashornvogel oder den Schimpansen befragt hatte. Lange Zeit habe ich gebraucht und bin noch nicht damit zu Ende, um dies zu lernen, o Govinda: da? man nichts lernen kann! Es gibt, so glaube ich, in der Tat jenes Ding nicht, das wir 'Lernen' nennen. Es gibt, o mein Freund, nur ein Wissen, das ist uberall, das ist Atman, das ist in mir und in dir und in jedem Wesen. Und so beginne ich zu glauben dies Wissen hat keinen argeren Feind als das Wissenwollen, als das Lernen."

    Da blieb Govinda auf dem Wege stehen, erhob die Hande und sprach: "Mogest du, Siddhartha, deinen Freund doch nicht mit solchen Reden beangstigen! Wahrlich, Angst erwecken deine Worte in meinem Herzen. Und denke doch nur: wo bliebe die Heiligkeit der Gebete, wo bliebe die Ehrwurdigkeit des Brahmanenstandes, wo die Heiligkeit der Samanas, wenn es so ware wie du sagst, wenn es kein Lernen gabe?! Was, o Siddhartha, was wurde dann aus alledem werden, was auf Erden heilig, was wertvoll, was ehrwurdig ist?!"

    Und Govinda murmelte einen Vers vor sich hin, einen Vers aus einer Upanishad:

    Wer nachsinnend, gelauterten Geistes, in Atman sich versenkt, Unaussprechlich durch Worte ist seines Herzens Seligkeit.

    Siddhartha aber schwieg. Er dachte der Worte, welche Govinda zu ihm gesagt hatte, und dachte die Worte bis an ihr Ende.

    Ja, dachte er, gesenkten Hauptes stehend, was bliebe noch ubrig von allem, was uns heilig schien? Was bleibt? Was bewahrt sich? Und er schuttelte den Kopf.

    Einstmals, als die beiden Junglinge gegen drei Jahre bei den Samanas gelebt und ihre Ubungen geteilt hatten, da erreichte sie auf mancherlei Wegen und Umwegen eine Kunde, ein Gerucht, eine Sage: Einer sei erschienen, Gotama genannt, der Erhabene, der Buddha, der habe in sich das Leid der Welt uberwunden und das Rad der Wiedergeburten zum Stehen gebracht. Lehrend ziehe er, von Jungern umgeben, durch das Land, besitzlos, heimatlos, weiblos, im gelben Mantel eines Asketen, aber mit heiterer Stirn, ein Seliger, und Brahmanen und Fursten beugten sich vor ihm und wurden seine Schuler.

    Diese Sage, dies Gerucht, dies Marchen klang auf, duftete empor, hier und dort, in den Stadten sprachen die Brahmanen davon, im Wald die Samanas, immer wieder drang der Name Gotamas, des Buddha, zu den Ohren der Junglinge, im Guten und im Bosen, in Lobpreisung und in Schmahung.

    Wie wenn in einem Lande die Pest herrscht, und es erliebt sich die Kunde, da und dort sei ein Mann, ein Weiser, ein Kundiger, dessen Wort und Anhauch genuge, um jeden von der Seuche Befallenen zu heilen, und wie dann diese Kunde das Land durchlauft und jedermann davon spricht, viele glauben, viele zweifeln, viele aber sich alsbald auf den Weg machen, um den Weisen, den Helfer aufzusuchen, so durchlief das Land jene Sage, jene duftende Sage von Gotama, dem Buddha, dem Weisen aus dem Geschlecht der Sakya. Ihm war, so sprachen die Glaubigen, hochste Erkenntnis zu eigen, er erinnerte sich seiner vormaligen Leben, er hatte Nirwana erreicht und kehrte nie mehr in den Kreislauf zuruck, tauchte nie mehr in den truben Strom der Gestaltungen unter. Vieles Herrliche und Unglaubliche wurde von ihm berichtet, er hatte Wunder getan, hatte den Teufel uberwunden, hatte mit den Gottern gesprochen. Seine Feinde und Unglaubigen aber sagten, dieser Gotama sei ein eitler Verfuhrer, er bringe seine Tage in Wohlleben hin, verachte die Opfer, sei ohne Gelehrsamkeit und kenne weder Ubung noch Kasteiung.

    Su? klang die Sage von Buddha, Zauber duftete aus diesen Berichten. Krank war ja die Welt, schwer zu ertragen war das Leben—und siehe, hier schien eine Quelle zu springen, hier schien ein Botenruf zu tonen, trostvoll, mild, edler Versprechungen voll. Uberall, wohin das Gerucht vom Buddha erscholl, uberall in den Landern Indiens horchten die Junglinge auf, fuhlten Sehnsucht, fuhlten Hoffnung, und unter den Brahmanensohnen der Stadte und Dorfer war jeder Pilger und Fremdling willkommen, wenn er Kunde von ihm, dem Erhabenen, dem Sakyamuni, brachte.

    Auch zu den Samanas im Walde, auch zu Siddhartha, auch zu Govinda war die Sage gedrungen, langsam, in Tropfen, jeder Tropfen schwer von Hoffnung, jeder Tropfen schwer von Zweifel. Sie sprachen wenig davon, denn der Alteste der Samanas war kein Freund dieser Sage. Er hatte vernommen, da? jener angebliche Buddha vormals Asket gewesen und im Walde gelebt, sich dann aber zu Wohlleben und Weltlust zuruckgewendet habe, und er hielt nichts von diesem Gotama.

    "O Siddhartha", sprach einst Govinda zu seinem Freunde. "Heute war ich im Dorf, und ein Brahmane lud mich ein, in sein Haus zu treten, und in seinem Hause war ein Brahmanensohn aus Magadha, dieser hat mit seinen eigenen Augen den Buddha gesehen und hat ihn lehren horen. Wahrlich, da schmerzte mich der Atem in der Brust, und ich dachte bei mir: Mochte doch auch ich, mochten doch auch wir beide, Siddhartha und ich, die Stunde erleben, da wir die Lehre aus dem Munde jenes Vollendeten vernehmen! Sprich, Freund, wollen wir nicht auch dorthin gehen und die Lehre aus dem Munde des Buddha anhoren?"

    Sprach Siddhartha: "Immer, o Govinda, hatte ich gedacht, Govinda wurde bei den Samanas bleiben, immer hatte ich geglaubt, es ware sein Ziel, sechzig und siebzig Jahre alt zu worden und immer weiter die Kunste und Ubungen zu treiben, welche den Samana zieren. Aber sieh, ich hatte Govinda zu wenig gekannt, wenig wu?te ich von seinem Herzen. Nun also willst du, Teuerster, einen neuen Pfad einschlagen und dorthin gehen, wo der Buddha seine Lehre verkundet."

    Sprach Govinda: "Dir beliebt es zu spotten. Mogest du immerhin spotten, Siddhartha! Ist aber nicht auch in dir ein Verlangen, eine Lust erwacht, diese Lehre zu horen? Und hast du nicht einst zu mir gesagt, nicht lange mehr werdest du den Weg der Samanas gehen?"

    Da lachte Siddhartha, auf seine Weise, wobei der Ton seiner Stimme einen Schatten von Trauer und einen Schatten von Spott annahm, und sagte: "Wohl, Govinda, wohl ha?t du gesprochen, richtig hast du dich erinnert. Mogest du doch auch des andern dich erinnern, das du von mir gehort hast, da? ich namlich mi?trauisch und mude gegen Lehre und Lernen geworden bin, und da? mein Glaube klein ist an Worte, die von Lehrern zu uns kommen. Aber wohlan, Lieber, ich bin bereit, jene Lehre zu horen—obschon ich im Herzen glaube, da? wir die beste Frucht jener Lehre schon gekostet haben."

    Sprach Govinda: "Deine Bereitschaft erfreut mein Herz. Aber sage, wie sollte das moglich sein? Wie sollte die Lehre des Gotama, noch ehe wir sie vernommen, uns schon ihre beste Frucht erschlossen haben?"

    Sprach Siddhartha: "La? diese Frucht uns genie?en und das weitere abwarten, o Govinda! Diese Frucht aber, die wir schon jetzt dem Gotama verdanken, besteht darin, da? er uns von den Samanas hinwegruft! Ob er uns noch anderes und Besseres zu geben hat, o Freund, darauf la? uns ruhigen Herzens warten."

    An diesem selben Tage gab Siddhartha dem Altesten der Samanas seinen Entschlu? zu wissen, da? er ihn verlassen wollte. Er gab ihn dem Altesten zu wissen mit der Hoflichkeit und Bescheidenheit, welche dem Jungeren und Schuler ziemt. Der Samana aber geriet in Zorn, da? die beiden Junglinge ihn verlassen wollten, und redete laut und brauchte grobe Schimpfworte.

    Govinda erschrak und kam in Verlegenheit, Siddhartha aber neigte den Mund zu Govindas Ohr und flusterte ihm zu: "Nun will ich dem Alten zeigen, da? ich etwas bei ihm gelernt habe."

    Indem er sich nahe vor dem Samana aufstellte, mit gesammelter Seele, fing er den Blick des Alten mit seinen Blicken ein, bannte ihn, machte ihn stumm, machte ihn willenlos, unterwarf ihn seinem Willen, befahl ihm, lautlos zu tun, was er von ihm verlangte. Der alte Mann wurde stumm, sein Auge wurde starr, sein Wille gelahmt, seine Arme hingen herab, machtlos war er Siddharthas Bezauberung erlegen. Siddharthas Gedanken aber bemachtigten sich des Samana, er mu?te vollfuhren, was sie befahlen. Und so verneigte sich der Alte mehrmals, vollzog segnende Gebarden, sprach stammelnd einen frommen Reisewunsch. Und die Junglinge erwiderten dankend die Verneigungen, erwiderten den Wunsch, zogen gru?end von dannen.

    Unterwegs sagte Govinda: "O Siddhartha, du hast bei den Samanas mehr gelernt, als ich wu?te. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen alten Samana zu bezaubern. Wahrlich, warest du dort geblieben, du hattest bald gelernt, auf dem Wasser zu gehen."

    "Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen", sagte Siddhartha. "Mogen alte Samanas mit solchen Kunsten sich zufrieden geben!"




    GOTAMA

    In der Stadt Savathi kannte jedes Kind den Namen des Erhabenen Buddha, und jedes Haus war gerustet, den Jungern Gotamas, den schweigend Bittenden, die Almosenschale zu fullen. Nahe bei der Stadt lag Gotamas liebster Aufenthalt, der Hain Jetavana, welchen der reiche Kaufherr Anathapindika, ein ergebener Verehrer des Erhabenen, ihm und den Seinen zum Geschenk gemacht hatte.

    Nach dieser Gegend hatten alle Erzahlungen und Antworten hingewiesen, welche den beiden jungen Asketen auf der Suche nach Gotamas Aufenthalt zuteil wurden. Und da sie in Savathi ankamen, ward ihnen gleich im ersten Hause, vor dessen Tur sie bittend stehen blieben, Speise angeboten, und sie nahmen Speise an, und Siddhartha fragte die Frau, welche ihnen die Speise reichte:

    "Gerne, du Mildtatige, gerne mochten wir erfahren, wo der Buddha weilt, der Ehrwurdigste, denn wir sind zwei Samanas aus dem Walde, und sind gekommen, um ihn, den Vollendeten, zu sehen und die Lehre aus seinem Munde zu vernehmen."

    Sprach die Frau: "Am richtigen Orte wahrlich seid Ihr hier abgestiegen, Ihr Samanas aus dem Walde. Wisset, in Jetavana, im Garten Anathapindikas, weilt der Erhabene. Dort moget Ihr, Pilger, die Nacht verbringen, denn genug Raum ist daselbst fur die Unzahligen, die herbeistromen, um aus seinem Munde die Lehre zu horen."

    Da freute sich Govinda, und voll Freude rief er: "Wohl denn, so ist unser Ziel erreicht und unser Weg zu Ende! Aber sage uns, du Mutter der Pilgernden, kennst du ihn, den Buddha, hast du ihn mit deinen Augen gesehen?"

    Sprach die Frau: "Viele Male habe ich ihn gesehen, den Erhabenen. An vielen Tagen habe ich ihn gesehen, wie er durch die Gassen geht, schweigend, im gelben Mantel, wie er schweigend an den Hausturen seine Almosenschale darreicht, wie er die gefullte Schale von dannen tragt."

    Entzuckt lauschte Govinda und wollte noch vieles fragen und horen. Aber Siddhartha mahnte zum Weitergehen. Sie sagten Dank und gingen und brauchten kaum nach dem Wege zu fragen, denn nicht wenige Pilger und auch Monche aus Gotamas Gemeinschaft waren nach dem Jetavana unterwegs. Und da sie in der Nacht dort anlangten, war daselbst ein bestandiges Ankommen, Rufen und Reden von solchen, welche Herberge heischten und bekamen. Die beiden Samanas, des Lebens im Walde gewohnt, fanden schnell und gerauschlos einen Unterschlupf und ruhten da bis zum Morgen.

    Beim Aufgang der Sonne sahen sie mit Erstaunen, welch gro?e Schar, Glaubige und Neugierige, hier genachtigt hatte. In allen Wegen des herrlichen Haines wandelten Monche im gelben Gewand, unter den Baumen sa?en sie hier und dort, in Betrachtung versenkt—oder im geistlichen Gesprach, wie eine Stadt waren die schattigen Garten zu sehen, voll von Menschen, wimmelnd wie Bienen. Die Mehrzahl der Monche zog mit der Almosenschale aus, um in der Stadt Nahrung fur die Mittagsmahlzeit, die einzige des Tages, zu sammeln. Auch der Buddha selbst, der Erleuchtete, pflegte am Morgen den Bettelgang zu tun.

    Siddhartha sah ihn, und er erkannte ihn alsbald, als hatte ihm ein Gott ihn gezeigt. Er sah ihn, einen schlichten Mann in gelber Kutte, die Almosenschale in der Hand tragend, still dahin gehen.

    "Sieh hier!" sagte Siddhartha leise zu Govinda. "Dieser hier ist der Buddha."

    Aufmerksam blickte Govinda den Monch in der gelben Kutte, an der sich in nichts von -den Hunderten der Monche zu unterscheiden schien. Und bald erkannte auch Govinda: Dieser ist es. Und sie folgten ihm nach und betrachteten ihn.

    Der Buddha ging seines Weges bescheiden und in Gedanken versunken, sein stilles Gesicht war weder frohlich noch traurig, es schien leise nach innen zu lacheln. Mit einem verborgenen Lacheln, still, ruhig, einem gesunden Kinde nicht unahnlich, wandelte der Buddha, trug das Gewand und setzte den Fu? gleich wie alle seine Monche, nach genauer Vorschrift. Aber sein Gesicht und sein Schritt, sein still gesenkter Blick, seine still herabhangende Hand, und noch jeder Finger an seiner still herabhangenden Hand sprach Friede, sprach Vollkommenheit, suchte nicht, ahmte nicht nach, atmete sanft in einer unverwelklichen Ruhe, in einem unverwelklichen Licht, einem unantastbaren Frieden.

    So wandelte Gotama, der Stadt entgegen, um Almosen zu sammeln, und die beiden Samanas erkannten ihn einzig an der Vollkommenheit seiner Ruhe, an der Stille seiner Gestalt, in welcher kein Suchen, kein Wollen, kein Nachahmen, kein Bemuhen zu erkennen war, nur Licht und Frieden.

    "Heute werden wir die Lehre aus seinem Munde vernehmen," sagte Govinda.


    Siddhartha gab nicht Antwort. Er war wenig neugierig auf die Lehre, er glaubte nicht, da? sie ihn Neues lehren werde, hatte er doch, ebenso wie Govinda, wieder und wieder den Inhalt dieser Buddhalehre vernommen, wenn schon aus Berichten von zweiter und dritter Hand. Aber er blickte aufmerksam auf Gotamas Haupt, auf seine Schultern, auf seine Fu?e, auf seine still herabhangende Hand, und ihm schien, jedes Glied an jedem Finger dieser Hand war Lehre, sprach, atmete, duftete, glanzte Wahrheit. Dieser Mann, dieser Buddha, war wahrhaftig bis in die Gebarde seines letzten Fingers. Dieser Mann war heilig. Nie hatte Siddhartha einen Menschen so verehrt, nie hatte er einen Menschen so geliebt wie diesen.

    Die beiden folgten dem Buddha bis zur Stadt und kehrten schweigend zuruck, denn sie selbst gedachten diesen Tag sich der Speise zu enthalten. Sie sahen Gotama wiederkehren, sahen ihn im Kreise seiner Junger die Mahlzeit einnehmen—was er a?, hatte keinen Vogel satt gemacht und sahen ihn sich zuruckziehen in den Schatten der Mangobaume.


    Am Abend aber, als die Hitze sich legte und alles im Lager lebendig ward und sich versammelte, horten sie den Buddha lehren. Sie horten seine Stimme, und auch sie war vollkommen, war von vollkommener Ruhe, war voll von Frieden. Gotama lehrte die Lehre vom Leiden, von der Herkunft des Leidens, vom Weg zur Aufhebung des Leidens. Ruhig flo? und klar seine stille Rede. Leiden war das Leben, voll Leid war die Welt, aber Erlosung vom Leid war gefunden: Erlosung fand, wer den Weg des Buddha ging. Mit sanfter, doch fester Stimme sprach der Erhabene, lehrte die vier Hauptsatze, lehrte den achtfachen Pfad, geduldig ging er den gewohnten Weg der Lehre, der Beispiele, der Wiederholungen, hell und still schwebte seine Stimme uber den Horenden, wie ein Licht, wie ein Sternhimmel.

    Als der Buddha—es war schon Nacht geworden—seine Rede schlo?, traten manche Pilger hervor und baten um Aufnahme in die Gemeinschaft, nahmen ihre Zuflucht zur Lehre. Und Gotama nahm sie auf, indem er sprach: "Wohl habt ihr die Lehre vernommen, wohl ist sie verkundigt. Tretet denn herzu und wandelt in Heiligkeit, allem Leid ein Ende zu bereiten."

    Siehe, da trat auch Govinda hervor, der Schuchterne, und sprach: "Auch ich nehme meine Zuflucht zum Erhabenen und zu seiner Lehre," und bat um Aufnahme in die Jungerschaft, und ward aufgenommen.

    Gleich darauf, da sich der Buddha zur Nachtruhe zuruckgezogen hatte, wendete sich Govinda zu Siddhartha und sprach eifrig: "Siddhartha, nicht steht es mir zu, dir einen Vorwurf zu machen. Beide haben wir den Erhabenen gehort, beide haben wir die Lehre vernommen. Govinda hat die Lehre gehort, er hat seine Zuflucht zu ihr genommen. Du aber, Verehrter, willst denn nicht auch du den Pfad der Erlosung gehen? Willst du zogern, willst du noch warten?"

    Siddhartha erwachte wie aus einem Schlafe, als er Govindas Worte vernahm. Lange blickte er in Govindas Gesicht. Dann sprach er leise, mit einer Stimme ohne Spott: "Govinda, mein Freund, nun hast du den Schritt getan, nun hast du den Weg erwahlt. Immer, o Govinda, bist du mein Freund gewesen, immer bist du einen Schritt hinter mir gegangen. Oft habe ich gedacht: Wird Govinda nicht auch einmal einen Schritt allein tun, ohne mich, aus der eigenen Seele? Siehe, nun bist du ein Mann geworden und wahlst selber deinen Weg. Mogest du ihn zu Ende gehen, o mein Freund! Mogest du Erlosung finden!"

    Govinda, welcher noch nicht vollig verstand, wiederholte mit einem Ton von Ungeduld seine Frage: "Sprich doch, ich bitte dich, mein Lieber! Sage mir, wie es ja nicht anders sein kann, da? auch du, mein gelehrter Freund, deine Zuflucht zum erhabenen Buddha nehmen wirst!"

    Siddhartha legte seine Hand auf die Schulter Govindas: "Du hast meinen Segenswunsch uberhort, o Govinda. Ich wiederhole ihn: Mogest du diesen Weg zu Ende gehen! Mogest du Erlosung finden!"

    In diesem Augenblick erkannte Govinda, da? sein Freund ihn, verlassen habe, und er begann zu weinen.

    "Siddhartha!" rief er klagend.

    Siddhartha sprach freundlich zu ihm: "Vergi? nicht, Govinda, da? du nun zu den Samanas des Buddha gehorst! Abgesagt hast du Heimat und Eltern, abgesagt Herkunft und Eigentum, abgesagt deinem eigenen Willen, abgesagt der Freundschaft. So will es die Lehre, so will es der Erhabene. So hast du selbst es gewollt. Morgen, o Govinda, werde ich dich verlassen."

    Lange noch wandelten die Freunde im Geholz, lange lagen sie und fanden nicht den Schlaf. Und immer von neuem drang Govinda in seinen Freund, er moge ihm sagen, warum er nicht seine Zuflucht zu Gotamas Lehre nehmen wolle, welchen Fehler denn er in dieser Lehre finde. Siddhartha aber wies ihn jedesmal zuruck und sagte: "Gib dich zufrieden, Govinda! Sehr gut ist des Erhabenen Lehre, wie sollte ich einen Fehler an ihr finden?"

    Am fruhesten Morgen ging ein Nachfolger Buddhas, einer seiner altesten Monche, durch den Garten und rief alle jene zu sich, welche als Neulinge ihre Zuflucht zur Lehre genommen hatten, um ihnen das gelbe Gewand anzulegen und sie in den ersten Lehren und Pflichten ihres Standes zu unterweisen. Da ri? Govinda sich los, umarmte noch einmal den Freund seiner Jugend und schlo? sich dem Zuge der Novizen an.

    Siddhartha aber wandelte in Gedanken durch den Hain.

    Da begegnete ihm Gotama, der Erhabene, und als er ihn mit Ehrfurcht begru?te und der Blick des Buddha so voll Gute und Stille war, fa?te der Jungling Mut und bat den Ehrwurdigen um Erlaubnis, zu ihm zu sprechen. Schweigend nickte der Erhabene Gewahrung.

    Sprach Siddhartha: "Gestern, o Erhabener, war es mir vergonnt, deine wundersame Lehre zu horen. Zusammen mit meinem Freunde kam ich aus der Ferne her, um die Lehre zu horen. Und nun wird mein Freund bei den Deinen bleiben, zu dir hat er seine Zuflucht genommen. Ich aber trete meine Pilgerschaft aufs neue an."

    "Wie es dir beliebt", sprach der Ehrwurdige hoflich.

    "Allzu kuhn ist meine Rede," fuhr Siddhartha fort, "aber ich mochte den Erhabenen nicht verlassen, ohne ihm meine Gedanken in Aufrichtigkeit mitgeteilt zu haben. Will mir der Ehrwurdige noch einen Augenblick Gehor schenken?"

    Schweigend nickte der Buddha Gewahrung.

    Sprach Siddhartha: "Eines, o Ehrwurdigster, habe ich an deiner Lehre vor allem bewundert. Alles in deiner Lehre ist vollkommen klar, ist bewiesen; als eine vollkommene, als eine nie und nirgends unterbrochene Kette zeigst du die Welt als eine ewige Kette, gefugt aus Ursachen und Wirkungen. Niemals ist dies so klar gesehen, nie so unwiderleglich dargestellt worden; hoher wahrlich mu? jedem Brahmanen das Herz im Leibe schlagen, wenn er, durch deine Lehre hindurch, die Welt erblickt als vollkommenen Zusammenhang, luckenlos, klar wie ein Kristall, nicht vom Zufall abhangig, nicht von Gottern abhangig. Ob sie gut oder bose, ob das Leben in ihr Leid oder Freude sei, moge dahingestellt bleiben, es mag vielleicht sein, da? dies nicht wesentlich ist—aber die Einheit der Welt, der Zusammenhang alles Geschehens, das Umschlossensein alles Gro?en und Kleinen vom selben Strome, vom selben Gesetz der Ursachen, des Werdens und des Sterbens, dies leuchtet hell aus deiner erhabenen Lehre, o Vollendeter. Nun aber ist, deiner selben Lehre nach, diese Einheit und Folgerichtigkeit aller Dinge dennoch an einer Stelle unterbrochen, durch eine kleine Lucke stromt in diese Welt der Einheit etwas Fremdes, etwas Neues, etwas, das vorher nicht war, und das nicht gezeigt und nicht bewiesen werden kann: das ist deine Lehre von der Uberwindung der Welt, von der Erlosung. Mit dieser kleinen Lucke, mit dieser kleinen Durchbrechung aber ist das ganze ewige und einheitliche Weltgesetz wieder zerbrochen und aufgehoben. Mogest du mir verzeihen, wenn ich diesen Einwand ausspreche."

    Still hatte Gotama ihm zugehort, unbewegt. Mit seiner gutigen, mit seiner hoflichen und klaren Stimme sprach er nun, der Vollendete: "Du hast die Lehre gehort, o Brahmanensohn, und wohl dir, da? du uber sie so tief nachgedacht hast. Du hast eine Lucke in ihr gefunden, einen Fehler. Mogest du weiter daruber nachdenken. La? dich aber warnen, du Wi?begieriger, vor dem Dickicht der Meinungen und vor dem Streit um Worte. Es ist an Meinungen nichts gelegen, sie mogen schon oder ha?lich, klug oder toricht sein, jeder kann ihnen anhangen oder sie verwerfen. Die Lehre aber, die du von mir gehort hast, ist nicht eine Meinung, und ihr Ziel ist nicht, die Welt fur Wi?begierige zu erklaren. Ihr Ziel ist ein anderes; ihr Ziel ist Erlosung vom Leiden. Diese ist es, welche Gotama lehrt, nichts anderes."

    "Mogest du mir, o Erhabener, nicht zurnen", sagte der Jungling. "Nicht um Streit mit dir zu suchen, Streit um Worte, habe ich so zu dir gesprochen. Du hast wahrlich recht, wenig ist an Meinungen gelegen. Aber la? mich dies eine noch sagen: Nicht einen Augenblick habe ich an dir gezweifelt. Ich habe nicht einen Augenblick gezweifelt, da? du Buddha bist, da? du das Ziel erreicht hast, das hochste, nach welchem so viel tausend Brahmanen und Brahmanensohne unterwegs sind. Du hast die Erlosung,vom Tode gefunden. Sie ist dir geworden aus deinem eigenen Suchen, auf deinem eigenen Wege, durch Gedanken, durch Versenkung, durch Erkenntnis, durch Erleuchtung. Nicht ist sie dir geworden durch Lehre! Und—so ist mein Gedanke, o Erhabener—keinem wird Erlosung zu teil durch Lehre! Keinem, o Ehrwurdiger, wirst du in Worten und durch Lehre mitteilen und sagen konnen, was dir geschehen ist in der Stunde deiner Erleuchtungt Vieles enthalt die Lehre des erleuchteten Buddha, viele lehrt sie, rechtschaffen zu leben, Boses zu meiden. Eines aber enthalt die so klare, die so ehrwurdige Lehre nicht: sie enthalt nicht das Geheimnis dessen, was der Erhabene selbst erlebt hat, er allein unter den Hunderttausenden. Dies ist es, was ich gedacht und erkannt habe, als ich die Lehre horte. Dies ist es, weswegen ich meine Wanderschaft fortsetze—nicht um eine andere, eine bessere Lehre zu suchen, denn ich wei?, es gibt keine, sondern um alle Lehren und alle Lehrer zu verlassen und allein mein Ziel zu erreichen oder zu sterben. Oftmals aber werde ich dieses Tages denken, o Erhabener, und dieser Stunde, da meine Augen einen Heiligen sahen."

    Die Augen des Buddha blickten still zu Boden, still in vollkommenem Gleichmut strahlte sein unerforschliches Gesicht.

    "Mogen deine Gedanken," sprach der Ehrwurdige langsam, "keine Irrtumer sein! Mogest du ans Ziel kommen! Aber sage mir: Hast du die Schar meiner Samanas gesehen, meiner vielen Bruder, welche ihre Zuflucht zur Lehre genommen haben? Und glaubst du, fremder Samana, glaubst du, da? es diesen allen besser ware, die Lehre zu verlassen und in das Leben der Welt und der Luste zuruckzukehren?"

