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Ãåðìàí øññå (Hermann Hesse) — Knulp.Drei Geschichten aus dem Leben Knulps



                                
                      S. Fischer, Verlag, Berlin

    

      Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Ubersetzung. Gedruckt wahrend der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz.
                  Copyright 1915 S. Fischer, Verlag.


    Vorfruhling


    Anfang der neunziger Jahre mu?te unser Freund Knulp einmal mehrere Wochen im Spital liegen, und als er entlassen wurde, war es Mitte Februar und scheu?liches Wetter, so da? er schon nach wenigen Wandertagen wieder Fieber spurte und auf ein Unterkommen bedacht sein mu?te. An Freunden hat es ihm nie gefehlt, und er hatte fast in jedem Stadtchen der Gegend leicht eine freundliche Aufnahme gefunden. Aber darin war er sonderbar stolz, so sehr, da? es eigentlich fur eine Ehre gelten konnte, wenn er von einem Freund etwas annahm.

    Diesmal war es der Wei?gerber Emil Rothfu? in Lachstetten, dessen er sich erinnerte und an dessen schon verschlossener Hausture er abends bei Regen und Westwind anklopfte. Der Gerber tat den Fensterladen im Oberstock ein wenig auf und rief in die dunkle Gasse hinunter: »Wer ist drau?en? Hat’s nicht auch Zeit, bis es wieder Tag ist?«

    Knulp, als er die Stimme des alten Freundes horte, wurde trotz aller Mudigkeit sofort munter. Er erinnerte sich an ein Verschen, das er vor Jahren gemacht hatte, als er einmal vier Wochen mit Emil Rothfu? zusammen gewandert war, und sang alsbald am Hause hinauf:

    »Es sitzt ein muder Wandrer
    In einer Restauration,
    Das ist gewi? kein andrer
    Als der verlorne Sohn.«

    Der Gerber stie? den Laden heftig auf und beugte sich weit aus dem Fenster.

    »Knulp! Bist du’s oder ist’s ein Geist?«

    »Ich bin’s!« rief Knulp. »Du kannst aber auch uber die Stiege herunter kommen, oder mu? es durchs Fenster sein?«

    Mit froher Eile kam der Freund herab, tat die Hausture auf und leuchtete dem Ankommling mit der kleinen rauchenden Ollampe ins Gesicht, da? er blinzeln mu?te.

    »Jetzt aber herein mit dir!« rief er aufgeregt und zog den Freund ins Haus. »Erzahlen kannst du spater. Es ist noch was vom Nachtessen ubrig, und ein Bett kriegst du auch. Lieber Gott, bei dem Sauwetter! Ja, hast du denn auch gute Stiefel, du?«

    Knulp lie? ihn fragen und sich wundern, schlug auf der Treppe sorgfaltig die umgelitzten Hosenbeine herab und stieg mit Sicherheit durch die Dammerung empor, obwohl er das Haus seit vier Jahren nimmer betreten hatte.

    Im Gang oben, vor der Wohnstubenture, blieb er einen Augenblick stehen und hielt den Gerber, der ihn eintreten hie?, an der Hand zuruck.

    »Du,« sagte er flusternd, »gelt, du bist ja jetzt verheiratet?«

    »Ja, freilich.«

    »Eben drum. – Wei?t du, deine Frau kennt mich nicht; es kann sein, sie hat keine Freude. Storen mag ich euch nicht.«

    »Ach was storen!« lachte Rothfu?, tat die Ture weit auf und drangte Knulp in die helle Stube. Da hing uber einem gro?en E?tisch an drei Ketten die gro?e Petroleumlampe, ein leichter Tabaksrauch schwebte in der Luft und drangte in dunnen Zugen nach dem hei?en Zylinder hin, wo er hastig emporwirbelte und verschwand. Auf dem Tisch lag eine Zeitung und eine Schweinsblase voll Rauchtabak, und von dem kleinen schmalen Kanapee an der Querwand sprang mit halber und verlegener Munterkeit, als sei sie in einem Schlummer gestort worden und wolle es nicht merken lassen, die junge Hausfrau auf. Knulp blinzelte einen Augenblick wie verwirrt am scharfen Licht, sah der Frau in die hellgrauen Augen und gab ihr mit einem hoflichen Kompliment die Hand.

    »So, das ist sie,« sagte der Meister lachend. »Und das ist der Knulp, mein Freund Knulp, wei?t du, von dem wir auch schon gesprochen haben. Er ist naturlich unser Gast und kriegt das Gesellenbett. Es steht ja doch leer. Aber zuerst trinken wir einen Most miteinander, und der Knulp mu? was zu essen haben. Es war doch noch eine Leberwurst da, nicht?«

    Die Meisterin lief hinaus, und Knulp sah ihr nach.

    »Ein bi?chen erschrocken ist sie doch,« meinte er leise. Aber Rothfu? wollte das nicht zugeben.

    »Kinder habet ihr noch keine?« fragte Knulp.

    Da kam sie schon wieder herein, brachte auf einem Zinnteller die Wurst und stellte das Brotbrett daneben, das in seiner Mitte einen halben Laib Schwarzbrot trug, sorglich mit dem Anschnitt nach unten gestellt, und um dessen Rundung im Kreise die erhaben geschnitzte Inschrift lief: Gib uns heute unser taglich Brot.

    »Wei?t du, Lis, was der Knulp mich gerade gefragt hat?«

    »La? doch!« wehrte dieser ab. Und er wandte sich lachelnd an die Hausfrau: »Also, ich bin so frei, Frau Meisterin.«

    Aber Rothfu? lie? nicht nach.

    »Ob wir denn keine Kinder haben, hat er gefragt.«

    »Ach was!« rief sie lachend und lief sogleich wieder davon.

    »Ihr habet keine?« fragte Knulp, als sie drau?en war.

    »Nein, noch keine. Sie la?t sich Zeit, wei?t du, und fur die ersten Jahre ist es auch besser. Aber greif zu, gelt, und la? dir’s schmecken!«

    Nun brachte die Frau den grau und blauen, steingutenen Mostkrug herein und stellte drei Glaser dazu auf, die sie alsbald vollschenkte. Sie machte es geschickt, Knulp sah ihr zu und lachelte.

    »Zum Wohl, alter Freund!« rief der Meister und streckte Knulp sein Glas entgegen. Der war aber galant und rief: »Zuerst die Damen. Ihr wertes Wohl, Frau Meisterin! Prosit, Alter!«

    Sie stie?en an und tranken, und Rothfu? leuchtete vor Freude und blinzelte seiner Frau zu, ob sie auch bemerke, was sein Freund fur fabelhafte Manieren habe.

    Sie hatte es aber langst bemerkt.

    »Siehst du,« sagte sie, »der Herr Knulp ist hoflicher als du, der wei?, was der Brauch ist.«

    »O bitte,« meinte der Gast, »das halt eben jeder so, wie er’s gelernt hat. Was Manieren betrifft, da konnten Sie mich leicht in Verlegenheit bringen, Frau Meisterin. Und wie schon Sie serviert haben, wie im feinsten Hotel!«

    »Ja gelt,« lachte der Meister, »das hat sie aber auch gelernt.«

    »So, wo denn? Ist Ihr Herr Vater Wirt?«

    »Nein, der ist schon lang unterm Boden, ich hab ihn kaum mehr gekannt. Aber ich habe ein paar Jahre lang im Ochsen serviert, wenn Sie den kennen.«

    »Im Ochsen? Der ist fruher das feinste Gasthaus von Lachstetten gewesen,« lobte Knulp.

    »Das ist er auch noch. Gelt, Emil? Wir haben fast nur Handlungsreisende und Turisten im Logis gehabt.«

    »Ich glaub’s, Frau Meisterin. Da haben Sie’s sicher gut gehabt und was Schones verdient! Aber ein eigener Haushalt ist doch besser, gelt?«

    Langsam und genie?erisch strich er die weiche Wurst auf sein Brot, legte die reinlich abgezogene Haut auf den Rand des Tellers und nahm zuweilen einen Schluck von dem guten gelben Apfelmost. Der Meister sah mit Behagen und Respekt ihm zu, wie er mit den schlanken feinen Handen das Notwendige so sauber und spielend tat, und auch die Hausfrau nahm es mit Gefallen wahr.

    »Extra gut aussehen tust du aber nicht,« begann im weiteren Emil Rothfu? zu tadeln, und jetzt mu?te Knulp bekennen, da? es ihm neuestens schlecht gegangen und da? er im Krankenhaus gewesen sei. Doch verschwieg er alles Peinliche. Als ihn darauf sein Freund fragte, was er denn jetzt anzufangen denke, und ihm mit Herzlichkeit Tisch und Lager fur jede Dauer anbot, da war dies zwar genau das, was Knulp erwartet und womit er gerechnet hatte, aber er wich wie in einer Anwandlung von Schuchternheit aus, dankte fluchtig und verschob das Besprechen dieser Dinge bis morgen.

    »Uber das konnen wir morgen oder ubermorgen auch noch reden,« meinte er nachlassig, »die Tage gehen ja gottlob nicht aus, und eine kleine Weile bleib ich auf alle Falle hier.«

    Er machte nicht gern Plane oder Versprechungen auf lange Zeit. Wenn er nicht die freie Verfugung uber den kommenden Tag in der Tasche hatte, fuhlte er sich nicht wohl.

    »Falls ich wirklich eine Zeitlang hierbleiben sollte,« begann er dann wieder, »so mu?t du mich als deinen Gesellen anmelden.«

    »Warum nicht gar!« lachte der Meister auf. »Du und mein Gesell! Au?erdem bist du ja gar kein Wei?gerber.«

    »Tut nichts, verstehst du denn nicht? Es liegt mir gar nichts am Gerben, es soll zwar ein schones Handwerk sein, und zum Arbeiten habe ich kein Talent. Aber meinem Wanderbuchlein wird es gut tun, wei?t du. Fur das Krankengeld kame ich dann schon auf.«

    »Darf ich’s einmal sehen, dein Buchlein?«

    Knulp griff in die Brusttasche seines fast neuen Anzuges und zog das Ding heraus, das reinlich in einem Wachstuchfutteral steckte.

    Der Gerbermeister sah es an und lachte: »Immer tadellos! Man meint, du seiest erst gestern fruh von der Mutter fortgereist.«

    Dann studierte er die Eintrage und Stempel und schuttelte in tiefer Bewunderung den Kopf: »Nein, ist das eine Ordnung! Bei dir mu? halt alles nobel sein.«

    Das Wanderbuchlein so in Ordnung zu halten, war allerdings eine von Knulps Liebhabereien. Es stellte in seiner Tadellosigkeit eine anmutige Fiktion oder Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Eintrage bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten und arbeitsamen Lebens, in welchem nur die Wanderlust in Form sehr haufiger Ortswechsel auffiel. Das in diesem amtlichen Pa? bescheinigte Leben hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Kunsten diese Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weiter gefuhrt, wahrend er in Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes tat, aber als arbeitsloser Landstreicher ein ungesetzliches und mi?achtetes Dasein hatte. Freilich ware es ihm kaum gegluckt, seine hubsche Dichtung so ungestort fortzusetzen, waren ihm nicht alle Gendarmen wohlgesinnt gewesen. Sie lie?en den heiteren, unterhaltsamen Menschen, dessen geistige Uberlegenheit und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach Moglichkeit in Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, es war ihm kein Diebstahl und kein Bettel nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch uberall; so lie? man ihn passieren, wie etwa in einem wohlgeordneten Hauswesen eine hubsche Katze mitleben mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint, wahrend sie unbekummert zwischen allen den flei?igen und bedruckten Menschen ein sorgenlos elegantes, prachtvoll herrenma?iges und arbeitsloses Dasein verlebt.

    »Aber jetzt waret ihr schon lang im Bett, wenn ich nicht gekommen ware,« rief Knulp, indem er seine Papiere wieder an sich nahm. Er stand auf und machte der Hausfrau ein Kompliment.

    »Komm, Rothfu?, und zeig mir, wo mein Bett steht.«

    Der Meister begleitete ihn mit Licht die schmale Stiege zum Dachstock hinauf und in die Gesellenkammer. Da stand eine leere eiserne Bettstatt an der Wand und daneben eine holzerne, die mit Bettzeug versehen war.

    »Willst eine Bettflasche?« fragte der Hauswirt vaterlich.

    »Das fehlt gerade noch,« lachte Knulp. »Der Herr Meister, der braucht freilich keine, wenn er so ein hubsches kleines Frauelein hat.«

    »Ja, siehst du,« meinte Rothfu? ganz eifrig, »da steigst du jetzt in dein kaltes Gesellenbett in der Dachkammer, und manchmal noch in ein schlechteres, und manchmal hast du gar keins und mu?t im Heu schlafen. Aber unsereiner hat Haus und Geschaft und eine nette Frau. Schau, du konntest doch schon lang Meister sein und weiter als ich, wenn du blo? gewollt hattest.«

    Knulp hatte unterdessen in aller Eile die Kleider abgelegt und sich frostelnd in das kuhle Bettzeug verkrochen.

    »Wei?t du noch viel?« fragte er. »Ich liege gut und kann zuhoren.«

    »Es ist mir Ernst gewesen, Knulp.«

    »Mir auch, Rothfu?. Du mu?t aber nicht meinen, das Heiraten sei eine Erfindung von dir. Also gut Nacht auch!«

       * * * * *

    Den anderen Tag blieb Knulp im Bette liegen. Er fuhlte sich noch etwas schwach, und das Wetter war so, da? er doch das Haus kaum verlassen hatte. Den Gerber, der sich vormittags bei ihm einfand, bat er, er moge ihn ruhig liegen lassen und ihm nur am Mittag einen Teller Suppe heraufbringen.

    So lag er in der dammerigen Dachkammer den ganzen Tag still und zufrieden, fuhlte Kalte und Wanderbeschwerden entschwinden und gab sich mit Lust dem Wohlgefuhl warmer Geborgenheit hin. Er horte dem flei?igen Klopfen des Regens auf dem Dache zu und dem Wind, der unruhig, weich und fohnig in launischen Sto?en ging. Dazwischen schlief er halbe Stunden oder las, solange es licht genug war, in seiner Wanderbibliothek; die bestand aus Blattern, auf welche er sich Gedichte und Spruche abgeschrieben hatte, und aus einem kleinen Bundel von Zeitungsausschnitten. Auch einige Bilder waren dazwischen, die er in Wochenblattern gefunden und ausgeschnitten hatte. Zwei davon waren seine Lieblinge und sahen vom ofteren Hervorziehen schon bruchig und zerfasert aus. Das eine stellte die Schauspielerin Eleonora Duse vor, das andere zeigte ein Segelschiff bei starkem Winde auf hoher See. Fur den Norden und fur das Meer hatte Knulp seit den Knabenjahren eine starke Vorliebe, und mehrmals hatte er sich dahin auf den Weg gemacht, war auch einmal bis ins Braunschweigische gekommen. Aber diesen Zugvogel, der immer unterwegs war und an keinem Orte lang verweilen konnte, hatte eine merkwurdige Bangigkeit und Heimatliebe immer wieder in raschen Marschen nach Suddeutschland zuruckgetrieben. Es mag auch sein, da? ihm die Sorglosigkeit verlorenging, wenn er in Gegenden mit fremder Mundart und Sitte kam, wo niemand ihn kannte und wo es ihm schwer fiel, sein legendenhaftes Wanderbuchlein in Ordnung zu halten.

    Um die Mittagszeit brachte der Gerber Suppe und Brot herauf. Er trat leise auf und sprach in einem erschrockenen Flusterton, da er Knulp fur krank hielt und selber seit der Zeit seiner Kinderkrankheiten niemals am hellen Tage im Bett gelegen war. Knulp, der sich sehr wohl fuhlte, gab sich keine Muhe mit Erklarungen und versicherte nur, er werde morgen wieder aufstehen und gesund sein.

    Im spateren Nachmittag klopfte es an der Kammertur, und da Knulp im Halbschlummer lag und keine Antwort gab, trat die Meistersfrau vorsichtig herein und stellte statt des leeren Suppentellers eine Schale Milchkaffee auf die Stabelle am Bett.

    Knulp, der sie wohl hatte hereinkommen horen, blieb aus Mudigkeit oder Laune mit geschlossenen Augen liegen und lie? nichts davon merken, da? er wach sei. Die Meisterin, mit dem leeren Teller in der Hand, warf einen Blick auf den Schlafer, dessen Kopf auf dem halb vom blaugewurfelten Hemdarmel bedeckten Arme lag. Und da ihr die Feinheit des dunklen Haares und die fast kindliche Schonheit des sorglosen Gesichts auffiel, blieb sie eine Weile stehen und sah sich den hubschen Burschen an, von dem ihr der Meister viel Wunderliches erzahlt hatte. Sie sah uber den geschlossenen Augen die dichten Brauen auf der zarten, hellen Stirn und die schmalen, doch braunen Wangen, den feinen, hellroten Mund und den schlanken, lichten Hals, und alles gefiel ihr wohl, und sie dachte an die Zeit, da sie als Kellnerin im Ochsen je und je in Fruhlingslaunen sich von einem solchen fremden, hubschen Buben hatte liebhaben lassen.

    Indem sie sich, traumerisch und leicht erregt, ein wenig vorbeugte, um das ganze Gesicht zu sehen, glitt ihr der zinnerne Loffel vom Teller und fiel auf den Boden, woruber sie in der Stille und befangenen Heimlichkeit des Ortes heftig erschrak.

    Nun schlug Knulp die Augen auf, langsam und unwissend, als habe er tief geschlafen. Er drehte den Kopf heruber, hielt einen Augenblick die Hand uber die Augen und sagte mit Lacheln: »Eia, da ist ja die Frau Meisterin! Und hat mir einen Kaffee gebracht! Ein guter, warmer Kaffee, das ist gerade das, wovon ich in diesem Augenblick getraumt habe. Also schonen Dank, Frau Rothfu?! Was ist es denn auch fur Zeit?«

    »Viere,« sagte sie schnell. »Jetzt trinken Sie nur, solang er warm ist, nachher hol ich das Geschirr dann wieder.«

    Damit lief sie hinaus, als habe sie keine Minute ubrig. Knulp sah ihr nach und horte zu, wie sie in Eile die Treppe hinab verschwand. Er machte nachdenkliche Augen und schuttelte mehrmals den Kopf, dann stie? er einen leisen, vogelartigen Pfiff aus und wendete sich zu seinem Kaffee.

    Eine Stunde nach dem Dunkelwerden aber wurde es ihm langweilig, er fuhlte sich wohl und prachtig ausgeruht und hatte Lust, wieder ein wenig unter Leute zu kommen. Behaglich stand er auf und zog sich an, schlich in der tiefen Dammerung leise wie ein Marder die Treppe hinab und schlupfte unbemerkt aus dem Hause. Der Wind blies noch immer schwer und feucht aus Sudwesten, aber es regnete nicht mehr, und am Himmel standen gro?e Flecken licht und klar.

    Schnuppernd flanierte Knulp durch die abendlichen Gassen und uber den verodeten Marktplatz, stellte sich dann im offenen Tor einer Hufschmiede auf, sah den Lehrlingen beim Aufraumen zu, fing ein Gesprach mit den Gesellen an und hielt die kuhlen Hande uber die dunkelrot verglosende Esse. Dabei fragte er obenhin nach manchen Bekannten in der Stadt, erkundigte sich uber Todesfalle und Heiraten und lie? sich von dem Hufschmied fur einen Kollegen ansehen, denn es waren ihm die Sprachen und Erkennungszeichen aller Handwerke gelaufig.

    Wahrend dieser Zeit setzte die Frau Rothfu? ihre Abendsuppe an, klimperte mit den Eisenringen am kleinen Herd und schalte Kartoffeln, und als das getan war und die Suppe sicher auf schwachem Feuer stand, ging sie mit der Kuchenlampe ins Wohnzimmer hinuber und stellte sich vor dem Spiegel auf. Sie fand darin, was sie suchte: ein volles, frischwangiges Gesicht mit blaulich-grauen Augen, und was ihr am Haar zu bessern schien, brachte sie schnell mit geschickten Fingern in Ordnung. Darauf strich sie die frischgewaschenen Hande noch einmal an der Schurze ab, nahm das Lampchen zur Hand und stieg rasch ins Dach hinauf.

    Sachte klopfte sie an die Ture der Gesellenkammer, und nochmals etwas lauter, und da keine Antwort kam, stellte sie die Leuchte an den Boden und machte mit beiden Handen vorsichtig die Tur auf, da? sie nicht knarre. Auf den Zehen ging sie hinein, tat einen Schritt und ertastete den Stuhl bei der Bettstatt.

    »Schlafen Sie?« fragte sie mit halber Stimme. Und noch einmal: »Schlafen Sie? Ich will nur das Geschirr abraumen.«

    Da alles ruhig blieb und nicht einmal ein Atemzug zu horen war, streckte sie die Hand gegen das Bett hin aus, zog sie aber in einem Gefuhl von Unheimlichkeit wieder zuruck und lief nach der Lampe. Als sie nun die Kammer leer und das Bett mit Sorgfalt zugerichtet, auch Kissen und Federdecke tadellos aufgeschuttelt fand, lief sie verwirrt, zwischen Angst und Enttauschung, in ihre Kuche zuruck.

    Eine halbe Stunde spater, als der Gerber zum Nachtessen heraufgekommen und der Tisch gedeckt war, fing die Frau schon an, sich Gedanken zu machen, fand aber nicht den Mut, dem Gerber von ihrem Besuch in der Dachkammer zu erzahlen. Da ging unten das Tor, ein leichter Schritt klang durch den gepflasterten Gang und die gebogene Stiege herauf, und Knulp stand da, nahm den hubschen braunen Filz vom Kopf und wunschte guten Abend.

    »Ja, wo kommst denn du her?« rief der Meister erstaunt. »Ist krank und lauft dabei in der Nacht herum! Du kannst dir ja den Tod holen.«

    »Ganz richtig,« sagte Knulp. »Gru? Gott, Frau Rothfu?, ich komme ja gerade recht. Ihre gute Suppe habe ich schon vom Marktplatz her gerochen, die wird mir den Tod schon vertreiben.«

    Man setzte sich zum Essen. Der Hausherr war gesprachig und ruhmte sich seiner Hauslichkeit und seines Meisterstandes. Er neckte den Gast und redete ihm dann wieder ernstlich zu, er solle doch das ewige Wandern und Nichtstun einmal aufgeben. Knulp horte zu und gab wenig Antwort, und die Meisterin sagte kein Wort. Sie argerte sich uber ihren Mann, der ihr neben dem manierlichen und hubschen Knulp grob erschien, und gab dem Gast ihre gute Meinung durch die Aufmerksamkeit ihrer Bewirtung kund. Als es zehn Uhr schlug, sagte Knulp gute Nacht und bat sich des Gerbers Rasiermesser aus.

    »Sauber bist du,« ruhmte Rothfu?, indem er das Messer hergab. »Kaum kratzt’s dich am Kinn, so mu? der Bart herunter. Also gut Nacht, und gute Besserung!«

    Ehe Knulp in seine Kammer trat, lehnte er sich in das kleine Fensterchen oben an der Bodentreppe, um noch einen Augenblick nach Wetter und Nachbarschaft auszuschauen. Es war beinahe windstill, und zwischen den Dachern stand ein schwarzes Stuck Himmel, in welchem klare, feucht schimmernde Sterne brannten.

    Eben wollte er den Kopf hereinziehen und das Fenster schlie?en, da wurde ein kleines Fenster ihm gegenuber im Nachbarhause plotzlich hell. Er sah eine kleine niedere Kammer, der seinen ganz ahnlich, durch deren Ture eine junge Dienstmagd hereintrat, eine Kerze im messingnen Leuchter in der Hand und in der Linken einen gro?en Wasserkrug, den sie am Boden abstellte. Dann leuchtete sie mit der Kerze uber ihr schmales Magdebett hin, das bescheiden und sauberlich mit einer groben roten Wollendecke zum Schlafen einlud. Sie stellte den Leuchter weg, man sah nicht wohin, und setzte sich auf eine niedere grungemalte Kofferkiste, wie alle Dienstmagde eine haben.

    Knulp hatte sofort, als die unerwartete Szene druben zu spielen begann, sein eigenes Licht ausgeblasen, um nicht gesehen zu werden, und stand nun still und lauernd aus seiner Luke gebeugt.

    Die junge Magd druben war von der Art, die ihm gefiel. Sie war vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre, nicht eben gro? gewachsen, und hatte ein braunliches gutes Gesicht mit einem kleinen Mund, mit braunen Augen und dunklem dichten Haar. Dies stille angenehme Gesicht sah gar nicht frohlich aus, und die ganze Person sa? auf ihrer harten grunen Kiste ziemlich bekummert und traurig da, so da? Knulp, der die Welt und auch die Madchen kannte, sich wohl denken konnte, das junge Ding sei noch nicht lange mit seiner Kiste in der Fremde und habe Heimweh. Sie lie? die mageren braunen Hande im Scho?e ruhen und suchte einen fluchtigen Trost darin, vor dem Schlafengehen noch eine Weile auf ihrem kleinen Eigentum zu sitzen und an die heimatliche Wohnstube zu denken.

    Ebenso regungslos wie sie in ihrer Kammer verharrte Knulp in seinem Fensterloch und blickte mit wunderlicher Spannung in das kleine fremde Menschenleben hinuber, das so harmlos seinen hubschen Kummer im Kerzenlicht hutete und an keinen Zuschauer dachte. Er sah die braunen, gutmutigen Augen bald unverborgen heruber dunkeln, bald wieder von langen Wimpern bedeckt und auf den braunen, kindlichen Wangen das rote Licht leise spielen, er sah den mageren jungen Handen zu, wie sie mude waren und die kleine letzte Arbeit des Entkleidens noch ein wenig hinausschoben, wahrend sie auf dem dunkelblauen baumwollenen Kleide ruhten.

    Endlich richtete das Jungferlein mit einem Seufzer den Kopf mit den schweren, in ein Nest aufgesteckten Zopfen empor, blickte gedankenvoll, doch nicht minder bekummert ins Leere und buckte sich dann tief, um ihre Schuhnestel aufzulosen.

    Knulp ware ungern schon jetzt weggegangen, doch schien es ihm unrecht und fast grausam, dem armen Kinde beim Auskleiden zuzuschauen. Gern hatte er sie angerufen, ein wenig mit ihr geschwatzt und sie mit einem Scherzwort ein wenig frohlicher zu Bett gehen lassen. Aber er furchtete, sie wurde erschrecken und alsbald ihr Licht ausblasen, wenn er hinuber riefe.

    Statt dessen begann er nun eine seiner vielen kleinen Kunste zu uben. Er hob an, unendlich fein und zart zu pfeifen, wie aus der Ferne her, und er pfiff das Lied »In einem kuhlen Grunde, da geht ein Muhlenrad«, und es gelang ihm, es so fein und zart zu machen, da? das Madchen eine ganze Weile zuhorte, ohne recht zu wissen, was es sei, und erst beim dritten Vers sich langsam aufrichtete, aufstand und horchend an ihr Fenster trat.

    Sie streckte den Kopf heraus und lauschte, indes Knulp leise weiterpfiff. Sie wiegte den Kopf ein paar Takte lang der Melodie nach, schaute dann plotzlich auf und erkannte, woher die Musik komme.

    »Ist jemand da druben?« fragte sie halblaut.

    »Nur ein Gerbergesell,« gab es ebenso leise Antwort. »Ich will die Jungfer nicht im Schlafen storen. Ich habe nur ein bi?chen das Heimweh gehabt und mir noch ein Lied gepfiffen. Ich kann aber auch lustige. – Bist du etwa auch fremd hier, Madele?«

    »Ich bin vom Schwarzwald.«

    »Ja, vom Schwarzwald! Und ich auch, und da sind wir Landsleute. Wie gefallt’s dir in Lachstetten? Mir gar nicht.«

    »O, ich kann nichts sagen, ich bin erst acht Tage hier. Aber es gefallt mir auch nicht recht. Seid Ihr schon langer da?«

    »Nein, drei Tage. Aber Landsleute sagen du zu einander, gelt?«

    »Nein, ich kann nicht, wir kennen einander ja gar nicht.«

    »Was nicht ist, kann werden. Berg und Tal kommen nicht zueinander, aber die Leute. Wo ist denn Euer Ort, Fraulein?«

    »Das kennt Ihr doch nicht.«

    »Wer wei?? Oder ist’s ein Geheimnis?«

    »Achthausen. Es ist blo? ein Weiler.«

    »Aber ein schoner, gelt? Vorn am Eck steht eine Kapelle, und es ist auch eine Muhle da, oder eine Sagerei, und dort haben sie einen gro?en gelben Bernhardinerhund. Stimmt’s oder stimmt’s nicht?«

    »Der Bello, herrje!«

    Da sie sah, er kenne ihre Heimat und sei wirklich dort gewesen, fiel ein gro?es Teil Mi?trauen und Bedrucktheit von ihr ab, und sie wurde ganz eifrig.

    »Kennet Ihr auch den Andres Flick?« fragte sie rasch.

    »Nein, ich kenne niemand dort. Aber gelt, das ist Euer Vater?«

    »Ja.«

    »So, so, also dann seid Ihr eine Jungfer Flick, und wenn ich jetzt noch den Vornamen dazu wei?, dann kann ich Euch eine Karte schreiben, wenn ich wieder einmal durch Achthausen komme.«

    »Wollet Ihr denn schon wieder fort?«

    »Nein, ich will nicht, aber ich will Euern Namen wissen, Jungfer Flick.«

    »Ach was, ich wei? ja Euren auch nicht.«

    »Das tut mir leid, aber es la?t sich andern. Ich hei?e Karl Eberhard, und wenn wir uns einmal am Tag wieder begegnen, dann wisset Ihr, wie Ihr mich anrufen mu?t, und wie mu? ich dann zu Euch sagen?«

    »Barbara.«

    »So ist’s recht und danke schon. Er ist aber schwer zum Aussprechen, Euer Name, und ich mochte fast eine Wette machen, da? man Euch daheim Barbele gerufen hat.«

    »Das hat man auch. Wenn Ihr doch alles schon wisset, warum fraget Ihr dann so viel? Aber jetzt mussen wir Feierabend machen. Gut Nacht, Gerber.«

    »Gut Nacht, Jungfer Barbele. Schlafet auch gut, und weil Ihr’s seid, will ich jetzt noch eins pfeifen. Laufet nicht fort, es kostet nichts.«

    Und alsbald setzte er ein und pfiff einen kunstvollen jodlerartigen Satz, mit Doppeltonen und Trillern, da? es funkelte wie eine Tanzmusik. Sie horte mit Erstaunen dieser Kunstfertigkeit zu, und als es stille ward, zog sie leise den Fensterladen herein und machte ihn fest, wahrend Knulp ohne Licht in seine Kammer fand.

       * * * * *

    Am Morgen stand Knulp diesmal zu guter Stunde auf und nahm des Gerbers Rasiermesser in Gebrauch. Der Gerber trug aber schon seit Jahren einen Vollbart, und das Messer war so verwahrlost, da? Knulp es wohl eine halbe Stunde lang uber seinem Hosentrager abziehen mu?te, ehe das Barbieren gelang. Als er fertig war, zog er den Rock an, nahm die Stiefel in die Hand und stieg in die Kuche hinab, wo es warm war und schon nach Kaffee roch.

    Er bat die Meistersfrau um Burste und Wichse zum Stiefelputzen

    »Ach was!« rief sie, »das ist kein Mannergeschaft. Lassen Sie mich das machen.«

    Allein das gab er nicht zu, und als sie endlich mit ungeschicktem Lachen ihr Wichszeug vor ihn hinstellte, tat er die Arbeit grundlich, reinlich und dabei spielend, als ein Mann, der nur gelegentlich und nach Laune, dann aber mit Sorgfalt und Freude eine Handarbeit verrichtet.

    »Das lass’ ich mir gefallen,« ruhmte die Frau und sah ihn an. »Alles blank, wie wenn Sie grad zum Schatz gehen wollten.«

    »O, das tat’ ich auch am liebsten.«

    »Ich glaub’s. Sie haben gewi? einen schonen.« Sie lachte wieder zudringlich. »Vielleicht sogar mehr als einen?«

    »Ei, das ware nicht schon,« tadelte Knulp munter. »Ich kann Ihnen auch ein Bild von ihr zeigen.«

    Begierig trat sie heran, wahrend er sein Wachstuchmapplein aus der Brusttasche zog und das Bildnis der Duse hervorsuchte. Interessiert betrachtete sie das Blatt.

    »Die ist sehr fein,« begann sie vorsichtig zu loben, »das ist ja fast eine rechte Dame. Nur freilich, mager sieht sie aus. Ist sie denn auch gesund?«

    »Soviel ich wei?, jawohl. So, und jetzt wollen wir nach dem Alten sehen, man hort ihn in der Stube.«

    Er ging hinuber und begru?te den Gerber. Die Wohnstube war gefegt und sah mit dem hellen Getafel, mit der Uhr, dem Spiegel und den Photographien an der Wand freundlich und heimelig aus. So eine saubere Stube, dachte Knulp, ist im Winter nicht ubel, aber darum zu heiraten, verlohnt doch nicht recht. Er hatte an dem Wohlgefallen, das die Meisterin ihm zeigte, keine Freude.