    "Fern ist ein solcher Gedanke von mir", rief Siddhartha. "Mogen sie alle bei der Lehre bleiben, mogen sie ihr Ziel erreichen! Nicht steht mir zu, uber eines andern Leben zu urteilen. Einzig fur mich, fur mich allein mu? ich urteilen, mu? ich wahlen, mu? ich ablehnen. Erlosung vom Ich suchen wir Samanas, o Erhabener. Ware ich nun einer deiner Junger, o Ehrwurdiger, so furchte ich, es mochte mir geschehen, da? nur scheinbar, nur trugerisch mein Ich zur Ruhe kame und erlost wurde, da? es aber in Wahrheit weiterlebte und gro? wurde, denn ich hatte dann die Lehre, hatte meine Nachfolge, hatte meine Liebe zu dir, hatte die Gemeinschaft der Monche zu meinem Ich gemacht!"

    Mit halbem Lacheln, mit einer unerschutterten Helle und Freundlichkeit sah Gotama dem Fremdling ins Auge und verabschiedete ihn mit einer kaum sichtbaren Gebarde.

    "Klug bist du, o Samana", sprach der Ehrwurdige.

    "Klug wei?t du zu reden, mein Freund. Hute dich vor allzu gro?er Klugheit!"

    Hinweg wandelte der Buddha, und sein Blick und halbes Lacheln blieb fur immer in Siddharthas Gedachtnis eingegraben.

    So habe ich noch keinen Menschen blicken und lacheln, sitzen und schreiten sehen, dachte er, so wahrlich wunsche auch ich blicken und lacheln, sitzen und schreiten zu konnen, so frei, so ehrwurdig, so verborgen, so offen, so kindlich und geheimnisvoll. So wahrlich blickt und schreitet nur der Mensch, der ins Innerste seines Selbst gedrungen ist. Wohl, auch ich werde ins Innerste meines Selbst zu dringen suchen.

    Einen Menschen sah ich, dachte Siddhartha, einen einzigen, vor dem ich meine Augen niederschlagen mu?te. Vor keinem andern mehr will ich meine Augen niederschlagen, vor keinem mehr. Keine Lehre mehr wird mich verlocken, da dieses Menschen Lehre mich nicht verlockt hat.

    Beraubt hat mich der Buddha, dachte Siddhartha, beraubt hat er mich, und mehr noch hat er mich beschenkt. Beraubt hat er mich meines Freundes, dessen, der an mich glaubte und der nun an ihn glaubt, der mein Schatten war und nun Gotamas Schatten ist, Geschenkt aber hat er mir Siddhartha, mich selbst.




    ERWACHEN

    Als Siddhartha den Hain verlie?, in welchem der Buddha, der Vollendete, zuruckblieb, in welchem Govinda zuruckblieb, da fuhlte er, da? in diesem Hain auch sein bisheriges Leben hinter ihm zuruckblieb und sich von ihm trennte. Dieser Empfindung, die ihn ganz erfullte, sann er im langsamen Dahingehen nach. Tief sann er nach, wie durch ein tiefes Wasser lie? er sich bis auf den Boden dieser Empfindung hinab, bis dahin, wo die Ursachen ruhen, denn Ursachen erkennen, so schien ihm, das eben ist Denken, und dadurch allein werden Empfindungen zu Erkenntnissen und gehen nicht verloren, sondern werden wesenhaft und beginnen auszustrahlen, was in ihnen ist.

    Im langsamen Dahingehen dachte Siddhartha nach. Er stellte fest, da? er kein Jungling mehr, sondern ein Mann geworden sei. Er stellte fest, da? eines ihn verlassen hatte, wie die Schlange von ihrer alten Haut verlassen wird, da? eines nicht mehr in ihm vorhanden war, das durch seine ganze Jugend ihn begleitet und zu ihm gehort hatte: der Wunsch, Lehrer zu haben und Lehren zu horen. Den letzten Lehrer, der an seinem Wege ihm erschienen war, auch ihn, den hochsten und weisesten Lehrer, den Heiligsten, Buddha, hatte er verlassen, hatte sich von ihm trennen mussen, hatte seine Lehre nicht annehmen konnen.

    Langsamer ging der Denkende dahin und fragte sich selbst: "Was nun ist es aber, das du aus Lehren und von Lehrern hattest lernen wollen, und was sie, die dich viel gelehrt haben, dich doch nicht lehren konnten?" Und er fand: "Das Ich war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. Das Ich war es, von dem ich loskommen, das ich uberwinden wollte. Ich konnte es aber nicht uberwinden, konnte es nur tauschen, konnte nur vor ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding in der Welt hat so viel meine Gedanken beschaftigt wie dieses mein Ich, dies Ratsel, da? ich lebe, da? ich einer und von allen andern getrennt und abgesondert bin, da? ich Siddhartha bin! Und uber kein Ding in der Welt wei? ich weniger als uber mich, uber Siddhartha!"

    Der im langsamen Dahingehen Denkende blieb stehen, von diesem Gedanken erfa?t, und alsbald sprang aus diesem Gedanken ein anderer hervor, ein neuer Gedanke, der lautete: "Da? ich nichts von mir wei?, da? Siddhartha mir so fremd und unbekannt geblieben ist, das kommt aus einer Ursache, einer einzigen: Ich hatte Angst vor mir, ich war auf der Flucht vor mir! Atman suchte, ich, Brahman suchte ich, ich war gewillt, mein Ich zu zerstucken und auseinander zu schalen, um in seinem unbekannten Innersten den Kern aller Schalen zu finden, den Atman, das Leben, das Gottliche, das Letzte. Ich selbst aber ging mir dabei verloren."

    Siddhartha schlug die Augen auf und sah um sich, ein Lacheln erfullte sein Gesicht, und ein tiefes Gefuhl von Erwachen aus langen Traumen durchstromte ihn bis in die Zehen. Und alsbald lief er wieder, lief rasch, wie ein Mann, welcher wei?, was er zu tun hat.

    "O," dachte er aufatmend mit tiefem Atemzug, "nun will ich mir den Siddhartha nicht mehr entschlupfen lassen! Nicht mehr will ich mein Denken und mein Leben beginnen mit Atman und mit dem Leid der Welt. Ich will mich nicht mehr toten und zerstucken, um hinter den Trummern ein Geheimnis zu finden. Nicht Yoga-Veda mehr soll mich lehren, noch Atharva-Veda, noch die Asketen, noch irgendwelche Lehre. Bei mir selbst will ich lernen, will ich Schuler sein, will ich mich kennen lernen, das Geheimnis Siddhartha."

    Er blickte um sich, als sahe er zum ersten Male die Welt. Schon war die Welt, bunt war die Welt, seltsam und ratselhaft war die Welt! Hier war Blau, hier war Gelb, hier war Grun, Himmel flo? und Flu?, Wald starrte und Gebirg, alles schon, alles ratselvoll und magisch, und inmitten er, Siddhartha, der Erwachende, auf dem Wege zu sich selbst. All dieses, all dies Gelb und Blau, Flu? und Wald, ging zum erstenmal durchs Auge in Siddhartha ein, war nicht mehr Zauber Maras, war nicht mehr der Schleier der Maya, war nicht mehr sinnlose und zufallige Vielfalt der Erscheinungswelt, verachtlich dem tief denkenden Brahmanen, der die Vielfalt verschmaht, der die Einheit sucht. Blau war Blau, Flu? war Flu?, und wenn auch im Blau und Flu? in Siddhartha das Eine und Gottliche verborgen lebte, so war es doch eben des Gottlichen Art und Sinn, hier Gelb, hier Blau, dort Himmel, dort Wald und hier Siddhartha zu sein. Sinn und Wesen war nicht irgendwo hinter den Dingen, sie waren in ihnen, in allem.

    "Wie bin ich taub und stumpf gewesen!" dachte der rasch dahin Wandelnde. "Wenn einer eine Schrift liest, deren Sinn er suchen will, so verachtet er nicht die Zeichen und Buchstaben und nennt sie Tauschung, Zufall und wertlose Schale, sondern er liest sie, er studiert und liebt sie, Buchstabe um Buchstabe. Ich aber, der ich das Buch der Welt und das Buch meines eigenen Wesens lesen wollte, ich habe, einem im voraus vermuteten Sinn zuliebe, die Zeichen und Buchstaben verachtet, ich nannte die Welt der Erscheinungen Tauschung, nannte mein Auge und meine Zunge zufallige und wertlose Erscheinungen. Nein, dies ist voruber, ich bin erwacht, ich bin in der Tat erwacht und heute erst geboren."

    Indem Siddhartha diesen Gedanken dachte, blieb er abermals stehen, plotzlich, als lage eine Schlange vor ihm auf dem Weg.

    Denn plotzlich war auch dies ihm klar geworden: Er, der in der Tat wie ein Erwachter oder Neugeborener war, er mu?te sein Leben neu und vollig von vorn beginnen. Als er an diesem selben Morgen den Hain Jetavana, den Hain jenes Erhabenen, verlassen hatte, schon erwachend, schon auf dem Wege zu sich selbst, da war es seine Absicht gewesen und war ihm naturlich und selbstverstandlich erschienen, da? er, nach den Jahren seines Asketentums, in seine Heimat und zu seinem Vater zuruckkehre. Jetzt aber, erst in diesem Augenblick, da er stehen blieb, als lage eine Schlange auf seinem Wege, erwachte er auch zu dieser Einsicht: "Ich bin ja nicht mehr, der ich war, ich bin nicht mehr Asket, ich bin nicht mehr Priester, ich bin nicht mehr Brahmane. Was denn soll ich zu Hause und bei meinem Vater tun? Studieren? Opfern? Die Versenkung pflegen? Dies alles ist ja voruber, dies alles liegt nicht mehr an meinem Wege."

    Regungslos blieb Siddhartha stehen, und einen Augenblick und Atemzug lang fror sein Herz, er fuhlte es in der Brust innen frieren wie ein kleines Tier, einen Vogel oder einen Hasen, als er sah, wie allein er sei. Jahrelang war er heimatlos gewesen und hatte es nicht gefuhlt. Nun fuhlte er es. Immer noch, auch in der fernsten Versenkung, war er seines Vaters Sohn gewesen, war Brahmane gewesen, hohen Standes, ein Geistiger. Jetzt war er nur noch Siddhartha, der Erwachte, sonst nichts mehr. Tief sog er den Atem ein, und einen Augenblick fror er und schauderte. Niemand war so allein wie er. Kein Adliger, der nicht zu den Adligen, kein Handwerker, der nicht zu den Handwerkern gehorte und Zuflucht bei ihnen fand, ihr Leben teilte, ihre Sprache sprach. Kein Brahmane, der nicht zu den Brahmanen zahlte und mit ihnen lebte, kein Asket, der nicht im Stande der Samanas seine Zuflucht fand, und auch der verlorenste Einsiedler im Walde war nicht einer und allein, auch ihn umgab Zugehorigkeit, auch er gehorte einem Stande an, der ihm Heimat war. Govinda war Monch geworden, und tausend Monche waren seine Bruder, trugen sein Kleid, glaubten seinen Glauben, sprachen seine Sprache. Er aber, Siddhartha, wo War er zugehorig? Wessen Leben wurde er teilen? Wessen Sprache wurde er sprechen?

    Aus diesem Augenblick, wo die Welt rings von ihm wegschmolz, wo er allein stand wie ein Stern am Himmel, aus diesem Augenblick einer Kalte und Verzagtheit tauchte Siddhartha empor, mehr Ich als zuvor, fester geballt. Er fuhlte: Dies war der letzte Schauder des Erwachens gewesen, der letzte Krampf der Geburt. Und alsbald schritt er wieder aus, begann rasch und ungeduldig zu gehen, nicht mehr nach Hause, nicht mehr zum Vater, nicht mehr zuruck.






    ZWEITER TEIL—Wilhelm Gundert

    meinem Vetter in Japan gewidmet




    KAMALA

    Siddhartha lernte Neues auf jedem Schritt seines Weges, denn die Welt war verwandelt, und sein Herz war bezaubert. Er sah die Sonne uberm Waldgebirge aufgehen und uberm fernen Palmenstrande untergehen. Er sah nachts am Himmel die Sterne geordnet, und den Sichelmond wie ein Boot im Blauen schwimmend. Er sah Baume, Sterne, Tiere, Wolken, Regenbogen, Felsen, Krauter, Blumen, Bach und Flu?, Taublitz im morgendlichen Gestrauch, ferne hohe Berge blau und bleich, Vogel sangen und Bienen, Wind wehte silbern im Reisfelde. Dies alles, tausendfalt und bunt, war immer dagewesen, immer hatten Sonne und Mond geschienen, immer Flusse gerauscht und Bienen gesummt, aber es war in den fruheren Zeiten fur Siddhartha dies alles nichts gewesen als ein fluchtiger und trugerischer Schleier vor seinem Auge, mit Mi?trauen betrachtet, dazu bestimmt, vom Gedanken durchdrungen und vernichtet zu werden, da es nicht Wesen war, da das Wesen jenseits der Sichtbarkeit lag. Nun aber weilte sein befreites Auge diesseits, es sah und erkannte die Sichtbarkeit, suchte Heimat in dieser Welt, suchte nicht das Wesen, zielte in kein Jenseits. Schon war die Welt, wenn man sie so betrachtete, so ohne Suchen, so einfach, so kinderhaft. Schon war Mond und Gestirn, schon war Bach und Ufer, Wald und Fels, Ziege und Goldkafer, Blume und Schmetterling. Schon und lieblich war es, so durch die Welt zu gehen, so kindlich, so erwacht, so dem Nahen aufgetan, so ohne Mi?trauen. Anders brannte die Sonne aufs Haupt, anders kuhlte der Waldschatten, anders schmeckte Bach und Zisterne, anders Kurbis und Banane. Kurz waren die Tage, kurz die Nachte, jede Stunde floh schnell hinweg wie ein Segel auf dem Meere, unterm Segel ein Schiff voll von Schatzen, voll von Freuden. Siddhartha sah ein Affenvolk im hohen Waldgewolbe wandern, hoch im Geast, und horte seinen wilden, gierigen Gesang. Siddhartha sah einen Schafbock ein Schaf verfolgen und begatten. Er sah in einem Schilfsee den Hecht im Abendhunger jagen, vor ihm her schnellten angstvoll, flatternd und blitzend die jungen Fische in Scharen aus dem Wasser, Kraft und Leidenschaft duftete dringlich aus den hastigen Wasserwirbeln, die der ungestum Jagende zog.

    All dieses war immer gewesen, und er hatte es nicht gesehen; er war nicht dabei gewesen. Jetzt war er dabei, er gehorte dazu. Durch sein Auge lief Licht und Schatten, durch sein Herz lief Stern und Mond.

    Siddhartha erinnerte sich unterwegs auch alles dessen, was er im Garten Jetavana erlebt hatte, der Lehre, die er dort gehort, des gottlichen Buddha, des Abschiedes von Govinda, des Gespraches mit dem Erhabenen. Seiner eigenen Worte, die er zum Erhabenen gesprochen hatte, erinnerte er sich wieder, jedes Wortes, und mit Erstaunen wurde er dessen inne, da? er da Dinge gesagt hatte, die er damals noch gar nicht eigentlich wu?te. Was er zu Gotama gesagt hatte: sein, des Buddha, Schatz und Geheimnis sei nicht die Lehre, sondern das Unaussprechliche und nicht Lehrbare, das er einst zur Stunde seiner Erleuchtung erlebt habe—dies war es ja eben, was zu erleben er jetzt auszog, was zu erleben er jetzt begann. Sich selbst mu?te er jetzt erleben. Wohl hatte er schon lange gewu?t, da? sein Selbst Atman sei, vom selben ewigen Wesen wie Brahman. Aber nie hatte er dies Selbst wirklich gefunden, weil er es mit dem Netz des Gedankens hatte fangen wollen. War auch gewi? der Korper nicht das Selbst, und nicht das Spiel der Sinne, so war es doch auch das Denken nicht, nicht der Verstand, nicht die erlernte Weisheit, nicht die erlernte Kunst, Schlusse zu ziehen und aus schon Gedachtem neue Gedanken zu spinnen. Nein, auch diese Gedankenwelt war noch diesseits, und es fuhrte zu keinem Ziele, wenn man das zufallige Ich der Sinne totete, dafur aber das zufallige Ich der Gedanken und Gelehrsamkeiten mastete. Beide, die Gedanken wie die Sinne, waren hubsche Dinge, hinter beiden lag der letzte Sinn verborgen, beide galt es zu horen, mit beiden zu spielen, beide weder zu verachten noch zu uberschatzen, aus beiden die geheimen Stimmen des Innersten zu erlauschen. Nach nichts wollte er trachten, als wonach die Stimme ihm zu trachten befohle, bei nichts verweilen, als wo die Stimme es riete. Warum war Gotama einst, in der Stunde der Stunden, unter dem Bo-Baume niedergesessen, wo die Erleuchtung ihn traf? Er hatte eine Stimme gehort, eine Stimme im eigenen Herzen, die ihm befahl, unter diesem Baume Rast zu suchen, und er hatte nicht Kasteiung, Opfer, Bad oder Gebet, nicht Essen noch Trinken, nicht Schlaf noch Traum vorgezogen, er hatte der Stimme gehorcht. So zu gehorchen, nicht au?erm Befehl, nur der Stimme, so bereit zu sein, das war gut, das war notwendig, nichts anderes war notwendig.

    In der Nacht, da er in der strohernen Hutte eines Fahrmanns am Flusse schlief, hatte Siddhartha einen Traum: Govinda stand vor ihm, in einem gelben Asketengewand. Traurig sah Govinda aus, traurig fragte er: Warum hast du mich verlassen? Da umarmte er Govinda, schlang seine Arme um ihn, und indem er ihn an seine Brust zog und ku?te, war es nicht Govinda mehr, sondern ein Weib, und aus des Weibes Gewand quoll eine volle Brust, an der lag Siddhartha und trank, su? und stark schmeckte die Milch dieser Brust. Sie schmeckte nach Weib und Mann, nach Sonne und Wald, nach Tier und Blume, nach jeder Frucht, nach jeder Lust. Sie machte trunken und bewu?tlos.—Als Siddhartha erwachte, schimmerte der bleiche Flu? durch die Tur der Hutte, und im Walde klang tief und wohllaut ein dunkler Eulenruf.

    Als der Tag begann, bat Siddhartha seinen Gastgeber, den Fahrmann, ihn uber den Flu? zu setzen. Der Fahrmann setzte ihn auf seinem Bambusflo? uber den Flu?, rotlich schimmerte im Morgenschein das breite Wasser.

    "Das ist ein schoner Flu?," sagte er zu seinem Begleiter.

    "Ja," sagte der Fahrmann, "ein sehr schoner Flu?, ich liebe ihn uber alles. Oft habe ich ihm zugehort, oft in seine Augen gesehen, und immer habe ich von ihm gelernt. Man kann viel von einem Flusse lernen."

    "Ich danke dir, mein Wohltater," sprach Siddhartha, da er ans andere Ufer stieg. "Kein Gastgeschenk habe ich dir zu geben, Lieber, und keinen Lohn zu geben. Ein Heimatloser bin ich, ein Brahmanensohn und Samana."

    "Ich sah es wohl," sprach der Fahrmann, "und ich habe keinen Lohn vor dir erwartet, und kein Gastgeschenk. Du wirst mir das Geschenk ein anderes Mal geben."

    "Glaubst du?" sagte Siddhartha lustig.

    "Gewi?. Auch das habe ich vom Flusse gelernt: alles kommt wieder! Auch du, Samana, wirst wieder kommen. Nun lebe wohl! Moge deine Freundschaft mein Lohn sein. Mogest du meiner gedenken, wenn du den Gottern opferst."

    Lachelnd schieden sie voneinander. Lachelnd freute sich Siddhartha uber die Freundschaft und Freundlichkeit des Fahrmanns. "Wie Govinda ist er," dachte er lachelnd, "alle, die ich auf meinem Wege antreffe, sind wie Govinda. Alle sind dankbar, obwohl sie selbst Anspruch auf Dank hatten. Alle sind unterwurfig, alle mogen gern Freund sein, gern gehorchen, wenig denken. Kinder sind die Menschen."

    Um die Mittagszeit kam er durch ein Dorf. Vor den Lehmhutten walzten sich Kinder auf der Gasse, spielten mit Kurbiskernen und Muscheln, schrien und balgten sich, flohen aber alle scheu vor dem fremden Samana. Am Ende des Dorfes fuhrte der Weg durch einen Bach, und am Rande des Baches kniete ein junges Weib und wusch Kleider. Als Siddhartha sie gru?te, hob sie den Kopf, und blickte mit Lacheln zu ihm auf, da? er das Wei?e in ihrem Auge blitzen sah. Er rief einen Segensspruch hinuber, wie er unter Reisenden ublich ist, und fragte, wie weit der Weg bis zur gro?en Stadt noch sei. Da stand, sie auf und trat zu ihm her, schon schimmerte ihr feuchter Mund im jungen Gesicht. Sie tauschte Scherzreden mit ihm, fragte, ob er schon gegessen habe, und ob es wahr sei, da? die Samanas nachts allein im Walde schliefen und keine Frauen bei sich haben durfen. Dabei setzte sie ihren linken Fu? auf seinen rechten und machte eine Bewegung, wie die Frau sie macht, wenn sie den Mann zu jener Art des Liebesgenusses auffordert, welchen die Lehrbucher "das Baumbesteigen" nennen. Siddhartha fuhlte sein Blut erwarmen, und da sein Traum ihm in diesem Augenblick wieder einfiel, buckte er sich ein wenig zu dem Weibe herab und ku?te mit den Lippen die braune Spitze ihrer Brust. Aufschauend sah er ihr Gesicht voll Verlangen lacheln und die verkleinerten Augen in Sehnsucht flehen.


    Auch Siddhartha fuhlte Sehnsucht und den Quell des Geschlechts sich bewegen; da er aber noch nie ein Weib beruhrt hatte, zogerte er einen Augenblick, wahrend seine Hande schon bereit waren, nach ihr zu greifen. Und in diesem Augenblick horte er, erschauernd, die Stimme seines Innern, und die Stimme sagte Nein. Da wich vom lachelnden Gesicht der jungen Frau aller Zauber, er sah nichts mehr als den feuchten Blick eines brunstigen Tierweibchens. Freundlich streichelte er ihre Wange, wandte sich von ihr und verschwand vor der Enttauschten leichtfu?ig in das Bambusgeholze.

    An diesem Tage erreichte er vor Abend eine gro?e Stadt, und freute sich, denn er begehrte nach Menschen. Lange hatte er in den Waldern gelebt, und die stroherne Hutte des Fahrmanns, in welcher er diese Nacht geschlafen hatte, war seit langer Zeit das erste Dach, das er uber sich gehabt hatte.

    Vor der Stadt, bei einem schonen umzaunten Haine, begegnete dem Wandernden ein kleiner Tro? von Dienern und Dienerinnen, mit Korben beladen. Inmitten in einer geschmuckten Sanfte, von Vieren getragen, sa? auf roten Kissen unter einem bunten Sonnendach eine Frau, die Herrin. Siddhartha blieb beim Eingang des Lusthaines stehen und sah dem Aufzuge zu, sah die Diener, die Magde, die Korbe, sah die Sanfte, und sah in der Sanfte die Dame. Unter hochgeturmten schwarzen Haaren sah er ein sehr helles, sehr zartes, sehr kluges Gesicht, hellroten Mund wie eine frisch aufgebrochene Feige, Augenbrauen gepflegt und gemalt in hohen Bogen, dunkle Augen klug und wachsam, lichten hohen Hals aus grun und goldenem Oberkleide steigend, ruhende helle Hande lang und schmal mit breiten Goldreifen uber den Gelenken.

    Siddhartha sah, wie schon sie war, und sein Herz lachte. Tief verneigte er sich, als die Sanfte nahe kam, und sich wieder aufrichtend blickte er in das helle holde Gesicht, las einen Augenblick in den klugen hochuberwolbten Augen, atmete einen Hauch von Duft, den er nicht kannte. Lachelnd nickte die schone Frau, einen Augenblick, und verschwand im Hain, und hinter ihr die Diener.

    So betrete ich diese Stadt, dachte Siddhartha, unter einem holden Zeichen. Es zog ihn, sogleich in den Hain zu treten, doch bedachte er sich, und nun erst ward ihm bewu?t, wie ihn die Diener und Magde am Eingang betrachtet hatten, wie verachtlich, wie mi?trauisch, wie abweisend.

    Noch bin ich ein Samana, dachte er, noch immer, ein Asket und Bettler. Nicht so werde ich bleiben durfen, nicht so in den Hain treten. Und er lachte.

    Den nachsten Menschen, der des Weges kam, fragte er nach dem Hain und nach dem Namen dieser Frau, und erfuhr, da? dies der Hain der Kamala war, der beruhmten Kurtisane, und da? sie au?er dem Haine ein Haus in der Stadt besa?.

    Dann betrat er die Stadt. Er hatte nun ein Ziel.

    Sein Ziel verfolgend, lie? er sich von der Stadt einschlurfen, trieb im Strom der Gassen, stand auf Platzen still, ruhte auf Steintreppen am Flusse aus. Gegen den Abend befreundete er sich mit einem Barbiergehilfen, den er im Schatten eines Gewolbes hatte arbeiten sehen, den er betend in einem Tempel Vishnus wiederfand, dem er von den Geschichten Vishnu's und der Lakschmi erzahlte. Bei den Booten am Flusse schlief er die Nacht, und fruh am Morgen, ehe die ersten Kunden in seinen Laden kamen, lie? er sich von dem Barbiergehilfen den Bart rasieren und das Haar beschneiden, das Haar kammen und mit feinem Ole salben. Dann ging er im Flusse baden.

    Als am Spatnachmittag die schone Kamala in der Sanfte sich ihrem Haine naherte, stand am Eingang Siddhartha, verbeugte sich und empfing den Gru? der Kurtisane. Demjenigen Diener aber, der zuletzt im Zuge ging, winkte er und bat ihn, der Herrin zu melden, da? ein junger Brahmane mit ihr zu sprechen begehre. Nach einer Weile kam der Diener zuruck, forderte den Wartenden auf, ihm zu folgen, fuhrte den ihm Folgenden schweigend in einen Pavillon, wo Kamala auf einem Ruhebette lag, und lie? ihn bei ihr allein.

    "Bist du nicht gestern schon da drau?en gestanden und hast mich begru?t?" fragte Kamala.

    "Wohl habe ich gestern schon dich gesehen und begru?t."

    "Aber trugst du nicht gestern einen Bart, und lange Haare, und Staub in den Haaren?"

    "Wohl hast du beobachtet, alles hast du gesehen. Du hast Siddhartha gesehen, den Brahmanensohn, welcher seine Heimat verlassen hat, um ein Samana zu werden, und drei Jahre lang ein Samana gewesen ist. Nun aber habe ich jenen Pfad verlassen, und kam in diese Stadt, und die erste, die mir noch vor dem Betreten der Stadt begegnete, warst du. Dies zu sagen, bin ich zu dir gekommen, o Kamala! Du bist die erste Frau, zu welcher Siddhartha anders als mit niedergeschlagenen Augen redet. Nie mehr will ich meine Augen niederschlagen, wenn eine schone Frau mir begegnet."

    Kamala lachelte und spielte mit ihrem Facher aus Pfauenfedern. Und fragte: "Und nur um mir dies zu sagen, ist Siddhartha zu mir gekommen?"

    "Um dir dies zu sagen, und um dir zu danken, da? du so schon bist. Und wenn es dir nicht mi?fallt, Kamala, mochte ich dich bitten, meine Freundin und Lehrerin zu sein, denn ich wei? noch nichts von der Kunst, in welcher du Meisterin bist."

    Da lachte Kamala laut.

    "Nie ist mir das geschehen, Freund, da? ein Samana aus dem Walde zu mir kam und von mir lernen wollte! Nie ist mir das geschehen, da? ein Samana mit langen Haaren und in einem alten zerrissenen Schamtuche zu mir kam! Viele Junglinge kommen zu mir, und auch Brahmanensohne sind darunter, aber sie kommen in schonen Kleidern, sie kommen in feinen Schuhen, sie haben Wohlgeruch im Haar und Geld in den Beuteln. So, du Samana, sind die Junglinge beschaffen, welche zu mir kommen."