    Nachdem der Milchkaffee getrunken war, begleitete er den Meister Rothfu? nach dem Hof und Schuppen und lie? sich die ganze Gerberei zeigen. Er kannte fast alle Handwerke und stellte so sachverstandige Fragen, da? sein Freund ganz erstaunt war.

    »Woher wei?t du denn das alles?« fragte er lebhaft. »Man konnte meinen, du seiest wirklich ein Gerbergesell oder einmal einer gewesen.«

    »Man lernt allerlei, wenn man reist,« sagte Knulp gemessen. »Ubrigens, was die Wei?gerberei angeht, da bist du selber mein Lehrmeister gewesen, wei?t du’s nimmer? Vor sechs oder sieben Jahren, wie wir zusammen gewandert sind, hast du mir das alles erzahlen mussen.«

    »Und das wei?t du alles noch?«

    »Ein Stuck davon, Rothfu?. Aber jetzt will ich dich nimmer storen. Schade, ich hatte dir gern ein bi?chen geholfen, aber es ist da unten so feucht und stickig, und ich mu? noch so viel husten. Also Servus, Alter, ich geh ein wenig in die Stadt, solang es gerade nicht regnet.«

    Als er das Haus verlie? und langsam die Gerbergasse stadteinwarts bummelte, den braunen Filzhut etwas nach hinten geruckt, trat Rothfu? in die Tur und sah ihm nach, wie er leicht und genie?erisch dahinging, uberall sauber geburstet und den Regenpfutzen sorglich ausweichend.

    »Gut hat er’s eigentlich,« dachte der Meister mit einem kleinen Neidgefuhl. Und wahrend er zu seinen Gruben ging, dachte er dem Freund und Sonderling nach, der nichts vom Leben begehrte als das Zuschauen, und er wu?te nicht, sollte er das anspruchsvoll oder bescheiden hei?en. Einer, der arbeitete und sich vorwarts schaffte, hatte es ja in vielem besser, aber er konnte nie so zarte hubsche Hande haben und so leicht und schlank einhergehen. Nein, der Knulp hatte recht, wenn er so tat, wie sein Wesen es brauchte und wie es ihm nicht viele nachtun konnten, wenn er wie ein Kind alle Leute ansprach und fur sich gewann, allen Madchen und Frauen hubsche Sachen sagte, und jeden Tag fur einen Sonntag nahm. Man mu?te ihn laufen lassen, wie er war, und wenn es ihm schlecht ging und er einen Unterschlupf brauchte, so war es ein Vergnugen und eine Ehre, ihn aufzunehmen, und man mu?te fast noch dankbar dafur sein, denn er machte es froh und hell im Haus.

    Indessen schritt sein Gast neugierig und vergnugt durchs Stadtchen, pfiff einen Soldatenmarsch durch die Zahne und begann ohne Eile die Orte und Menschen aufzusuchen, die er von fruher her kannte. Zunachst wandte er sich nach der steil ansteigenden Vorstadt, wo er einen armen Flickschneider kannte, um den es schade war, da? er nichts als alte Hosen zu stopfen und kaum jemals einen neuen Anzug zu machen bekam, denn er konnte etwas und hatte einmal Hoffnungen gehabt und in guten Werkstatten gearbeitet. Aber er hatte fruh geheiratet und schon ein paar Kinder, und die Frau hatte wenig Genie furs Hauswesen.

    Diesen Schneider Schlotterbeck suchte und fand Knulp im dritten Stockwerk eines Hinterhauses in der Vorstadt. Die kleine Werkstatte hing wie ein Vogelnest in den Luften uberm Bodenlosen, denn das Haus stand an der Talseite, und wenn man durch die Fenster senkrecht hinabschaute, hatte man nicht nur die drei Stockwerke unter sich, sondern unterm Hause floh der Berg mit kummerlichen steilen Garten und Grashalden schwindelnd abwarts, endigend in einem grauen Wirrwarr von Hinterhausvorsprungen, Huhnerhofen, Ziegen- und Kaninchenstallen, und die nachsten Hausdacher, auf die man hinabsah, lagen jenseits dieses verwahrlosten Gelandes schon tief und klein im Tale drunten. Dafur war die Schneiderwerkstatt taghell und luftig, und auf seinem breiten Tisch am Fenster hockte der flei?ige Schlotterbeck hell und hoch uber der Welt wie der Wachter in einem Leuchtturm.

    »Servus, Schlotterbeck,« sagte Knulp im Eintreten, und der Meister, vom Licht geblendet, spahte mit eingekniffenen Augen nach der Ture.

    »Oha, der Knulp!« rief er aufleuchtend und streckte ihm die Hand entgegen. »Auch wieder im Land? Und wo fehlt’s denn, da? du zu mir herauf steigst?«


    Knulp zog einen dreibeinigen Stuhl heran und setzte sich nieder.

    »Gib eine Nadel her und ein bi?chen Faden, aber braunen und vom feinsten, ich will Musterung halten.«

    Damit zog er Rock und Weste aus, suchte sich einen Zwirn heraus, fadelte ein und uberging mit wachsamen Augen seinen ganzen Anzug, der noch sehr gut und fast neu aussah und an dem er jede blode Stelle, jede lockere Litze, jeden halbwegs losen Knopf alsbald mit flei?igen Fingern wieder instand setzte.

    »Und wie geht’s sonst?« fragte Schlotterbeck. »Die Jahreszeit ist nicht zu loben. Aber schlie?lich, wenn man gesund ist und keine Familie hat –«

    Knulp rausperte sich polemisch.

    »Ja, ja,« sagte er lassig. »Der Herr la?t regnen uber Gerechte und Ungerechte, und nur die Schneider sitzen trocken. Hast du immer noch zu klagen, Schlotterbeck?«

    »Ach, Knulp, ich will nichts sagen. Du horst ja die Kinder nebendran schreien. Es sind jetzt funf. Da sitzt man und schuftet bis in alle Nacht hinein, und nirgends will’s reichen. Und du tust nichts als spazierengehen!«

    »Fehlgeschossen, alter Kunde. Vier oder funf Wochen bin ich im Spital in Neustadt gelegen, und da behalten sie keinen langer, als er’s bitter notig hat, und es bleibt auch keiner langer drin. Des Herrn Wege sind wunderbar, Freund Schlotterbeck.«

    »Ach la? diese Spruche, du!«

    »Bist du denn nimmer fromm, he? Ich will es gerade auch werden, und

    darum bin ich zu dir gekommen. Wie steht’s damit, alter Stubenhocker?«

    »La? mich in Ruh’ mit der Frommigkeit! Im Spital, sagst du? Da tust du mir aber leid.«

    »Ist nicht notig, es ist vorbei. Und jetzt erzahl einmal: wie ist’s mit dem Buch Sirach und mit der Offenbarung? Wei?t du, im Spital hab ich Zeit gehabt, und eine Bibel war auch da, da hab ich fast alles gelesen und kann jetzt besser mitreden. Es ist ein kurioses Buch, die Bibel.«

    »Da hast du recht. Kurios, und die Halfte mu? verlogen sein, weil keins zum andern pa?t. Du verstehst’s vielleicht besser, du bist ja einmal in die Lateinschule gegangen.«

    »Davon ist mir wenig geblieben.«

    »Siehst du, Knulp –.« Der Schneider spuckte zum offenen Fenster in die Tiefe hinunter und sah mit gro?en Augen und erbittertem Gesicht hinterdrein. »Sieh, Knulp, es ist nichts mit der Frommigkeit. Es ist nichts damit, und ich pfeife drauf, sag ich dir. Ich pfeife drauf!«

    Der Wanderer sah ihn nachdenklich an.

    »So, so. Das ist aber viel gesagt, alter Kunde. Mir scheint, in der Bibel stehen ganz gescheite Sachen.«

    »Ja, und wenn du ein Stuck weiterblatterst, dann steht immer irgendwo das Gegenteil. Nein, ich bin fertig damit, aus und fertig.«

    Knulp war aufgestanden und hatte nach einem Bugeleisen gegriffen.

    »Du konntest mir ein paar Kohlen drein geben,« bat er den Meister.

    »Zu was denn auch?«

    »Ich will die Weste ein wenig bugeln, wei?t du, und dem Hut wird es auch gut tun, nach all dem Regen.«

    »Immer nobel!« rief Schlotterbeck etwas argerlich. »Was brauchst du so fein zu sein wie ein Graf, wenn du doch nur ein Hungerleider bist?«

    Knulp lachelte ruhig. »Es sieht besser aus, und es macht mir eine Freude, und wenn du’s nicht aus Frommigkeit tun willst, so tust du’s einfach aus Nettigkeit und einem alten Freund zuliebe, gelt?«

    Der Schneider ging durch die Tur hinaus und kam bald mit dem hei?en Eisen wieder.

    »So ist’s recht,« lobte Knulp, »danke schon!«

    Er begann vorsichtig den Rand seines Filzhutes zu glatten, und da er hierin nicht so geschickt war wie im Nahen, nahm ihm der Freund das Eisen aus der Hand und tat die Arbeit selber.

    »Das la? ich mir gefallen,« sagte Knulp dankbar. »Jetzt ist es wieder ein Sonntagshut. Aber schau, Schneider, von der Bibel verlangst du zu viel. Das, was wahr ist, und wie das Leben eigentlich eingerichtet ist, das mu? ein jeder sich selber ausdenken und kann es aus keinem Buch lernen, das ist meine Meinung. Die Bibel ist alt, und fruher hat man mancherlei noch nicht gewu?t, was man heute kennt und wei?; aber darum steht doch viel Schones und Braves drin, und auch ganz viel Wahres. Stellenweise ist sie mir gerade wie ein schones Bilderbuch vorgekommen, wei?t du. Wie das Madchen da, die Ruth, ubers Feld geht und die ubrigen Ahren sammelt, das ist fein, und man spurt den schonsten warmen Sommer drin, oder wie der Heiland sich zu den kleinen Kindern setzt und denkt: ihr seid mir doch viel lieber als die Alten mit ihrem Hochmut alle zusammen! Ich finde, da hat er recht, und da konnte man schon von ihm lernen.«

    »Ja, das wohl,« gab Schlotterbeck zu und wollte ihn doch nicht Recht haben lassen. »Aber einfacher ist es schon, wenn man das mit andrer Leute Kindern tut, als wenn man selber funfe hat und wei? nicht, wie sie durchfuttern.«

    Er war wieder ganz verdrossen und bitter, und Knulp konnte das nicht ansehen. Er wunschte ihm, ehe er gehe, noch etwas Gutes zu sagen. Er besann sich ein wenig. Dann beugte er sich zu dem Schneider, sah ihm mit seinen hellen Augen nah und ernsthaft ins Gesicht und sagte leise: »Ja, hast du sie denn nicht lieb, deine Kinder?«

    Ganz erschrocken ri? der Schneider die Augen auf. »Aber freilich, was denkst du auch! Naturlich hab ich sie lieb, den Gro?ten am meisten.«

    Knulp nickte mit gro?em Ernst.

    »Ich will jetzt gehen, Schlotterbeck, und ich sage dir schonen Dank. Die Weste ist jetzt gerade das Doppelte wert. – Und dann, mit deinen Kindern mu?t du lieb und lustig sein, das ist schon halb gegessen und getrunken. Pa? auf, ich sage dir etwas, was niemand wei? und was du nicht weiter zu erzahlen brauchst.«

    Der Meister sah ihm aufmerksam und uberwunden in die klaren Augen, die sehr ernst geworden waren. Knulp sprach jetzt so leise, da? der Schneider Muhe hatte, ihn zu verstehen.

    »Sieh mich an! Du beneidest mich und denkst: der hat es leicht, keine Familie und keine Sorgen! Aber es ist nichts damit. Ich habe ein Kind, denk dir, einen kleinen Buben von zwei Jahren, und der ist von fremden Leuten angenommen worden, weil man doch den Vater nicht kennt und weil die Mutter im Kindbett gestorben ist. Du brauchst die Stadt nicht zu wissen, wo er ist; aber ich wei? sie, und wenn ich dorthin komme, dann schleiche ich mich um das Haus herum und steh am Zaun und warte, und wenn ich Gluck habe und sehe den kleinen Kerl, dann darf ich ihm keine Hand und keinen Ku? geben und ihm hochstens im Vorbeigehen was vorpfeifen. – Ja, so ist das, und jetzt adieu, und sei froh, da? du Kinder hast!«

       * * * * *

    Knulp setzte seinen Gang durch die Stadt fort, er stand eine Weile plaudernd am Werkstattfenster eines Drechslers und sah dem geschwinden Spiel der lockigen Holzspane zu, er begru?te unterwegs auch den Polizeidiener, der ihm gewogen war und ihn aus seiner Birkendose schnupfen lie?. Uberall erfuhr er Gro?es und Kleines aus dem Leben der Familien und Gewerbe, er horte vom fruhen Tod der Stadtrechnersfrau und vom ungeratenen Sohn des Burgermeisters, er erzahlte dafur neues von anderen Orten und freute sich des schwachen, launigen Bandes, das ihn als Bekannten und Freund und Mitwisser da und dort mit dem Leben der Se?haften und Ehrbaren verband. Es war Samstag, und er fragte in der Toreinfahrt einer Brauerei die Kufergesellen, wo es heut abend und morgen eine Tanzgelegenheit gebe.

    Es gab mehrere, aber die schonste war die im Leuen von Gertelfingen, nur eine halbe Stunde weit. Dahin beschlo? er das junge Barbele aus dem Nachbarhause mitzunehmen.

    Es war bald Mittagszeit, und als Knulp die Treppe im Rothfu?schen Hause erstieg, schlug ihm von der Kuche her ein angenehm kraftiger Geruch entgegen. Er blieb stehen und sog in knabenhafter Lust und Neugierde mit spurenden Nustern das Labsal ein. Aber so still er gekommen war, man hatte ihn schon gehort. Die Meistersfrau tat die Kuchenture auf und stand freundlich in der lichten Offnung, vom Dampf der Speisen umwolkt.

    »Gru? Gott, Herr Knulp,« sagte sie liebevoll, »das ist recht, da? Sie so zeitig kommen. Namlich wir kriegen heut Leberspatzen, wissen Sie, und da hab ich mir gedacht, vielleicht konnte ich ein Stuck Leber fur Sie extra braten, wenn Sie es so lieber haben. Was meinen Sie?«

    Knulp strich sich den Bart und machte eine Kavaliersbewegung.

    »Ja, warum soll denn ich was Besonderes haben, ich bin froh, wenn’s eine Suppe gibt.«

    »Ach was, wenn einer krank gewesen ist, gehort er ordentlich gepflegt, wo soll sonst die Kraft herkommen? Aber vielleicht mogen Sie gar keine Leber? Es gibt solche.«

    Er lachte bescheiden.

    »O, von denen bin ich nicht, ein Teller voll Leberspatzen, das ist ein Sonntagsessen, und wenn ich’s mein Lebtag jeden Sonntag essen konnte, war ich schon zufrieden.«

    »Bei uns soll Ihnen nichts fehlen. Zu was hat man kochen gelernt! Aber sagen Sie’s jetzt nur, es ist ein Stuck Leber ubrig, ich hab’s Ihnen aufgespart. Es tate Ihnen gut.«

    Sie kam naher und lachelte ihm aufmunternd ins Gesicht. Er verstand gut, wie sie es meinte, und ziemlich hubsch war das Weiblein auch, aber er tat, als sehe er nichts. Er spielte mit seinem hubschen Filzhut, den ihm der arme Schneider aufgebugelt hatte, und sah nebenaus.

    »Danke, Frau Meisterin, danke schon fur den guten Willen. Aber Spatzen sind mir wirklich lieber. Ich werde schon genug verwohnt bei Ihnen.«

    Sie lachelte und drohte ihm mit dem Zeigefinger.

    »Sie brauchen nicht so schuchtern zu tun, ich glaub’s Ihnen doch nicht. Also Spatzen! und ordentlich Zwiebel dran, gelt?«

    »Da kann ich nicht nein sagen.«

    Sie lief besorgt zu ihrem Herde zuruck, und er setzte sich in die Stube, wo schon gedeckt war. Er las im gestrigen Wochenblatt, bis der Meister sich einfand und die Suppe aufgetragen wurde. Man a?, und nach Tische wurde zu dreien eine Viertelstunde mit Karten gespielt, wobei Knulp seine Wirtin durch einige neue, verwegene und zierliche Kartenkunststucke in Erstaunen setzte. Er verstand auch mit spielerischer Nachlassigkeit die Karten zu mischen und blitzschnell zu ordnen, er warf sein Blatt mit Eleganz auf den Tisch und lie? zuweilen den Daumen uber die Kartenrander laufen. Der Meister sah mit Bewunderung und Nachsicht zu, wie ein Arbeiter und Burger brotlose Kunste sich gefallen la?t. Die Meisterin aber beobachtete mit kennerhafter Teilnahme diese Anzeichen einer weltmannischen Lebenskunst. Ihr Blick ruhte aufmerksam auf seinen langen, zarten, von keiner schweren Arbeit entstellten Handen.

    Durch die kleinen Fensterscheiben flo? ein dunner, unsicherer Sonnenschein in die Stube, uber den Tisch und die Karten, spielte launisch und kraftlos am Fu?boden mit den schwachen Schlagschatten und zitterte kreiselnd an der blau getunchten Stubendecke. Knulp nahm dies alles mit blinzelnden Augen wahr: das Spiel der Februarsonne, den stillen Frieden des Hauses, das ernsthaft arbeitsame Handwerkergesicht seines Freundes und die verschleierten Blicke der hubschen Frau. Es gefiel ihm nicht, das war kein Ziel und Gluck fur ihn. Ware ich gesund, dachte er, und ware es Sommerszeit, ich bliebe keine Stunde langer hier.

    »Ich will ein wenig der Sonne nachgehen,« sagte er, als Rothfu? die Karten zusammenstrich und auf die Uhr sah. Er ging mit dem Meister die Treppe hinunter, lie? ihn im Trockenschuppen bei seinen Fellen und verlor sich in den oden schmalen Grasgarten, der, von Lohgruben unterbrochen, bis an das Flu?chen hinabreichte. Dort hatte der Gerber einen kleinen Brettersteg gebaut, an dem er seine Haute schwemmen konnte. Auf den Steg setzte sich Knulp, lie? die Sohlen knapp uber dem still und rasch flie?enden Wasser hangen, blickte belustigt den schnellen, dunklen Fischen nach, die unter ihm weg ihren Lauf hatten, und fing dann an, die Gegend neugierig zu studieren, denn er suchte eine Gelegenheit, mit der kleinen Dienstmagd von druben zu sprechen.

    Die Garten stie?en aneinander, durch einen schlecht erhaltenen Lattenzaun getrennt, und unten am Wasser, wo die Zaunpfahle langst vermodert und verschwunden waren, konnte man ungehindert vom einen Grundstuck auf das andere hinubergehen. Der Nachbarsgarten schien mit mehr Sorgfalt gepflegt zu werden als der wuste Grasplatz des Wei?gerbers. Man sah dort vier Reihen von Beeten liegen, vergrast und eingesunken, wie sie nach dem Winter sind, Ackerlattich und uberwinterter Spinat wuchs sparlich in zwei Rabatten, Rosenbaumchen standen zur Erde gebogen mit eingegrabenen Kronen. Weiterhin standen, das Haus verbergend, ein paar hubsche Fichtenbaume.

    Bis zu ihnen drang Knulp gerauschlos vor, nachdem er den fremden Garten betrachtet hatte, und sah nun zwischen den Baumen hindurch das Haus liegen, die Kuche nach hinten, und er hatte noch nicht lange gewartet, da sah er in der Kuche auch das Madchen mit aufgekrempelten Armeln wirtschaften. Die Hausfrau war dabei und hatte viel zu befehlen und zu lehren, wie es bei Weibern ist, die keine gelernte Magd bezahlen mogen und ihre jahrlich wechselnden Lehrmadchen nachher, wenn sie aus dem Hause sind, nicht genug zu preisen wissen. Ihre Unterweisung und Klage geschah jedoch in einem Ton, der ohne Bosheit war, und die Kleine schien bereits daran gewohnt, denn sie tat unbeirrt und mit glatter Miene ihre Arbeit.

    Der Eindringling stand an einen Stamm gelehnt mit vorgestrecktem Kopf, neugierig und wachsam wie ein Jager, und lauschte mit vergnugter Geduld als ein Mann, dessen Zeit wohlfeil ist und der gelernt hat, als Zuschauer und Zuhorer am Leben teilzunehmen. Er freute sich am Anblick des Madchens, wenn es durchs Fenster sichtbar wurde, und er schlo? aus der Mundart der Hausfrau, da? sie keine geborene Lachstetterin, sondern ein paar Stunden weiter oben im Tale daheim sei. Ruhig horchte er und kaute auf einem duftenden Tannenzweig eine halbe Stunde und eine ganze Stunde lang, bis die Frau verschwand und es still in der Kuche wurde.

    Er wartete noch eine kleine Weile, dann trat er behutsam vor und klopfte mit einem durren Zweig ans Kuchenfenster. Die Magd achtete nicht darauf, er mu?te noch zweimal klopfen. Da kam sie ans halboffene Fenster, tat es vollends auf und schaute heraus.

    »Ja, was tut denn Ihr da?« rief sie halblaut. »Jetzt war ich fast erschrocken.«

    »Vor mir doch nicht!« meinte Knulp und lachelte. »Ich wollte blo? einmal Gru?gott sagen und sehen, wie’s geht. Und weil namlich heut Samstag ist, mochte ich fragen, ob Ihr morgen nachmittag etwa frei habet, zu einem kleinen Spaziergang.«

    Sie sah ihn an und schuttelte den Kopf, und da machte er ein so trostlos betrubtes Gesicht, da? es ihr ganz leid tat.

    »Nein,« sagte sie freundlich, »morgen hab ich nicht frei, nur vormittags fur die Kirche.«

    »So, so,« brummte Knulp. »Ja, dann konntet Ihr aber gewi? heut abend mitkommen.«

    »Heut abend? Ja, frei hatte ich schon, aber da will ich einen Brief schreiben, an meine Leute daheim.«

    »O, den schreibt Ihr dann eben eine Stunde spater, er geht heut nacht doch nimmer fort. Sehet Ihr, ich hab mich schon so gefreut, bis ich wieder ein bi?chen mit Euch reden kann, und heut abend, wenn’s nicht gerade Katzen hagelt, hatten wir so schon spazieren gehen konnen. Gelt, seiet lieb, Ihr werdet doch vor mir keine Angst haben!«

    »Angst hab ich gar keine, einmal vor Euch nicht. Aber es geht halt nicht. Wenn man sieht, da? ich mit einem Mannsbild spazieren geh –«

    »Aber Barbele, es kennt Euch ja hier kein Mensch. Und es ist doch wahrhaftig keine Sunde und geht niemand was an. Ihr seid doch kein Schulmadchen mehr, gelt? Also vergesset es nicht, ich bin um acht Uhr bei der Turnhalle drunten, da wo die Schranken fur den Viehmarkt sind. Oder soll ich fruher kommen? Ich kann es schon richten.«

    »Nein, nein, nicht fruher. Uberhaupt – Ihr musset gar nicht kommen, es geht nicht, und ich darf nicht ––«

    Wieder zeigte er das knabenhaft betrubte Gesicht.

    »Ja, wenn Ihr halt gar nicht moget!« sagte er traurig. »Ich habe gedacht, Ihr seid hier fremd und allein und habet manchmal das Heimweh, und ich auch, und da hatten wir einander ein bi?chen erzahlen konnen, von Achthausen hatt ich gern noch mehr gehort, weil ich doch einmal dort war. Ja nun, zwingen kann ich Euch nicht, und Ihr musset mir’s auch nicht ubelnehmen.«

    »Ach was ubelnehmen! Aber wenn ich doch nicht kann.«

    »Ihr habt ja frei heut abend, Barbele. Ihr moget blo? nicht. Aber vielleicht uberlegt Ihr’s Euch noch. Ich mu? jetzt gehen, und heut abend bin ich an der Turnhalle und warte, und wenn niemand kommt, dann geh ich allein spazieren und denk an Euch und da? Ihr jetzt nach Achthausen schreibet. Also adieu, und nichts fur ungut!«

    Er nickte kurz und war weg, ehe sie noch etwas sagen konnte. Sie sah ihn hinter den Baumen verschwinden und machte ein ratloses Gesicht. Dann kehrte sie zur Arbeit zuruck, und plotzlich begann sie – die Frau war ausgegangen – laut und schon dazu zu singen.

    Knulp horte es wohl. Er sa? wieder auf dem Gerbersteg und machte kleine Kugeln aus einem Stuckchen Brot, das er bei Tische zu sich gesteckt hatte. Die Brotkugeln lie? er sachte ins Wasser fallen, eine nach der andern, und schaute nachdenklich zu, wie sie untersanken, ein wenig von der Stromung abgetrieben, und wie sie unten auf dem dunklen Grunde von den stillen gespenstischen Fischen aufgeschnappt wurden.

       * * * * *

    »So,« sagte der Gerbermeister beim Nachtessen, »jetzt ist’s Samstag abend, und du wei?t gar nicht, wie schon das ist, wenn man es die ganze Woche streng gehabt hat.«

    »O, ich kann’s mir schon denken,« lachelte Knulp, und die Meisterin lachelte mit und sah ihm schalkhaft ins Gesicht.

    »Heut abend,« fuhr Rothfu? im festlichen Tone fort, »heut abend trinken wir einen guten Krug Bier miteinander, meine Alte holt ihn gleich, gelt? Und morgen, wenn es gut Wetter gibt, machen wir alle drei einen Ausflug. Was meinst du, alter Freund?«

    Knulp schlug ihn kraftig auf die Schulter.

    »Man hat es gut bei dir, das mu? ich sagen, und auf den Ausflug freu ich mich schon. Hingegen heut abend habe ich eine Besorgung, es ist ein Freund von mir hier, den mu? ich treffen, er hat in der oberen Schmiede gearbeitet und reist morgen fort. – Ja, es tut mir leid, aber morgen sind wir ja den ganzen Tag beieinander, sonst hatt ich mich auch gar nicht darauf eingelassen.«

    »Du wirst doch nicht jetzt in der Nacht herumlaufen wollen, wo du noch halb krank bist.«

    »Ach was, zu arg darf man sich auch nicht verwohnen. Ich komme nicht spat heim. Wo tust du den Schlussel hin, da? ich dann herein kann?«

    »Du bist ein Eigensinn, Knulp. Also dann geh halt, und den Schlussel findest du hinterm Kellerladen. Du wei?t doch, wo?«

    »Jawohl. Dann geh ich jetzt. Leget Euch nur zeitig ins Bett! Gut Nacht. Gut Nacht, Frau Meisterin.«

    Er ging, und als er schon unten beim Haustor war, kam ihm hastig die Meistersfrau nachgelaufen. Sie brachte einen Regenschirm, den mu?te Knulp mitnehmen, er mochte wollen oder nicht.

    »Sie mussen auch Sorge zu sich haben, Knulp,« sagte sie. »Und jetzt will ich Ihnen zeigen, wo Sie nachher den Schlussel finden.«

    Sie nahm ihn in der Dunkelheit bei der Hand und fuhrte ihn um die Hausecke und machte vor einem Fensterchen halt, das mit Holzladen verschlossen war.

    »Hinter den Laden legen wir den Schlussel,« berichtete sie aufgeregt und flusternd und streichelte Knulps Hand. »Sie mussen dann blo? durch den Ausschnitt langen, er liegt auf dem Simsen.«

    »Ja, danke schon,« sagte Knulp verlegen und zog seine Hand zuruck.

    »Soll ich Ihnen ein Bier aufheben, bis Sie wiederkommen?« fing sie wieder an und druckte sich leise gegen ihn.

    »Nein, danke, ich trinke selten eins. Gut Nacht, Frau Rothfu?, und danke schon.«

    »Pressiert’s denn so?« flusterte sie zartlich und kniff ihn in den Arm. Ihr Gesicht stand dicht vor dem seinen, und in einer verlegenen Stille, da er sie nicht mit Gewalt zurucksto?en mochte, strich er mit der Hand uber ihr Haar.

    »Aber jetzt mu? ich weiter,« rief er plotzlich uberlaut und trat zuruck.

    Sie lachelte ihn mit halb geoffnetem Munde an, er konnte im Dunkeln ihre Zahne schimmern sehen. Und sie rief ganz leise: »Ich warte dann, bis du heimkommst. Du bist ein Lieber.«

    Nun ging er rasch davon in die finstere Gasse hinein, den Schirm unterm Arme, und begann bei der nachsten Ecke, um der torichten Beklommenheit Herr zu werden, zu pfeifen. Es war das Lied:

    Du meinst’, ich werd’ dich nehmen,
    Hab’s aber nicht im Sinn,
    Ich mu? mich deiner schamen,
    Wenn ich in G’sellschaft bin.

    Die Luft ging lau, und zuweilen traten Sterne am schwarzen Himmel heraus. In einem Wirtshaus larmte junges Volk, dem Sonntag entgegen, und im Pfauen sah er hinter den Fenstern der neuen Kegelbahn eine burgerliche Herrengesellschaft in Hemdarmeln beieinander stehen, Kegelkugeln in den Handen wagend und Zigarren im Munde.

    Bei der Turnhalle machte Knulp halt und schaute sich um. In den kahlen Kastanienbaumen sang schwach der feuchte Wind, der Flu? stromte unhorbar in tiefer Schwarze und spiegelte ein paar erleuchtete Fenster wider. Die milde Nacht tat dem Landstreicher in allen Fibern wohl, er atmete spurend und ahnte Fruhling, Warme, trockene Stra?en und Wanderschaft. Sein unerschopfliches Gedachtnis uberschaute die Stadt, das Flu?tal und die ganze Gegend, er wu?te uberall Bescheid, er kannte Stra?en und Fu?wege, Dorfer, Weiler, Hofe, befreundete Nachtherbergen. Scharf dachte er nach und stellte den Plan fur seine nachste Wanderung auf, da hier in Lachstetten seines Bleibens doch nimmer sein konnte. Er wollte nur, wenn es ihm die Frau nicht zu schwer machte, dem Freunde zulieb noch uber diesen Sonntag bleiben.

    Vielleicht, dachte er, hatte er dem Gerber einen Wink geben sollen, seiner Meisterin wegen. Aber er liebte es nicht, seine Hande in anderer Leute Sorgen zu stecken, und er hatte kein Bedurfnis, die Menschen besser oder kluger machen zu helfen. Es tat ihm leid, da? es so gegangen war, und seine Gedanken an die ehemalige Ochsenkellnerin waren keineswegs freundlich; aber er dachte auch mit einem gewissen Spott an des Gerbers wurdige Reden uber Hausstand und Ehegluck. Er kannte das, es war meistens nichts damit, wenn einer mit seinem Gluck oder mit seiner Tugend sich ruhmte und gro? tat, mit des Flickschneiders Frommigkeit war es einst ebenso gewesen. Man konnte den Leuten in ihrer Dummheit zusehen, man konnte uber sie lachen oder Mitleid mit ihnen haben, aber man mu?te sie ihre Wege gehen lassen.

    Mit einem gedankenvollen Seufzer tat er diese Sorgen beiseite. Er lehnte sich in die Hohlung einer alten Kastanie, der Brucke gegenuber, und dachte weiter seiner Wanderschaft nach. Er ware gerne quer uber den Schwarzwald gegangen, aber da oben war es jetzt kalt, und vermutlich lag noch viel Schnee, man verdarb sich die Stiefel, und die Schlafgelegenheiten waren weit auseinander. Nein, damit war es nichts, er mu?te den Talern nachgehen und sich an die Stadtchen halten. Die Hirschenmuhle, vier Stunden weiter unten am Flu?, war der erste sichere Rastort, dort wurde man ihn bei schlechtem Wetter ein, zwei Tage behalten.

    Wie er so in Gedanken stand und kaum mehr daran dachte, da? er auf jemanden warte, erschien in Dunkelheit und Zugwind auf der Brucke eine schmale angstliche Gestalt und kam zogernd naher. Er erkannte sie sofort, lief ihr freudig und dankbar entgegen und schwang den Hut.

    »Das ist lieb, da? Ihr kommet, Barbele, ich habe schon beinah nimmer dran geglaubt.«

    Er ging zu ihrer Linken und fuhrte sie die Allee flu?aufwarts. Sie war zaghaft und schamte sich.