    Sprach Siddhartha: "Schon fange ich an, von dir zu lernen. Auch gestern schon habe ich gelernt. Schon habe ich den Bart abgelegt, habe das Haar gekammt, habe Ol im Haare. Weniges ist, das mir noch fehlt, du Vortreffliche: feine Kleider, feine Schuhe, Geld im Beutel. Wisse, Schwereres hat Siddhartha sich vorgenommen, als solche Kleinigkeiten sind, und hat es erreicht. Wie sollte ich nicht erreichen, was ich gestern mir vorgenommen habe: dein Freund zu sein und die Freuden der Liebe von dir zu lernen! Du wirst mich gelehrig sehen, Kamala, Schwereres habe ich gelernt, als was du mich lehren sollst. Und nun also: Siddhartha genugt dir nicht, so wie er ist, mit Ol im Haar, aber ohne Kleider, ohne Schuhe, ohne Geld?"

    Lachend rief Kamala: "Nein, Werter, er genugt noch nicht. Kleider mu? er haben, hubsche Kleider, und Schuhe, hubsche Schuhe, und viel Geld im Beutel, und Geschenke fur Kamala. Wei?t du es nun, Samana aus dem Walde? Hast du es dir gemerkt?"

    "Wohl habe ich es mir gemerkt," rief Siddhartha. "Wie sollte ich mir nicht merken, was aus einem solchen Munde kommt! Dein Mund ist wie eine frisch aufgebrochene Feige, Kamala. Auch mein Mund ist rot und frisch, er wird zu deinem passen, du wirst sehen.—Aber sage, schone Kamala, hast du gar keine Furcht vor dem Samana aus dem Walde, der gekommen ist, um Liebe zu lernen?"

    "Warum sollte ich denn Furcht vor einem Samana haben, einem dummen Samana aus dem Walde, der von den Schakalen kommt und noch gar nicht wei?, was Frauen sind?"

    "O, er ist stark, der Samana, und er furchtet nichts. Er konnte dich zwingen, schones Madchen. Er konnte dich rauben. Er konnte dir weh tun."

    "Nein, Samana, das furchte ich nicht. Hat je ein Samana oder ein Brahmane gefurchtet, Einer konnte kommen und ihn packen und ihm seine Gelehrsamkeit, und seine Frommigkeit, und seinen Tiefsinn rauben? Nein, denn die gehoren ihm zu eigen und er gibt davon nur, was er geben will und wem er geben will. So ist es, genau ebenso ist es auch mit Kamala, und mit den Freuden der Liebe. Schon und rot ist Kamalas Mund, aber versuche, ihn gegen Kamalas Willen zu kussen, und nicht einen Tropfen Su?igkeit wirst du von ihm haben, der so viel Su?es zu geben versteht! Du bist gelehrig, Siddhartha, so lerne auch dies: Liebe kann man erbetteln, erkaufen, geschenkt bekommen, auf der Gasse finden, aber rauben kann man sie nicht. Da hast du dir einen falschen Weg ausgedacht. Nein, schade ware es, wenn ein hubscher Jungling wie du es so falsch angreifen wollte."

    Siddhartha verneigte sich lachelnd. "Schade ware es, Kamala, wie sehr hast du recht! Uberaus schade ware es. Nein, von deinem Munde soll mir kein Tropfen Su?igkeit verloren gehen, noch dir von dem meinen! Es bleibt also dabei: Siddhartha wird wiederkommen, wenn er hat, was ihm noch fehlt: Kleider, Schuhe, Geld. Aber sprich, holde Kamala, kannst du mir nicht noch einen kleinen Rat geben?"

    "Einen Rat? Warum nicht? Wer wollte nicht gerne einem armen, unwissenden Samana, der von den Schakalen aus dem Walde kommt, einen Rat geben?"

    "Liebe Kamala, so rate mir wohin soll ich gehen, da? ich am raschesten jene drei Dinge finde?"

    "Freund, das mochten viele wissen. Du mu?t tun, was du gelernt hast, und dir dafur Geld geben lassen, und Kleider, und Schuhe. Anders kommt ein Armer nicht zu Geld. Was kannst du denn?"

    "Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten."

    "Nichts sonst?"

    "Nichts. Doch, ich kann auch dichten. Willst du mir fur ein Gedicht einen Ku? geben?"

    "Das will ich tun, wenn dein Gedicht mir gefallt. Wie hei?t es denn?"

    Siddhartha sprach, nachdem er sich einen Augenblick besonnen hatte, diese Verse:

    In ihren schattigen Hain trat die schone Kamala,

    An Haines Eingang stand der braune Samana.

    Tief, da er die Lotusblute erblickte,

    Beugte sich jener, lachelnd dankte Kamala.

    Lieblicher, dachte der Jungling, als Gottern zu opfern,

    Lieblicher ist es zu opfern der schonen Kamala.

    Laut klatschte Kamala in die Hande, da? die goldenen Armringe klangen.

    "Schon sind deine Verse, brauner Samana, und wahrlich, ich verliere nichts, wenn ich dir einen Ku? fur sie gebe."

    Sie zog ihn mit den Augen zu sich, er beugte sein Gesicht auf ihres, und legte seinen Mund auf den Mund, der wie eine frisch aufgebrochene Feige war. Lange ku?te ihn Kamala, und mit tiefem Erstaunen fuhlte Siddhartha, wie sie ihn lehrte, wie sie weise war, wie sie ihn beherrschte, ihn zuruckwies, ihn lockte, und wie hinter diesem ersten eine lange, eine wohlgeordnete, wohlerprobte Reihe von Kussen stand, jeder vom andern verschieden, die ihn noch erwarteten. Tief atmend blieb er stehen, und war in diesem Augenblick wie ein Kind erstaunt uber die Fulle des Wissens und Lernenswerten, die sich vor seinen Augen erschlo?.

    "Sehr schon sind deine Verse," rief Kamala, "wenn ich reich ware, gabe ich dir Goldstucke dafur. Aber schwer wird es dir werden, mit Versen so viel Geld zu erwerben, wie du brauchst. Denn du brauchst viel Geld, wenn du Kamalas Freund sein willst."

    "Wie kannst du kussen, Kamala!" stammelte Siddhartha.

    "Ja, das kann ich schon, darum fehlt es mir auch nicht an Kleidern, Schuhen, Armbandern und allen schonen Dingen. Aber was wird aus dir werden? Kannst du nichts als denken, fasten, dichten?"

    "Ich kann auch die Opferlieder," sagte Siddhartha, "aber ich will sie nicht mehr singen. Ich kann auch Zauberspruche, aber ich will sie nicht mehr sprechen. Ich habe die Schriften gelesen—"

    "Halt," unterbrach ihn Kamala. "Du kannst lesen? Und schreiben?"

    "Gewi? kann ich das. Manche konnen das."

    "Die meisten konnen es nicht. Auch ich kann es nicht. Es ist sehr gut, da? du lesen und schreiben kannst, sehr gut. Auch die Zauberspruche wirst du noch brauchen konnen."

    In diesem Augenblick kam eine Dienerin gelaufen und flusterte der Herrin eine Nachricht ins Ohr.

    "Ich bekomme Besuch," rief Kamala. "Eile und verschwinde, Siddhartha, niemand darf dich hier sehen, das merke dir! Morgen sehe ich dich wieder."

    Der Magd aber befahl sie, dem frommen Brahmanen ein wei?es Obergewand zu geben. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, sah sich Siddhartha von der Magd hinweggezogen, auf Umwegen in ein Gartenhaus gebracht, mit einem Oberkleid beschenkt, ins Gebusch gefuhrt und dringlich ermahnt, sich alsbald ungesehen aus dem Hain zu verlieren.

    Zufrieden tat er, wie ihm gehei?en war. Des Waldes gewohnt, brachte er sich lautlos aus dem Hain und uber die Hecke. Zufrieden kehrte er in die Stadt zuruck, das zusammengerollte Kleid unterm Arme tragend. In einer Herberge, wo Reisende einkehrten, stellte er sich an die Tur, bat schweigend um Essen, nahm schweigend ein Stuck Reiskuchen an. Vielleicht schon morgen, dachte er, werde ich niemand mehr um Essen bitten.

    Stolz flammte plotzlich in ihm auf. Er war kein Samana mehr, nicht mehr stand es ihm an, zu betteln. Er gab den Reiskuchen einem Hunde und blieb ohne Speise.

    "Einfach ist das Leben, das man in der Welt hier fuhrt," dachte Siddhartha. "Es hat keine Schwierigkeiten. Schwer war alles, muhsam und am Ende hoffnungslos, als ich noch Samana war. Nun ist alles leicht, leicht wie der Unterricht im Kussen, den mir Kamala gibt. Ich brauche Kleider und Geld, sonst nichts, das sind kleine nahe Ziele, sie storen einem nicht den Schlaf."

    Langst hatte er das Stadthaus Kamalas erkundet, dort fand er sich am andern Tage ein.

    "Es geht gut," rief sie ihm entgegen. "Du wirst bei Kamaswami erwartet, er ist der reichste Kaufmann dieser Stadt. Wenn du ihm gefallst, wird er dich in Dienst nehmen. Sei klug, brauner Samana. Ich habe ihm durch andre von dir erzahlen lassen. Sei freundlich gegen ihn, er ist sehr machtig. Aber sei nicht zu bescheiden! Ich will nicht, da? du sein Diener wirst, du sollst seinesgleichen werden, sonst bin ich nicht mit dir zufrieden. Kamaswami fangt an, alt und bequem zu werden. Gefallst du ihm, so wird er dir viel anvertrauen."

    Siddhartha dankte ihr und lachte, und da sie erfuhr, er habe gestern und heute nichts gegessen, lie? sie Brot und Fruchte bringen und bewirtete ihn.

    "Du hast Gluck gehabt," sagte sie beim Abschied, "eine Tur um die andre tut sich dir auf. Wie kommt das wohl? Hast du einen Zauber?"

    Siddhartha sagte: "Gestern erzahlte ich dir, ich verstunde zu denken, zu warten und zu fasten, du aber fandest, das sei zu nichts nutze. Es ist aber zu vielem nutze, Kamala, du wirst es sehen. Du wirst sehen, da? die dummen Samanas im Walde viel Hubsches lernen und konnen, das Ihr nicht konnet. Vorgestern war ich noch ein struppiger Bettler, gestern habe ich schon Kamala geku?t, und bald werde ich ein Kaufmann sein und Geld haben und all diese Dinge, auf die du Wert legst."

    "Nun ja," gab sie zu. "Aber wie stunde es mit dir ohne mich? Was warest du, wenn Kamala dir nicht hulfe?"

    "Liebe Kamala," sagte Siddhartha und richtete sich hoch auf, "als ich zu dir in deinen Hain kam, tat ich den ersten Schritt. Es war mein Vorsatz, bei dieser schonsten Frau die Liebe zu lernen. Von jenem Augenblick an, da ich den Vorsatz fa?te, wu?te ich auch, da? ich ihn ausfuhren werde. Ich wu?te, da? du mir helfen wurdest, bei deinem ersten Blick am Eingang des Haines wu?te ich es schon."

    "Wenn ich aber nicht gewollt hatte?"

    "Du hast gewollt. Sieh, Kamala: Wenn du einen Stein ins Wasser wirfst, so eilt er auf dem schnellsten Wege zum Grunde des Wassers. So ist es, wenn Siddhartha ein Ziel, einen Vorsatz hat. Siddhartha tut nichts, er wartet, er denkt, er fastet, aber er geht durch die Dinge der Welt hindurch wie der Stein durchs Wasser, ohne etwas zu tun, ohne sich zu ruhren; er wird gezogen, er la?t sich fallen. Sein Ziel zieht ihn an sich, denn er la?t nichts in seine Seele ein, was dem Ziel widerstreben konnte. Das ist es, was Siddhartha bei den Samanas gelernt hat. Es ist das, was die Toren Zauber nennen und wovon sie meinen, es werde durch die Damonen bewirkt. Nichts wird von Damonen bewirkt, es gibt keine Damonen. Jeder kann zaubern, jeder kann seine Ziele erreichen, wenn er denken kann, wenn er warten kann, wenn er fasten kann."

    Kamala horte ihm zu. Sie liebte seine Stimme, sie liebte den Blick seiner Augen.

    "Vielleicht ist es so," sagte sie leise, "wie du spriehst, Freund. Vielleicht ist es aber auch so, da? Siddhartha ein hubscher Mann ist, da? sein Blick den Frauen gefallt, da? darum das Gluck ihm entgegenkommt."

    Mit einem Ku? nahm Siddhartha Abschied. "Moge es so sein, meine Lehrerin. Moge immer mein Blick dir gefallen, moge immer von dir mir Gluck entgegenkommen!"




    BEI DEN KINDERMENSCHEN

    Siddhartha ging zum Kaufmann Kamaswami, in ein reiches Haus ward er gewiesen, Diener fuhrten ihn zwischen kostbaren Teppichen in ein Gemach, wo er den Hausherrn erwartete.

    Kamaswami trat ein, ein rascher, geschmeidiger Mann mit stark ergrauendem Haar, mit sehr klugen, vorsichtigen Augen, mit einem begehrlichen Mund. Freundlich begru?ten sich Herr und Gast.

    "Man hat mir gesagt," begann der Kaufmann, "da? du ein Brahmane bist, ein Gelehrter, da? du aber Dienste bei einem Kaufmann suchst. Bist du denn in Not geraten, Brahmane, da? du Dienste suchst?"

    "Nein," sagte Siddhartha, "ich bin nicht in Not geraten und bin nie in Not gewesen. Wisse, da? ich von den Samanas komme, bei welchen ich lange Zeit gelebt habe."

    "Wenn du von den Samanas kommst, wie solltest du da nicht in Not sein? Sind nicht die Samanas vollig besitzlos?",

    "Besitzlos bin ich," sagte Siddhartha, "wenn es das ist, was du meinst. Gewi? bin ich besitzlos. Doch bin ich es freiwillig, bin also nicht in Not."

    "Wovon aber willst du leben, wenn du besitzlos bist?"

    "Ich habe daran noch nie gedacht, Herr. Ich bin mehr als drei Jahre besitzlos gewesen, und habe niemals daran gedacht, wovon ich leben solle."

    "So hast du vom Besitz anderer gelebt."

    "Vermutlich ist es so. Auch der Kaufmann lebt ja von der Habe anderer."

    "Wohl gesprochen. Doch nimmt er von den andern das ihre nicht umsonst; er gibt ihnen seine Waren dafur."

    "So scheint es sich in der Tat zu verhalten. Jeder nimmt, jeder gibt, so ist das Leben."

    "Aber erlaube: wenn du besitzlos bist, was willst du da geben?"

    "Jeder gibt, was er hat. Der Krieger gibt Kraft, der Kaufmann gibt Ware, der Lehrer Lehre, der Bauer Reis, der Fischer Fische."

    "Sehr wohl. Und was ist es nun, was du zu geben hast? Was ist es, das du gelernt hast, das du kannst?"

    "Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten."

    "Das ist alles?"

    "Ich glaube, es ist alles!"

    "Und wozu nutzt es? Zum Beispiel das Fasten—wozu ist es gut?"

    "Es ist sehr gut, Herr. Wenn ein Mensch nichts zu essen hat, so ist Fasten das Allerklugste, was er tun kann. Wenn, zum Beispiel, Siddhartha nicht fasten gelernt hatte, so mu?te er heute noch irgendeinen Dienst annehmen, sei es bei dir oder wo immer, denn der Hunger wurde ihn dazu zwingen. So aber kann Siddhartha ruhig warten, er kennt keine Ungeduld, er kennt keine Notlage, lange kann er sich vom Hunger belagern lassen und kann dazu lachen. Dazu, Herr, ist Fasten gut."

    "Du hast Recht, Samana. Warte einen Augenblick."

    Kamaswami ging hinaus und kehrte mit einer Rolle wieder, die er seinem Gaste hinreichte, indem er fragte: "Kannst du dies lesen?"

    Siddhartha betrachtete die Rolle, in welcher ein Kaufvertrag niedergeschrieben war, und begann ihren Inhalt vorzulesen.

    "Vortrefflich", sagte Kamaswami. "Und willst du mir etwas auf dieses Blatt schreiben?"

    Er gab ihm ein Blatt und einen Griffel, und Siddhartha schrieb und gab das Blatt zuruck.

    Kamaswami las: "Schreiben ist gut, Denken ist besser. Klugheit ist gut, Geduld ist besser."

    "Vorzuglich verstehst du zu schreiben," lobte der Kaufmann. "Manches werden wir noch miteinander zu sprechen haben. Fur heute bitte ich dich, sei mein Gast und nimm in diesem Hause Wohnung."

    Siddhartha dankte und nahm an, und wohnte nun im Hause des Handlers. Kleider wurden ihm gebracht, und Schuhe, und ein Diener bereitete ihm taglich das Bad. Zweimal am Tage wurde eine reichliche Mahlzeit aufgetragen, Siddhartha aber a? nur einmal am Tage, und a? weder Fleisch noch trank er Wein. Kamaswami erzahlte ihm von seinem Handel, zeigte ihm Waren und Magazine, zeigte ihm Berechnungen. Vieles Neue lernte Siddhartha kennen, er horte viel und sprach wenig. Und der Worte Kamalas eingedenk, ordnete er sich niemals dem Kaufmanne unter, zwang ihn, da? er ihn als seinesgleichen, ja als mehr denn seinesgleichen behandle. Kamaswami betrieb seine Geschafte mit Sorglichkeit und oft mit Leidenschaft, Siddhartha aber betrachtete dies alles wie ein Spiel, dessen Regeln genau zu lernen er bemuht war, dessen Inhalt aber sein Herz nicht beruhrte.

    Nicht lange war er in Kamaswamis Hause, da nahm er schon an seines Hausherrn Handel teil. Taglich aber zu der Stunde, die sie ihm nannte, besuchte er die schone Kamala, in hubschen Kleidern, in feinen Schuhen, und bald brachte er ihr auch Geschenke mit. Vieles lehrte ihn ihr roter, kluger Mund. Vieles lehrte ihn ihre zarte, geschmeidige Hand. Ihm, der in der Liebe noch ein Knabe war und dazu neigte, sich blindlings und unersattlich in die Lust zu sturzen wie ins Bodenlose, lehrte sie von Grund auf die Lehre, da? man Lust nicht nehmen kann, ohne Lust zu geben, und da? jede Gebarde, jedes Streicheln, jede Beruhrung, jeder Anblick, jede kleinste Stelle des Korpers ihr Geheimnis hat, das zu wecken dem Wissenden Gluck bereitet. Sie lehrte ihn, da? Liebende nach einer Liebesfeier nicht voneinander gehen durfen, ohne eins das andere zu bewundern, ohne ebenso besiegt zu sein, wie gesiegt zu haben, so da? bei keinem von beiden Ubersattigung und Ode entstehe und das bose Gefuhl, mi?braucht zu haben oder mi?braucht worden zu sein. Wunderbare Stunden brachte er bei der schonen und klugen Kunstlerin zu, wurde ihr Schuler, ihr Liebhaber, ihr Freund. Hier bei Kamala lag der Wert und Sinn seines jetzigen Lebens, nicht im Handel des Kamaswami.

    Der Kaufmann ubertrug ihm das Schreiben wichtiger Briefe und Vertrage, und gewohnte sich daran, alle wichtigen Angelegenheiten mit ihm zu beraten. Er sah bald, da? Siddhartha von Reis und Wolle, von Schiffahrt und Handel wenig verstand, da? aber seine Hand eine gluckliche war, und da? Siddhartha ihn, den Kaufmann, ubertraf an Ruhe und Gleichmut, und in der Kunst des Zuhorenkonnens und Eindringens in fremde Menschen. "Dieser Brahmane," sagte er zu einem Freunde, "ist kein richtiger Kaufmann und wird nie einer werden, nie ist seine Seele mit Leidenschaft bei den Geschaften. Aber er hat das Geheimnis jener Menschen, zu welchen der Erfolg von selber kommt, sei das nun ein angeborener guter Stern, sei es Zauber, sei es etwas, das er bei den Samanas gelernt hat. Immer scheint er mit den Geschaften nur zu spielen, nie gehen sie ganz in ihn ein, nie beherrschen sie ihn, nie furchtet er Mi?erfolg, nie bekummert ihn ein Verlust."

    Der Freund riet dem Handler: "Gib ihm von den Geschaften, die er fur dich treibt, einen Drittel vom Gewinn, la? ihn aber auch denselben Anteil des Verlustes treffen, wenn Verlust entsteht. So wird er eifriger werden."

    Kamaswami folgte dem Rat. Siddhartha aber kummerte sich wenig darum. Traf ihn Gewinn, so nahm er ihn gleichmutig hin; traf ihn Verlust, so lachte er und sagte: "Ei sieh, dies ist also schlecht gegangen!"

    Es schien in der Tat, als seien die Geschafte ihm gleichgultig. Einmal reiste er in ein Dorf, um dort eine gro?e Reisernte aufzukaufen. Als er ankam, war aber der Reis schon an einen andern Handler verkauft. Dennoch blieb Siddhartha manche Tage in jenem Dorf, bewirtete die Bauern, schenkte ihren Kindern Kupfermunzen, feierte eine Hochzeit mit und kam uberaus zufrieden von der Reise zuruck. Kamaswami machte ihm Vorwurfe, da? er nicht sogleich umgekehrt sei, da? er Zeit und Geld vergeudet habe. Siddhartha antwortete: "La? das Schelten, lieber Freund! Noch nie ist mit Schelten etwas erreicht worden. Ist Verlust entstanden, so la? mich den Verlust tragen. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Reise. Ich habe vielerlei Menschen kennengelernt, ein Brahmane ist mein Freund geworden, Kinder sind auf meinen Knien geritten, Bauern haben mir ihre Felder gezeigt, niemand hat mich fur einen Handler gehalten."

    "Sehr hubsch ist dies alles," rief Kamaswami unwillig, "aber tatsachlich bist du doch ein Handler, sollte ich meinen! Oder bist du denn nur zu deinem Vergnugen gereist?"

    "Gewi?," lachte Siddhartha, "gewi? bin ich zu meinem Vergnugen gereist. Wozu denn sonst? Ich habe Menschen und Gegenden kennen gelernt, ich habe, Freundlichkeit und Vertrauen genossen, ich habe Freundschaft gefunden. Sieh, Lieber, wenn ich Kamaswami gewesen ware, so ware ich sofort, als ich meinen Kauf vereitelt sah, voll Arger und in Eile wieder zuruckgereist, und Zeit und Geld ware in der Tat verloren gewesen. So aber habe ich gute Tage gehabt, habe gelernt, habe Freude genossen, habe weder mich noch andre durch Arger und durch Eilfertigkeit geschadigt. Und wenn ich jemals wieder dorthin komme, vielleicht um eine spatere Ernte zu kaufen, oder zu welchem Zwecke es sei, so werden freundliche Menschen mich freundlich und heiter empfangen, und ich werde mich dafur loben, da? ich damals nicht Eile und Unmut gezeigt habe. Also la? gut sein, Freund, und schade dir nicht durch Schelten! Wenn der Tag kommt, an dem du sehen wirst: Schaden bringt mir dieser Siddhartha, dann sprich ein Wort, und Siddhartha wird seiner Wege gehen. Bis dahin aber la? uns einer mit dem andern zufrieden sein."

    Vergeblich waren auch die Versuche des Kaufmanns, Siddhartha zu uberzeugen, da? er sein, Kamaswamis, Brot esse. Siddhartha a? sein eignes Brot, vielmehr sie beide a?en das Brot anderer, das Brot aller. Niemals hatte Siddhartha ein Ohr fur Kamaswamis Sorgen, und Kamaswami machte sich viele Sorgen. War ein Geschaft im Gange, welchem Mi?erfolg drohte, schien eine Warensendung verloren, schien ein Schuldner nicht zahlen zu konnen, nie konnte Kamaswami seinen Mitarbeiter uberzeugen, da? es nutzlich sei, Worte des Kummers oder des Zornes zu verlieren, Falten auf der Stirn zu haben, schlecht zu schlafen. Als ihm Kamaswami einstmals vorhielt, er habe alles, was er verstehe, von ihm gelernt, gab er zur Antwort: "Wolle mich doch nicht mit solchen Spa?en zum Besten haben! Von dir habe ich gelernt, wieviel ein Korb voll Fische kostet, und wieviel Zins man fur geliehenes Geld fordern kann. Das sind deine Wissenschaften. Denken habe ich nicht bei dir gelernt, teurer Kamaswami, suche lieber du es von mir zu lernen."

    In der Tat war seine Seele nicht beim Handel. Die Geschafte waren gut, um ihm Geld fur Kamala einzubringen, und sie brachten weit mehr ein, als er brauchte. Im ubrigen war Siddharthas Teilnahme und Neugierde nur bei den Menschen, deren Geschafte, Handwerke, Sorgen, Lustbarkeiten und Torheiten ihm fruher fremd und fern gewesen waren wie der Mond. So leicht es ihm gelang, mit allen zu sprechen, mit allen zu leben, von allen zu lernen, so sehr ward ihm dennoch bewu?t, da? etwas sei, was ihn von ihnen trenne, und dies Trennende war sein Samanatum. Er sah die Menschen auf eine kindliche oder tierhafte Art dahinleben, welche er zugleich liebte und auch verachtete. Er sah sie sich muhen, sah sie leiden und grau werden um Dinge, die ihm dieses Preises ganz unwert schienen, um Geld, um kleine Lust, um kleine Ehren, er sah sie einander schelten und beleidigen, er sah sie um Schmerzen wehklagen, uber die der Samana lachelt, und unter Entbehrungen leiden, die ein Samana nicht fuhlt.

    Allem stand er offen, was diese Menschen ihm zubrachten. Willkommen war ihm der Handler, der ihm Leinwand zum Kauf anbot, willkommen der Verschuldete, der ein Darlehen suchte, willkommen der Bettler, der ihm eine Stunde lang die Geschichte seiner Armut erzahlte, und welcher nicht halb so arm war als ein jeder Samana. Den reichen auslandischen Handler behandelte er nicht anders als den Diener, der ihn rasierte, und den Stra?enverkaufer, von dem er sich beim Bananenkauf um kleine Munze betrugen lie?. Wenn Kamaswami zu ihm kam, um uber seine Sorgen zu klagen oder ihm wegen eines Geschaftes Vorwurfe zu machen, so horte er neugierig und heiter zu, wunderte sich uber ihn, suchte ihn zu verstehen, lie? ihn ein wenig Recht haben, eben soviel als ihm unentbehrlich schien, und wandte sich von ihm ab, dem Nachsten zu, der ihn begehrte. Und es kamen viele zu ihm, viele um mit ihm zu handeln, viele um ihn zu betrugen, viele um ihn auszuhorchen, viele um sein Mitleid anzurufen, viele um seinen Rat zu horen. Er gab Rat, er bemitleidete, er schenkte, er lie? sich ein wenig betrugen, und dieses ganze Spiel und die Leidenschaft, mit welcher alle Menschen dies Spiel betrieben, beschaftigte seine Gedanken ebensosehr, wie einst die Gotter und das Brahman sie beschaftigt hatten.

    Zuzeiten spurte er, tief in der Brust, eine sterbende, leise Stimme, die mahnte leise, klagte leise, kaum da? er sie vernahm. Alsdann kam ihm fur eine Stunde zum Bewu?tsein, da? er ein seltsames Leben fuhre, da? er da lauter Dinge tue, die blo? ein Spiel waren, da? er wohl heiter sei und zuweilen Freude fuhle, da? aber das eigentliche Leben dennoch an ihm vorbeiflie?e und ihn nicht beruhre. Wie ein Ballspieler mit seinen Ballen spielt, so spielte er mit seinen Geschaften, mit den Menschen seiner Umgebung, sah ihnen zu, fand seinen Spa? an ihnen; mit dem Herzen, mit der Quelle seines Wesens war er nicht dabei. Die Quelle lief irgendwo, wie fern von ihm, lief und lief unsichtbar, hatte nichts mehr mit seinem Leben zu tun. Und einigemal erschrak er ob solchen Gedanken und wunschte sich, es moge doch auch ihm gegeben sein, bei all dem kindlichen Tun des Tages mit Leidenschaft und mit dem Herzen beteiligt zu sein, wirklich zu leben, wirklich zu tun, wirklich zu genie?en und zu leben, statt nur so als ein Zuschauer daneben zu stehen. Immer aber kam er wieder zur schonen Kamala, lernte Liebeskunst, ubte den Kult der Lust, bei welchem mehr als irgendwo geben und nehmen zu einem wird, plauderte mit ihr, lernte von ihr, gab ihr Rat, empfing Rat. Sie verstand ihn besser, als Govinda ihn einst verstanden hatte, sie war ihm ahnlicher.