    »Es war doch nicht recht,« sagte sie wieder und wieder. »Wenn uns nur niemand sieht!«

    Knulp aber hatte eine Menge zu fragen, und bald wurden die Schritte des Madchens ruhiger und gleichma?iger, und schlie?lich ging sie leicht und munter neben ihm wie ein Kamerad und erzahlte, von seinen Fragen und Einwurfen erwarmt, mit Begier und Eifer von ihrer Heimat, von Vater und Mutter, Bruder und Gro?mama, von den Enten und Huhnern, von Hagelschlag und Krankheiten, von Hochzeiten und Kirchweihfesten. Ihr kleiner Schatz an Erlebnissen tat sich auf und war gro?er, als sie selber geglaubt hatte, und schlie?lich kam die Geschichte ihrer Verdingung und ihres Abschieds von daheim, ihr jetziger Dienst und das Hauswesen ihres Dienstherren an die Reihe.

    Sie waren langst weit vor dem Stadtchen drau?en, ohne da? Barbele auf den Weg geachtet hatte. Nun hatte sie sich von einer langen, truben Woche des Fremdseins, Schweigens und Duldens im Plaudern erlost und war ganz lustig geworden.

    »Wo sind wir denn aber?« rief sie plotzlich verwundert. »Wo laufen wir denn hin?«

    »Wenn es Euch recht ist, gehen wir nach Gertelfingen hinein, wir sind gleich dort.«

    »Gertelfingen? Was sollen wir da? Wir wollen lieber umkehren, es wird spat.«

    »Wann musset Ihr denn daheim sein, Barbele?«

    »Um zehne. Da wird’s Zeit. Es ist ein netter Spaziergang gewesen.«

    »Bis zehne ist’s noch lang,« sagte Knulp, »und ich will gewi? dran denken, da? Ihr zur Zeit heimkommet. Aber weil wir doch nimmer so jung zusammen kommen, so konnten wir eigentlich heut noch einen Tanz miteinander riskieren. Oder moget Ihr nicht tanzen?«

    Sie sah ihn gespannt und verwundert an.

    »O, tanzen mag ich immer. Aber wo denn? Hier mitten in der Nacht drau?en?«

    »Ihr musset wissen, wir sind gleich in Gertelfingen, und da ist Musik im Lowen. Wir konnen hinein gehen, blo? auf einen einzigen Tanz, und dann gehen wir heim und haben einen schonen Abend gehabt.«

    Barbele blieb zweifelnd stehen.

    »Es ware lustig,« meinte sie langsam. »Aber was soll man von uns denken? Ich will nicht fur so eine angeschaut werden, und ich will auch nicht, da? man meint, wir zwei gehoren zusammen.«

    Und plotzlich lachte sie ubermutig auf und rief: »Namlich, wenn ich spater einmal einen Schatz haben will, dann mu? es kein Gerber sein. Ich will Euch nicht beleidigen, aber Gerber ist doch ein unsauberes Handwerk.«

    »Da habet Ihr vielleicht recht,« sagte Knulp gutmutig. »Ihr sollet mich ja auch nicht heiraten. Es wei? kein Mensch, da? ich ein Gerber bin und da? Ihr so stolz seid, und die Hande hab ich mir gewaschen, und wenn Ihr also einmal mit mir herumtanzen wollt, so seid Ihr eingeladen. Sonst kehren wir um.«

    Sie sahen in der Nacht das erste Haus des Dorfes mit einem bleichen Giebel aus Gebuschen schauen, und Knulp sagte plotzlich »Bst!« und hob den Finger auf, und da horten sie vom Dorfe her die Tanzmusik, eine Ziehharmonika und eine Geige, tonen.

    »Also denn!« lachte das Madchen, und sie gingen rascher.

    Im Lowen tanzten nur vier oder funf Paare, lauter junge Leute, die Knulp nicht kannte. Es ging still und anstandig zu, und niemand belastigte das fremde Paar, das sich dem nachsten Tanz anschlo?. Sie machten einen Landler und eine Polka mit, dann kam ein Walzer, den Barbele nicht konnte. Sie sahen zu und tranken einen Pfiff Bier, weiter reichte Knulps Barschaft nicht.

    Barbele war beim Tanzen warm geworden und blickte nun mit glanzenden Augen in den kleinen Saal.

    »Jetzt war es eigentlich Zeit zum Heimgehen,« sagte Knulp, als es halb zehn Uhr war.

    Sie fuhr auf und sah ein wenig traurig aus.

    »Ach schade!« sagte sie leise.

    »Wir konnen ja noch dableiben.«

    »Nein, ich mu? heim. Und schon war’s.«

    Sie gingen weg, aber unter der Tur fiel es dem Madchen ein: »Wir haben ja der Musik gar nichts gegeben.«

    »Ja,« meinte Knulp etwas verlegen, »sie hatten wohl einen Zwanziger verdient. Aber es steht leider so mit mir, da? ich keinen habe.«

    Sie wurde eifrig und zog ihren kleinen gestrickten Geldbeutel aus der Tasche.

    »Warum saget Ihr auch nichts? Da ist ein Zwanziger, gebet den!«

    Er nahm das Geldstuck und brachte es den Musikanten, dann gingen sie hinaus und mu?ten vor der Haustur einen Augenblick stehen bleiben, bis sie in der tiefen Dunkelheit den Weg sahen. Der Wind ging starker und fuhrte einzelne Regentropfen.

    »Soll ich den Schirm auftun?« fragte Knulp.

    »Nein, bei dem Wind, wir kamen ja nicht weiter. Es ist nett gewesen da drinnen. Ihr konnet’s fast wie ein Tanzmeister, Gerber.«

    Sie plauderte frohlich fort. Ihr Freund aber war still geworden, vielleicht da? er mude ward, vielleicht da? er den nahen Abschied furchtete.

    Plotzlich fing sie an zu singen: »Bald gras’ ich am Neckar, bald gras’ ich am Rhein.« Ihre Stimme klang warm und rein, und beim zweiten Vers fiel Knulp mit ein und sang die zweite Stimme so sicher, tief und schon, da? sie mit Behagen darauf horchte.

    »So, ist jetzt das Heimweh vergangen?« fragte er am Ende.

    »O ja,« lachte sie hell. »Wir mussen wieder einmal so einen Spaziergang machen.«

    »Das tut mir leid,« antwortete er leiser. »Es wird wohl der letzte gewesen sein.«

    Da blieb sie stehen. Sie hatte nicht genau zugehort, aber der betrubte Klang seiner Worte war ihr aufgefallen.

    »Ja, was ist denn?« fragte sie leicht erschrocken. »Habt Ihr was gegen mich?«

    »Nein, Barbele. Aber morgen mu? ich fort, ich habe gekundigt.«

    »Was Ihr nicht saget! Ist’s wahr? Das tut mir aber leid.«

    »Um mich mu? es Euch nicht leid sein. Lang war’ ich doch nicht geblieben, und ich bin ja auch blo? ein Gerber. Ihr musset bald einen Schatz haben, einen recht schonen, dann kommt das Heimweh nimmer, Ihr werdet sehen.«

    »Ach, redet nicht so! Ihr wisset, da? ich Euch ganz gern habe, wenn Ihr auch nicht mein Schatz seid.«

    Sie schwiegen beide, der Wind pfiff ihnen ins Gesicht. Knulp ging langsamer. Sie waren schon nah bei der Brucke. Schlie?lich blieb er stehen.

    »Ich will Euch jetzt adieu sagen, es ist besser, Ihr gehet die paar Schritte noch allein.«

    Barbele sah ihm mit aufrichtiger Betrubnis ins Gesicht.

    »Es ist also Ernst? Dann sage ich Euch auch noch meinen Dank. Ich will es nicht vergessen. Und alles Gute auch!«

    Er nahm ihre Hand und zog sie an sich, und wahrend sie angstlich und verwundert in seine Augen sah, nahm er ihren Kopf mit den vom Regen feuchten Zopfen in beide Hande und sagte flusternd: »Adieu denn, Barbele. Ich will jetzt zum Abschied noch einen Ku? von Euch haben, da? Ihr mich nicht ganz vergesset.«

    Ein wenig zuckte sie und strebte zuruck, aber sein Blick war gut und traurig, und sie sah erst jetzt, wie schone Augen er habe. Ohne die ihren zu schlie?en, empfing sie ernsthaft seinen Ku?, und da er darauf mit einem schwachen Lacheln zogerte, bekam sie Tranen in die Augen und gab ihm den Ku? herzhaft zuruck.

    Dann ging sie schnell davon und war schon uber der Brucke, da kehrte sie plotzlich um und kam wieder zuruck. Er stand noch am selben Ort.

    »Was ist, Barbele?« fragte er. »Ihr musset heim.«

    »Ja, ja, ich geh schon. Ihr durfet nicht schlecht von mir denken!«

    »Das tu ich gewi? nicht.«

    »Und wie ist denn das, Gerber? Ihr habet doch gesagt, Ihr hattet gar kein Geld mehr? Ihr krieget doch noch Lohn, eh Ihr fortgeht?«

    »Nein, Lohn kriege ich keinen mehr. Aber es macht nichts, ich komme schon durch, da musset Ihr Euch keine Gedanken machen.«

    »Nein, nein! Ihr musset etwas im Sack haben. Da!«

    Sie steckte ihm ein gro?es Geldstuck in die Hand, er spurte, da? es ein Taler war.

    »Ihr konnet mir’s einmal wiedergeben oder schicken, spater einmal.«

    Er hielt sie an der Hand zuruck.

    »Das geht nicht. So durfet Ihr nicht mit Eurem Geldlein umgehen! Das ist ja ein ganzer Taler. Nehmt ihn wieder! Nein, Ihr musset! So. Man mu? nicht unvernunftig sein. Wenn Ihr was Kleines bei Euch habt, einen Funfziger oder so, das nehm ich gerne, weil ich in der Not bin. Aber mehr nicht.«

    Sie stritten noch ein wenig, und Barbele mu?te ihren Geldbeutel herzeigen, weil sie sagte, sie habe nichts als den Taler. Es war aber nicht so, sie hatte auch noch eine Mark und einen kleinen silbernen Zwanziger, die damals noch galten. Den wollte er haben, aber das war ihr zu wenig, und dann wollte er gar nichts nehmen und fortgehen, aber schlie?lich behielt er das Markstuck, und sie lief nun im Trabe heimwarts.

    Unterwegs dachte sie bestandig daruber nach, warum er sie jetzt nicht noch einmal geku?t habe. Bald wollte es ihr leid tun, bald fand sie es gerade besonders lieb und anstandig, und dabei blieb sie schlie?lich.

    Eine gute Stunde spater kam Knulp nach Hause. Er sah im Wohnzimmer droben noch Licht brennen, also sa? die Meisterin noch auf und wartete auf ihn. Er spuckte argerlich aus und ware beinahe davongelaufen, gleich jetzt in die Nacht hinein. Aber er war mude, und es wurde regnen, und dem Wei?gerber wollte er das auch nicht antun, und au?erdem spurte er auf diesen Abend hin noch Lust zu einem bescheidenen Schabernack.

    So fischte er denn den Schlussel aus seinem Versteck heraus, schlo? vorsichtig wie ein Dieb die Hausture auf, zog sie hinter sich zu, schlo? mit zusammengepre?ten Lippen gerauschlos ab und versorgte den Schlussel sorgfaltig am alten Platz. Dann stieg er auf Socken, die Schuhe in der Hand, die Stiege hinauf, sah Licht durch eine Ritze der angelehnten Stubentur und horte die beim langen Warten eingeschlafene Meisterin drinnen auf dem Kanapee tief in langen Zugen atmen. Darauf stieg er unhorbar in seine Kammer hinauf, schlo? sie von innen fest ab und ging ins Bett. Aber morgen, das war beschlossen, wurde abgereist.




    Meine Erinnerung an Knulp


    Es war noch mitten in der frohlichen Jugendzeit, und Knulp war noch am Leben. Wir wanderten damals, er und ich, in der gluhenden Sommerszeit durch eine fruchtbare Gegend und hatten wenig Sorgen. Tagsuber schlenderten wir an den gelben Kornfeldern hin oder lagen auch unter einem kuhlen Nu?baum oder am Waldesrand, am Abend aber horte ich zu, wie Knulp den Bauern Geschichten erzahlte, den Kindern Schattenspiele vormachte und fur die Madchen seine vielen Lieder sang. Ich horte mit Freude zu und ohne Neid, nur wenn er unter den Madchen stand und sein braunes Gesicht wetterleuchtete und die Jungfern zwar viel lachten und spotteten, aber mit unverwandten Blicken an ihm hingen, da schien es mir zuweilen, er sei doch ein seltener Glucksvogel oder ich das Gegenteil, und dann ging ich manchmal zur Seite, um nicht so uberflussig dabei zu stehen, und begru?te entweder den Pfarrer in seiner Wohnstube um ein gescheites Abendgesprach und ein Nachtlager, oder ich setzte mich ins Gasthaus zu einem stillen Wein.

    Eines Nachmittags, erinnere ich mich, kamen wir an einem Kirchhof voruber, der samt einer kleinen Kapelle verlassen zwischen den Feldern lag, weit weg vom nachsten Dorf, und mit seinen dunkeln Gebuschen uberm Mauerkranz recht friedvoll und heimatlich in dem hei?en Lande ruhte. Am Eingangsgitter standen zwei gro?e Kastanienbaume, es war aber verschlossen, und ich wollte weitergehen. Doch Knulp mochte nicht, er schickte sich an, uber die Mauer zu steigen.

    Ich fragte: »Schon wieder Feierabend?«

    »Wohl, wohl, sonst tun mir bald die Sohlen weh.«

    »Ja, mu? es denn gerade ein Kirchhof sein?«

    »Ganz gern, komm du nur mit. Die Bauern gonnen sich nicht viel, das wei? ich wohl, aber unter der Erde wollen sie’s doch gut haben. Darum lassen sie sich’s gern eine Muhe kosten und pflanzen was Sauberes auf die Graber und daneben.«

    Da stieg ich mit hinuber und sah, da? er recht hatte, denn es lohnte sich wohl, uber das Mauerlein zu klettern. Da innen lagen in geraden und in krummen Reihen die Graber nebeneinander, die meisten mit einem wei?en Kreuz von Holz versehen, und darauf und daruber war es grun und blumenfarbig. Da gluhte freudig Winde und Geranium, im tiefern Schatten auch noch spater Goldlack, und Rosenbusche hingen voller Rosen, und Fliederbaume und Holunderbaume standen dick im Holz und Laub, da? es wie ein Lustgarten war.

    Wir schauten alles ein wenig an und setzten uns dann im Grase, das stellenweise hoch und in Blute stand, und ruhten aus und wurden kuhl und zufrieden.

    Knulp las den Namen auf dem nachsten Kreuz und sagte: »Der hei?t Engelbert Auer und ist uber sechzig Jahr alt geworden. Dafur liegt er jetzt unter Reseden, was eine feine Blume ist, und hat es ruhig. Reseden mocht ich schon auch einmal haben, und einstweilen nehm ich eine von den hiesigen mit.«

    Ich sagte: »La? sie nur und nimm was anderes, Reseden welken bald.«

    Er brach doch eine ab und steckte sie auf seinen Hut, der neben ihm im Grase lag.

    »Wie es da schon still ist!« sagte ich.

    Und er: »Ja, schon. Und wenn es noch ein wenig stiller war, so konnten wir wohl die da drunten reden horen.«

    »Das nicht. Die haben ausgeredet.«

    »Wei? man’s? Man sagt doch immer, der Tod ist ein Schlaf, und im Schlaf redet man oft und singt auch mitunter.«

    »Du vielleicht schon.«

    »Ja, warum nicht? Und wenn ich verstorben war, da wurd ich warten, bis am Sonntag die Madlein heruberkommen und still herumstehen und sich von einem Grab ein Blumlein abbrechen, und dann wurd ich ganz leis anfangen singen.«

    »So, und was denn?«

    »Was? Irgendein Lied.«

    Er legte sich lang auf den Boden, machte die Augen zu und fing bald mit einer leisen, kindlichen Stimme an zu singen:

    »Weil ich fruh gestorben bin,
    Drum singet mir, ihr Jungferlein,
    Ein Abschiedslied.
    Wenn ich wiederkomm,
    Wenn ich wiederkomm,
    Bin ich ein schoner Knabe.«

    Ich mu?te lachen, obwohl das Lied mir gut gefiel. Er sang schon und zart, und wenn manchmal die Worte keinen volligen Sinn hatten, war doch die Melodie recht fein und machte es schon.