    Einmal sagte er zu ihr: "Du bist wie ich, du bist anders als die meisten Menschen. Du bist Kamala, nichts andres, und in dir innen ist eine Stille und Zuflucht, in welche du zu jeder Stunde eingehen und bei dir daheim sein kannst, so wie auch ich es kann. Wenige Menschen haben das, und doch konnten alle es haben."

    "Nicht alle Menschen sind klug," sagte Kamala.

    "Nein," sagte Siddhartha, "nicht daran liegt es. Kamaswami ist ebenso klug wie ich, und hat doch keine Zu flucht in sich. Andre haben sie, die an Verstand kleine Kinder sind. Die meisten Menschen, Kamala, sind wie ein fallendes Blatt, das weht und dreht sich durch die Luft, und schwankt, und taumelt zu Boden. Andre aber, wenige, sind wie Sterne, die gehen eine feste Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich selber haben sie ihr Gesetz und ihre Bahn. Unter allen Gelehrten und Samanas, deren ich viele kannte, war einer von dieser Art, ein Vollkommener, nie kann ich ihn vergessen. Es ist jener Gotama, der Erhabene, der Verkundiger jener Lehre. Tausend Junger horen jeden Tag seine. Lehre, folgen jede Stunde seiner Vorschrift, aber sie alle sind fallendes Laub, nicht in sich selbst haben sie Lehre und Gesetz."

    Kamala betrachtete ihn mit Lacheln. "Wieder redest du von ihm," sagte sie, "wieder hast du Samana-Gedanken."

    Siddhartha schwieg, und sie spielten das Spiel der Liebe, eines von den drei?ig oder vierzig verschiedenen Spielen, welche Kamala wu?te. Ihr Leib war biegsam wie der eines Jaguars, und wie der Bogen eines Jagers; wer von ihr die Liebe gelernt hatte, war vieler Luste, vieler Geheimnisse kundig. Lange spielte sie mit Siddhartha, lockte ihn, wies ihn zuruck, zwang ihn, umspannte ihn: freute sich seiner Meisterschaft, bis er besiegt war und erschopft an ihrer Seite ruhte.

    Die Hetare beugte sich uber ihn, sah lang in sein Gesicht, in seine mudgewordenen Augen.

    "Du bist der beste Liebende," sagte sie nachdenklich, "den ich gesehen habe. Du bist starker als andre, biegsamer, williger. Gut hast du meine Kunst gelernt, Siddhartha. Einst, wenn ich alter bin, will ich von dir ein Kind haben. Und dennoch, Lieber, bist du ein Samana geblieben, dennoch liebst du mich nicht, du liebst keinen Menschen. Ist es nicht so?"

    "Es mag wohl so sein", sagte Siddhartha mude. "Ich bin wie du. Auch du liebst nicht—wie konntest du sonst die Liebe als eine Kunst betreiben? Die Menschen von unserer Art konnen vielleicht nicht lieben. Die Kindermenschen konnen es; das ist ihr Geheimnis."




    SANSARA

    Lange Zeit hatte Siddhartha das Leben der Welt und der Luste gelebt, ohne ihm doch anzugehoren. Seine Sinne, die er in hei?en Samana-Jahren ertotet hatte, waren wieder erwacht, er hatte Reichtum gekostet, hatte Wollust gekostet, hatte Macht gekostet; dennoch war er lange Zeit im Herzen noch ein Samana geblieben, dies hatte Kamala, die Kluge, richtig erkannt. Immer noch war es die Kunst des Denkens, des Wartens, des Fastens, von welcher sein Leben gelenkt wurde, immer noch waren die Menschen der Welt, die Kindermenschen, ihm fremd geblieben, wie er ihnen fremd war.

    Die Jahre liefen dahin, in Wohlergehen eingehullt fuhlte Siddhartha ihr Schwinden kaum. Er war reich geworden, er besa? langst ein eigenes Haus und eigene Dienerschaft, und einen Garten vor der Stadt am Flusse. Die Menschen hatten ihn gerne, sie kamen zu ihm, wenn sie Geld oder Rat brauchten, niemand aber stand ihm nahe, au?er Kamala.

    Jenes hohe, helle Wachsein, welches er einst, auf der Hohe seiner Jugend, erlebt hatte, in den Tagen nach Gotamas Predigt, nach der Trennung von Govinda, jene gespannte Erwartung, jenes stolze Alleinstehen ohne Lehren und ohne Lehrer, jene geschmeidige Bereitschaft, die gottliche Stimme im eigenen Herzen zu horen, war allmahlich Erinnerung geworden, war verganglich gewesen; fern und leise rauschte die heilige Quelle, die einst nahe gewesen war, die einst in ihm selber gerauscht hatte. Vieles zwar, das er von den Samanas gelernt, das er von Gotama gelernt, das er von seinem Vater, dem Brahmanen, gelernt hatte, war noch lange Zeit in ihm geblieben: ma?iges Leben, Freude am Denken, Stunden der Versenkung, heimliches Wissen vom Selbst, vom ewigen Ich, das nicht Korper noch Bewu?tsein ist. Manches davon war in ihm geblieben, eines ums andre aber war untergesunken und hatte sich mit Staub bedeckt. Wie die Scheibe des Topfers, einmal angetrieben, sich noch lange dreht und nur langsam ermudet und ausschwingt, so hatte in Siddharthas Seele das Rad der Askese, das Rad des Denkens, das Rad der Unterscheidung lange weiter geschwungen, schwang immer noch, aber es schwang langsam und zogernd und war dem Stillstand nahe. Langsam, wie Feuchtigkeit in den absterbenden Baumstrunk dringt, ihn langsam fullt und faulen macht, war Welt und Tragheit in Siddharthas Seele gedrungen, langsam fullte sie seine Seele, machte sie schwer, machte sie mude, schlaferte sie ein. Dafur waren seine Sinne lebendig geworden, viel hatten sie gelernt, viel erfahren.

    Siddhartha hatte gelernt, Handel zu treiben, Macht uber Menschen auszuuben, sich mit dem Weibe zu vergnugen, er hatte gelernt, schone Kleider zu tragen, Dienern zu befehlen, sich in wohlriechenden Wassern zu baden. Er hatte gelernt, zart und sorgfaltig bereitete Speisen zu essen, auch den Fisch, auch Fleisch und Vogel, Gewurze und Su?igkeiten, und den Wein zu trinken, der trage und vergessen macht. Er hatte gelernt, mit Wurfeln und auf dem Schachbrette zu spielen, Tanzerinnen zuzusehen, sich in der Sanfte tragen zu lassen, auf einem weichen Bett zu schlafen. Aber immer noch hatte er sich von den andern verschieden und ihnen uberlegen gefuhlt, immer hatte er ihnen mit ein wenig Spott zugesehen, mit ein wenig spottischer Verachtung, mit eben jener Verachtung, wie sie ein Samana stets fur Weltleute fuhlt. Wenn Kamaswami kranklich war, wenn er argerlich war, wenn er sich beleidigt fuhlte, wenn er von seinen Kaufmannssorgen geplagt wurde, immer hatte Siddhartha es mit Spott angesehen. Langsam und unmerklich nur, mit den dahingehenden Erntezeiten und Regenzeiten, war sein Spott muder geworden, war seine Uberlegenheit stiller geworden. Langsam nur, zwischen seinen wachsenden Reichtumern, hatte Siddhartha selbst etwas von der Art der Kindermenschen angenommen, etwas von ihrer Kindlichkeit und von ihrer Angstlichkeit. Und doch beneidete er sie, beneidete sie desto mehr, je ahnlicher er ihnen wurde. Er beneidete sie um das Eine, was ihm fehlte und was sie hatten, um die Wichtigkeit, welche sie ihrem Leben beizulegen vermochten, um die Leidenschaftlichkeit ihrer Freuden und Angste, um das bange aber su?e Gluck ihrer ewigen Verliebtheit. In sich selbst, in Frauen, in ihre Kinder, in Ehre oder Geld, in Plane oder Hoffnungen verliebt waren diese Menschen immerzu. Er aber lernte dies nicht von ihnen, gerade dies nicht, diese Kinderfreude und Kindertorheit; er lernte von ihnen gerade das Unangenehme, was er selbst verachtete. Es geschah immer ofter, da? er am Morgen nach einem geselligen Abend lange liegen blieb und sich dumpf und mude fuhlte. Es geschah, da? er argerlich und ungeduldig wurde, wenn Kamaswami ihn mit seinen Sorgen lang weilte. Es geschah, da? er allzu laut lachte, wenn er im Wurfelspiel verlor. Sein Gesicht war noch immer kluger und geistiger als andre, aber es lachte selten, und nahm einen um den andern jene Zuge an, die man im Gesicht reicher Leute so haufig findet, jene Zuge der Unzufriedenheit, der Kranklichkeit, des Mi?mutes, der Trag heit, der Lieblosigkeit. Langsam ergriff ihn die Seelen krankheit der Reichen.

    Wie ein Schleier, wie ein dunner Nebel senkte sich Mudigkeit uber Siddhartha, langsam, jeden Tag ein wenig dichter, jeden Monat ein wenig truber, jedes Jahr ein wenig schwerer. Wie ein neues Kleid mit der Zeit alt wird, mit der Zeit seine schone Farbe verliert, Flecken bekommt, Falten bekommt, an den Saumen abgesto?en wird und hier und dort blode, fadige Stellen zu zeigen beginnt, so war Siddharthas neues Leben, das er nach seiner Trennung von Govinda begonnen hatte, alt geworden, so verlor es mit den hinrinnenden Jahren Farbe und Glanz, so sammelten sich Falten und Flecken auf ihm, und im Grunde verborgen, hier und dort schon ha?lich hervorblickend, wartete Enttauschung und Ekel. Siddhartha merkte es nicht. Er merkte nur, das jene helle und sichere Stimme seines Innern, die einst in ihm erwacht war und ihn in seinen glanzenden. Zeiten je und je geleitet hatte, schweigsam geworden war.

    Die Welt hatte ihn eingefangen, die Lust, die Begehrlichkeit, die Tragheit, und zuletzt auch noch jenes Laster, das er als das torichteste stets am meisten verachtet und gehohnt hatte: die Habgier. Auch das Eigentum, der Besitz und Reichtum hatte ihn schlie?lich eingefangen, war ihm kein Spiel und Tand mehr, war Kette und Last geworden. Auf einem seltsamen und listigen Wege war Siddhartha in diese letzte und schnodeste Abhangigkeit geraten, durch das Wurfelspiel. Seit der Zeit namlich, da er im Herzen aufgehort hatte, ein Samana zu sein, begann Siddhartha das Spiel um Geld und Kostbarkeiten, das er sonst lachelnd und lassig als eine Sitte der Kindermenschen mitgemacht hatte, mit einer zunehmenden Wut und Leidenschaft zu treiben. Er war ein gefurchteter Spieler, wenige wagten es mit ihm, so hoch und frech waren seine Einsatze. Er trieb das Spiel aus der Not seines Herzens, das Verspielen und Verschleudern des elenden Geldes schuf ihm eine zornige Freude, auf keine andre Weise konnte er seine Verachtung des Reichtums, des Gotzen der Kaufleute, deutlicher und hohnischer zeigen. So spielte er hoch und schonungslos, sich selbst hassend, sich selbst verhohnend, strich Tausende ein, warf Tausende weg, verspielte Geld, verspielte Schmuck, verspielte ein Landhaus, gewann wieder, verspielte wieder. Jene Angst, jene furchtbare und beklemmende Angst, welche er wahrend des Wurfelns, wahrend des Bangens um hohe Einsatze empfand, jene Angst liebte er und suchte sie immer zu erneuern, immer zu steigern, immer hoher zu kitzeln, denn in diesem Gefuhl allein noch fuhlte er etwas wie Gluck, etwas wie Rausch, etwas wie erhohtes Leben inmitten seines gesattigten, lauen, faden Lebens.

    Und nach jedem gro?en Verluste sann er auf neuen Reichtum, ging eifriger dem Handel nach, zwang strenger seine Schuldner zum Zahlen, denn er wollte weiter spielen, er wollte weiter vergeuden, weiter dem Reichtum seine Verachtung zeigen. Siddhartha verlor die Gelassenheit bei Verlusten, er verlor die Geduld gegen saumige Zahler, verlor die Gutmutigkeit gegen Bettler, verlor die Lust am Verschenken und Wegleihen des Geldes an Bittende. Er, der zehntausend auf einen Wurf verspielte und dazu lachte, wurde im Handel strenger und kleinlicher, traumte nachts zuweilen von Geld! Und so oft er aus dieser ha?lichen Bezauberung erwachte, so oft er sein Gesicht im Spiegel an der Schlafzimmerwand gealtert und ha?licher geworden sah, so oft Scham und Ekel ihn uberfiel, floh er weiter, floh in neues Glucksspiel, floh in Betaubungen der Wollust, des Weines, und von da zuruck in den Trieb des Haufens und Erwerbens. In diesem sinnlosen Kreislauf lief er sich mude, lief er sich alt, lief sich krank.

    Da mahnte ihn einst ein Traum. Er war die Abendstunden bei Kamala gewesen, in ihrem schonen Lustgarten. Sie waren unter den Baumen gesessen, im Gesprach, und Kamala hatte nachdenkliche Worte gesagt, Worte, hinter welchen sich eine Trauer und Mudigkeit verbarg. Von Gotama hatte sie ihn gebeten zu erzahlen, und konnte nicht genug von ihm horen, wie rein sein Auge, wie still und schon sein Mund, wie gutig sein Lacheln, wie friedevoll sein Gang gewesen. Lange hatte er ihr vom erhabenen Buddha erzahlen mussen, und Kamala hatte geseufzt, und hatte gesagt: "Jinst, vielleicht bald, werde auch ich diesem Buddha folgen. Ich werde ihm meinen Lustgarten schenken, und werde meine Zuflucht zu seiner Lehre nehmen." Darauf aber hatte sie ihn gereizt, und ihn im Liebesspiel mit schmerzlicher Inbrunst an sich gefesselt, unter Bissen und unter Tranen, als wolle sie noch einmal aus dieser eiteln, verganglichen Lust den letzten su?en Tropfen pressen. Nie war es Siddhartha so seltsam klar geworden, wie nahe die Wollust dem Tode verwandt ist. Dann war er an ihrer Seite gelegen, und Kamalas Antlitz war ihm nahe gewesen, und unter ihren Augen und neben ihren Mundwinkeln hatte er, deutlich wie noch niemals, eine bange Schrift gelesen, eine Schrift von feinen Linien, von leisen Furchen, eine Schrift, die an den Herbst und an das Alter erinnerte, wie denn auch Siddhartha selbst, der erst in den Vierzigen stand, schon hier und dort ergraute Haare zwischen seinen schwarzen bemerkt hatte. Mudigkeit stand auf Kamalas schonem Gesicht geschrieben, Mudigkeit vom Gehen eines langen Weges, der kein frohes Ziel hat, Mudigkeit und beginnende Welke, und verheimlichte, noch nicht gesagte, vielleicht noch nicht einmal gewu?te Bangigkeit: Furcht vor dem Alter, Furcht vor dem Herbste, Furcht vor dem Sterbenmussen. Seufzend hatte er von ihr Abschied genommen, die Seele voll Unlust, und voll verheimlichter Bangigkeit.

    Dann hatte Siddhartha die Nacht in seinem Hause mit Tanzerinnen beim Weine zugebracht, hatte gegen seine Standesgenossen den uberlegenen gespielt, welcher er nicht mehr war, hatte viel Wein getrunken und spat nach Mitternacht sein Lager aufgesucht, mude und dennoch erregt, dem Weinen und der Verzweiflung nahe, und hatte lang vergeblich den Schlaf gesucht, das Herz voll eines Elendes, das er nicht mehr ertragen zu konnen meinte, voll eines Ekels, von dem er sich durchdrungen fuhlte wie vom lauen, widerlichen Geschmack des Weines, der allzu su?en, oden Musik, dem allzu weichen Lacheln der Tanzerinnen, dem allzu su?en Duft ihrer Haare und Bruste. Mehr aber als vor allem anderen ekelte ihm vor sich selbst, vor seinen duftenden Haaren, vor dem Weingeruch seines Mundes, vor der schlaffen Mudigkeit und Unlust seiner Haut. Wie wenn einer, der allzuviel gegessen oder getrunken hat, es unter Qualen wieder erbricht und doch der Erleichterung froh ist, so wunschte sich der Schlaflose, in einem ungeheuren Schwall von Ekel sich dieser Genusse, dieser Gewohnheiten, dieses ganzen sinnlosen Lebens und seiner selbst zu entledigen. Erst beim Schein des Morgens und dem Erwachen der ersten Geschaftigkeit auf der Stra?e vor seinem Stadthause war er eingeschlummert, hatte fur wenige Augenblicke eine halbe Betaubung, eine Ahnung von Schlaf gefunden. In diesen Augenblicken hatte er einen Traum:

    Kamala besa? in einem goldenen Kafig einen kleinen seltenen Singvogel. Von diesem Vogel traumte er. Er traumte: dieser Vogel war stumm geworden, der sonst stets in der Morgenstunde sang, und da dies ihm auffiel, trat er vor den Kafig und blickte hinein, da war der kleine Vogel tot und lag steif am Boden. Er nahm ihn heraus, wog ihn einen Augenblick in der Hand und warf ihn dann weg, auf die Gasse hinaus, und im gleichen Augenblick erschrak er furchtbar, und das Herz tat ihm weh, so, als habe er mit diesem toten Vogel allen Wert und alles Gute von sich geworfen.

    Aus diesem Traum auffahrend, fuhlte er sich von tiefer Traurigkeit umfangen. Wertlos, so schien ihm, wertlos und sinnlos hatte er sein Leben dahingefuhrt; nichts Lebendiges, nichts irgendwie Kostliches oder Behaltenswertes war ihm in Handen geblieben. Allein stand er und leer, wie ein Schiffbruchiger am Ufer.

    Finster begab sich Siddhartha in einen Lustgarten, der ihm gehorte, verschlo? die Pforte, setzte sich unter einem Mangobaum nieder, fuhlte den Tod im Herzen und das Grauen in der Brust, sa? und spurte, wie es in ihm starb, in ihm welkte, in ihm zu Ende ging. Allmahlich sammelte er seine Gedanken, und ging im Geiste nochmals den ganzen Weg seines Lebens, von den ersten Tagen an, auf welche er sich besinnen konnte. Wann denn hatte er ein Gluck erlebt, eine wahre Wonne gefuhlt? O ja, mehrere Male hatte er solches erlebt. In den Knabenjahren hatte er es gekostet, wenn er von den Brahmanen Lob errungen hatte er es in seinem Herzen gefuhlt: "Ein Weg liegt vor dem Hersagen der heiligen Verse, im Disput mit den Gelehrten, als Gehilfe beim Opfer ausgezeichnet hatte." Da hatte er es in seinem Herzen gefuhlt: "Ein Weg liegt vor dir, zu dem du berufen bist, auf dich warten die Gotter." Und wieder als Jungling, da ihn das immer hoher emporfliehende Ziel alles Nachdenkens aus der Schar Gleichstrebender heraus- und hinangerissen hatte, da er in Schmerzen um den Sinn des Brahman rang, da jedes erreichte Wissen nur neuen Durst in ihm entfachte, da wieder hatte er, mitten im Durst, mitten im Schmerze dieses selbe gefuhlt: "Weiter! Weiter! Du bist berufen!" Diese Stimme hatte er vernommen, als er seine Heimat verlassen und das Leben des Samana gewahlt hatte, und wieder, als er von den Samanas hinweg zu jenem Vollendeten, und auch von ihm hinweg ins Ungewisse gegangen war. Wie lange hatte er diese Stimme nicht mehr gehort, wie lange keine Hohe mehr erreicht, wie eben und ode war sein Weg dahingegangen, viele lange Jahre, ohne hohes Ziel, ohne Durst, ohne Erhebung, mit kleinen Lusten zufrieden und dennoch nie begnugt! Alle diese Jahre hatte er, ohne es selbst zu wissen, sich bemuht und danach gesehnt, ein Mensch wie diese vielen zu werden, wie diese Kinder, und dabei war sein Leben viel elender und armer gewesen als das ihre, denn ihre Ziele waren nicht die seinen, noch ihre Sorgen, diese ganze Welt der Kamaswami-Menschen war ihm ja nur ein Spiel gewesen, ein Tanz, dem man zusieht, eine Komodie. Einzig Kamala war ihm lieb, war ihm wertvoll gewesen—aber war sie es noch? Brauchte er sie noch, oder sie ihn? Spielten sie nicht ein Spiel ohne Ende? War es notwendig, dafur zu leben? Nein, es war nicht notwendig! Dieses Spiel hie? Sansara, ein Spiel fur Kinder, ein Spiel, vielleicht hold zu spielen, einmal, zweimal, zehnmal—aber immer und immer wieder?

    Da wu?te Siddhartha, da? das Spiel zu Ende war, da? er es nicht mehr spielen konne. Ein Schauder lief ihm uber den Leib, in seinem Innern, so fuhlte er, war etwas gestorben.

    Jenen ganzen Tag sa? er unter dem Mangobaume, seines Vaters gedenkend, Govindas gedenkend, Gotamas gedenkend. Hatte er diese verlassen mussen, um ein Kamaswami zu werden? Er sa? noch, als die Nacht angebrochen war. Als er aufschauend die Sterne erblickte, dachte er: "Hier sitze ich unter meinem Mangobaume, in meinem Lustgarten." Er lachelte ein wenig—war es denn notwendig, war es richtig, war es nicht ein torichtes Spiel, da? er einen Mangobaum, da? er einen Garten besa??

    Auch damit schlo? er ab, auch das starb in ihm. Er erhob sich, nahm Abschied vom Mangobaum, Abschied vom Lustgarten. Da er den Tag ohne Speise geblieben war, fuhlte er heftigen Hunger, und gedachte an sein Haus in der Stadt, an sein Gemach und Bett, an den Tisch mit den Speisen. Er lachelte mude, schuttelte sich und nahm Abschied von diesen Dingen.

    In derselben Nachtstunde verlie? Siddhartha seinen Garten, verlie? die Stadt und kam niemals wieder. Lange lie? Kamaswami nach ihm suchen, der ihn in Rauberhand gefallen glaubte. Kamala lie? nicht nach ihm suchen. Als sie erfuhr, da? Siddhartha verschwunden sei, wunderte sie sich nicht. Hatte sie es nicht immer erwartet? War er nicht ein Samana, ein Heimloser, ein Pilger? Und am meisten hatte sie dies beim letzten Zusammensein gefuhlt, und sie freute sich mitten im Schmerz des Verlustes, da? sie ihn dieses letzte Mal noch so innig an ihr Herz gezogen, sich noch einmal so ganz von ihm, besessen und durchdrungen gefuhlt hatte.

    Als sie die erste Nachricht von Siddharthas Verschwinden bekam, trat sie ans Fenster, wo sie in einem goldenen Kafig einen seltenen Singvogel gefangen hielt. Sie offnete die Tur des Kafigs, nahm den Vogel heraus und lie? ihn fliegen. Lange sah sie ihm nach, dem fliegenden Vogel. Sie empfing von diesem Tage an keine Besucher mehr, und hielt ihr Haus verschlossen. Nach einiger Zeit aber ward sie inne, da? sie von dem letzten Zusammensein mit Siddhartha schwanger sei.




    AM FLUSSE

    Siddhartha wanderte im Walde, schon fern von der Stadt, und wu?te nichts als das eine, da? er nicht mehr zuruck konnte, da? dies Leben, wie er es nun viele Jahre lang gefuhrt, voruber und dahin und bis zum Ekel ausgekostet und ausgesogen war. Tot war der Singvogel, von dem er getraumt. Tot war der Vogel in seinem Herzen. Tief war er in Sansara verstrickt, Ekel und Tod hatte er von allen Seiten in sich eingesogen, wie ein Schwamm Wasser einsaugt, bis er voll ist. Voll war er von Uberdru?, voll von Elend, voll von Tod, nichts mehr gab es in der Welt, das ihn locken, das ihn freuen, das ihn trosten konnte.

    Sehnlich wunschte er, nichts mehr von sich zu wissen, Ruhe zu haben, tot zu sein. Kame doch ein Blitz und erschluge ihn! Kame doch ein Tiger und fra?e ihn! Gabe es doch einen Wein, ein Gift, das ihm Betaubung brachte, Vergessen und Schlaf, und kein Erwachen mehr! Gab es denn noch irgendeinen Schmutz, mit dem er sich nicht beschmutzt hatte, eine Sunde und Torheit, die er nicht begangen, eine Seelenode, die er nicht auf sich geladen hatte? War es denn noch moglich, zu leben? War es moglich, nochmals und nochmals wieder Atem zu ziehen, Atem auszusto?en, Hunger zu fuhlen, wieder zu essen, wieder zu schlafen, wieder beim Weibe zu liegen? War dieser Kreislauf nicht fur ihn erschopft und abgeschlossen?

    Siddhartha gelangte an den gro?en Flu? im Walde, an denselben Flu?, uber welchen ihn einst, als er noch ein junger Mann war und von der Stadt des Gotama kam, ein Fahrmann gefuhrt hatte. An diesem Flusse machte er Halt, blieb zogernd beim Ufer stehen. Mudigkeit und Hunger hatten ihn geschwacht, und wozu auch sollte er weitergehen, wohin denn, zu welchem Ziel? Nein, es gab keine Ziele mehr, es gab nichts mehr als die tiefe, leidvolle Sehnsucht, diesen ganzen wusten Traum von sich zu schutteln, diesen schalen Wein von sich zu speien, diesem jammerlichen und schmachvollen Leben ein Ende zu machen.

    Uber das Flu?ufer hing ein Baum gebeugt, ein Kokosbaum, an dessen Stamm lehnte sich Siddhartha mit der Schulter, legte den Arm um den Stamm und blickte in das grune Wasser hinab, das unter ihm zog und zog, blickte hinab und fand sich ganz und gar von dem Wunsche erfullt, sich loszulassen und in diesem Wasser unterzugehen. Eine schauerliche Leere spiegelte ihm aus dem Wasser entgegen, welcher die furchtbare Leere in seiner Seele Antwort gab. Ja, er war am Ende. Nichts mehr gab es fur ihn, als sich auszuloschen, als das mi?lungene Gebilde seines Lebens zu zerschlagen, es wegzuwerfen, hohnlachenden Gottern vor die Fu?e. Dies war das gro?e Erbrechen, nach dem er sich gesehnt hatte: der Tod, das Zerschlagen der Form, die er ha?te! Mochten ihn die Fische fressen, diesen Hund von Siddhartha, diesen Irrsinnigen, diesen verdorbenen und verfaulten Leib, diese erschlaffte und mi?brauchte Seelel Mochten die Fische und Krokodile ihn fressen, mochten die Damonen ihn zerstucken!

    Mit verzerrtem Gesichte starrte er ins Wasser, sah sein Gesicht gespiegelt und spie danach. In tiefer Mudigkeit loste er den Arm vom Baumstamme und drehte sich ein wenig, um sich senkrecht hinabfallen zu lassen, um endlich unterzugehen. Er sank, mit geschlossenen Augen, dem Tod entgegen.

    Da zuckte aus entlegenen Bezirken seiner Seele, aus Vergangenheiten seines ermudeten Lebens her ein Klang. Es war ein Wort, eine Silbe, die er ohne Gedanken mit lallender Stimme vor sich hinsprach, das alte Anfangswort und Schlu?wort aller brahmanischen Gebete, das heilige "OM", das so viel bedeutet wie "das Vollkommene" oder "die Vollendung". Und im Augenblick, da der Klang "Om" Siddharthas Ohr beruhrte, erwachte sein entschlummerter Geist plotzlich, und erkannte die Torheit seines Tuns.

    Siddhartha erschrak tief. So also stand es um ihn, so verloren war er, so verirrt und von allem Wissen verlassen, da? er den Tod hatte suchen konnen, da? dieser Wunsch, dieser Kinderwunsch in ihm hatte gro? werden konnen: Ruhe zu finden, indem er seinen Leib ausloschte! Was alle Qual dieser letzten Zeiten, alle Ernuchterung, alle Verzweiflung nicht bewirkt hatte, das bewirkte dieser Augenblick, da das Om in sein Bewu?tsein drang: da? er sich in seinem Elend und in seiner Irrsal erkannte.

    Om! sprach er vor sich hin: Om! Und wu?te um Brahman, wu?te um die Unzerstorbarkeit des Lebens, wu?te um alles Gottliche wieder, das er vergessen hatte.

    Doch war dies nur ein Augenblick, ein Blitz. Am Fu? des Kokosbaumes sank Siddhartha nieder, von der Ermudung—hingestreckt, Om murmelnd, legte sein Haupt auf die Wurzel des Baumes und sank in tiefen Schlaf.

    Tief war sein Schlaf und frei von Traumen, seit langer Zeit hatte er einen solchen Schlaf nicht mehr gekannt. Als er nach manchen Stunden erwachte, war ihm, als seien zehn Jahre vergangen, er horte das leise Stromen des Wassers, wu?te nicht, wo er sei und wer ihn hierher gebracht habe, schlug die Augen auf, sah mit Verwunderung Baume und Himmel uber sich, und erinnerte sich, wo er ware und wie er hierher gekommen sei. Doch bedurfte er hierzu einer langen Weile, und das Vergangene erschien ihm wie von einem Schleier uberzogen, unendlich fern, unendlich weit weg gelegen, unendlich gleichgultig. Er wu?te nur, da? er sein fruheres Leben (im ersten Augenblick der Besinnung erschien ihm dies fruhere Leben wie eine weit zuruckliegende, einstige Verkorperung, wie eine fruhe Vorgeburt seines jetzigen Ich)—da? er sein fruheres Leben verlassen habe, da? er voll Ekel und Elend sogar sein Leben habe wegwerfen wollen, da? er aber an einem Flusse, unter einem Kokosbaume, zu sich gekommen sei, das heilige Wort Om auf den Lippen, dann entschlummert sei, und nun erwacht als ein neuer Mensch in die Welt blicke. Leise sprach er das Wort Om vor sich hin, uber welchem er eingeschlafen war, und ihm schien sein ganzer langer Schlaf sei nichts als ein langes, versunkenes Om-Sprechen gewesen, ein Om-Denken, ein Untertauchen und volliges Eingehen in Om, in das Namenlose, Vollendete.

    Was fur ein wunderbarer Schlaf war dies doch gewesen! Niemals hatte ein Schlaf ihn so erfrischt, so erneut, so verjungt! Vielleicht war er wirklich gestorben, war untergegangen und in einer neuen Gestalt wiedergeboren? Aber nein, er kannte sich, er kannte seine Hand und seine Fu?e, kannte den Ort, an dem er lag, kannte dies Ich in seiner Brust, diesen Siddhartha, den Eigenwilligen, den Seltsamen, aber dieser Siddhartha war dennoch verwandelt, war erneut, war merkwurdig ausgeschlafen, merkwurdig wach, freudig und neugierig.

    Siddhartha richtete sich empor, da sah er sich gegenuber einen Menschen sitzen, einen fremden Mann, einen Monch in gelbem Gewande mit rasiertem Kopfe, in der Stellung des Nachdenkens. Er betrachtete den Mann, der weder Haupthaar noch Bart an sich hatte, und nicht lange

    hatte er ihn betrachtet, da erkannte er in diesem Monche Govinda, den Freund seiner Jugend, Govinda, der seine Zuflucht zum erhabenen Buddha genommen hatte. Govinda war gealtert, auch er, aber noch immer trug sein Gesicht die alten Zuge, sprach von Eifer, von Treue, von Suchen, von Angstlichkeit. Als nun aber Govinda, seinen Blick fuhlend, das Auge aufschlug und ihn anschaute, sah Siddhartha, da? Govinda ihn nicht erkenne. Govinda freute sich, ihn wach zu finden, offenbar hatte er lange hier gesessen und auf sein Erwachen gewartet, obwohl er ihn nicht kannte.

    "Ich habe geschlafen," sagte Siddhartha. "Wie bi?t denn du hierher gekommen?"

    "Du hast geschlafen," antwortete Govinda. "Es ist nicht gut, an solchen Orten zu schlafen, wo haufig Schlangen sind und die Tiere des Waldes ihre Wege haben. Ich, o Herr, bin ein Junger des erhabenen Gotama, des Buddha, des Sakyamuni, und bin mit einer Zahl der Unsrigen diesen Weg gepilgert, da sah ich dich liegen und schlafen an einem Orte, wo es gefahrlich ist zu schlafen. Darum suchte ich dich zu wecken, o Herr, und da ich sah, da? dein Schlaf sehr tief war, blieb ich hinter den Meinigen zuruck und sa? bei dir. Und dann, so scheint es, bin ich selbst eingeschlafen, der ich deinen Schlaf bewachen wollte. Schlecht habe ich meinen Dienst versehen, Mudigkeit hat mich ubermannt. Aber nun, da du ja wach bist, la? mich gehen, damit ich meine Bruder einhole."

    "Ich danke dir, Samana, da? du meinen Schlaf behutet hast," sprach Siddhartha. "Freundlich seid Ihr Junger des Erhabenen. Nun magst du denn gehen."

    "Ich gehe, Herr. Moge der Herr sich immer wohl befinden."

    "Ich danke dir, Samana."

    Govinda machte das Zeichen des Gru?es und sagte: "Lebe wohl."

    "Lebe wohl, Govinda," sagte Siddhartha.

    Der Monch blieb stehen.

    "Erlaube, Herr, woher kennst du meinen Namen?"

    Da lachelte Siddhartha.

    "Ich kenne dich, o Govinda, aus der Hutte deines Vaters, und aus der Brahmanenschule, und von den Opfern, und von unsrem Gang zu den Samanas, und von jener Stunde, da du im Hain Jetavdna deine Zuflucht zum Erhabenen nahmest."

    "Du bist Siddhartha!" rief Govinda laut. "Jetzt erkenne ich dich, und begreife nicht mehr, wie ich dich nicht sogleich erkennen konnte. Sei willkommen, Siddhartha, gro? ist meine Freude, dich wiederzusehen."

    "Auch mich erfreut es, dich wiederzusehen. Du bist der Wachter meines Schlafes gewesen, nochmals danke ich dir dafur, obwohl ich keines Wachters bedurft hatte. Wohin gehst du, o Freund?"

    "Nirgendshin gehe ich. Immer sind wir Monche unterwegs, solange nicht Regenzeit ist, immer ziehen wir von Ort zu Ort, leben nach der Regel, verkundigen die Lehre, nehmen Almosen, ziehen weiter. Immer ist es so. Du aber, Siddhartha, wo gehst du hin?"

    Sprach Siddhartha: "Auch mit mir steht es so, Freund, wie mit dir. Ich gehe nirgendhin. Ich bin nur unterwegs. Ich pilgere."

    Govinda sprach: "Du sagst: du pilgerst, und ich glaube dir. Doch verzeih, o Siddhartha, nicht wie ein Pilger siehst du aus. Du tragst das Kleid eines Reichen, du tragst die Schuhe eines Vornehmen, und dein Haar, das nach wohlriechendem Wasser duftet, ist nicht das Haar eines Pilgers, nicht das Haar eines Samanas."

    "Wohl, Lieber, gut hast du beobachtet, alles sieht dein scharfes Auge. Doch habe ich nicht zu dir gesagt, da? ich ein Samana sei. Ich sagte: ich pilgere. Und so ist es: ich pilgere."

    "Du pilgerst," sagte Govinda. "Aber wenige pilgern in solchem Kleide, wenige in solchen Schuhen, wenige mit solchen Haaren. Nie habe ich, der ich schon viele Jahre pilgere, solch einen Pilger angetroffen."

    "Ich glaube es dir, mein Govinda. Aber nun, heute, hast du eben einen solchen Pilger angetroffen, in solchen Schuhen, mit solchem Gewande. Erinnere dich, Lieber: Verganglich ist die Welt der Gestaltungen, verganglich, hochst verganglich sind unsere Gewander, und die Tracht unserer Haare, und unsere Haare und Korper selbst. Ich trage die Kleider eines Reichen, da hast du recht gesehen. Ich trage sie, denn ich bin ein Reicher gewesen, und trage das Haar wie die Weltleute und Lustlinge, denn einer von ihnen bin ich gewesen."

    "Und jetzt, Siddhartha, was bist du jetzt?"

    "Ich wei? es nicht, ich wei? es so wenig wie du. Ich bin unterwegs. Ich war ein Reicher, und bin es nicht mehr; und was ich morgen sein werde, wei? ich nicht."

    "Du hast deinen Reichtum verloren?"

    "Ich habe ihn verloren, oder er mich. Er ist mir abhanden gekommen. Schnell dreht sich das Rad der Gestaltungen, Govinda. Wo ist der Brahmane Siddhartha? Wo ist der Samana Siddhartha? Wo ist der Reiche Siddhartha? Schnell wechselt das Vergangliche, Govinda, du wei?t es."

    Govinda blickte den Freund seiner Jugend lange an, Zweifel im Auge. Darauf gru?te er ihn, wie man Vornehme gru?t, und ging seines Weges.

    Mit lachelndem Gesicht schaute Siddhartha ihm nach, er liebte ihn noch immer, diesen Treuen, diesen Angstlichen. Und wie hatte er, in diesem Augenblick, in dieser herrlichen Stunde nach seinem wunderbaren Schlafe, durchdrungen von Om, irgend jemand und irgend etwas nicht lieben sollen! Eben darin bestand die Verzauberung, welche im Schlafe und durch das Om in ihm geschehen war, da? er alles liebte, da? er voll froher Liebe war zu allem, was er sah. Und eben daran, so schien es ihm jetzt, war er vorher so sehr krank gewesen, da? er nichts und niemand hatte lieben konnen.

    Mit lachelndem Gesichte schaute Siddhartha dem hinweggehenden Monche nach. Der Schlaf hatte ihn sehr gestarkt, sehr aber qualte ihn der Hunger, denn er hatte nun zwei Tage nichts gegessen, und lange war die Zeit voruber, da er hart gegen den Hunger gewesen war. Mit Kummer, und doch auch mit Lachen, gedachte er jener Zeit. Damals, so erinnerte er sich, hatte er sich vor Kamala dreier Dinge geruhmt, hatte drei edle und unuberwindliche Kunste gekonnt: Fasten—Warten—Denken. Dies war sein Besitz gewesen, seine Macht und Kraft, sein fester Stab, in den flei?igen, muhseligen Jahren seiner Jugend hatte er diese drei Kunste gelernt, nichts anderes. Und nun hatten sie ihn verlassen, keine von ihnen war mehr sein, nicht Fasten, nicht Warten, nicht Denken. Um das Elendeste hatte er sie hingegeben, um das Verganglichste, um Sinnenlust, um Wohlleben, um Reichtum! Seltsam war es ihm in der Tat ergangen. Und jetzt, so schien es, jetzt war er wirklich ein Kindermensch geworden.

    Siddhartha dachte uber seine Lage nach. Schwer fiel ihm das Denken, er hatte im Grunde keine Lust dazu, doch zwang er sich.

    Nun, dachte er, da alle diese verganglichsten Dinge mir wieder entglitten sind, nun stehe ich wieder unter der Sonne, wie ich einst als kleines Kind gestanden bin, nichts ist mein, nichts kann ich, nichts vermag ich, nichts habe ich gelernt. Wie ist dies wunderlich! Jetzt, wo ich nicht mehr jung bin, wo meine Haare schon halb grau sind, wo die Krafte nachlassen, jetzt fange ich wieder von vorn und beim Kinde an! Wieder mu?te er lacheln. Ja, seltsam war sein Geschick! Es ging abwarts mit ihm, und nun stand er wieder leer und nackt und dumm in der Welt. Aber Kummer daruber konnte er nicht empfinden, nein, er fuhlte sogar gro?en Anreiz zum Lachen, zum Lachen uber sich, zum Lachen uber diese seltsame, torichte Welt.

    "Abwarts geht es mit dir!" sagte er zu sich selber, und lachte dazu, und wie er es sagte, fiel sein Blick auf den Flu?, und auch den Flu? sah er abwarts gehen, immer abwarts wandern, und dabei singen und frohlich sein. Das gefiel ihm wohl, freundlich lachelte er dem Flusse zu. War dies nicht der Flu?, in welchem er sich hatte ertranken wollen, einst, vor hundert Jahren, oder hatte er das getraumt?

    Wunderlich in der Tat war mein Leben, so dachte er, wunderliche Umwege hat es genommen. Als Knabe habe ich nur mit Gottern und Opfern zu tun gehabt. Als Jungling habe ich nur mit Askese, mit Denken und Versenkung zu tun gehabt, war auf der Suche nach Brahman, verehrte das Ewige im Atman. Als junger Mann aber zog ich den Bu?ern nach, lebte im Walde, litt Hitze und Frost, lernte hungern, lehrte meinen Leib absterben. Wunderbar kam mir alsdann in der Lehre des gro?en Buddha Erkenntnis entgegen, ich fuhlte Wissen um die Einheit der Welt in mir kreisen wie mein eigenes Blut. Aber auch von Buddha und von dem gro?en Wissen mu?te ich wieder fort. Ich ging und lernte bei Kamala die Liebeslust, lernte bei Kamaswami den Handel, haufte Geld, vertat Geld, lernte meinen Magen lieben, lernte meinen Sinnen schmeicheln. Viele Jahre mu?te ich damit hinbringen, den Geist zu verlieren, das Denken wieder zu verlernen, die Einheit zu vergessen. Ist es nicht so, als sei ich langsam und auf gro?en Umwegen aus einem Mann ein Kind geworden, aus einem Denker ein Kindermensch? Und doch ist dieser Weg sehr, gut gewesen, und doch ist der Vogel in meiner Brust nicht gestorben. Aber welch ein Weg war das! Ich habe durch so viel Dummheit, durch so viel Laster, durch so viel Irrtum, durch so viel Ekel und Enttauschung und Jammer hindurchgehen mussen, blo? um wieder ein Kind zu werden und neu anfangen zu konnen. Aber es war richtig so, mein Herz sagt Ja dazu, meine Augen lachen dazu. Ich habe Verzweiflung erleben mussen, ich habe hinabsinken mussen bis zum torichtesten aller Gedanken, zum Gedanken des Selbstmordes, um Gnade erleben zu konnen, um wieder Om zu vernehmen, um wieder richtig schlafen und richtig erwachen zu konnen. Ich habe ein Tor werden mussen, um Atman wieder in mir zu finden. Ich habe sundigen mussen, um wieder leben zu konnen. Wohin noch mag mein Weg mich fuhren? Narrisch ist er, dieser Weg, er geht in Schleifen, er geht vielleicht im Kreise. Mag er gehen, wie er will, ich will ihn gehen.

    Wunderbar fuhlte er in seiner Brust die Freude wallen.

    Woher denn, fragte er sein Herz, woher hast du diese Frohlichkeit? Kommt sie wohl aus diesem langen, guten Schlafe her, der mir so sehr wohlgetan hat? Oder von dem Worte Om, das ich aussprach? Oder davon, da? ich entronnen bin, da? meine Flucht vollzogen ist, da? ich endlich wieder frei bin und wie ein Kind unter dem Himmel stehe? O wie gut ist dies Geflohensein, dies Freigewordensein! Wie rein und schon ist hier die Luft, wie gut zu atmen! Dort, von wo ich entlief, dort roch alles nach Salbe, nach Gewurzen, nach Wein, nach Uberflu?, nach Tragheit. Wie ha?te ich diese Welt der Reichen, der Schlemmer, der Spieler! Wie habe ich mich selbst geha?t, da? ich so lang in dieser schrecklichen Welt geblieben bin! Wie habe ich mich geha?t, habe mich beraubt, vergiftet, gepeinigt, habe mich alt und bose gemacht! Nein, nie mehr werde ich, wie ich es einst so gerne tat, mir einbilden, da? Siddhartha weise sei! Dies aber habe ich gut gemacht, dies gefallt mir, dies mu? ich loben, da? es nun ein Ende hat mit jenem Ha? gegen mich selber, mit jenem torichten und oden Leben! Ich lobe dich, Siddharta, nach soviel Jahren der Torheit hast du wieder einmal einen Einfall gehabt, hast etwas getan, hast den Vogel in deiner Brust singen horen und bist ihm gefolgt!

    So lobte er sich, hatte Freude an sich, horte neugierig seinem Magen zu, der vor Hunger knurrte. Ein Stuck Leid, ein Stuck Elend hatte er nun, so fuhlte er, in diesen letzten Zeiten und Tagen ganz und gar durchgekostet und ausgespien, bis zur Verzweiflung und bis zum Tode ausgefressen. So war es gut. Lange noch hatte er bei Kamaswami bleiben konnen, Geld erwerben, Geld vergeuden, seinen Bauch masten und seine Seele verdursten lassen, lange noch hatte er in dieser sanften, wohlgepolsterten Holle wohnen konnen, ware dies nicht gekommen: der Augenblick der vollkommenen Trostlosigkeit und Verzweiflung, jener au?erste Augenblick, da er uber dem stromenden Wasser hing und bereit war, sich zu vernichten. Da? er diese Verzweiflung, diesen tiefsten Ekel gefuhlt hatte, und da? er ihm nicht erlegen war, da? der Vogel, die frohe Quelle und Stimme in ihm doch noch lebendig war, daruber fuhlte er diese Freude, daruber lachte er, daruber strahlte sein Gesicht unter den ergrauten Haaren.

    "Es ist gut," dachte er, "alles selber zu kosten, was man zu wissen notig hat. Da? Weltlust und Reichtum nicht vom Guten sind, habe ich schon als Kind gelernt. Gewu?t habe ich es lange, erlebt habe ich es erst jetzt. Und nun wei? ich es, wei? es nicht nur mit dem Gedachtnis, sondern mit meinen Augen, mit meinem Herzen, mit meinem Magen. Wohl mir, da? ich es wei?!"

    Lange sann er nach uber seine Verwandlung, lauschte dem Vogel, wie er vor Freude sang. War nicht dieser Vogel in ihm gestorben, hatte er nicht seinen Tod gefuhlt? Nein, etwas anderes in ihm war gestorben, etwas, das schon, lange sich nach Sterben gesehnt hatte. War es nicht das, was er einst in seinen gluhenden Bu?erjahren hatte abtoten wollen? War es nicht sein Ich, sein kleines, banges und stolzes Ich, mit dem er so viele Jahre gekampft hatte, das ihn immer wieder besiegt hatte, das nach jeder Abtotung wieder da war, Freude verbot, Furcht empfand? War es nicht dies, was heute endlich seinen Tod gefunden hatte, hier im Walde an diesem lieblichen Flusse? War es nicht dieses Todes wegen, da? er jetzt wie ein Kind war, so voll Vertrauen, so ohne Furcht, so voll Freude?

    Nun auch ahnte Siddhartha, warum er als Brahmane, als Bu?er vergeblich mit diesem Ich gekampft hatte. Zu viel Wissen hatte ihn gehindert, zu viel heilige Verse, zu viel Opferregeln, zu viel Kasteiung, zu viel Tun und Streben! Voll Hochmut war er gewesen, immer der Klugste, immer der Eifrigste, immer allen um einen Schritt voran, immer der Wissende und Geistige, immer der Priester oder Weise. In dies Priestertum, in diesen Hochmut, in diese Geistigkeit hinein hatte sein Ich sich verkrochen, dort sa? es fest und wuchs, wahrend er es mit Fasten und Bu?e zu toten meinte. Nun sah er es, und sah, da? die heimliche Stimme Recht gehabt hatte, da? kein Lehrer ihn je hatte erlosen konnen. Darum hatte er in die Welt gehen mussen, sich an Lust und Macht, an Weib und Geld verlieren mussen, hatte ein Handler, ein Wurfelspieler, Trinker und Habgieriger werden mussen, bis der Priester und Samana in ihm tot war. Darum hatte er weiter diese ha?lichen Jahre ertragen mussen, den Ekel ertragen, die Leere, die Sinnlosigkeit eines oden und verlorenen Lebens, bis zum Ende, bis zur bittern Verzweiflung, bis auch der Lustling Siddhartha, der Habgierige Siddhartha sterben konnte. Er war gestorben, ein neuer Siddhartha war aus dem Schlaf erwacht. Auch er wurde alt werden, auch er wurde einst sterben mussen, verganglich war Siddhartha, verganglich war jede Gestaltung. Heute aber war er jung, war ein Kind, der neue Siddhartha, und war voll Freude.

    Diese Gedanken dachte er, lauschte lachelnd auf seinen Magen, horte dankbar einer summenden Biene zu. Heiter blickte er in den stromenden Flu?, nie hatte ihm ein Wasser so wohl gefallen wie dieses, nie hatte er Stimme und Gleichnis des ziehenden Wassers so stark und schon vernommen. Ihm schien, es habe der Flu? ihm etwas Besonderes zu sagen, etwas, das er noch nicht wisse, das noch auf ihn warte. In diesem Flu? hatte sich Siddhartha ertranken wollen, in ihm war der alte, mude, verzweifelte Siddhartha heute ertrunken. Der neue Siddhartha aber fuhlte eine tiefe Liebe zu diesem stromenden Wasser, und beschlo? bei sich, es nicht so bald wieder zu verlassen.




    DER FAHRMANN

    An diesem Flu? will ich bleiben, dachte Siddhartha, es ist der selbe, uber den ich einstmals auf dem Wege zu den Kindermenschen gekommen bin, ein freundlicher Fahrmann hat mich damals gefuhrt, zu ihm will ich gehen, von seiner Hutte aus fuhrte mich einst mein Wegin ein neues Leben, das nun alt geworden und tot ist—moge auch mein jetziger Weg, mein jetziges neues Leben dort seinen Ausgang nehmen!

    Zartlich blickte er in das stromende Wasser, in das durchsichtige Grun, in die kristallenen Linien seiner geheimnisreichen Zeichnung. Lichte Perlen sah er aus der Tiefe steigen, stille Luftblasen auf dem Spiegel schwimmen, Himmelsblaue darin abgebildet. Mit tausend Augen blickte der Flu? ihn an, mit grunen, mit wei?en, mit kristallnen, mit himmelblauen. Wie liebte er dies Wasser, wie entzuckte es ihn, wie war er ihm dankbar! Im Herzen horte er die Stimme sprechen, die neu erwachte, und sie sagte ihm: Liebe dies Wasser! Bleibe bei ihm! Lerne von ihm! O ja, er wollte von ihm lernen, er wollte ihm zuhoren. Wer dies Wasser und seine Geheimnisse verstunde, so schien ihm, der wurde auch viel anderes verstehen, viele Geheimnisse, alle Geheimnisse.

    Von den Geheimnissen des Flusses aber sah er heute nur eines, das ergriff seine Seele. Er sah: dies Wasser lief und lief, immerzu lief es, und war doch immer da, war immer und allezeit dasselbe und doch jeden Augenblick neu! O wer dies fa?te, dies verstunde! Er verstand und fa?te es nicht, fuhlte nur Ahnung sich regen, ferne Erinnerung, gottliche Stimmen.

    Siddhartha erhob sich, unertraglich wurde das Treiben des Hungers in seinem Leibe. Hingenommen wanderte er weiter, den Uferpfad hinan, dem Strom entgegen, lauschte auf die Stromung, lauschte auf den knurrenden Hunger in seinem Leibe.

    Als er die Fahre erreichte, lag eben das Boot bereit, und derselbe Fahrmann, welcher einst den jungen Samana uber den Flu? gesetzt hatte, stand im Boot, Siddhartha erkannte ihn wieder, auch er war stark gealtert.

    "Willst du mich ubersetzen?" fragte er.

    Der Fahrmann, erstaunt, einen so vornehmen Mann allein und zu Fu?e wandern zu sehen, nahm ihn ins Boot und stie? ab.

    "Ein schones Leben hast du dir erwahlt," sprach der Gast. "Schon mu? es sein, jeden Tag an diesem Wasser zu leben und auf ihm zu fahren."

    Lachelnd wiegte sich der Ruderer: "Es ist schon, Herr, es ist, wie du sagst. Aber ist nicht jedes Leben, ist nicht jede Arbeit schon?"

    "Es mag wohl sein. Dich aber beneide ich um die Deine."

    "Ach, du mochtest bald die Lust an ihr verlieren. Das ist nichts fur Leute in feinen Kleidern."

    Siddhartha lachte. "Schon einmal bin ich heute um meiner Kleider willen betrachtet worden, mit Mi?trauen betrachtet. Willst du nicht, Fahrmann, diese Kleider, die mir lastig sind, von mir annehmen? Denn du mu?t wissen, ich habe kein Geld, dir einen Fahrlohn zu zahlen."

    "Der Herr scherzt," lachte der Fahrmann.

    "Ich scherze nicht, Freund. Sieh, schon einmal hast du mich in deinem Boot uber dies Wasser gefahren, um Gotteslohn. So tue es auch heute, und nimm meine Kleider dafur an."

    "Und will der Herr ohne Kleider weiterreisen?"

    "Ach, am liebsten wollte ich gar nicht weiterreisen. Am liebsten ware es mir, Fahrmann, wenn du mir eine alte Schurze gabest und behieltest mich als deinen Gehilfen bei dir, vielmehr als deinen Lehrling, denn erst mu? ich lernen, mit dem Boot umzugehen."

    Lange blickte der Fahrmann den Fremden an, suchend.

    "Jetzt erkenne ich dich," sagte er endlich. "Einst hast du in meiner Hutte geschlafen, lange ist es her, wohl mehr als zwanzig Jahre mag das her sein, und bist von mir uber den Flu? gebracht worden, und wir nahmen Abschied voneinander wie gute Freunde. Warst du nicht ein Samana? Deines Namens kann ich mich nicht mehr entsinnen."

    "Ich hei?e Siddhartha, und ich war ein Samana, als du mich zuletzt gesehen hast."

    "So sei willkommen, Siddhartha. Ich hei?e Vasudeva. Du wirst, so hoffe ich, auch heute mein Gast sein und in meiner Hutte schlafen, und mir erzahlen, woher du kommst, und warum deine schonen Kleider dir so lastig sind."

    Sie waren in die Mitte des Flusses gelangt, und Vasudeva legte sich starker ins Ruder. um gegen die Stromung anzukommen. Ruhig arbeitete er, den Blick auf der Bootspitze, mit kraftigen Armen. Siddhartha sa? und und sah ihm zu, und erinnerte sich, wie schon einstmals, an jenem letzten Tage seiner Samana-Zeit, Liebe zu diesem Manne sich in seinem Herzen geregt hatte. Dankbar nahm er Vasudevas Einladung an. Als sie am Ufer anlegten, half er ihm das Boot an den Pflocken festbinden, darauf bat ihn der Fahrmann, in die Hutte zu treten, bot ihm Brot und Wasser, und Siddhartha a? mit Lust, und a? mit Lust auch von den Mangofruchten, die ihm Vasudeva anbot.

    Danach setzten sie sich, es ging gegen Sonnenuntergang, auf einem Baumstamm am Ufer, und Siddhartha erzahlte dem Fahrmann seine Herkunft und sein Leben, wie er es heute, in jener Stunde der Verzweiflung, vor seinen Augen gesehen hatte. Bis tief in die Nacht wahrte sein Erzahlen.