    »Knulp,« sagte ich, »versprich den Jungfern nicht zu viel, sonst horen sie dir bald nimmer zu. Das mit dem Wiederkommen ist schon recht, aber gewi? wei? das kein Mensch, und ob du dann gerade ein schoner Knabe wirst, das ist erst recht nicht sicher.«

    »Sicher ist es nicht, das stimmt. Aber es ware mir lieb. Wei?t du noch, vorgestern, der kleine Bub mit der Kuh, den wir nach dem Weg gefragt haben? So war ich gern wieder einer. Du nicht auch?«

    »Nein, ich nicht. Ich habe einmal einen alten Mann gekannt, wohl uber siebzig, der hat so still und gut geblickt, und mir kam es vor, als konne an ihm nur Gutes und Kluges und Stilles sein. Und seither denk ich hie und da, so mocht ich gern auch einer werden.«

    »Ja, da fehlt dir noch ein Stuckchen dran, wei?t du. Und es ist uberhaupt komisch mit dem Wunschen. Wenn ich jetzt im Augenblick blo? zu nicken brauchte und ware dann so ein netter kleiner Bub, und du brauchtest blo? zu nicken und warst ein feiner milder alter Kerl, so wurde doch keiner von uns nicken. Sondern wir wurden ganz gern bleiben, wie wir sind.«

    »Das ist auch wahr.«

    »Wohl. Und auch sonst, schau. Oft denk ich mir: Das Allerschonste und Allerfeinste, was es uberhaupt gibt, das ist ein schlankes junges Fraulein mit einem blonden Haar. Stimmt aber nicht, denn man sieht oft genug, da? eine Schwarze fast noch schoner ist. Und au?erdem, es geschieht auch wieder, da? mir so scheint: Das Allerschonste und das Feinste von allem ist doch ein schoner Vogel, wenn man ihn so frei in der Hohe sieht schweben. Und ein andermal ist gar nichts so wundersam wie ein Schmetterling, ein wei?er zum Beispiel mit roten Augen auf den Flugeln, oder auch ein Sonnenschein am Abend in den Wolken droben, wenn alles glanzt und doch nicht blendet, und alles dann so froh und unschuldig aussieht.«

    »Ganz recht, Knulp. Es ist eben alles schon, wenn man es in der guten Stunde anschaut.«

    »Ja. Aber ich denke noch anders. Ich denke, das Schonste ist immer so, da? man dabei au?er dem Vergnugen auch noch eine Trauer hat oder eine Angst.«

    »Ja wie denn?«

    »Ich meine so: Eine recht schone Jungfer wurde man vielleicht nicht gar so fein finden, wenn man nicht wu?te, sie hat ihre Zeit und danach mu? sie alt werden und sterben. Wenn etwas Schones immerfort in alle Ewigkeit gleich bleiben sollte, das wurde mich wohl freuen, aber ich wurd es dann kalter anschauen und denken: Das siehst du immer noch, es mu? nicht heute sein. Dagegen was hinfallig ist und nicht gleich bleiben kann, das schaue ich an und habe nicht blo? Freude, sondern auch ein Mitleid dabei.«

    »Nun ja.«

    »Darum wei? ich auch nichts Feineres, als wenn irgendwo bei Nacht ein Feuerwerk angestellt wird. Da gibt es blaue und grune Leuchtkugeln, die steigen in die Finsternis hinauf und wenn sie gerade am schonsten sind, dann machen sie einen kleinen Bogen und sind aus. Und wenn man dabei zuschaut, so hat man die Freude und auch zu gleicher Zeit die Angst: gleich ist’s wieder aus, und das gehort zueinander und ist viel schoner, als wenn es langer dauern wurde. Nicht?«

    »Doch, wohl. Aber das stimmt auch wieder nicht fur alles.«

    »Warum nicht?«

    »Zum Beispiel, wenn zwei einander gern haben und heiraten, oder wenn zwei miteinander eine Freundschaft schlie?en, so ist das doch gerade deswegen schon, weil es fur die Dauer ist und nicht gleich wieder ein Ende haben soll.«

    Knulp sah mich aufmerksam an, dann blinzelte er mit seinen schwarzen Wimpern und sagte nachdenklich: »Mir ist es auch recht. Aber auch das hat doch einmal sein Ende, wie alles. Da gibt es vielerlei, was einer Freundschaft den Hals brechen kann, und einer Liebe auch.«

    »Schon recht, aber daran denkt man nicht, bevor es kommt.«

    »Ich wei? nicht. – Sieh, du, ich habe zweimal in meinem Leben eine Liebschaft gehabt, ich meine eine richtige, und beidemal wu?te ich gewi?, da? das fur immer sei und nur mit dem Tod aufhoren konne, und beidemal hat es ein Ende gefunden und ich bin nicht gestorben. Auch einen Freund hab ich gehabt, daheim noch in unsrer Stadt, und hatte nicht gedacht, da? wir beide bei Lebzeiten auseinander kommen konnten. Aber wir sind doch auseinander gekommen, schon lang.«

    Er schwieg, und ich wu?te nichts dazu zu sagen. Das Schmerzliche, das in jedem Verhaltnis zwischen Menschen ruht, war mir noch nicht zum Erlebnis geworden, und ich hatte es noch nicht erfahren, da? zwischen zwei Menschen, sie seien noch so eng verbunden, immer ein Abgrund offen bleibt, den nur die Liebe und auch die nur von Stunde zu Stunde mit einem Notsteg uberbrucken kann. Ich dachte uber die vorigen Worte meines Kameraden nach, von denen mir das uber die Leuchtkugeln am besten gefiel, denn ich hatte das selber schon manches Mal empfunden. Die leise lockende Farbenflamme, in die Finsternis aufsteigend und allzubald darin ertrinkend, schien mir ein Sinnbild aller menschlichen Lust, die je schoner sie ist, desto weniger befriedigt und desto rascher wieder vergluhen mu?. Das sagte ich auch zu Knulp.

    Aber er ging nicht darauf ein.

    »Ja, ja,« sagte er nur. Und dann, nach einer guten Weile, mit gedampfter Stimme: »Das Sinnen und Gedankenmachen hat keinen Wert, und man tut ja auch nicht, wie man denkt, sondern tut jeden Schritt eigentlich ganz unuberlegt so, wie das Herz gerade will. Aber das mit dem Freundsein und Verlieben ist vielleicht doch so, wie ich meine. Am Ende hat doch ein jeder Mensch das Seinige ganz fur sich und kann es nicht mit anderen gemein haben. Man sieht es auch, wenn einer stirbt. Da wird geheult und getrauert, einen Tag und einen Monat und auch ein Jahr, aber dann ist der Tote tot und fort, und es konnte in seinem Sarge drin gerade so gut ein heimatloser und unbekannter Handwerksbursch liegen.«

    »Du, das behagt mir aber nicht, Knulp. Wir haben doch oft geredet, da? das Leben schlie?lich einen Sinn haben mu? und da? es einen Wert hat, wenn einer gut und freundlich statt schlecht und feindselig ist. Aber so, wie du jetzt sagst, ist eigentlich alles einerlei, und wir konnten gerade so gut stehlen und totschlagen.«

    »Nein, das konnten wir nicht, mein Lieber. Schlag doch einmal die paar nachsten Leute tot, die wir treffen, wenn du’s vermagst! Oder verlang einmal von einem gelben Schmetterling, er soll blau sein. Der lacht dich aus.«

    »So mein ich’s auch nicht. Aber wenn doch alles einerlei ist, dann hat es keinen Sinn, da? man gut und redlich sein will. Dann gibt es ja kein Gutsein, wenn blau so gut wie gelb und bos so gut wie gut ist. Dann ist eben jeder wie ein Tier im Wald und tut nach seiner Natur und hat weder ein Verdienst noch eine Schuld dabei.«

    Knulp seufzte.

    »Ja, was soll man daruber sagen! Vielleicht ist es so, wie du sagst. Dann wird man auch deswegen oft so dumm betrubt, weil man spurt, da? das Wollen keinen Wert hat, und da? alles ganz ohne uns seinen Weg geht. Aber eine Schuld gibt es deswegen doch, auch wenn einer nicht anders hat konnen als schlecht sein. Denn er spurt es doch in sich. Und darum mu? auch das Gute das Richtige sein, weil man dabei zufrieden bleibt und sein gutes Gewissen hat.«

    Ich sah es seinem Gesicht an, da? er dieser Gesprache satt war. Es ging ihm oft so, er kam ins Philosophieren hinein, stellte Satze auf, redete fur sie und wider sie und horte plotzlich wieder auf. Fruher hatte ich gemeint, er sei dann meiner unzulanglichen Antworten und Einwurfe mude. Aber es war nicht so, sondern er fuhlte, da? seine Neigung zum Spekulieren ihn auf Gelande fuhre, wo seine Kenntnisse und Redemittel nicht ausreichten. Denn er hatte zwar recht viel gelesen, unter anderem Tolstoi, aber er konnte zwischen richtigen und Trugschlussen nicht immer genau unterscheiden und fuhlte das selber. Von den Gelehrten redete er, wie ein begabtes Kind von den Erwachsenen redet: er mu?te anerkennen, da? sie mehr Macht und Mittel hatten als er, aber er verachtete sie, da? sie doch damit nichts Rechtes anfingen und mit allen ihren Kunsten doch keine Ratsel losen konnten.

    Nun lag er wieder, den Kopf auf beiden Handen, starrte durch das schwarze Holunderlaub in den blauen hei?en Himmel und summte ein altes Volkslied vom Rhein vor sich hin. Ich wei? noch den letzten Vers:

    Nun hab ich getragen den roten Rock,
    Nun mu? ich tragen den schwarzen Rock,
    Sechs, sieben Jahr,
    Bis da? mein Lieb verweset war.

       * * * * *

    Spat am Abend sa?en wir am dunklen Rand eines Geholzes einander gegenuber, jeder mit einem gro?en Stuck Brot und einer halben Schutzenwurst, a?en und sahen dem Nachtwerden zu. Vor Augenblicken noch waren die Hugel vom gelben Widerschein des Spathimmels beglanzt und in flaumig schwimmendem Lichtrauch aufgelost gewesen, nun aber standen sie schon dunkel und scharf und malten ihre Baume, Felderrucken und Gebusche schwarz auf den Himmel, der noch ein wenig lichtes Tagesblau, aber schon viel mehr tiefes Nachtblau hatte.

    Solange es noch licht gewesen war, hatten wir einander drollige Sachen aus einem kleinen Buchlein vorgelesen, das hie? »Musenklange aus Deutschlands Leierkasten« und enthielt lauter dumme lustige Schundlieder mit kleinen Holzschnitten. Das hatte nun mit dem Tageslicht sein Ende gefunden. Als wir fertig gegessen hatten, wunschte Knulp Musik zu horen, und ich zog die Mundharfe aus der Tasche, die voller Brosamen war, putzte sie aus und spielte die paar oft gehorten Melodien wieder. Die Dunkelheit, in der wir schon eine Weile sa?en, hatte sich vor uns nun weit in das vielfaltig gewolbte Land hinein verbreitet, auch der Himmel hatte seinen bleichen Schein verloren und lie? im Schwarzerwerden langsam einen Stern um den andern hervorgluhen. Die Tone unserer Harmonika flogen leicht und dunn feldeinwarts und verloren sich bald in den weiten Luften.

    »Wir konnen doch noch nicht gleich schlafen,« sagte ich zu Knulp. »Erzahl mir noch eine Geschichte, sie braucht nicht wahr zu sein, oder ein Marchen.«

    Knulp besann sich.

    »Ja,« sagte er, »eine Geschichte und auch ein Marchen, beides beieinander. Es ist namlich ein Traum. Vorigen Herbst hat es mir so getraumt und seither zweimal ganz ahnlich, das will ich dir erzahlen:

    Da war eine Gasse in einem Stadtlein, ahnlich wie bei mir daheim, alle Hauser streckten die Giebel auf die Gassenseite, aber sie waren hoher, als man sie sonst sieht. Da ging ich hindurch, und es war, wie wenn ich nach einer langen, langen Zeit endlich wieder heimkehrte; aber ich hatte nur eine halbe Freude, denn es war nicht alles in Ordnung, und ich wu?te nicht ganz sicher, ob ich nicht doch am falschen Ort und gar nicht in der Heimat sei. Manche Ecke war ganz, wie es sein sollte, und ich kannte sie sofort wieder, aber viele Hauser waren fremd und ungewohnt, auch fand ich die Brucke und den Weg zum Marktplatz nicht und kam statt dessen an einem unbekannten Garten und an einer Kirche vorbei, die war wie in Koln oder in Basel, mit zwei gro?en Turmen. Unsre Kirche daheim aber hat keine Turme gehabt, sondern nur einen kurzen Stumpen mit einem Notdach, weil sie fruher sich verbaut haben und den Turm nicht fertig machen konnten.

    So war es auch mit den Leuten. Manche, die ich von weitem sah, waren mir ganz wohlbekannt, ich wu?te ihre Namen und hatte sie schon im Mund, um sie damit anzurufen. Aber die einen gingen vorher in ein Haus oder in eine Seitengasse und waren fort, und wenn einer naherkam und an mir vorbeiging, verwandelte er sich und wurde fremd; aber wenn er voruber und wieder weiter weg war, meinte ich im Nachsehen, er sei es doch und ich musse ihn kennen. Ich sah auch ein paar Weiber vor einem Laden beieinander stehen, und eine davon, schien mir’s, war sogar meine verstorbene Tante; aber wie ich zu ihnen gehe, kenne ich sie wieder nimmer und hore auch, da? sie eine ganz fremde Mundart reden, die ich kaum verstehen kann.

    Schlie?lich dachte ich: Wenn ich nur wieder aus der Stadt drau?en ware, sie ist’s und ist’s doch nicht. Doch lief ich immer wieder auf ein bekanntes Haus zu oder einem bekannten Gesicht entgegen, die mich alle auch wieder fur Narren hatten. Dabei wurde ich nicht zornig und verdrie?lich, sondern nur traurig und voller Angst; ich wollte ein Gebet hersagen und besann mich mit aller Kraft, aber es fielen mir nichts als unnutze, dumme Redensarten ein – zum Beispiel ›Sehr geehrter Herr‹ und ›Unter den obwaltenden Umstanden‹ – und die sagte ich verwirrt und traurig vor mich hin.

    Das ging, schien mir, ein paar Stunden lang so weiter, bis ich ganz warm und mud war und vollig willenlos immer weiterstolperte. Es war schon Abend, und ich nahm mir vor, den nachsten Menschen nach der Herberge oder nach der Landstra?e zu fragen, aber ich konnte keinen anreden, und alle gingen an mir vorbei, wie wenn ich Luft ware. Bald hatte ich vor Mudigkeit und Verzweiflung geweint.

    Da auf einmal ging es wieder um eine Ecke, und da sah ich unsere alte Gasse vor mir liegen, ein wenig gemodelt und verziert zwar, aber das storte mich jetzt nimmer viel. Ich ging darauf los und kannte ein Haus ums andere trotz der Traumschnorkel deutlich wieder, und endlich auch unser altes vaterliches Haus. Es war ebenfalls ubernaturlich hoch, sonst aber fast ganz wie in alten Zeiten, und die Freude und Aufregung lief mir wie ein Grausen den Rucken hinauf.

    Unter dem Tor aber stand meine erste Liebste, die hat Henriette gehei?en. Nur sah sie gro?er und etwas anders aus als fruher, war aber nur noch schoner geworden. Im Naherkommen sah ich sogar, da? ihre Schonheit wie ein Wunderwerk war und ganz engelhaft erschien, doch merkte ich nun auch, da? sie hellblond war und nicht braun wie die Henriette, und doch war sie es auf und nieder, wenn auch verklart.

    ›Henriette!‹ rief ich hinuber und zog den Hut ab, weil sie so fein und herrlich aussah, da? ich nicht wu?te, ob sie mich noch werde kennen wollen.

    Sie drehte sich ganz herum und sah mir in die Augen. Aber wie sie mir so ins Auge sieht, mu?te ich mich verwundern und schamen, denn es war gar nicht die, fur die ich sie angesprochen hatte, sondern es war die Lisabeth, meine zweite Liebste, mit der ich lange gegangen war.

    ›Lisabeth!‹ rief ich also jetzt, und streckte ihr die Hand hin.

    Sie sah mich an, das ging bis ins Herz, wie wenn Gott einen anschauen wurde, nicht streng und etwa hochmutig, sondern ganz ruhig und klar, aber so geistig und uberlegen, da? ich mir wie ein Hund vorkam. Und sie wurde im Anschauen ernst und traurig, dann schuttelte sie den Kopf wie auf eine vorlaute Frage, nahm auch meine Hand nicht an, sondern ging ins Haus zuruck und zog das Tor still hinter sich zu. Ich horte noch das Schlo? einschnappen.