    Vasudeva horte mit gro?er Aufmerksamkeit zu. Alles nahm er lauschend in sich auf, Herkunft und Kindheit, all das Lernen, all das Suchen, alle Freude, alle Not. Dies war unter des Fahrmanns Tugenden eine der gro?ten: er verstand wie wenige das Zuhoren. Ohne da? er ein Wort gesprochen hatte, empfand der Sprechende, wie Vasudeva seine Worte in sich einlie?, still, offen, wartend, wie er keines verlor, keines mit Ungeduld erwartete, nicht Lob noch Tadel daneben stellte, nur zuhorte. Siddhartha empfand, welches Gluck es ist, einem solchen Zuhorer sich zu bekennen, in sein Herz das eigene Leben zu versenken, das eigene Suchen, das eigene Leiden.

    Gegen das Ende von Siddharthas Erzahlung aber, als er von dem Baum am Flusse sprach, und von seinem tiefen Fall, vom heiligen Om, und wie er nach seinem Schlummer eine solche Liebe zu dem Flusse gefuhlt hatte, da lauschte der Fahrmann mit verdoppelter Aufmerksamkeit, ganz und vollig hingegeben, mit geschlo?nem Auge.

    Als aber Siddhartha schwieg, und eine lange Stille gewesen war, da sagte Vasudeva: "Es ist so, wie ich dachte. Der Flu? hat zu dir gesprochen. Auch dir ist er Freund, auch zu dir spricht er. Das ist gut, das ist sehr gut. Bleibe bei mir, Siddhartha, mein Freund. Ich hatte einst eine Frau, ihr Lager war neben dem meinen, doch ist sie schon lange gestorben, lange habe ich allein gelebt. Lebe nun du mit mir, es ist Raum und Essen fur beide vorhanden."

    "Ich danke dir," sagte Siddhartha, "ich danke dir und nehme an. Und auch dafur danke ich dir, Vasudeva, da? du mir so gut zugehort hast! Selten sind die Menschen, welche das Zuhoren verstehen. Und keinen traf ich, der es verstand wie du. Auch hierin werde ich von dir lernen."

    "Du wirst es lernen," sprach Vasudeva, "aber nicht von mir. Das Zuhoren hat mich der Flu? gelehrt, von ihm wirst auch du es lernen. Er wei? alles, der Flu?, alles kann man von ihm lernen. Sieh, auch das hast du, schon vom Wasser gelernt, da? es gut ist, nach unten zu streben, zu sinken, die Tiefe zu suchen. Der reiche und vornehme Siddhartha wird ein Ruderknecht, der gelehrte Brahmane Siddhartha wird ein Fahrmann: auch dies ist dir vom Flu? gesagt worden. Du wirst auch das andere von ihm lernen."

    Sprach Siddhartha, nach einer langen Pause: "Welches andere, Vasudeva?"

    Vasudeva erhob sich. "Spat ist es geworden," sagte er, "la? uns schlafen gehen. Ich kann dir das andere nicht sagen, o Freund. Du wirst es lernen, vielleicht auch wei?t du es schon. Sieh, ich bin kein Gelehrter, ich verstehe nicht zu sprechen, ich verstehe auch nicht zu denken. Ich verstehe nur zuzuhoren und fromm zu sein, sonst habe ich nichts gelernt. Konnte ich es sagen und lehren, so ware ich vielleicht ein Weiser, so aber bin ich nur ein Fahrmann, und meine Aufgabe ist es, Menschen uber diesen Flu? zu setzen. Viele habe ich ubergesetzt, Tausende, und ihnen allen ist mein Flu? nichts anderes gewesen als ein Hindernis auf ihren Reisen. Sie reisten nach Geld und Geschaften, und zu Hochzeiten, und zu Wallfahrten, und der Flu? war ihnen im Wege, und der Fahrmann war dazu da, sie schnell uber das Hindernis hinweg zubringen. Einige unter den Tausenden aber, einige wenige, vier oder funf, denen hat der Flu? aufgehort, ein Hindernis zu sein, sie haben seine Stimme gehort, sie haben ihm zugehort, und der Flu? ist ihnen heilig geworden, wie er es mir geworden ist. La? uns nun zur Ruhe gehen, Siddhartha."

    Siddhartha blieb bei dem Fahrmann und lernte das Boot bedienen, und wenn nichts an der Fahre zu tun war, arbeitete er mit Vasudeva im Reisfelde, sammelte Holz, pfluckte die Fruchte der Pisangbaume. Er lernte ein Ruder zimmern, und lernte das Boot ausbessern, und Korbe flechten, und war frohlich uber alles, was er lernte, und die Tage und Monate liefen schnell hinweg. Mehr aber, als Vasudeva ihn lehren konnte, lehrte ihn der Flu?. Von ihm lernte er unaufhorlich. Vor allem lernte er von ihm das Zuhoren, das Lauschen mit stillem Herzen, mit wartender, geoffneter Seele, ohne Leidenschaft, ohne,Wunsch, ohne Urteil, ohne Meinung.

    Freundlich lebte er neben Vasudeva, und zuweilen tauschten sie Worte miteinander, wenige und lang bedachte Worte. Vasudeva war kein Freund der Worte, selten gelang es Siddhartha, ihn zum Sprechen zu bewegen.

    "Hast du," so fragte er ihn einst, "hast auch du vom Flusse jenes Geheime gelernt: da? es keine Zeit gibt?"

    Vasudevas Gesicht uberzog sich mit hellem Lacheln.

    "Ja, Siddhartha," sprach er. "Es ist doch dieses, was du meinst: da? der Flu? uberall zugleich ist, am Ursprung und an der Mundung, am Wasserfall, an der Fahre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge, uberall, zugleich, und da? es fur ihn nur Gegenwart gibt, nicht den Schatten Vergangenheit, nicht den Schatten Zukunft?"

    "Dies ist es," sagte Siddhartha. "Und als ich es gelernt hatte, da sah ich mein Leben an, und es war auch ein Flu?, und es war der Knabe Siddhartha vom Manne Siddhartha und vom Greis Siddhartha nur durch Schatten getrennt, nicht durch Wirkliches. Es waren auch Siddharthas fruhere Geburten keine Vergangenheit, und sein Tod und seine Ruckkehr zu Brahma keine Zukunft. Nichts war, nichts wird sein; alles ist, alles hat Wesen und Gegenwart."

    Siddhartha sprach mit Entzucken, tief hatte diese Erleuchtung ihn begluckt. O, war denn nicht alles Leiden Zeit, war nicht alles Sichqualen und Sichfurchten Zeit, war nicht alles Schwere, alles Feindliche in der Welt weg und uberwunden, sobald man die Zeit uberwunden hatte, sobald man die Zeit wegdenken konnte? Entzuckt hatte er gesprochen, Vasudeva aber lachelte ihn strahlend an und nickte Bestatigung, schweigend nickte er, strich mit der Hand uber Siddharthas Schulter, wandte sich zu seiner Arbeit zuruck.

    Und wieder einmal, als eben der Flu? in der Regenzeit geschwollen war und machtig rauschte, da sagte Siddhartha: "Nicht wahr, o Freund, der Flu? hat viele Stimmen, sehr viele Stimmen? Hat er nicht die Stimme eines Konigs, und eines Kriegers, und eines Stieres, und eines Nachtvogels, und einer Gebarenden, und eines Seufzenden, und noch tausend andere Stimmen?"

    "Es ist so," nickte Vasudeva, "alle Stimmen der Geschopfe sind in seiner Stimme."

    "Und wei?t du," fuhr Siddhartha fort, "welches Wort er spricht, wenn es dir gelingt, alle seine zehntausend Stimmen zugleich zu horen?"

    Glucklich lachte Vasudevas Gesicht, er neigte sich gegen Siddhartha und sprach ihm das heilige Om ins Ohr. Und eben dies war es, was auch Siddhartha gehort hatte.

    Und von Mal zu Mal ward sein Lacheln dem des Fahrmanns ahnlicher, ward beinahe ebenso strahlend, beinahe ebenso von Gluck durchglanzt, ebenso aus tausend kleinen Falten leuchtend, ebenso kindlich, ebenso greisenhaft. Viele Reisende, wenn sie die beiden Fahrmanner sahen, hielten sie fur Bruder. Oft sa?en sie am Abend gemeinsam beim Ufer auf dem Baumstamm, schwiegen und horten beide dem Wasser zu, welches fur sie kein Wasser war, sondern die Stimme des Lebens, die Stimme des Seienden, des ewig Werdenden. Und es geschah zuweilen, da? beide beim Anhoren des Flusses an dieselben Dinge dachten, an ein Gesprach von vorgestern, an einen ihrer Reisenden, dessen Gesicht und Schicksal sie beschaftigte, an den Tod, an ihre Kindheit, und da? sie beide im selben Augenblick, wenn der Flu? ihnen etwas Gutes gesagt hatte, einander anblickten, beide genau dasselbe denkend, beide begluckt uber dieselbe Antwort auf dieselbe Frage.

    Es ging von der Fahre und von den beiden Fahrleuten etwas aus, das manche von den Reisenden spurten. Es geschah zuweilen, da? ein Reisender, nachdem er in das Gesicht eines der Fahrmanner geblickt hatte, sein Leben zu erzahlen begann, Leid erzahlte, Boses bekannte, Trost und Rat erbat. Es geschah zuweilen, da? einer um Erlaubnis bat, einen Abend bei ihnen zu verweilen, um dem Flusse zuzuhoren. Es geschah auch, da? Neugierige kamen, welchen erzahlt worden war, an dieser Fahre lebten zwei Weise, oder Zauberer, oder Heilige. Die Neugierigen stellten viele Fragen, aber sie bekamen keine Antworten, und sie fanden weder Zauberer noch Weise, sie fanden nur zwei alte freundliche Mannlein, welche stumm zu sein und etwas sonderbar und verblodet' schienen. Und die Neugierigen lachten, und unterhielten sich daruber, wie toricht und leichtglaubig doch das Volk solche leere Geruchte verbreite.

    Die Jahre gingen hin und keiner zahlte sie. Da kamen einst Monche gepilgert, Anhanger des Gotama, des Buddha, welche baten, sie uber den Flu? zu setzen, und von ihnen erfuhren die Fahrmanner, da? sie eiligst zu ihrem gro?en Lehrer zuruck wanderten, denn es habe sich die Nachricht verbreitet, der Erhabene sei todkrank und werde bald seinen letzten Menschentod sterben, um zur Erlosung einzugehen. Nicht lange, so kam eine neue Schar Monche gepilgert, und wieder eine, und sowohl die Monche wie die meisten der ubrigen Reisenden und Wanderer sprachen von nichts anderem als von Gotama und seinem nahen Tode. Und wie zu einem Kriegszug oder zur Kronung eines Konigs von uberall und allen Seiten her die Menschen stromen und sich gleich Ameisen in Scharen sammeln, so stromten sie, wie von einem Zauber gezogen, dahin, wo der gro?e Buddha seinen Tod erwartete, wo das Ungeheure geschehen und der gro?e Vollendete eines Weltalters zur Herrlichkeit eingehen sollte.

    Viel gedachte Siddhartha in dieser Zeit des sterbenden Weisen, des gro?en Lehrers, dessen Stimme Volker ermahnt und Hunderttausende erweckt hatte, dessen Stimme auch er einst vernommen, dessen heiliges Antlitz auch er einst mit Ehrfurcht geschaut hatte. Freundlich gedachte er seiner, sah seinen Weg der Vollendung vor Augen, und erinnerte sich mit Lacheln der Worte, welche er einst als junger Mann an ihn, den Erhabenen, gerichtet hatte. Es waren, so schien ihm, stolze und altkluge Worte gewesen, lachelnd erinnerte er sich ihrer. Langst wu?te er sich nicht mehr von Gotama getrennt, dessen Lehre er doch nicht hatte annehmen konnen. Nein, keine Lehre konnte ein wahrhaft Suchender annehmen, einer, der wahrhaft finden wollte. Der aber, der gefunden hat, der konnte jede, jede Lehre guthei?en, jeden Weg, jedes Ziel, ihn trennte nichts mehr von all den tausend anderen, welche im Ewigen lebten, welche das Gottliche atmeten.

    An einem dieser Tage, da so viele zum sterbenden Buddha pilgerten, pilgerte zu ihm auch Kamala, einst die schonste der Kurtisanen. Langst hatte sie sich aus ihrem vorigen Leben zuruckgezogen, hatte ihren Garten den Monchen Gotamas geschenkt, hatte ihre Zuflucht zur Lehre genommen, gehorte zu den Freundinnen und Wohltaterinnen der Pilgernden. Zusammen mit dem Knaben Siddhartha, ihrem Sohne, hatte sie auf die Nachricht vom nahen Tode Gotamas hin sich auf den Weg gemacht, in einfachem Kleide, zu Fu?. Mit ihrem Sohnlein war sie am Flusse unterwegs; der Knabe aber war bald ermudet, begehrte nach Hause zuruck, begehrte zu rasten, begehrte zu essen, wurde trotzig und weinerlich.

    Kamala mu?te haufig mit ihm rasten, er war gewohnt, seinen Willen gegen sie zu behaupten, sie mu?te ihn futtern, mu?te ihn trosten, mu?te ihn schelten. Er begriff nicht, warum er mit seiner Mutter diese muhsame und traurige Pilgerschaft habe antreten mussen, an einen unbekannten Ort, zu einem fremden Manne, welcher heilig war und welcher im Sterben lag. Mochte er sterben, was ging dies den Knaben an?

    Die Pilgernden waren nicht mehr ferne von Vasudevas Fahre, als der kleine Siddhartha abermals seine Mutter zu einer Rast notigte. Auch sie selbst, Kamala, war ermudet, und wahrend der Knabe an einer Banane kaute, kauerte sie sich am Boden nieder, schlo? ein wenig die Augen und ruhte. Plotzlich aber stie? sie einen klagenden Schrei aus, der Knabe sah sie erschrocken an und sah ihr Gesicht von Entsetzen gebleicht, und unter ihrem Kleide hervor entwich eine kleine schwarze Schlange, von welcher Kamala gebissen war.

    Eilig liefen sie nun beide des Weges, um zu Menschen zu kommen, und kamen bis in die Nahe der Fahre, dort sank Kamala zusammen, und vermochte nicht weiter zu gehen. Der Knabe aber erhob ein klagliches Geschrei, dazwischen ku?te und umhalste er seine Mutter, und auch sie stimmte in seine lauten Hilferufe ein, bis die Tone Vasudevas Ohr erreichten, der bei der Fahre stand. Schnell kam er gegangen, nahm die Frau auf die Arme, trug sie ins Boot, der Knabe lief mit, und bald kamen sie alle in der Hutte an, wo Siddhartha am Herde stand und eben Feuer machte. Er blickte auf und sah zuerst das Gesicht des Knaben, das ihn wunderlich erinnerte, an Vergessenes mahnte. Dann sah er Kamala, die er alsbald erkannte, obwohl sie besinnungslos im Arm des Fahrmanns lag, und nun wu?te er, da? es sein eigner Sohn sei, dessen Gesicht ihn so sehr gemahnt hatte, und das Herz bewegte sich in seiner Brust.

    Kamalas Wunde wurde gewaschen, war aber schon schwarz und ihr Leib angeschwollen, ein Heiltrank wurde ihr eingeflo?t. Ihr Bewu?tsein kehrte zuruck, sie lag auf Siddharthas Lager in der Hutte, Und uber sie gebeugt stand Siddhartha, der sie einst so sehr geliebt hatte. Es schien ihr ein Traum zu sein, lachelnd blickte sie in ihres Freundes Gesicht, nur langsam erkannte sie ihre Lage, erinnerte sich des Bisses, rief angstlich nach dem Knaben.

    "Er ist bei dir, sei ohne Sorge," sagte Siddhartha.

    Kamala blickte in seine Augen. Sie sprach mit schwerer Zunge, vom Gift gelahmt. "Du bist alt geworden, Lieber," sagte sie, "grau bist du geworden. Aber du gleichst dem jungen Samana, der einst ohne Kleider mit staubigen Fu?en zu mir in den Garten kam. Du gleichst ihm viel mehr, als du ihm damals glichest, da du mich und Kamaswami verlassen hast. In den Augen gleichst du ihm, Siddhartha. Ach, auch ich bin alt geworden, alt—kanntest du mich denn noch?"

    Siddhartha lachelte: "Sogleich kannte ich dich, Kamala, Liebe."

    Kamala deutete auf ihren Knaben und sagte: "Kanntest du auch ihn? Er ist dein Sohn."

    Ihre Augen wurden irr und fielen zu. Der Knabe weinte, Siddhartha nahm ihn auf seine Knie, lie? ihn weinen, streichelte sein Haar, und beim Anblick des Kindergesichtes fiel ein brahmanisches Gebet ihm ein, das er einst gelernt hatte, als er selbst ein kleiner Knabe war. Langsam, mit singender Stimme, begann er es zu sprechen, aus der Vergangenheit und Kindheit her kamen ihm die Worte geflossen. Und unter seinem Singsang wurde der Knabe ruhig, schluchzte noch hin und wieder auf und schlief ein. Siddhartha legte ihn auf Vasudevas Lager. Vasudeva stand am Herd und kochte Reis. Siddhartha warf ihm einen Blick zu, den er lachelnd erwiderte.

    "Sie wird sterben," sagte Siddhartha leise.

    Vasudeva nickte, uber sein freundliches Gesicht lief der Feuerschein vom Herde.

    Nochmals erwachte Kamala zum Bewu?tsein. Schmerz verzog ihr Gesicht, Siddharthas Auge las das Leiden auf ihrem Munde, auf ihren erbla?ten Wangen. Stille las er es, aufmerksam, wartend, in ihr Leiden versenkt. Kamala fuhlte es, ihr Blick suchte sein Auge.

    Ihn anblickend, sagte sie: "Nun sehe ich, da? auch deine Augen sich verandert haben. Ganz anders sind sie geworden. Woran doch erkenne ich noch, da? du Siddhartha bist? Du bist es, und bist es nicht."

    Siddhartha sprach nicht, still blickten seine Augen in die ihren.

    "Du hast es erreicht?" fragte sie. "Du hast Friede gefunden?"

    Er lachelte, und legte seine Hand auf ihre.

    "Ich sehe es," sagte sie, "ich sehe es. Auch ich werde Friede finden."

    "Du hast ihn gefunden," sprach Siddhartha flusternd.

    Kamala blickte ihm unverwandt in die Augen. Sie dachte daran, da? sie zu Gotama hatte pilgern wollen, um das Gesicht eines Vollendeten zu sehen, um seinen Frieden zu atmen, und da? sie statt seiner nun ihn gefunden, und da? es gut war, ebenso gut, als wenn sie jenen gesehen hatte. Sie wollte es ihm sagen, aber die Zunge gehorchte ihrem Willen nicht mehr. Schweigend sah sie ihn an, und er sah in ihren Augen das Leben erloschen. Als der letzte Schmerz ihr Auge erfullte und brach, als der letzte Schauder uber ihre Glieder lief, schlo? sein Finger ihre Lider.

    Lange sa? er und blickte auf ihr entschlafnes Gesicht. Lange betrachtete er ihren Mund, ihren alten, muden Mund mit den schmal gewordenen Lippen, und erinnerte sich, da? er einst, im Fruhling seiner Jahre, diesen Mund einer frisch aufgebrochenen Feige verglichen hatte. Lange sa? er, las in dem bleichen Gesicht, in den muden Falten, fullte sich mit dem Anblick, sah sein eigenes Gesicht ebenso liegen, ebenso wei?, ebenso erloschen, und sah zugleich sein Gesicht und das ihre jung, mit den roten Lippen, mit dem brennenden Auge, und das Gefuhl der Gegenwart und Gleichzeitigkeit durchdrang ihn vollig, das Gefuhl der Ewigkeit. Tief empfand er, tiefer als jemals, in dieser Stunde die Unzerstorbarkeit jedes Lebens, die Ewigkeit jedes Augenblicks.

    Da er sich erhob, hatte Vasudeva Reis fur ihn bereitet. Doch a? Siddhartha nicht. Im Stall, wo ihre Ziege stand, machten sich die beiden Alten eine Streu zurecht, und Vasudeva legte sich schlafen. Siddhartha aber ging hinaus und sa? die Nacht vor der Hutte, dem Flusse lauschend, von Vergangenheit umspult, von allen Zeiten seines Lebens zugleich beruhrt und umfangen. Zuweilen aber erhob er sich, trat an die Huttentur und lauschte, ob der Knabe schlafe.

    Fruh am Morgen, noch ehe die Sonne sichtbar ward, kam Vasudeva aus dem Stalle und trat zu seinem Freunde.

    "Du hast nicht geschlafen, " sagte er.

    "Nein, Vasudeva. Ich sa? hier, ich horte dem Flusse zu. Viel hat er mir gesagt, tief hat er mich mit dem heilsamen Gedanken erfullt, mit dem Gedanken der Einheit."

    "Du hast Leid erfahren, Siddhartha, doch ich sehe, es ist keine Traurigkeit in dein Herz gekommen."

    "Nein, Lieber, wie sollte ich denn traurig sein? Ich, der ich reich und glucklich war, bin jetzt noch reicher und glucklicher geworden. Mein Sohn ist mir geschenkt worden."

    "Willkommen sei dein Sohn auch mir. Nun aber, Siddhartha, la? uns an die Arbeit gehen, viel ist zu tun. Auf demselben Lager ist Kamala gestorben, auf welchem einst mein Weib gestorben ist. Auf demselben Hugel auch wollen wir Kamalas Scheiterhaufen bauen, auf welchem ich einst meines Weibes Scheiterhaufen gebaut habe."

    Wahrend der Knabe noch schlief, bauten sie den Scheiterhaufen.




    DER SOHN

    Scheu und weinend hatte der Knabe der Bestattung seiner Muttter beigewohnt, finster und scheu hatte er Siddhartha angehort, der ihn als seinen Sohn begru?te und ihn bei sich in Vasudevas Hutte willkommen hie?. Bleich sa? er tagelang am Hugel der Toten, mochte nicht essen, verschlo? seinen Blick, verschlo? sein Herz, wehrte und straubte sich gegen das Schicksal.

    Siddhartha schonte ihn und lie? ihn gewahren, er ehrte seine Trauer. Siddhartha verstand, da? sein Sohn ihn nicht kenne, da? er ihn nicht lieben konne wie einen Vater. Langsam sah und verstand er auch, da? der Elfjahrige ein verwohnter Knabe war, ein Mutterkind, und in Gewohnheiten des Reichtums aufgewachsen, gewohnt an feinere Speisen, an ein weiches Bett, gewohnt, Dienern zu befehlen. Siddhartha verstand, da? der Trauernde und Verwohnte nicht plotzlich und gutwillig in der Fremde und Armut sich zufrieden geben konne. Er zwang ihn nicht, er tat manche Arbeit fur ihn, suchte stets den besten Bissen fur ihn aus. Langsam hoffte er ihn zu gewinnen, durch freundliche Geduld.

    Reich und glucklich hatte er sich genannt, als der Knabe zu ihm gekommen war. Da indessen die Zeit hinflo?, und der Knabe fremd und finster blieb, da er ein stolzes und trotziges Herz zeigte, keine Arbeit tun wollte, den Alten keine Ehrfurcht erwies, Vasudevas Fruchtbaume beraubte, da begann Siddhartha zu verstehen, da? mit seinem Sohne nicht Gluck und Friede zu ihm gekommen war, sondern Leid und Sorge. Aber er liebte ihn, und lieber war ihm Leid und Sorge der Liebe, als ihm Gluck und Freude ohne den Knaben gewesen war. Seit der junge Siddhartha in der Hutte war, hatten die Alten sich in die Arbeit geteilt. Vasudeva hatte das Amt des Fahrmanns wieder allein ubernommen, und Siddhartha, um bei dem Sohne zu sein, die Arbeit in Hutte und Feld.

    Lange Zeit, lange Monate wartete Siddhartha darauf, da? sein Sohn ihn verstehe, da? er seine Liebe annehme, da? er sie vielleicht erwidere. Lange Monate wartete Vasudeva, zusehend, wartete und schwieg. Eines Tages, als Siddhartha der Junge seinen Vater wieder sehr mit Trotz und Launen gequalt und ihm beide Reisschusseln zerbrochen hatte, nahm Vasudeva seinen Freund am Abend beiseite und sprach mit ihm.

    "Entschuldige mich," sagte er, "aus freundlichem Herzen rede ich zu dir. Ich sehe, da? du dich qualst, ich sehe, da? du Kummer hast. Dein Sohn, Lieber, macht dir Sorge, und auch mir macht er Sorge. An ein anderes Leben, an ein anderes Nest ist der junge Vogel gewohnt. Nicht wie du ist er dem Reichtum und der Stadt entlaufen aus Ekel und Uberdru?, er hat wider seinen Willen dies alles dahinten lassen mussen. Ich fragte den Flu?, o Freund, vielemale habe ich ihn gefragt. Der Flu? aber lacht, er lacht mich aus, mich und dich lacht er aus, und schuttelt sich uber unsre Torheit. Wasser will zu Wasser, Jugend will zu Jugend, dein Sohn ist nicht an dem Orte, wo er gedeihen kann. Frage auch du den Flu?, hore auch du auf ihn!"

    Bekummert blickte Siddhartha ihm in das freundliche Gesicht, in dessen vielen Runzeln bestandige Heiterkeit wohnte.

    "Kann ich mich denn von ihm trennen?" sagte er leise, beschamt. "La? mir noch Zeit, Lieber! Sieh, ich kampfe um ihn, ich werbe um sein Herz, mit Liebe und mit freundlicher Geduld will ich es fangen. Auch zu ihm soll einst der Flu? reden, auch er ist berufen."

    Vasudevas Lacheln bluhte warmer. "O ja, auch er ist berufen, auch er ist vom ewigen Leben. Aber wissen wir denn, du und ich, wozu er berufen ist, zu welchem Wege, zu welchen Taten, zu welchen Leiden? Nicht klein wird sein Leiden sein, stolz und hart ist ja sein Herz, viel mussen solche leiden, viel irren, viel Unrecht tun, sich viel Sunde aufladen. Sage mir, mein Lieber: du erziehst deinen Sohn nicht? Du zwingst ihn nicht? Schlagst ihn nicht? Strafst ihn nicht?"

    "Nein, Vasudeva, das tue ich alles nicht."

    "Ich wu?te es. Du zwingst ihn nicht, schlagst ihn nicht, befiehlst ihm nicht, weil du wei?t, da? Weich starker ist als Hart, Wasser starker als Fels, Liebe starker als Gewalt. Sehr gut, ich lobe dich. Aber ist es nicht ein Irrtum von dir, zu meinen, da? du ihn nicht zwingest, nicht strafest? Bindest du ihn nicht in Bande mit deiner Liebe? Beschamst du ihn nicht taglich, und machst es ihm noch schwerer, mit deiner Gute und Geduld? Zwingst du ihn nicht, den hochmutigen und verwohnten Knaben, in einer Hutte bei zwei alten Bananenessern zu leben, welchen schon Reis ein Leckerbissen ist, deren Gedanken nicht seine sein konnen, deren Herz alt und still ist und anderen Gang hat als das seine? Ist er mit alledem nicht gezwungen, nicht gestraft?"

    Betroffen blickte Siddhartha zur Erde. Leise fragte er: "Was, meinst du, soll ich tun?"

    Sprach Vasudeva: "Bring ihn zur Stadt, bringe ihn in seiner Mutter Haus, es werden noch Diener dort sein, denen gib ihn. Und wenn keine mehr da sind, so bringe ihn einem Lehrer, nicht der Lehre wegen, aber da? er zu anderen Knaben komme, und zu Madchen, und in die Welt, welche die seine ist. Hast du daran nie gedacht?"

    "Du siehst in mein Herz," sprach Siddhartha traurig. "Oft habe ich daran gedacht. Aber sieh, wie soll ich ihn, der ohnehin kein sanftes Herz hat, in diese Welt geben? Wird er nicht uppig werden, wird er nicht sich an Lust und Macht verlieren, wird er nicht alle Irrtumer seines Vaters wiederholen, wird er nicht vielleicht ganz und gar in Sansara verloren gehen?"