    Da kehrte ich um und ging fort, und obschon ich vor Tranen und Leidwesen kaum aus den Augen sah, war es doch merkwurdig, wie die Stadt sich wieder verwandelt hatte. Es war jetzt namlich jede Gasse und jedes Haus und alles genau wie in fruherer Zeit und das Unwesen ganz verschwunden. Die Giebel waren nicht mehr so hoch und hatten die alten Farben, die Leute waren es wirklich und schauten mich froh und verwundert an, wenn sie mich wieder kannten, auch riefen manche mich mit meinem Namen an. Aber ich konnte keine Antwort geben und auch nicht stehen bleiben. Statt dessen lief ich mit aller Macht den wohlbekannten Weg uber die Brucke und vor die Stadt hinaus und sah alles nur aus nassen Augen vor Herzweh. Ich wu?te nicht warum, mir schien nur, es sei hier fur mich alles verloren und ich musse in Schande fortlaufen.

    Dann, wie ich vor der Stadt drau?en unter den Pappeln war und ein wenig anhalten mu?te, fiel mir’s erst ein, da? ich daheim und vor unserem Haus gewesen sei und an Vater und Mutter, Geschwister und Freunde und alles mit keinem Gedanken gedacht habe. Es war eine Verwirrung, Kummernis und Scham in meinem Herzen wie noch niemals. Aber ich konnte nicht umkehren und alles gutmachen, denn der Traum war aus, und ich wurde wach.«

       * * * * *

    Knulp sagte: »Ein jeder Mensch hat seine Seele, die kann er mit keiner anderen vermischen. Zwei Menschen konnen zueinander gehen, sie konnen miteinander reden und nah beieinander sein. Aber ihre Seelen sind wie Blumen, jede an ihrem Ort angewurzelt, und keine kann zu der andern kommen, sonst mu?te sie ihre Wurzel verlassen, und das kann sie eben nicht. Die Blumen schicken ihren Duft und ihren Samen aus, weil sie gern zueinander mochten; aber da? ein Same an seine rechte Stelle kommt, dazu kann die Blume nichts tun, das tut der Wind, und der kommt her und geht hin, wie und wo er will.«

    Und spater: »Der Traum, den ich dir erzahlt habe, hat vielleicht die gleiche Bedeutung. Ich habe weder der Henriette mit Wissen unrecht getan noch der Lisabeth. Aber durch das, da? ich beide einmal liebgehabt und zu eigen habe nehmen wollen, sind sie fur mich zu einer solchen Traumgestalt geworden, die beiden ahnlich sieht und doch keine ist. Die Gestalt gehort mir eigen, aber sie ist nichts Lebendiges mehr. So habe ich auch oft uber meine Eltern nachdenken mussen. Die meinen, ich sei ihr Kind und ich sei wie sie. Aber wenn ich sie auch lieben mu?, bin ich doch ihnen ein fremder Mensch, den sie nicht verstehen konnen. Und das, was die Hauptsache an mir und vielleicht gerade meine Seele ist, das finden sie nebensachlich und schreiben es meiner Jugend oder Laune zu. Dabei haben sie mich gern und taten mir gern alles Liebe. Ein Vater kann seinem Kind die Nase und die Augen und sogar den Verstand zum Erbe mitgeben, aber nicht die Seele. Die ist in jedem Menschen neu.«

    Ich hatte nichts dazu zu sagen, da ich diese Gedankenwege damals noch nicht, wenigstens nicht aus eigenem Bedurfnis, gegangen war. Mir war bei diesem Spintisieren eigentlich recht wohl zumute, da es mir nicht bis ans Herz ging und ich deshalb vermutete, es werde auch fur Knulp mehr ein Spiel als ein Kampf sein. Au?erdem war es friedsam schon, da zu zweien im trockenen Gras zu liegen, auf die Nacht und den Schlaf zu warten und die fruhen Sterne zu betrachten.

    Ich sagte: »Knulp, du bist ein Denker. Du hattest sollen Professor werden.«

    Er lachte und schuttelte den Kopf.

    »Viel eher konnt es sein, da? ich noch einmal zur Heilsarmee ginge,« meinte er dann nachdenklich.

    Das war mir zu viel. »Du,« sagte ich, »spiel mir doch nichts vor! Willst du nicht auch noch ein Heiliger werden?«

    »Doch, das will ich auch. Jeder Mensch ist heilig, wenn es ihm mit seinen Gedanken und Taten wirklich Ernst ist. Wenn man etwas fur recht halt, mu? man es tun. Und wenn ich es einmal fur das richtige halte, da? ich zur Heilsarmee gehe, dann werde ich’s hoffentlich auch tun.«

    »Immer die Heilsarmee!«

    »Jawohl. Ich will dir sagen, warum. Ich habe schon mit vielen Leuten gesprochen und auch viele Reden halten horen. Ich habe Pfarrer und Lehrer und Burgermeister und Sozialdemokraten und Liberale reden horen; aber es war keiner dabei, dem es ganz bis ins Herz hinein Ernst war und dem ich zugetraut hatte, da? er im Notfall fur seine Weisheit sich selber geopfert hatte. Bei der Heilsarmee aber, mit allem Musikmachen und Radau, hab ich schon drei-, viermal Leute gesehen und gehort, denen ist es Ernst gewesen.«

    »Woher wei?t du das denn?«

    »Das sieht man schon. Der eine zum Beispiel, der hat in einem Dorf eine Rede gehalten, am Sonntag, im Freien bei einem Staub und einer Hitze, da? er bald ganz heiser war. Kraftig hat er ohnedas nicht ausgesehen. Wenn er kein Wort mehr herausbrachte, lie? er seine drei Kameraden einen Vers singen und nahm derweil einen Schluck Wasser. Das halbe Dorf ist um ihn herumgestanden, Kinder und Gro?e, und haben ihn fur Narren gehabt und kritisiert. Hinten stand ein junger Knecht, der hatte eine Peitsche und lie? von Zeit zu Zeit einen Mordsknaller los, um den Redner recht zu argern, und dann lachten jedesmal alle. Aber der arme Kerl ist nicht bos geworden, obwohl er gar nicht dumm war, sondern hat sich mit seinem Stimmlein in dem Spektakel durchgefochten und hat gelachelt, wo ein andrer geheult oder geflucht hatte. Wei?t du, das tut einer nicht um einen Hungerlohn und um des Vergnugens willen, sondern er mu? eine gro?e Helligkeit und Gewi?heit in sich haben.«

    »Meinetwegen. Aber eins pa?t nicht fur alle. Und wer ein feiner und empfindsamer Mensch ist wie du, der tut bei dem Spektakel nicht mit.«

    »Vielleicht doch. Wenn er etwas wei? und hat, was noch viel besser ist als die ganze Feinheit und Empfindsamkeit. Es pa?t freilich nicht eins fur alle, aber die Wahrheit, die mu? fur alle passen.«

    »Ach Wahrheit! Woher wei? man, ob gerade die mit ihrem Halleluja die Wahrheit haben.«

    »Das wei? man nicht, ganz richtig. Aber ich sage ja nur: Wenn ich einmal finde, da? das die Wahrheit ist, dann will ich ihr auch folgen.«

    »Ja wenn! Aber du findest ja jeden Tag eine Weisheit, und morgen la?t du sie nimmer gelten.«

    Er sah mich betroffen an.

    »Da hast du etwas Schlimmes gesagt.«

    Ich wollte mich entschuldigen, doch wehrte er ab und blieb still. Bald sagte er leise gut Nacht und legte sich ruhig hin, aber ich glaube nicht, da? er schon schlief. Auch ich war noch zu lebhaft und lag noch weit uber eine Stunde lang mit aufgestutzten Ellbogen da und schaute in das nachtliche Land hinein.

       * * * * *

    Am Morgen sah ich gleich, da? Knulp heute seinen guten Tag habe. Ich sagte ihm das, und er strahlte mich mit seinen kinderhaften Augen an und sagte: »Richtig geraten. Und wei?t du auch, wo es herkommt, wenn einer so einen guten Tag hat?«

    »Nein, woher?«

    »Es kommt davon, da? man nachts gut geschlafen und recht viel Schones getraumt hat. Aber man darf es nimmer wissen. So geht mir’s heute. Ich habe lauter Pracht und Lustbarkeit zusammengetraumt, aber alles vergessen; ich wei? nur noch, da? es herrlich schon gewesen ist.«

    Und noch eh wir das nachste Dorf erreicht und eine Morgenmilch im Leibe hatten, sang er schon mit seiner warmen, leichten, muhelosen Stimme drei, vier nagelneue Lieder in die nuchterne Fruhe hinein. Aufgeschrieben und abgedruckt wurden diese Lieder vielleicht recht wenig vorstellen. Aber wenn Knulp kein gro?er Dichter war, so war er doch ein kleiner, und wahrend er sie selber sang, sahen seine Liedchen den schonsten anderen oft ahnlich wie hubsche Geschwister. Und einzelne Stellen und Verse, die ich behalten habe, sind wahrhaft schon und mir noch immer wert. Es ist nichts davon aufgeschrieben worden, und seine Verse kamen, lebten und starben harmlos und verantwortungslos, wie die Lufte wehen, aber sie haben nicht nur mir und ihm, sondern vielen anderen, Kindern und Alten, manche Viertelstunde schon und lieb gemacht.

    Hell und sonntagsangetan
    Wie ein Fraulein aus dem Tor,
    Kommt sie rot und aber stolz
    Uberm Tannenwald hervor –

    so sang er an jenem Tage von der Sonne, die in seinen Liedern fast immer vorkam und gepriesen wurde. Und sonderbar, so wenig er im Gesprach das Spekulieren lassen konnte, so unbefangen waren seine Verslein, die wie saubere Kinder in hellen Sommerkleidern dahinsprangen. Oft waren sie auch sinnlos drollig und dienten nur dazu, den vorhandenen Ubermut entstromen zu lassen.

    Den damaligen Tag wurde ich ganz von seiner Laune angesteckt. Wir begru?ten und neckten alle Leute, die uns begegneten, so da? hinter uns her bald gelacht, bald geschimpft wurde, und der ganze Tag verging uns wie eine Festlichkeit. Wir erzahlten einander Streiche und Witze aus der Schulzeit, hingen den vorubergehenden Bauern und oft auch ihren Rossen und Ochsen Spitznamen an, a?en uns an einem verborgenen Gartenzaun an gestohlenen Stachelbeeren satt und schonten unsere Krafte und Stiefelsohlen, indem wir beinahe jede Stunde eine Rast hielten.

    Mir schien, seit meiner noch jungen Bekanntschaft mit Knulp hatte ich ihn noch nie so fein und lieb und unterhaltsam gefunden, und ich freute mich darauf, da? von heute an das eigentliche Zusammenleben und Wandern und Lustigsein erst anheben sollte.

    Der Mittag wurde schwul, und wir lagen mehr im Grase als wir marschierten, und gegen den Abend hin zog sich Gewitterdunst und drange Luft zusammen, so da? wir beschlossen, fur die Nacht ein Dach zu suchen.

    Knulp wurde nun allmahlich stiller und ein wenig mude, doch merkte ich es kaum, denn er lachte noch immer herzlich mit und stimmte oft in meinen Gesang ein, und ich selber ward noch ausgelassener und fuhlte ein Freudenfeuer um das andere in mir angehen. Vielleicht war es bei Knulp umgekehrt, da? in ihm die festlichen Lichter schon zu verglimmen begannen. Mir ist es damals immer so gegangen, da? ich an frohen Tagen gegen die Nacht hin immer lebhafter wurde und kein Ende finden konnte, ja, oft trieb ich mich nach einer Lustbarkeit nachts noch ganze Stunden allein herum, wenn die andern langst ermudet waren und schliefen.

    Dieses abendliche Freudenfieber befiel mich auch damals, und ich freute mich, als wir talwarts gegen ein stattliches Dorf kamen, auf eine lustige Nacht. Vorerst bestimmten wir eine abseits stehende, leicht zugangliche Scheuer zu unserer Nachtherberge, dann zogen wir in das Dorf ein und in einen schonen Wirtsgarten, denn ich hatte meinen Freund fur heute als meinen Gast geladen und dachte einen Eierkuchen und ein paar Flaschen Bier zu spendieren, weil es doch ein Freudentag war.

    Knulp hatte die Einladung auch willig angenommen. Doch als wir unter einem schonen Platanenbaum an unsrem Gartentisch Platz nahmen, sagte er halb verlegen: »Du, wir wollen aber keine Trinkerei anfangen, gelt? Eine Flasche Bier trink ich gern, das tut gut und ist mir ein Vergnugen, aber mehr mag ich kaum vertragen.«

    Ich lie? es gut sein und dachte: Wir werden schon zu so viel oder wenig kommen, als uns Freude macht. Wir a?en den hei?en Eierkuchen und ein kraftig frisches, braunes Roggenbrot dazu, und allerdings lie? ich mir bald eine zweite Flasche Bier bringen, wahrend Knulp seine erste noch halbvoll hatte. Mir war, da ich wieder uppig und herrschaftlich an einem guten Tische sa?, herzlich wohl zumut, und ich dachte das heute abend noch eine Weile zu genie?en.

    Als Knulp mit seinem Bier zu Ende war, nahm er trotz meiner Bitten keine zweite an und schlug mir vor, jetzt noch ein wenig durchs Dorf zu schlendern und dann zeitig schlafen zu gehen. Das war nun gar nicht meine Absicht, doch mochte ich nicht geradezu widersprechen. Und da meine Flasche noch nicht leer war, hatte ich auch nichts dagegen, da? er einstweilen vorausging, wir wurden uns nachher schon wieder treffen.

    Er ging denn auch. Ich sah ihm nach, wie er mit seinem bequemen, genie?enden Feierabendschritt, eine Sternblume hinterm Ohr, die paar Treppen hinab auf die breite Gasse und langsam dorfeinwarts bummelte. Und wenn es mir auch leid tat, da? er nicht noch eine Flasche mit mir leeren wollte, dachte ich im Nachschauen doch froh und zartlich: Du lieber Kerl!

    Inzwischen nahm die Schwule, trotzdem die Sonne schon verschwunden war, noch immer zu. Ich hatte das gern, bei solchem Wetter in Ruhe bei einem frischen Abendtrunk zu sitzen, und richtete mich an meinem Tische noch auf einiges Bleiben ein. Da ich beinahe der einzige Gast war, fand die Kellnerin reichlich Zeit, mit mir ein Gesprach zu pflegen. Ich lie? mir von ihr auch noch zwei Zigarren bringen, von denen ich eine anfanglich fur Knulp bestimmte, doch rauchte ich sie nachher in der Verge?lichkeit selber noch.

    Einmal, etwa nach einer Stunde, kam Knulp wieder und wollte mich abholen. Ich war jedoch se?haft geworden, und da er mude war und Schlaf hatte, wurden wir einig, da? er an unsere Schlafstatte gehen und sich hinlegen sollte. So ging er denn. Die Kellnerin aber fing sofort an, mich nach ihm auszufragen, denn er stach allen Madchen in die Augen. Ich hatte nichts dagegen, er war ja mein Freund und sie nicht mein Schatz, und ich pries ihn sogar noch machtig, denn mir war wohl und ich meinte es mit jedermann gut.

    Es fing zu donnern und leis im Platanenbaum zu winden an, als ich endlich spat aufbrach. Ich zahlte, schenkte dem Madchen einen Zehner und machte mich ohne Eile auf den Weg. Im Gehen spurte ich wohl, da? ich eine Flasche zu viel getrunken hatte, denn ich hatte die letzte Zeit ganz ohne starkes Getrank gelebt. Doch machte mich das nur vergnugt, denn ich konnte schon etwas vertragen, und ich sang noch den ganzen Weg vor mich hin, bis ich unser Quartier wiederfand. Da stieg ich leise hinein und fand richtig den Knulp im Schlaf liegen. Ich sah ihn an, wie er hemdarmlig auf seiner ausgebreiteten braunen Jacke lag und gleichma?ig atmete. Seine Stirn und der blo?e Hals und die eine Hand, die er von sich weggestreckt hielt, gaben in dem truben Halbdunkel einen bleichen Schein.

    Dann legte ich mich in den Kleidern nieder, doch machte die Erregung und der eingenommene Kopf mich immer wieder wach, und es wurde drau?en schon Zwielicht, als ich endlich fest und tief und dumpf einschlief. Es war ein fester, doch kein guter Schlaf, ich war schwer und matt geworden und hatte undeutliche, plagende Traume.