    Hell strahlte des Fahrmanns Lacheln auf; er beruhrte zart Siddharthas Arm und sagte: "Frage den Flu? daruber, Freund! Hore ihn daruber lachen! Glaubst du denn wirklich, da? du deine Torheiten begangen habest, um sie dem Sohn zu ersparen? Und kannst du denn deinen Sohn vor Sansara schutzen? Wie denn? Durch Lehre, durch Gebet, durch Ermahnung? Lieber, hast du jene Geschichte denn ganz vergessen, jene lehrreiche Geschichte vom Brahmanensohn Siddhartha, die du mir einst hier an dieser Stelle erzahlt hast? Wer hat den Samana Siddhartha vor Sansara bewahrt, vor Sunde, vor Habsucht, vor Torheit? Hat seines Vaters Frommigkeit, seiner Lehrer Ermahnung, hat sein eigenes Wissen, sein eigenes Suchen ihn bewahren konnen? Welcher Vater, welcher Lehrer hat ihn davor schutzen konnen, selbst das Leben zu leben, selbst sich mit dem Leben zu beschmutzen, selbst Schuld auf sich zu laden, selbst den bitteren Trank zu trinken, selber seinen Weg zu finden?

    Glaubst du denn, Lieber, dieser Weg bleibe irgend jemandem vielleicht erspart? Vielleicht deinem Sohnchen, weil du es liebst, weil du ihm gern Leid und Schmerz und Enttauschung ersparen mochtest? Aber auch wenn du zehnmal fur ihn sturbest, wurdest du ihm nicht den kleinsten Teil seines Schicksals damit abnehmen konnen."

    Noch niemals hatte Vasudeva so viele Worte gesprochen. Freundlich dankte ihm Siddhartha, ging bekummert in die Hutte, fand lange keinen Schlaf. Vasudeva hatte ihm nichts gesagt, das er nicht selbst schon gedacht und gewu?t hatte. Aber es war ein Wissen, das er nicht tun konnte, starker als das Wissen war seine Liebe zu dem Knaben, starker seine Zartlichkeit, seine Angst, ihn zu verlieren. Hatte er denn jemals an irgend etwas so sehr sein Herz verloren, hatte er je irgendeinen Menschen so geliebt, so blind, so leidend, so erfolglos, und doch so glucklich?

    Siddhartha konnte seines Freundes Rat nicht befolgen, er konnte den Sohn nicht hergeben. Er lie? sich von dem Knaben befehlen, er lie? sich von ihm mi?achten. Er schwieg und wartete, begann taglich den stummen Kampf der Freundlichkeit, den lautlosen Krieg der Geduld. Auch Vasudeva schwieg und wartete, freundlich, wissend, langmutig. In der Geduld waren sie beide Meister.

    Einst, als des Knaben Gesicht ihn sehr an Kamala erinnerte, mu?te Siddhartha plotzlich eines Wortes gedenken, das Kamala vor Zeiten, in den Tagen der Jugend, einmal zu ihm gesagt hatte. "Du kannst nicht lieben," hatte sie ihm gesagt, und er hatte ihr Recht gegeben und hatte sich mit einem Stern, die Kindermenschen aber mit fallendem Laub verglichen, und dennoch hatte er in jenem Wort auch einen Vorwurf gespurt. In der Tat hatte er niemals sich an einen anderen Menschen ganz verlieren und hingeben konnen, sich selbst vergessen, Torheiten der Liebe eines anderen wegen begehen; nie hatte er das gekonnt, und dies war, wie ihm damals schien, der gro?e Unterschied gewesen, der ihn von den Kindermenschen trennte. Nun aber, seit sein Sohn da war, nun war auch er, Siddhartha, vollends ein Kindermensch geworden, eines Menschen wegen leidend, einen Menschen liebend, an eine Liebe verloren, einer Liebe wegen ein Tor geworden. Nun fuhlte auch er, spat, einmal im Leben diese starkste und seltsamste Leidenschaft, litt an ihr, litt klaglich, und war doch beseligt, war doch um etwas erneuert, um etwas reicher.

    Wohl spurte er, da? diese Liebe, diese blinde Liebe zu seinem Sohn eine Leidenschaft, etwas sehr Menschliches, da? sie Sansara sei, eine trube Quelle, ein dunkles Wasser. Dennoch, so fuhlte er gleichzeitig, war sie nicht wertlos, war sie notwendig, kam aus seinem eigenen Wesen. Auch diese Lust wollte gebu?t, auch diese Schmerzen wollten gekostet sein, auch diese Torheiten begangen.

    Der Sohn indessen lie? ihn seine Torheiten begehen, lie? ihn werben, lie? ihn taglich sich vor seinen Launen demutigen. Dieser Vater hatte nichts, was ihn entzuckt, und nichts, was er gefurchtet hatte. Er war ein guter Mann, dieser Vater, ein guter, gutiger, sanfter Mann, vielleicht ein sehr frommer Mann, vielleicht ein Heiliger dies alles waren nicht Eigenschaften, welche den Knaben gewinnen konnten. Langweilig war ihm dieser Vater, der ihn da in seiner elenden Hatte gefangen hielt, langweilig war er ihm, und da? er jede Unart mit Lacheln, jeden Schimpf mit Freundlichkeit, jede Bosheit mit Gute beantwortete, das eben war die verha?teste List dieses alten Schleichers. Viel lieber ware der Knabe von ihm bedroht, von ihm mi?handelt worden.

    Es kam ein Tag, an welchem des jungen Siddhartha Sinn zum Ausbruch kam und sich offen gegen seinen Vater wandte. Der hatte ihm einen Auftrag erteilt, er hatte ihn Reisig sammeln gehei?en. Der Knabe ging aber nicht aus der Hutte, er blieb trotzig und wutend stehen, stampfte den Boden, ballte die Fauste, und schrie in gewaltigem Ausbruch seinem Vater Ha? und Verachtung ins Gesicht.

    "Hole du selber dein Reisig!" rief er schaumend, "ich bin nicht dein Knecht. Ich wei? ja, da? du mich nicht schlagst, du wagst es ja nicht; ich wei? ja, da? du mich mit deiner Frommigkeit und deiner Nachsicht bestandig strafen und klein machen willst. Du willst, da? ich werden soll wie du, auch so fromm, auch so sanft, auch so weise! Ich aber, hore, ich will, dir zu Leide, lieber ein Stra?enrauber und Morder werden und zur Holle fahren, als so werden wie du! Ich hasse dich, du bist nicht mein Vater, und wenn du zehnmal meiner Mutter Buhle gewesen bist!"

    Zorn und Gram liefen in ihm uber, schaumten in hundert wusten und bosen Worten dem Vater entgegen. Dann lief der Knabe davon und kam erst spat am Abend wieder.

    Am andern Morgen aber war er verschwunden. Verschwunden war auch ein kleiner, aus zweifarbigem Bast geflochtener Korb, in welchem die Fahrleute jene Kupfer- und Silbermunzen aufbewahrten, welche sie als Fahrlohn erhielten. Verschwunden war auch das Boot, Siddhartha sah es am jenseitigen Ufer liegen. Der Knabe war entlaufen.

    "Ich mu? ihm folgen," sagte Siddhartha, der seit jenen gestrigen Schimpfreden des Knaben vor Jammer zitterte. "Ein Kind kann nicht allein durch den Wald gehen. Er wird umkommen. Wir mussen ein Flo? bauen, Vasudeva, um ubers Wasser zu kommen."

    "Wir werden ein Flo? bauen," sagte Vasudeva, "um unser Boot wieder zu holen, das der Junge entfuhrt hat. Ihn aber solltest du laufen lassen, Freund, er ist kein Kind mehr, er wei? sich zu helfen. Er sucht den Weg nach der Stadt, und er hat Recht, vergi? das nicht. Er tut das, was du selbst zu tun versaumt hast. Er sorgt fur sich, er geht seine Bahn. Ach, Siddhartha, ich sehe dich leiden, aber du leidest Schmerzen, uber die man lachen mochte, uber die du selbst bald lachen wirst."

    Siddhartha antwortete nicht. Er hielt schon das Beil in Handen, und begann ein Flo? aus Bambus zu machen, und Vasudeva half ihm, die Stamme mit Grasseilen zuzammen zu binden. Dann fuhren sie hinuber, wurden weit abgetrieben, zogen das Flo? am jenseitigen Ufer flu?auf.

    "Warum hast du das Beil mitgenommen?" fragte Siddhartha.

    Vasudeva sagte: "Es konnte sein, da? das Ruder unsres Bootes verloren gegangen ware."

    Siddhartha aber wu?te, was sein Freund dachte. Er dachte, der Knabe werde das Ruder weggeworfen oder zerbrochen haben, um sich zu rachen und um sie an der Verfolgung zu hindern. Und wirklich war kein Ruder mehr im Boote. Vasudeva wies auf den Boden des Bootes, und sah den Freund mit Lacheln an, als wollte er sagen; "Siehst du nicht, was dein Sohn dir sagen will? Siehst du nicht, da? er nicht verfolgt Sein will?" Doch sagte er dies nicht mit Worten. Er machte sich daran, ein neues Ruder zu zimmern. Siddhartha aber nahm Abschied, um nach dem Entflohenen zu suchen. Vasudeva hinderte ihn nicht.

    Als Siddhartha schon lange im Walde unterwegs war, kam ihm der Gedanke, da? sein Suchen nutzlos sei. Entweder, so dachte er, war der Knabe langst voraus und schon in der Stadt angelangt, oder, wenn er noch unterwegs sein sollte, wurde er vor ihm, dem Verfolgenden, sich verborgen halten. Da er weiter dachte, fand er auch, da? er selbst nicht in Sorge um seinen Sohn war, da? er im Innersten wu?te, er sei weder umgekommen, noch drohe ihm im Walde Gefahr. Dennoch lief er ohne Rast, nicht mehr, um ihn zu retten, nur aus Verlangen, nur um ihn vielleicht nochmals zu sehen. Und er lief bis vor die Stadt.

    Als er nahe bei der Stadt auf die breite Stra?e gelangte, blieb er stehen, am Eingang des schonen Lustgartens, der einst Kamala gehort hatte, wo er sie einst, in der Sanfte, zum erstenmal gesehen hatte. Das Damalige stand in seiner Seele auf, wieder sah er sich dort stehen, jung, ein bartiger nackter Samana, das Haar voll Staub. Lange stand Siddhartha und blickte durch das offne Tor in den Garten, Monche in gelben Kutten sah er unter den schonen Baumen gehen.

    Lange stand er, nachdenkend, Bilder sehend, der Geschichte seines Lebens lauschend. Lange stand er, blickte nach den Monchen, sah statt ihrer den jungen Siddhartha, sah die junge Kamala unter den hohen Baumen gehen. Deutlich sah er sich, wie er von Kamala bewirtet ward, wie er ihren ersten Ku? empfing, wie er stolz und verachtlich auf sein Brahmanentum zuruckblickte, stolz und verlangend sein Weltleben begann. Er sah Kamaswami, sah die Diener, die Gelage, die Wurfelspieler, die Musikanten, sah Kamalas Singvogel im Kafig, lebte dies alles nochmals, atmete Sansara, war nochmals alt und mude, fuhlte nochmals den Ekel, fuhlte nochmals den Wunsch, sich auszuloschen, genas nochmals am heiligen Om.

    Nachdem er lange beim Tor des Gartens gestanden war, sah Siddhartha ein, da? das Verlangen toricht war, das ihn bis zu dieser Statte getrieben hatte, da? er seinem Sohne nicht helfen konnte, da? er sich nicht an ihn hangen durfte. Tief fuhlte er die Liebe zu dem Entflohenen im Herzen, wie eine Wunde, und fuhlte zugleich, da? ihm die Wunde nicht gegeben war, um in ihr zu wuhlen, da? sie zur Blute werden und strahlen musse.

    Da? die Wunde zu dieser Stunde noch nicht bluhte, noch nicht strahlte, machte ihn traurig. An der Stelle des Wunschzieles, das ihn hierher und dem entflohenen Sohne nachgezogen hatte, stand nun Leere. Traurig setzte er sich nieder, fuhlte etwas in seinem Herzen sterben, empfand Leere, sah keine Freude mehr, kein Ziel. Er sa? versunken, und wartete. Dies hatte er am Flusse gelernt, dies eine: warten, Geduld haben, lauschen. Und er sa? und lauschte, im Staub der Stra?e, lauschte seinem Herzen, wie es mud und traurig ging, wartete auf eine Stimme. Manche Stunde kauerte er lauschend, sah keine Bilder mehr, sank in die Leere, lie? sich sinken, ohne einen Weg zu sehen. Und wenn er die Wunde brennen fuhlte, sprach er lautlos das Om, fullte sich mit Om. Die Monche im Garten sahen ihn, und da er viele Stunden kauerte, und auf seinen grauen Haaren der Staub sich sammelte, kam einer gegangen und legte zwei Pisangfruchte vor ihm nieder. Der Alte sah ihn nicht.

    Aus dieser Erstarrung weckte ihn eine Hand, welche seine Schulter beruhrte. Alsbald erkannte er diese Beruhrung, die zarte, schamhafte, und kam zu sich. Er erhob sich und begru?te Vasudeva, welcher ihm nachgegangen war. Und da er in Vasudevas freundliches Gesicht schaute, in die kleinen, wie mit lauter Lacheln ausgefullten Falten, in die heiteren Augen, da lachelte auch er. Er sah nun die Pisangfruchte vor sich liegen, hob sie au, gab eine dem Fahrmann, a? selbst die andere. Darauf ging er schweigend mit Vasudeva in den Wald zuruck, kehrte zur Fahre heim. Keiner sprach von dem, was heute geschehen war, keiner nannte den Namen des Knaben, keiner sprach von seiner Flucht, keiner sprach von der Wunde. In der Hutte legte sich Siddhartha auf sein Lager, und da nach einer Weile Vasudeva zu Ihm trat, um ihm eine Schale Kokosmilch anzubieten, fand er ihn schon schlafend.




    Om

    Lange noch brannte die Wunde. Manchen Reisenden mu?te Siddhartha uber den Flu? setzen, der einen Sohn oder eine Tochter bei sich hatte, und keinen von ihnen sah er, ohne da? er ihn beneidete, ohne da? er dachte: "So viele, so viel Tausende besitzen dies holdeste Gluck—warum ich nicht? Auch bose Menschen, auch Diebe, und Rauber haben Kinder, und lieben sie, und werden von ihnen geliebt, nur ich nicht." So einfach, so ohne Verstand dachte er nun, so ahnlich war er den Kindermenschen geworden.

    Anders sah er jetzt die Menschen an als fruher, weniger klug, weniger stolz, dafur warmer, dafur neugieriger, beteiligter. Wenn er Reisende der gewohnlichen Art ubersetzte, Kindermenschen, Geschaftsleute, Krieger, Weibervolk, so erschienen diese Leute ihm nicht fremd wie einst: er verstand sie, er verstand und teilte ihr nicht von Gedanken und Einsichten, sondern einzig von Trieben und Wunschen geleitetes Leben, er fuhlte sich wie sie. Obwohl er nahe der Vollendung war, und an seiner letzten Wunde trug, schien ihm doch, diese Kindermenschen seien seine Bruder, ihre Eitelkeiten, Begehrlichkeiten und Lacherlichkeiten verloren das Lacherliche fur ihn, wurden begreiflich, wurden liebenswert, wurden ihm sogar verehrungswurdig. Die blinde Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, den dummen, blinden Stolz eines eingebildeten Vaters auf sein einziges Sohnlein, das blinde, wilde Streben nach Schmuck und nach bewundernden Manneraugen bei einem jungen, eitlen Weibe, alle diese Triebe, alle diese Kindereien, alle diese einfachen, torichten, aber ungeheuer starken, stark lebenden, stark sich durchsetzenden Triebe und Begehrlichkeiten waren fur Siddhartha jetzt keine Kindereien mehr, er sah um ihretwillen die Menschen leben, sah sie um ihretwillen Unendliches leisten, Reisen tun, Kriege fuhren, Unendliches leiden, Unendliches ertragen, und er konnte sie dafur lieben, er sah das Leben, das Lebendige, das Unzerstorbare, das Brahman in jeder ihrer Leidenschaften, jeder ihrer Taten. Liebenswert und bewundernswert waren diese Menschen in ihrer blinden Treue, ihrer blinden Starke und Zahigkeit. Nichts fehlte ihnen, nichts hatte der Wissende und Denker vor ihnen voraus als eine einzige Kleinigkeit, eine einzige winzig kleine Sache: das Bewu?tsein, den bewu?ten Gedanken der Einheit alles Lebens. Und Siddhartha zweifelte sogar zu mancher Stunde, ob dies Wissen, dieser Gedanke so sehr hoch zu werten, ob nicht auch er vielleicht eine Kinderei der Denkmenschen, der Denk-Kindermenschen sein mochte. In allem andern waren die Weltmenschen dem Weisen ebenburtig, waren ihm oft weit uberlegen, wie ja auch Tiere in ihrem zahen, unbeirrten Tun des Notwendigen in manchen Augenblicken den Menschen uberlegen scheinen konnen.

    Langsam bluhte, langsam reifte in Siddhartha die Erkenntnis, das Wissen darum, was eigentlich Weisheit sei, was seines langen Suchens Ziel sei. Es war nichts als eine Bereitschaft der Seele, eine Fahigkeit, eine geheime Kunst, jeden Augenblick, mitten im Leben, den Gedanken der Einheit denken, die Einheit fuhlen und einatmen zu konnen. Langsam bluhte dies in ihm auf, strahlte ihm aus Vasudevas altem Kindergesicht wider: Harmonie, Wissen um die ewige Vollkommenheit der Welt, Lacheln, Einheit.

    Die Wunde aber brannte noch, sehnlich und bitter gedachte Siddhartha seines Sohnes, pflegte seine Liebe und Zartlichkeit im Herzen, lie? den Schmerz an sich fressen, beging alle Torheiten der Liebe. Nicht von selbst erlosch diese Flamme.

    Und eines Tages, als die Wunde heftig brannte, fuhr Siddhartha uber den Flu?, gejagt von Sehnsucht, stieg aus und war Willens, nach der Stadt zu gehen und seinen Sohn zu suchen. Der Flu? flo? sanft und leise, es war in der trockenen Jahreszeit, aber seine Stimme klang sonderbar: sie lachte! Sie lachte deutlich. Der Flu? lachte, er lachte hell und klar den alten Fahrmann aus. Siddhartha blieb stehen, er beugte sich ubers Wasser, um noch besser zu horen, und im still ziehenden Wasser sah er sein Gesicht gespiegelt, und in diesem gespiegelten Gesicht war etwas, das ihn erinnerte, etwas Vergessenes,, und da er sich besann, fand er es: dies Gesicht glich einem andern, das er einst gekannt und geliebt und auch gefurchtet hatte. Es glich dem Gesicht seines Vaters, des Brahmanen. Und er erinnerte sich, wie er vor Zeiten, ein Jungling, seinen Vater gezwungen hatte, ihn zu den Bu?ern gehen zu lassen, wie er Abschied von ihm genommen hatte, wie er gegangen und nie mehr wiedergekommen war. Hatte nicht auch sein Vater um ihn dasselbe Leid gelitten, wie er es nun um seinen Sohn litt? War nicht sein Vater langst gestorben, allein, ohne seinen Sohn wiedergesehen zu haben? Mu?te er selbst nicht dies selbe Schicksal erwarten? War es nicht eine Komodie, eine seltsame und dumme Sache, diese Wiederholung, dieses Laufen in einem verhangnisvollen Kreise?

    Der Flu? lachte. Ja, es war so, es kam alles wieder, was nicht bis zu Ende gelitten und gelost ward, es wurden immer wieder dieselben Leiden gelitten. Siddhartha aber stieg wieder in das Boot und fuhr zu der Hutte zuruck, seines Vaters gedenkend, seines Sohnes gedenkend, vom Flusse verlacht, mit sich selbst im Streit, geneigt zur Verzweiflung, und nicht minder geneigt, uber sich und die ganze Welt laut mitzulachen. Ach, noch bluhte die Wunde nicht, noch wehrte sein Herz sich wider das Schicksal, noch strahlte nicht Heiterkeit und Sieg aus seinem Leide. Doch fuhlte er Hoffnung, und da er zur Hutte zuruckgekehrt war, spurte er ein unbesiegbares Verlangen, sich vor Vasudeva zu offnen, ihm alles zu zeigen, ihm, dem Meister des Zuhorens, alles zu sagen.

    Vasudeva sa? in der Hutte und flocht an einem Korbe. Er fuhr nicht mehr mit dem Fahrboot, seine Augen begannen schwach zu werden, und nicht nur seine Augen; auch seine Arme und Hande. Unverandert und bluhend war nur die Freude und das heitere Wohlwollen seines Gesichtes.

    Siddhartha setzte sich zu dem Greise, langsam begann er zu sprechen. Woruber sie niemals gesprochen hatten, davon erzahlte er jetzt, von seinem Gange zur Stadt, damals, von der brennenden Wunde, von seinem Neid beim Anblick glucklicher Vater, von seinem Wissen um die Torheit solcher Wunsche, von seinem vergeblichen Kampf wider sie. Alles berichtete er, alles konnte er sagen, auch das Peinlichste, alles lie? sich sagen, alles sich zeigen, alles konnte er erzahlen. Er zeigte seine Wunde dar, erzahlte auch seine heutige Flucht, wie er ubers Wasser gefahren sei, kindischer Fluchtling, willens nach der Stadt zu wandern, wie der Flu? gelacht habe.

    Wahrend er sprach, lange sprach, wahrend Vasudeva mit stillem Gesicht lauschte, empfand Siddhartha dies Zuhoren Vasudevas starker, als er es jemals gefuhlt hatte, er spurte, wie seine Schmerzen, seine Beangstigungen hinuberflossen, wie seine heimliche Hoffnung hinuberflo?, ihm von druben wieder entgegen-kam. Diesem Zuhorer seine Wunde zu zeigen, war dasselbe, wie sie im Flusse baden, bis sie kuhl und mit dem Flusse eins wurde. Wahrend er immer noch sprach, immer noch bekannte und beichtete, fuhlte Siddhartha mehr und mehr, da? dies nicht mehr Vasudeva, nicht mehr ein Mensch war, der ihm zuhorte, da? dieser regungslos Lauschende seine Beichte in sich einsog wie ein Baum den Regen, da? dieser Regungslose der Flu? selbst, da? er Gott selbst, da? er das Ewige selbst war. Und wahrend Siddhartha aufhorte, an sich und an seine Wunde zu denken, nahm diese Erkenntnis vom veranderten Wesen des Vasudeva von ihm Besitz, und je mehr er es empfand und darein eindrang, desto weniger wunderlich wurde es, desto mehr sah er ein, da? alles in Ordnung und naturlich war, da? Vasudeva schon lange, beinahe schon immer so gewesen sei, da? nur er selbst es nicht ganz erkannt hatte, ja da? er selbst von jenem kaum noch verschieden sei. Er empfand, da? er den alten Vasudeva nun so sehe, wie das Volk die Gotter sieht, und da? dies nicht von Dauer sein konne; er begann im Herzen von Vasudeva Abschied zu nehmen. Dabei sprach er immer fort.

    Als er zu Ende gesprochen hatte, richtete Vasudeva seinen freundlichen, etwas schwach gewordenen Blick auf ihn, sprach nicht, strahlte ihm schweigend Liebe und Heiterkeit entgegen, Verstandnis und Wissen. Er nahm Siddharthas Hand, fuhrte ihn zum Sitz am Ufer, setzte sich mit ihm nieder, lachelte dem Flusse zu.

    "Du hast ihn lachen horen," sagte er. "Aber du hast nicht alles gehort. La? uns lauschen, du wirst mehr horen."

    Sie lauschten. Sanft klang der vielstimmige Gesang des Flusses. Siddhartha schaute ins Wasser, und im ziehenden Wasser erschienen ihm Bilder: sein Vater erschien, einsam, um den Sohn trauernd; er selbst erschien, einsam, auch er mit den Banden der Sehnsucht an den fernen Sohn gebunden; es erschien sein Sohn, einsam auch er, der Knabe, begehrlich auf der brennenden Bahn seiner jungen Wunsche sturmend, jeder auf sein Ziel gerichtet, jeder vom Ziel besessen, jeder leidend. Der Flu? sang mit einer Stimme des Leidens, sehnlich sang er, sehnlich flo? er seinem Ziele zu, klagend klang seine Stimme.

    "Horst du?" fragte Vasudevas stummer Blick. Siddhartha nickte.

    "Hore besser!" flusterte Vasudeva.

    Siddhartha bemuhte sich, besser zu horen. Das Bild des Vaters, sein eigenes Bild, das Bild des Sohnes flossen ineinander, auch Kamalas Bild erschien und zerflo?, und das Bild Govindas, und andre Bilder, und flossen ineinander uber, wurden alle zum Flu?, strebten alle als Flu? dem Ziele zu, sehnlich, begehrend, leidend, und des Flusses Stimme klang voll Sehnsucht, voll von brennendem Weh, voll von unstillbarem Verlangen. Zum Ziele strebte der Flu?, Siddhartha sah ihn eilen, den Flu?, der aus ihm und den Seinen und aus allen Menschen bestand, die er je gesehen hatte, alle die Wellen und Wasser eilten, leidend, Zielen zu, vielen Zielen, dem Wasserfall, dem See, der Stromschnelle, dem Meere, und alle Ziele wurden erreicht, und jedem folgte ein neues, und aus dem Wasser ward Dampf und stieg in den Himmel, ward Regen und sturzte aus dem Himmel herab, ward Quelle, ward Bach, ward Flu?, strebte aufs Neue, flo? aufs Neue. Aber die sehnliche Stimme hatte sich verandert. Noch tonte sie, leidvoll, suchend, aber andre Stimmen gesellten sich zu ihr, Stimmen der Freude und des Leides, gute und bose Stimmen, lachende und trauernde, hundert Stimmen, tausend Stimmen.

    Siddhartha lauschte. Er war nun ganz Lauscher, ganz ins Zuhoren vertieft, ganz leer, ganz einsaugend, er fuhlte, da? er nun das Lauschen zu Ende gelernt habe. Oft schon hatte er all dies gehort, diese vielen Stimmen im Flu?, heute klang es neu. Schon konnte er die vielen Stimmen nicht mehr unterscheiden, nicht frohe von weinenden, nicht kindliche von mannlichen, sie gehorten alle zusammen, Klage der Sehnsucht und Lachen des Wissenden, Schrei des Zorns und Stohnen der Sterbenden, alles war eins, alles war ineinander verwoben und Yerknupft, tausendfach verschlungen. Und alles zusammen, alle Stimmen, alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Bose, alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Flu? des Geschehens, war die Musik des Lebens. Und wenn Siddhartha aufmerksam diesem Flu?, diesem tausendstimmigen Liede lauschte, wenn er nicht auf das Leid noch auf das Lachen horte, wenn er seine Seele nicht an irgendeine Stimme band und mit seinem Ich in sie einging, sondern alle horte, das Ganze, die Einheit vernahm, dann bestand das gro?e Lied der tausend Stimmen aus einem einzigen Worte, das hie? OM : die Vollendung.

    "Horst du," fragte wieder Vasudevas Blick.

    Hell glanzte Vasudevas Lacheln, uber all den Runzeln seines alten Antlitzes schwebte es leuchtend, wie uber all den Stimmen des Flusses das Om schwebte. Hell glanzte sein Lacheln, als er den Freund anblickte, und hell glanzte nun auch auf Siddharthas Gesicht dasselbe Lacheln auf. Seine Wunde bluhte, sein Leid strahlte, sein Ich war in die Einheit geflossen.

    In dieser Stunde horte Siddhartha auf, mit dem Schicksal zu kampfen, horte auf zu leiden. Auf seinem Gesicht bluhte die Heiterkeit des Wissens, dem kein Wille mehr entgegensteht, das die Vollendung kennt, das einverstanden ist mit dem Flu? des Geschehens, mit dem Strom des Lebens, voll Mitleid, voll Mitlust, dem Stromen hingegeben, der Einheit zugehorig.

    Als Vasudeva sich von dem Sitz am Ufer erhob, als er in Siddharthas Augen blickte und die Heiterkeit des Wissens darin strahlen sah, beruhrte er dessen Schulter leise mit der Hand, in seiner behutsamen und zarten Weise, und sagte: "Ich habe auf diese Stunde gewartet, Lieber. Nun sie gekommen ist, la? mich gehen. Lange habe ich, auf diese Stunde gewartet, lange bin ich der Fahrmann Vasudeva gewesen. Nun ist es genug. Lebe wohl, Hutte, lebe wohl, Flu?, lebe wohl, Siddhartha!"

    Siddhartha verneigte sich tief vor dem Abschiednehmenden.

    "Ich habe es gewu?t," sagte er leise. "Du wirst in die Walder gehen?"

    "Ich gehe in die Walder, ich gehe in die Einheit," sprach Vasudeva strahlend.

    Strahlend ging er hinweg; Siddhartha blickte ihm nach. Mit tiefer Freude, mit tiefem Ernst blickte er ihm nach, sah seine Schritte voll Frieden, sah sein Haupt voll Glanz, sah seine Gestalt voll Licht.




    GOVINDA

    Mit anderen Monchen weilte Govinda einst wahrend einer Rastzeit in dem Lusthain, welchen die Kurtisane Kamala den Jungern des Gotama geschenkt hatte. Er horte von einem alten Fahrmanne sprechen, welcher eine Tagereise entfernt vom Hain am Flusse wohne, und der von vielen fur einen Weisen gehalten werde. Als Govinda des Weges weiterzog, wahlte er den Weg zur Fahre, begierig diesen Fahrmann zu sehen. Denn ob er wohl sein Leben lang nach der Regel gelebt hatte, auch von den Jungeren Monchen seines Alters und seiner Bescheidenheit wegen mit Ehrfurcht angesehen wurde, war doch in seinem Herzen die Unruhe und das Suchen nicht erloschen.

    Er kam zum Flusse, er bat den Alten um uberfahrt, und da sie druben aus dem Boot stiegen, sagte er zum Alten: "Viel Gutes erweisest du uns Monchen und Pilgern, viele von uns hast du schon ubergesetzt. Bist nicht auch du, Fahrmann, ein Sucher nach dem rechten Pfade?"

    Sprach Siddhartha, aus den alten Augen lachelnd: "Nennst du dich einen Sucher, o Ehrwurdiger, und bist doch schon hoch in den, Jahren, und tragst das Gewand der Monche Gotamas?"

    "Wohl bin ich alt," sprach Govinda, "zu suchen aber habe ich nicht aufgehort. Nie werde ich aufhoren zu suchen, dies scheint meine Bestimmung. Auch du, so scheint es mir, hast gesucht. Willst du mir ein Wort sagen, Verehrter?"

    Sprach Siddhartha: "Was sollte ich dir, Ehrwurdiger, wohl zu sagen haben? Vielleicht das, da? du allzu viel suchst? Da? du vor Suchen nicht zum Finden kommst?"

    "Wie denn?" fragte Govinda.

    "Wenn jemand sucht," sagte Siddhartha, "dann geschieht es leicht, da? sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, da? er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist. Suchen hei?t: ein Ziel haben. Finden aber hei?t: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben. Du, Ehrwurdiger, bist vielleicht in der Tat ein Sucher, denn, deinem Ziel nachstrebend, siehst du manches nicht, was nah vor deinen Augen steht."

    "Noch verstehe ich nicht ganz," bat Govinda, "wie meinst du das?"

    Sprach Siddhartha: "Einst, o Ehrwurdiger, vor manchen Jahren, bist du schon einmal an diesem Flusse gewesen, und hast am Flu? einen Schlafenden gefunden, und hast dich zu ihm gesetzt, um seinen Schlaf zu behuten. Erkannt aber, o Govinda, hast du den Schlafenden nicht."

    Staunend, wie ein Bezauberter, blickte der Monch in des Fahrmanns Augen.

    "Bist du Siddhartha?" fragte er mit scheuer Stimme. "Ich hatte dich auch diesesmal nicht erkannt! Herzlich gru?e ich dich, Siddhartha, herzlich freue ich mich, dich nochmals zu sehen! Du hast dich sehr verandert, Freund.—Und nun bist du also ein Fahrmann geworden?"

    Freundlich lachte Siddhartha. "Ein Fahrmann, ja. Manche, Govinda, mussen sich viel verandern, mussen allerlei Gewand tragen, ihrer einer bin ich, Lieber. Sei willkommen, Govinda, und bleibe die Nacht in meiner Hutte."

    Govinda blieb die Nacht in der Hutte und schlief auf dem Lager, das einst Vasudevas Lager gewesen war. Viele Fragen richtete er an den Freund seiner Jugend, vieles mu?te ihm Siddhartha aus seinem Leben erzahlen.

    Als es am andern Morgen Zeit war, die Tageswanderung anzutreten, da sagte Govinda, nicht ohne Zogern, die Worte: "Ehe ich meinen Weg fortsetze, Siddhartha, erlaube mir noch eine Frage. Hast du eine Lehre? Hast du einen Glauben, oder ein Wissen, dem du folgst, das dir leben und rechttun hilft?"

    Sprach Siddhartha: "Du wei?t, Lieber, da? ich schon als junger Mann, damals, als wir bei den Bu?ern im Walde lebten, dazu kam, den Lehren und Lehrern zu mi?trauen und ihnen den Rucken zu wenden. Ich bin dabei geblieben. Dennoch habe ich seither viele Lehrer gehabt. Eine schone Kurtisane ist lange Zeit meine Lehrerin gewesen, und ein reicher Kaufmann war mein Lehrer, und einige Wurfelspieler. Einmal ist auch ein wandernder Junger Buddhas mein Lehrer gewesen; er sa? bei mir, als ich im Walde eingeschlafen war, auf der Pilgerschaft. Auch von ihm habe ich gelernt, auch ihm bin ich dankbar, sehr dankbar. Am meisten aber habe ich hier von diesem Flusse gelernt, und von meinem Vorganger, dem Fahrmann Vasudeva. Es war ein sehr einfacher Mensch, Vasudeva, er war kein Denker, aber er wu?te das Notwendige so gut wie Gotama, er war ein Vollkommener, ein Heiliger."

    Govinda sagte: "Noch immer, o Siddhartha, liebst du ein wenig den Spott, wie mir scheint. Ich glaube dir und wei? es, da? du nicht einem Lehrer gefolgt bist. Aber hast nicht du selbst, wenn auch nicht eine Lehre, so doch gewisse Gedanken, gewisse Erkenntnisse gefunden, welche dein eigen sind und die dir leben helfen? Wenn du mir von diesen etwas sagen mochtest, wurdest du mir das Herz erfreuen."

    Sprach Siddhartha: "Ich habe Gedanken gehabt, ja, und Erkenntnisse, je und je. Ich habe manchmal, fur eine Stunde oder fur einen Tag, Wissen in mir gefuhlt, so wie man Leben in seinem Herzen fuhlt. Manche Gedanken waren es, aber schwer ware es fur mich, sie dir mitzuteilen. Sieh, mein Govinda, dies ist einer meiner Gedanken, die ich gefunden habe: Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit."

    "Scherzest du?" fragte Govinda.

    "Ich scherze nicht. Ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon als Jungfing manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben hat. Ich habe einen Gedanken gefunden, Govinda, den du wieder fur Scherz oder fur Narrheit halten wirst, der aber mein, bester Gedanke ist. Er hei?t: Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr! Namhch so: eine Wahrheit la?t sich immer nur aussprechen und in Worte hullen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb, alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit. Wenn der erhabene Gotama lehrend von der Welt sprach, so mu?te er sie teilen in Sansara und Nirvana, in Tauschung und Wahrheit, in Leid und Erlosung. Man kann nicht anders, es gibt keinen andern Weg fur den, der lehren will. Die Welt selbst aber, das Seiende um uns her und in uns innen, ist nie einseitig. Nie ist ein Mensch, oder eine Tat, ganz Sansara oder ganz Nirvana, nie ist ein Mensch ganz heilig oder ganz sundig. Es scheint ja so, weil wir der Tauschung unterworfen sind, da? Zeit etwas Wirkliches sei. Zeit ist nicht wirklich, Govinda, ich habe dies oft und oft erfahren. Und wenn Zeit nicht wirklich ist, so ist die Spanne, die zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Leid und Seligkeit, zwischen Bose und Gut zu liegen scheint, auch eine Tauschung."

    "Wie das?" fragte Govinda angstlich.

    "Hore gut, Lieber, hore gut! Der Sunder, der ich bin und der du bist, der ist Sunder, aber er wird einst wieder Brahma sein, er wird einst Nirvana erreichen, wird Buddha sein—und nun siehe: dies 'Einst' ist Tauschung, ist nur Gleichnis! Der Sunder ist nicht auf dem Weg zur Buddhaschaft unterwegs, er ist nicht in einer Entwickelung begriffen, obwohl unser Denken sich die Dinge nicht anders vorzustellen wei?. Nein, in dem Sunder ist, ist jetzt und heute schon der kunftige Buddha, seine Zukunft ist alle schon da, du hast in ihm, in dir, in jedem den werdenden, den moglichen, den verborgenen Buddha zu verehren. Die Welt, Freund Govinda, ist nicht unvollkommen, oder auf einem langsamen Wege zur Vollkommenheit begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick vollkommen, alle Sunde tragt schon die Gnade in sich, alle kleinen Kinder haben schon den Greis in sich, alle Sauglinge den Tod, alle Sterbenden das ewige Leben. Es ist keinem Menschen moglich, vom anderen zu sehen, wie weit er auf seinem Wege sei, im Rauber und Wurfelspieler wartet Buddha, im Brahmanenwartet der Rauber. Es gibt, in der tiefen Meditation, die Moglichkeit, die Zeit aufzuheben, alles gewesene, seiende und sein werdende Leben als gleichzeitig zu sehen, und da ist alles gut, alles vollkommen, alles ist Brahm an. Darum scheint mir das, was ist, gut, es scheint mir Tod wie Leben, Sunde wie Heiligkeit, Klugheit wie Torheit, alles mu? so sein, alles bedarf nur meiner Zustimmung, nur meiner Willigkeit, meines liebenden Einverstandnisses, so ist es fur mich gut, kann mich nur fordern, kann mir nie schaden. Ich habe an meinem Leibe und an meiner Seele erfahren, da? ich der Sunde sehr bedurfte, ich bedurfte der Wollust, des Strebens nach Gutern, der Eitelkeit, und bedurfte der schmahlichsten Verzweiflung, um das Widerstreben aufgeben zu lernen, um die Welt lieben zu lernen, um sie nicht mehr mit irgendeiner von mir gewunschten, von mir eingebildeten Welt zu vergleichen, einer von mir ausgedachten Art der VollkommenhReit, sondern sie zu lassen, wie sie ist, und sie zu lieben, und ihr gerne anzugehoren.—Dies, o Govinda, sind einige,von den Gedanken, die mir in den Sinn gekommen sind."

    Siddhartha buckte sich, hob einen Stein vom Erdbodene auf und wog ihn in der Hand.

    "Dies hier," sagte er spielend, "ist ein Stein, und er wird in einer bestimmten Zeit vielleicht Erde sein, und wird aus Erde Pflanze werden, oder Tier oder Mensch. Fruher nun hatte ich gesagt: Dieser Stein ist blo? ein Stein, er ist wertlos, er gehort der Welt der Maja an; aber weil er vielleicht im Kreislauf der Verwandlungen auch Mensch und Geist werden kann, darum schenke ich auch ihm Geltung. So hatte ich fruher vielleicht gedacht. Heute aber denke ich: dieser Stein ist Stein, er ist auch Tier, er ist auch Gott, er ist auch Buddha, ich verehre und liebe ihn nicht, weil er einstmals dies oder jenes werden konnte, sondern weil er alles langst und immer ist—und gerade dies, da? er Stein ist, da? er mir jetzt und heute als Stein erscheint, gerade darum liebe ich ihn, und sehe Wert und Sinn in jeder von seinen Adern und Hohlungen, in dem Gelb, in dem Grau, in der Harte, im Klang, den er von sich gibt, wenn ich ihn beklopfe, in der Trockenheit oder Feuchtigkeit seiner Oberflache. Es gibt Steine, die fuhlen sich wie Ol oder wie Seife an, und andre wie Blatter, andre wie Sand, und jeder ist besonders und betet das Om auf seine Weise, jeder ist Brahman, zugleich aber und ebensosehr ist er Stein, ist olig oder saftig, und gerade das gefallt mir und scheint mir wunderbar und der Anbetung, wurdig.—Aber mehr la? mich davon nicht sagen. Die Worte tun dem geheimen Sinn nicht gut, es wird immer alles gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht, ein wenig verfalscht, ein wenig narrisch—ja, und auch das ist sehr gut und gefallt mir sehr, auch damit bin ich sehr einverstanden, da? das, was eines Menschen Schatz und Weisheit ist, dem andern immer wie Narrheit klingt."

    Schweigend lauschte Govinda.

    "Warum hast du mir das von dem Steine gesagt?" fragte er nach einer Pause zogernd.

    "Es geschah ohne Absicht. Oder vielleicht war es so gemeint, da? ich eben den Stein, und den Flu?, und alle diese Dinge, die wir betrachten und von denen wir lernen konnen, liebe. Einen Stein kann ich lieben, Govinda, und auch einen Baum oder ein Stuck Rinde. Das sind Dinge, und Dinge kann man lieben. Worte aber kann ich nicht lieben. Darum sind Lehren nichts fur mich, sie haben keine Harte, keine Weiche, keine Farben, keine Kanten, keinen Geruch, keinen Geschmack, sie haben nichts als Worte. Vielleicht ist es dies, was dich hindert, den Frieden zu finden, vielleicht sind es die vielen Worte. Denn auch Erlosung und Tugend, auch Sansara und Nirvana sind blo?e Worte, Govinda. Es gibt kein Ding, das Nirvana ware; es gibt nur das Wort Nirvana."

    Sprach Govinda: "Nicht nur ein Wort, Freund, ist Nirvana. Es ist ein Gedanke."

    Siddhartha fuhr fort: "Ein Gedanke, es mag so sein. Ich mu? dir gestehen, Lieber: ich unterscheide zwischen Gedanken und Worten nicht sehr. Offen gesagt, halte ich auch von Gedanken nicht viel. Ich halte von Dingen mehr. Hier auf diesem Fahrboot zum Beispiel war ein Mann mein Vorganger und Lehrer, ein heiliger Mann, der hat manche Jahre lang einfach an den Flu? geglaubt, sonst an nichts. Er hatte gemerkt, da? des Flusses Stimme zu ihm sprach, von ihr lernte er, sie erzog und lehrte ihn, der Flu? schien ihm ein Gott, viele Jahre lang wu?te er nicht, da? jeder Wind, jede Wolke, jeder Vogel, jeder Kafer genau so gottlich ist und ebensoviel wei? und lehren kann wie der verehrte Flu?. Als dieser Heilige aber in die Walder ging, da wu?te er alles, wu?te mehr als du und ich, ohne Lehrer, ohne Bucher, nur weil er an den Flu? geglaubt hatte."

    Govinda sagte: "Aber ist das, was du Dinge' nennst, denn etwas Wirkliches, etwas Wesenhaftes? Ist das nicht nur Trug der Maja, nur Bild und Schein? Dein Stein, dein Baum, dein Flu?—sind sie denn Wirklichkeiten?"

    "Auch dies," sprach Siddhartha, "bekummert mich nicht sehr. Mogen die Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und verehrenswert macht: sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie lieben. Und dies ist nun eine Lehre, uber welche du lachen wirst: die Liebe, o Govinda, scheint mir von allem die Hauptsache zu sein. Die Welt zu durchschauen, sie zu erklaren, sie zu verachten, mag gro?er Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu konnen, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu konnen."

    "Dies verstehe ich," sprach Govinda. "Aber eben dies hat er, der Erhabene, als Trug erkannt. Er gebietet Wohlwollen, Schonung, Mitleid, Duldung, nicht aber Liebe; er verbot uns, unser Herz in Liebe an Irdisches zu fesseln."

    "Ich wei? es", sagte Siddhartha; sein Lacheln strahlte golden. "Ich wei? es, Govinda. Und siehe, da sind wir mitten im Dickicht der Meinungen drin, im Streit um Worte. Denn ich kann nicht leugnen, meine Worte von der Liebe stehen im Widerspruch, im scheinbaren Widerspruch zu Gotamas Worten. Eben darum mi?traue ich den Worten so sehr, denn ich wei?, dieser Widerspruch ist Tauschung. Ich wei?, da? ich mit Gotama einig bin. Wie sollte denn auch Er die Liebe nicht kennen, Er, der alles Menschensein in seiner Verganglichkeit, in seiner Nichtigkeit erkannt hat, und dennoch die Menschen so sehr liebte, da? er ein langes, muhevolles Leben einzig darauf verwendet hat, ihnen zu helfen, sie zu lehren! Auch bei ihm, auch bei deinem gro?en Lehrer, ist mir das Ding lieber als die Worte, sein Tun und Leben wichtiger als sein Reden, die Gebarde seiner Hand wichtiger als seine Meinungen. Nicht im Reden, nicht im Denken sehe ich seine Gro?e, nur im Tun, im Leben."

    Lange schwiegen die beiden alten Manner. Dann sprach Govinda, indem er sich zum Abschied verneigte: "Ich danke dir, Siddhartha, da? du mir etwas von deinen Gedanken gesagt hast. Es sind zum Teil seltsame Gedanken, nicht alle sind mir sofort verstandlich geworden. Dies moge sein, wie es wolle, ich danke dir, und ich wunsche dir ruhige Tage."

    (Heimlich bei sich aber dachte er: Dieser Siddhartha ist ein wunderlicher Mensch, wunderliche Gedanken spricht er aus, narrisch klingt seine Lehre. Anders klingt des Erhabenen reine Lehre, klarer, reiner, verstandlicher, nichts Seltsames, Narrisches oder Lacherliches ist in ihr enthalten. Aber anders als seine Gedanken scheinen mir Siddharthas Hande und Fu?e, seine Augen, seine Stirn, sein Atmen, sein Lacheln, sein Gru?, sein Gang. Nie mehr, seit unser erhabener Gotama in Nirvana einging, nie mehr habe ich einen Menschen angetroffen, von dem ich fuhlte: dies ist ein Heiligert Einzig ihn, diesen Siddhartha, habe ich so gefunden. Mag seine Lehre seltsam sein, mogen seine Worte narrisch klingen, sein Blick und; seine Hand, seine Haut und sein Haar, alles an ihm strahlt eine Reinheit, strahlt eine Ruhe, strahlt eine Heiterkeit und Milde und Heiligkeit aus, welche ich an keinem anderen Menschen seit dem letzten Tode unseres erhabenen Lehrers gesehen habe.)

    Indem Govinda also dachte, und ein Widerstreit in seinem Herzen war, neigte er sich nochmals zu Siddhartha, von Liebe gezogen. Tief verneigte er sich vor dem ruhig Sitzenden.

    "Siddhartha", sprach er, "wir sind alte Manner geworden. Schwerlich wird einer von uns den andern in dieser Gestalt wiedersehen. Ich sehe, Geliebter, da? du den Frieden gefunden hast. Ich bekenne, ihn nicht gefunden zu haben. Sage mir, Verehrter, noch ein Wort, gib mir etwas mit, das ich fassen, das ich verstehen kann! Gib mir etwas mit auf meinen Weg. Er ist oft beschwerlich, mein Weg, oft finster, Siddhartha."

    Siddhartha schwieg und blickte ihn mit dem immer gleichen, stillen Lacheln an. Starr blickte ihm Govinda ins Gesicht, mit Angst, mit Sehnsucht, Leid und ewiges Suchen stand in seinem Blick geschrieben, ewiges Nichtfinden.

    Siddhartha sah es, und lachelte.

    "Neige dich zu mir!" flusterte er leise in Govindas Ohr. "Neige dich zu mir her! So, noch naher! Ganz nahe! Kusse mich auf die Stirn, Govinda!"

    Wahrend aber Govinda verwundert, und dennoch von gro?er Liebe und Ahnung gezogen, seinen Worten gehorchte, sich nahe zu ihm neigte und seine Stirn mit den Lippen beruhrte, geschah ihm etwas Wunderbares. Wahrend seine Gedanken noch bei Siddharthas wunderlichen Worten verweilten, wahrend er sich noch vergeblich und mit Widerstreben bemuhte, sich die Zeit hinwegzudenken, sich Nirvana und Sansara als Eines vorzustellen, wahrend sogar eine gewisse Verachtung fur die Worte des Freundes in ihm mit einer ungeheuren Liebe und Ehrfurcht stritt, geschah ihm dieses:

    Er sah seines Freundes Siddhartha Gesicht nicht mehr, er sah statt dessen andre Gesichter, viele, eine lange Reihe, einen stromenden Flu? von Gesichtern, von hunderten, von tausenden, welche alle kamen und vergingen, und doch alle zugleich dazusein schien-en, welche alle sich bestandig veranderten und erneuerten, und welche doch alle Siddhartha waren. Er sah das Gesicht eines Fisches, eines Karpfens, mit unendlich schmerzvoll geoffnetem Maule, eines sterbenden Fisches, mit brechenden Augen—er sah das Gesicht eines neugeborenen Kindes, rot und voll Falten, zum Weinen verzogen—er sah das Gesicht eines Morders, sah ihn ein Messer in den Leib eines.Menschen stechen—er sah, zur selben Sekunde, diesen Verbrecher gefesselt knien und sein Haupt vom Henker mit einem Schwertschlag abgeschlagen werden—er sah die Korper von Mannern und Frauen nackt in Stellungen und Kampfen rasender Liebe—er sah Leichen ausgestreckt, still, kalt, leer—er sah Tierkopfe, von Ebern, von Krokodilen, von Elefanten, von Stieren, von Vogeln—er sah Gotter, sah Krischna, sah Agni—er sah alle diese Gestalten und Gesichter in tausend Beziehungen zueinander, jede der andern helfend, sie liebend, sie hassend, sie vernichtend, sie neu gebarend, jede war ein Sterbenwollen, ein leidenschaftlich schmerzliches Bekenntnis der Verganglichkeit, und keine starb doch, jede verwandelte sich nur, wurde stets neu geboren, bekam stets ein neues Gesicht, ohne da? doch zwischen einem und dem anderen Gesicht Zeit gelegen ware—und alle diese Gestalten und Gesichter ruhten, flossen, erzeugten sich, schwammen dahin und stromten ineinander, und uber alle war bestandig etwas Dunnes, Wesenloses, dennoch Seiendes, wie ein dunnes Glas oder Eis gezogen, wie eine durchsichtige Haut, eine Schale oder Form oder Maske von Wasser, und diese Maske lachelte, und diese Maske war Siddharthas lachelndes Gesicht, das er, Govinda, in eben diesem selben Augenblick mit den Lippen beruhrte. Und, so sah Govinda, dies Lacheln der Maske, dies Lacheln der Einheit uber den stromenden Gestaltungen, dies Lacheln der Gleichzeitigkeit uber den tausend Geburten und Toten, dies Lacheln Siddharthas war genau dasselbe, war genau das gleiche, stille, feine, undurchdringliche, vielleicht gutige, vielleicht spottische, weise, tausendfaltige Lacheln Gotamas, des Buddha, wie er selbst es hundertmal mit Ehrfurcht gesehen hatte. So, das wu?te Govinda, lachelten die Vollendeten.

    Nicht mehr wissend ob es Zeit gebe, ob diese Schauung eine Sekunde oder hundert Jahre gewahrt habe, nicht mehr wissend, ob es einen Siddhartha, ob es einen Gotama, ob es Ich und Du gebe, im Innersten wie von einem gottlichen Pfeile verwundet, dessen Verwundung su? schmeckt, im Innersten verzaubert und aufgelost, stand Govinda noch eine kleine Weile, uber Siddharthas stilles Gesicht gebeugt, das er soeben geku?t hatte, das soeben Schauplatz aller Gestaltungen, alles Werdens, alles Seins gewesen war. Das Antlitz war unverandert, nachdem unter seiner Oberflache die Tiefe der Tausendfaltigkeit sich wieder geschlossen hatte, er lachelte still, lachelte leise und sanft, vielleicht sehr gutig, vielleicht sehr spottisch, genau, wie er gelachelt hatte, der Erhabene.

    Tief verneigte sich Govinda, Tranen liefen, von welchen er nichts wu?te, uber sein altes Gesicht, wie ein Feuer brannte das Gefuhl der innigsten Liebe, der demutigsten Verehrung in seinem Herzen. Tief verneigte er sich, bis zur Erde, vor dem regungslos Sitzenden, dessen Lacheln ihn an alles erinnerte, was er in seinem Leben jemals geliebt hatte, was jemals in seinem Leben ihm wert und heilig gewesen war.





    Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Siddhartha", von Hermann Hesse. End of The Project Gutenberg Etext of "Siddhartha", by Hermann Hesse.

    The Project Gutenberg Etext of Siddhartha, by Hermann Hesse #1 in our series by Hermann Hesse

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    Title: Siddhartha

    Author: Hermann Hesse

    Release Date: February, 2001 [Etext #2499]

    Edition: 12 This edition was first posted on 05/15/01 [Date last updated: September 8, 2006]


    Language: German

    The Project Gutenberg Etext of Siddhartha, by Hermann Hesse ***This file should be named 8sidd12.txt or 8sidd12.zip****

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    We are now trying to release all our books one year in advance of the official release dates, leaving time for better editing. Please be encouraged to send us error messages even years after the official publication date.

    Please note: neither this list nor its contents are final till midnight of the last day of the month of any such announcement. The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A preliminary version may often be posted for suggestion, comment and editing by those who wish to do so.

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    Those of you who want to download any Etext before announcement can surf to them as follows, and just download by date; this is also a good way to get them instantly upon announcement, as the indexes our cataloguers produce obviously take a while after an announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

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    Or /etext01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90

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    This etext was prepared by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com, with the assistance of Stefan Langer, sl99@gmx.de, in scanning the original 1922 edition and Dr. Mary Cicora, mcicora@yahoo.com, with the proofreading of this transcription.




Источник: The Gutenberg Project


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Тем временем:

... Но это так все - для Колькиной,
что ли характеристики. Было ему 25, водились у него деньжата, иг-
рал он на гитаре и пел. Жалобные такие, блатные - преблатные, пе-
реживательные песни, курил что-то пахучее. Возьмет папироску,
надкусит кончик, сдвинет тонкую бумажку с гильзы вперед, табак
вытрясет, смешает с чем-то, пальцами помнет и обратно в папирос-
ку, потом надвинет обратно на гильзу и затягивается глубоко, как
дышит, для чего держит ее губами неплотно, а рукой мелко трясет,
чтобы подольше в легкие с воздухом, потом подержит, сколько воз-
можно, и только тогда выдохнет это что-то, пахнущее терпко и
вкусно.
И Тамаре давал затянуться, он ей и вина давал понемногу, он и
соблазнил ее как-то случайно и просто - целовал, целовал, влез
под кофточку, расстегнул пуговки - одну, другую, а там уже она
неожиданно вдруг сказала:
- Пусти! Я сама. И сама действительно разделась.
Было это после девятого класса, после каникул летних даже. Та-
мара ездила пионервожатой в лагерь, как и всегда - в тарусу. Мес-
то это знаменитое, старинное, с речкой, лесами, да погодами теп-
лыми, да вечерами душистыми, теплыми, когда любопытные отряды,
где были уже и взрослые балбесы, которые тоже по ночам шастать
хотят по девочкиным палаткам, и некоторые и шастают даже, да бог
с ними - дело молодое, - собираются, значит, вожатые на эдакие
вечеринки. Вечеринки тайные и тихие, чтобы начальник и воспитате-
ли повода не имели сказать что-нибудь или, еще хуже, отправить
домой, а в школу написать про моральный облик.
Они - начальник и воспитатели - знают, конечно, про вечеринки
эти, посиделки, и сами бы не прочь, но на них бремя власти и им -
негоже.
А вожатые сидят где-нибудь в лесу, поют всякие нежности и неп-
риличности и их же - нежности и неприличности - совершают. Разб-
редаются по парам по шалашам, где влюбленным рай, хотя они и не
влюбленные вовсе, а так - от того, что кровь играет, да ночь теп-
лая и звездная...

Высоцкий Владимир Семенович   
«Роман о девочках»





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