    Am Morgen erwachte ich erst spat, es war schon voller Tag, und das helle Licht tat mir in den Augen weh. Mein Kopf war leer und trub und die Glieder mude. Ich gahnte lange, rieb mir die Augen und streckte die Arme, da? die Gelenke knackten. Aber trotz der Mudigkeit hatte ich noch einen Rest und Nachklang von der gestrigen Laune in mir und dachte den kleinen Jammer am nachsten klaren Brunnen von mir zu spulen.

    Es kam jedoch anders. Als ich mich umsah, war Knulp nicht vorhanden. Ich rief und pfiff nach ihm und war im Anfang noch ganz arglos. Als jedoch Rufen, Pfeifen und Suchen vergeblich blieb, kam mir plotzlich die Erkenntnis, da? er mich verlassen habe. Ja, er war fort, heimlich fortgegangen, er hatte nicht langer bei mir bleiben mogen. Vielleicht weil ihm mein gestriges Trinken zuwider war, vielleicht weil er sich heute seiner eigenen gestrigen Ausgelassenheit schamte, vielleicht nur aus einer Laune, vielleicht aus Zweifel an meiner Gesellschaft oder aus einem plotzlich erwachten Bedurfnis nach Einsamkeit. Aber wahrscheinlich war doch mein Trinken daran schuld.

    Die Freude wich von mir, Scham und Trauer erfullten mich ganz. Wo war jetzt mein Freund? Ich hatte, seinen Reden zum Trotz, gemeint, seine Seele ein wenig zu verstehen und teil an ihm zu haben. Nun war er fort, ich stand allein und enttauscht, mu?te mich mehr als ihn anklagen und hatte nun die Einsamkeit, in welcher nach Knulps Ansicht jeder lebt und an die ich nie ganz hatte glauben mogen, selber zu kosten. Sie war bitter, nicht nur an jenem ersten Tag, und sie ist inzwischen wohl manches Mal lichter geworden, aber vollig will sie mich seither nimmer verlassen.




    Das Ende


    Es war ein heller Tag im Oktober; die leichte, durchsonnte Luft wurde von launigen kurzen Windzugen bewegt, aus Feldern und Garten zog in dunnen, zogernden Bandern der hellblaue Rauch von Herbstfeuern und erfullte die lichte Landschaft mit einem scharfsu?en Geruch von verbranntem Kraut und Grunholz. In den Dorfgarten bluhten sattfarbige Buschastern, spate bla?liche Rosen und Georginen, und an den Zaunen brannte noch hier und dort eine feurige Kapuzinerblute aus dem schon matt und wei?lich schimmernden Gekraut.

    Auf der Landstra?e nach Bulach fuhr langsam der Einspanner des Doktors Machold. Der Weg ging sachte bergan, links abgemahte Acker und Kartoffelfelder, in denen noch geerntet wurde, rechts junger enger Fichtenwald halb erstickt, eine braune Wand von dichtgedrangten Stangen und durren Zweigen, der Boden gleichfarbig trockenbraun voll dick gelagerter welker Nadeln. Geradeaus fuhrte die Stra?e einfach in den zartblauen Herbsthimmel hinein, als habe da oben die Welt ein Ende.

    Der Doktor hielt die Zugel lose in den Handen und lie? das alte Pferdchen gehen, wie es wollte. Er kam von einer sterbenden Frau, der nicht mehr zu helfen war und die doch zah ums Leben gekampft hatte bis zur letzten Stunde. Nun war er mude und geno? die stille Fahrt durch den freundlichen Tag; seine Gedanken waren eingeschlafen und folgten leicht betaubt und willenlos den Zurufen, die aus dem Geruch der Feldfeuerchen aufstiegen, angenehme, verschwommene Erinnerungen an Herbstferientage der Schulerzeit und weiter zuruck in klangvolle, gestaltlose Kindheitsdammerung. Denn er war auf dem Lande aufgewachsen, und seine Sinne folgten erfahren und willig allen landlichen Zeichen der Jahreszeiten und ihrer Geschafte.

    Er war nahe am Einschlafen, da weckte ihn das Stehenbleiben des Wagens. Eine Wasserrinne lief quer uber die Stra?e, darin fanden die Vorderrader einen Halt, und das Ro? blieb dankbar stehen, senkte den Kopf und geno? wartend die Rast.

    Machold ermunterte sich uber dem plotzlichen Verstummen der Rader, nahm die Zugel zusammen, sah lachelnd nach verdammerten Minuten Wald und Himmel wie zuvor in sonniger Klarheit stehen und trieb den Gaul mit vertraulichem Zungenschnalzen zum Weitersteigen an. Darauf setzte er sich aufrecht, er liebte es nicht am Tage zu schlummern, und steckte sich eine Zigarre an. Die Fahrt ging im langsamen Schritt weiter, zwei Weiber gru?ten vom Felde, in Schattenhuten hinter einer langen Front von gefullten Kartoffelsacken hervor.

    Die Hohe war jetzt nahe, und das Pferdchen hob den Kopf, ermuntert und voll Erwartung, nachstens den langen Sattel des heimatlichen Hugels hinabzutraben. Da erschien im nahen lichten Horizont von druben her ein Mensch, ein Wanderer, stand einen Augenblick vom Blau umlodert frei und hoch, stieg nieder und wurde grau und klein. Er kam naher, ein magerer Mann mit kleinem Bart in schlechten Kleidern, sichtlich auf der Landstra?e daheim, er ging mude und muhevoll, aber er zog den Hut mit stiller Artigkeit und sagte: Gru? Gott.

    »Gru? Gott,« sagte der Doktor Machold und sah dem Fremden nach, der schon voruber war, und plotzlich hielt er den Gaul an, wandte sich stehend uber das knarrende Lederdach zuruck und rief: »Heda, Sie! Kommen Sie einmal her!«

    Der staubige Wanderer blieb stehen und sah zuruck. Er lachelte schwach heruber, wandte sich wieder ab und schien weitergehen zu wollen, dann besann er sich dennoch und kehrte gehorsam um.

    Jetzt stand er neben dem niederen Wagen und hatte den Hut in der Hand.

    »Wohinaus, wenn man fragen darf?« rief Machold.

    »Der Stra?e nach, gegen Berchtoldsegg.«

    »Kennen wir einander nicht? Ich kann blo? nicht auf den Namen kommen. Sie wissen doch, wer ich bin?«

    »Sie sind der Doktor Machold, will mir scheinen.«

    »Na also? Und Sie? Wie hei?en Sie?«

    »Der Herr Doktor wird mich schon kennen. Wir sind einmal nebeneinander beim Prazeptor Plocher gesessen, Herr Doktor, und Sie haben damals die lateinischen Praparationen von mir abgeschrieben.«

    Machold war schnell ausgestiegen und sah dem Mann in die Augen. Dann klopfte er ihm auflachend auf die Schulter.

    »Stimmt!« sagte er. »Dann bist du also der beruhmte Knulp, und wir sind Schulkameraden. So la? dir doch die Hand schutteln, alter Kerl! Wir haben uns sicher zehn Jahre nimmer gesehen. Immer noch auf der Wanderschaft?«

    »Immer noch. Man bleibt gern beim Gewohnten, wenn man alter wird.«

    »Da hast du recht. Und wohin geht die Reise? Wieder einmal der Heimat zu?«

    »Richtig geraten. Ich will nach Gerbersau, ich habe eine Kleinigkeit dort zu tun.«

    »So, so. Lebt denn noch jemand von deinen Leuten?«

    »Niemand mehr.«

    »Gerade jugendlich schaust du nimmer aus, Knulp. Wir sind doch erst Vierziger, wir zwei. Und da? du so einfach an mir vorbei hast laufen wollen, ist nicht recht von dir. – Wei?t du, mir scheint, du konntest vielleicht einen Doktor brauchen.«

    »Ach was. Mir fehlt weiter nichts, und was mir fehlt, das kann doch kein Doktor kurieren.«

    »Das wird sich ja zeigen. Jetzt steig einmal ein und komm mit mir, dann konnen wir besser reden.«

    Knulp trat ein wenig zuruck und setzte den Hut wieder auf. Mit verlegenem Gesicht wehrte er sich, als der Doktor ihm in den Wagen helfen wollte.

    »Ach, wegen dessen, das ware nicht notig. Das Ro?lein rennt dir nicht fort, solang wir dastehen.

    Indessen fa?te ihn ein Anfall von Husten, und der Arzt, der schon Bescheid wu?te, packte ihn kurzerhand und setzte ihn in das Gefahrt.

    »So,« sagte er im Weiterfahren, »gleich sind wir droben, und dann geht’s Trab, in einer halben Stunde sind wir daheim. Du brauchst keine Unterhaltung zu machen, mit deinem Husten, wir konnen dann daheim weiter reden. –– Was? –– Nein, das hilft dir jetzt nichts mehr, kranke Leute gehoren ins Bett und nicht auf die Landstra?e. Wei?t du, damals im Latein hast du mir oft genug geholfen, jetzt bin ich einmal an der Reihe.«

    Sie fuhren uber den Hohenrucken und mit pfeifender Bremse den langen Sattel hinab; gegenuber sah man schon die Dacher von Bulach uber den Obstbaumen. Machold hielt die Zugel kurz und pa?te auf den Weg, und Knulp ergab sich mude in halbem Behagen dem Genu? des Fahrens und der gewaltsamen Gastfreundschaft. Morgen, dachte er, oder spatestens ubermorgen walze ich weiter nach Gerbersau, wenn die Knochen noch zusammenhalten. Er war kein Springinsfeld mehr, der die Tage und Jahre verschwendete. Er war ein kranker, alter Mann, der keinen Wunsch mehr hatte, als vor dem Ende noch einmal die Heimat zu sehen.

    In Bulach nahm ihn sein Freund zuerst in die Wohnstube und gab ihm Milch zu trinken und Brot mit Schinken zu essen. Dabei plauderten sie und fanden langsam die Vertrautheit wieder. Dann erst nahm ihn der Arzt ins Verhor, das der Kranke gutmutig und etwas spottisch uber sich ergehen lie?.

    »Wei?t du eigentlich, was dir fehlt?« fragte Machold am Ende seiner Untersuchung. Er sagte es leicht und ohne Wichtigkeit, und Knulp war ihm dafur dankbar.

    »Ja, ich wei? schon, Machold. Es ist die Auszehrung, und ich wei? auch, da? es nimmer lang gehen kann.«

    »Na, wer wei?! Aber dann mu?t du also auch einsehen, da? du in ein Bett und in eine Pflege gehorst. Einstweilen kannst du ja hier bei mir bleiben, ich sorge inzwischen fur einen Platz im nachsten Spital. Es spukt bei dir, mein Lieber, und du mu?t dich zusammennehmen, da? du’s noch einmal durchhaust.«

    Knulp zog seinen Rock wieder an. Er wandte sein hageres und graues Gesicht mit einem Ausdruck von Schelmerei dem Doktor zu und sagte gutmutig: »Du machst dir viele Muhe, Machold. Also meinetwegen. Aber von mir darfst du nimmer viel erwarten.«

    »Wir werden ja sehen. Jetzt setzest du dich in die Sonne, so lang sie noch in den Garten scheint. Die Lina macht dir das Gastbett zurecht. Wir mussen dir auf die Finger sehen, Knulplein. Da? so ein Mensch, der sein ganzes Leben in der Sonne und Luft zugebracht hat, sich dabei ausgerechnet die Lungen kaputt macht, ist eigentlich nicht in der Ordnung.«

    Damit ging er weg.

    Die Haushalterin Lina war nicht erfreut und wehrte sich dagegen, so einen Landstreicher ins Gastzimmer zu lassen. Aber der Doktor schnitt ihr das Wort ab.

    »Lassen Sie gut sein, Lina. Der Mann hat nimmer lang zu leben, er mu? es bei uns noch ein bi?chen gut haben. Sauber ist er ubrigens immer gewesen, und eh er zu Bett geht, stecken wir ihn ins Bad. Tun Sie ihm eins von meinen Nachthemden heraus und vielleicht meine Winterpantoffeln. Und vergessen Sie nicht: Der Mann ist ein Freund von mir.«

       * * * * *

    Knulp hatte elf Stunden geschlafen und den nebligen Morgen im Bett verdammert, wo er sich erst allmahlich darauf besinnen konnte, bei wem er sei. Als die Sonne herausgekommen war, hatte Machold ihm das Aufstehen erlaubt, und nun sa?en sie beide nach Tisch bei einem Glas Rotwein auf der sonnigen Altane. Knulp war vom guten Essen und von seinem halben Glas Wein munter und gesprachig geworden, und der Doktor hatte sich fur eine Stunde frei gemacht, um noch einmal mit dem seltsamen Schulkameraden zu plaudern und vielleicht etwas uber dieses nicht gewohnliche Menschenleben zu erfahren.

    »Du bist also zufrieden mit dem Leben, das du gehabt hast?« sagte er lachelnd. »Dann ist ja alles gut. Sonst hatte ich aber doch gesagt, es ist eigentlich schad um so einen Kerl wie dich. Du hattest ja kein Pfarrer oder Lehrer zu werden brauchen, vielleicht aber ware ein Naturforscher oder auch etwa ein Dichter aus dir geworden. Ich wei? nicht, ob du deine Gaben benutzt und weiter gebildet hast, aber du hast sie fur dich allein verbraucht. Oder nicht?«

    Knulp stutzte das Kinn mit dem dunnen Bartchen in die hohle Hand und sah auf die roten Lichter, die hinterm Weinglas auf dem besonnten Tischtuch spielten.

    »Es stimmt nicht ganz,« sagte er langsam. »Die Gaben, wie du es nennst, damit ist es nicht so weit her. Ich kann ein bi?chen kunstpfeifen, auch Handorgel spielen und manchmal Verslein machen, fruher bin ich auch ein guter Laufer gewesen und habe nicht schlecht getanzt. Das ist alles. Und daran habe ich ja nicht allein Freude gehabt, es waren meistens Kameraden dabei, oder junge Madel oder Kinder, die haben ihren Spa? daran gehabt und sind mir manchmal dafur dankbar gewesen. Wir wollen es gut sein lassen und damit zufrieden sein.«

    »Ja,« sagte der Doktor, »das wollen wir. Aber eins mu? ich dich noch fragen. Du bist damals bis in die funfte Klasse mit mir in die Lateinschule gegangen, ich wei? es noch genau, und bist ein guter Schuler gewesen, wenn auch kein Musterbub. Und dann auf einmal warst du weg, und es hie?, du gehest jetzt in die Volksschule, und da waren wir auseinander, ich durfte ja als Lateiner nicht mit einem Freund sein, der in die Volksschule ging. Wie ist nun das zugegangen? Spater, wenn ich von dir horte, habe ich immer gedacht: Wenn er damals bei uns in der Schule geblieben ware, hatte alles anders kommen mussen. Also, wie war’s damit? War es dir verleidet, oder hat dein Alter das Schulgeld nimmer zahlen mogen, oder was sonst?«

    Der Kranke nahm sein Glas in die braune, magere Hand, doch trank er nicht, er blickte nur durch den Wein gegen das grune Gartenlicht und stellte dann den Kelch vorsichtig auf den Tisch zuruck. Schweigend schlo? er dann die Augen und versank in Gedanken.

    »Ist es dir zuwider, davon zu reden?« fragte sein Freund. »Es mu? ja nicht sein.«

    Da tat Knulp die Augen auf und sah ihm lange und prufend ins Gesicht.

    »Doch,« sagte er, noch zogernd, »ich glaube, es mu? sein. Ich habe das namlich noch nie einem Menschen erzahlt. Aber jetzt ist es vielleicht ganz gut, wenn jemand es hort. Es ist ja blo? eine Kindergeschichte, aber fur mich ist sie doch wichtig gewesen, es hat mir jahrelang zu schaffen gemacht. Sonderbar, da? du gerade danach fragst!«

    »Warum?«

    »Ich habe die letzte Zeit wieder viel daran denken mussen, und deswegen bin ich auch wieder auf dem Weg nach Gerbersau.«

    »Ja, dann erzahle.«

    »Siehst du, Machold, wir sind ja damals gute Freunde gewesen, wenigstens bis in die dritte oder vierte Klasse. Nachher kamen wir weniger zusammen, und du hast manchmal vergebens vor unserem Haus gepfiffen.«

    »Herrgott, ja, das stimmt! Daran habe ich seit mehr als zwanzig Jahren nimmer gedacht. Mensch, was hast du fur ein Gedachtnis! Und weiter?«

    »Ich kann dir jetzt sagen, wie das gegangen ist. Die Madchen waren daran schuld. Ich bin ziemlich fruh auf sie neugierig geworden, und